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Airline Nach der Germania-Pleite wittern die Rivalen ihre Chance

Der insolventen Germania bleibt nur die Abwicklung – und den Kunden die Ungewissheit: Denn nicht alle Lücken, die die Airline hinterlässt, kann und will die Konkurrenz schließen.
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Nach der Germania-Pleite wittern die Konkurrenten ihre Chance Quelle: dpa
Germania-Airline

Die Konkurrenz hofft, von der Insolvenz der Berliner Fluggesellschaft zu profitieren.

(Foto: dpa)

FrankfurtKurz nach ein Uhr in der Nacht ist der letzte Jet von Germania in Nürnberg gelandet, gestartet war er in Fuerteventura. Die Landung markiert das Ende einer Rückholaktion, notwendig geworden nach einer bitteren Entscheidung: die Anmeldung der Insolvenz und das endgültige Parken der Flotte. Einige Stunden zuvor, am Montagabend, hatten sich die letzten Hoffnungen auf eine Fortsetzung des Flugbetriebs zerschlagen.

Das Angebot des früheren Air Berlin-Chefs Joachim Hunold, Germania finanziell auszuhelfen, hatte sich als zu wenig belastbar erwiesen. Und dann lehnte das Amtsgericht in Berlin-Charlottenburg nach Informationen des Handelsblatts auch noch den Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung ab. Die Insolvenz in Eigenverantwortung hätte es der Airline erlaubt, vorerst weiterzufliegen. Doch die Aussichten auf Erfolg waren wohl zu gering.

Nun also das endgültige Aus für einen kleinen, aber durchaus beliebten Ferienflieger und seine rund 1100 Mitarbeiter. Als vorläufiger Insolvenzverwalter wurde Rüdiger Wienberg von der Kanzlei Hermann, Wienberg, Wilhelm (HWW) in Frankfurt bestellt.

Etwa vier Millionen Passagiere hatte Germania nach eigenen Angaben pro Jahr befördert. Viele von ihnen werden die Airline mit den grün-weißen Jets vermissen. Denn Germania wird eine große Lücke hinterlassen, besonders an vielen kleineren Flughäfen wie Bremen, Dresden oder Nürnberg.

„Stark betroffen von der schwierigen Lage bei Germania sind viele Passagiere und zahlreiche, zumeist kleinere Flughafenstandorte. An diesen Standorten hat Germania einen sehr hohen Verkehrsanteil“, sagte Ralph Beisel, der Hauptgeschäftsführer des Flughafenverbandes ADV, am Morgen in einem ersten Statement.

Branchenkenner erwarten, dass viele dieser Lücken nicht mehr geschlossen werden. „Große Fluggesellschaften wie Lufthansa oder auch eine Ryanair haben nur Interesse an Airports, die ein ausreichendes Potenzial an Reisenden im Umland haben“, beschreibt ein Airline-Manager die Situation. Für die kleine Germania lohnte sich die Präsenz vielleicht noch, für große Airlines ist der Aufwand häufig zu groß.

Tuifly will die Lücke in Nürnberg schließen

Einige Flughäfen könnten allerdings für Germania-Rivalen interessant sein. Dazu zählt unter anderem Nürnberg, mit über 4,5 Millionen Passagieren im Jahr einer der Größeren unter den Kleinen. Dort werden sich Airlines mögliche Optionen sicherlich anschauen.

Darauf deutet auch ein grundsätzliches Statement eines Tuifly-Sprechers hin: „Auch wenn die Planungen für den Sommer 2019 eigentlich abgeschlossen sind, werden wir in den kommenden Tagen mit den Flughäfen und anderen Partnern in Kontakt treten und prüfen, ob wir zusätzliche Angebote darstellen können.“

Tuifly und die Muttergesellschaft, der Reisekonzern Tui, haben in der Vergangenheit mit Germania zusammengearbeitet. Teilweise wurden für die Urlaubskunden komplette Jets von Germania im Full Charter gemietet, zuletzt hatte der Konzern allerdings nur noch Einzelplätze abgenommen. 

Die betroffenen Flughäfen wären dann zwar besetzt, aber die Germania-Kunden hilft das finanziell wenig weiter. Deutschlands oberster Verbraucherschützer Klaus Müller fürchtet einen „immensen Schaden“ für die Germania-Kunden. Nach der Pleite von Air Berlin 2017 gehe der „Schrecken für die deutschen Flugreisenden“ weiter, sagte der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (VZBV). Verbraucher, die ihren Flug selbst und nicht über ein Reisebüro gebucht haben, könnten auf den Kosten sitzen bleiben.

Müller kritisierte, dass eine Insolvenzversicherung für Fluggesellschaften, die im Fall einer Pleite Kunden absichert, nach wie vor nicht beschlossen sei. „Trotz der Erfahrungen mit der Insolvenz von Air Berlin haben Bundesregierung und EU nichts unternommen“, sagte der VZBV-Chef. Das räche sich nun.

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Die Konkurrenten wollen betroffenen Kunden helfen

Der Bundesverband der deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) erklärte, die deutschen Fluggesellschaften würden mithelfen, dass im Ausland gestrandete Passagiere zurück nach Deutschland geflogen werden könnten. Die Germania-Fluggäste, die keine Pauschalreise gebucht haben und nun ihren Germania-Rückflug verlieren, könnten sich an die deutschen Fluggesellschaften wenden. Diese würden für den Rückflug nach Deutschland noch verfügbare Sitzplätze zu Sonderkonditionen anbieten.

Diesen Kunden verspricht beispielsweise Tui Unterstützung: „Da Germania den Flugbetrieb eingestellt hat, werden betroffene Urlauber auf Alternativ-Flüge umgebucht“, heißt es. Der Vorteil einer Veranstalterreise sei es, dass die Kunden abgesichert seien und sich keine Sorgen machen müssten. „Wir werden alles Notwendige tun, um Flüge sicherzustellen“, so Tui weiter. Der Lufthansa-Konzern und der Ferienflieger Condor wiederum bieten betroffenen Passagieren verbilligte Tickets an.

Die größten Überschneidungen in den Flugplänen gebe es mit der Tochter Eurowings, erklärte ein Lufthansa-Sprecher an diesem Dienstag in Frankfurt. Die Angebote richten sich insbesondere an Passagiere, die nicht mit einem Pauschalreiseveranstalter unterwegs sind.

Im Ausland gestrandete Germania-Kunden könnten für Rückflüge bis Ende Februar 2019 ab sofort auf der Eurowings-Seite Flüge buchen und erhielten im Nachhinein die Hälfte des Flugpreises erstattet. Condor will Germania-Gäste ebenfalls für die Hälfte transportieren, sofern im Standby-Verfahren Plätze frei sind.

Zusätzlich soll auf lufthansa.com in den kommenden Tagen ein Buchungsverfahren eingerichtet werden, mit dem verbilligte Tickets der Netzwerk-Airlines Lufthansa, Swiss und Austrian gebucht werden können. Hier sind pauschale Nettopreise von 50 Euro (Europa) und 200 Euro (Naher Osten) geplant. Die Kunden wären soweit versorgt.

Bei den Mitarbeitern der insolventen Airline sieht es wiederum anders aus. Aber die Gewerkschaft Verdi hat den Germania-Mitarbeitern rechtliche Unterstützung zugesichert. „Die Crews haben trotz der Turbulenzen den vollen Einsatz gezeigt und dürfen jetzt nicht allein gelassen werden“, sagte Christine Behle vom Verdi-Bundesvorstand am Dienstag. Weil es bei Germania keine Tarifverträge und keine Betriebsräte gebe, sei die Gewerkschaft eigentlich nicht in das Insolvenzverfahren involviert.

Für das Scheitern von Germania und auch Air Berlin macht Verdi einen ruinösen Wettbewerb unter den Airlines verantwortlich. Billige Tickets seien zulasten der Beschäftigten gegangen. Die Mitarbeiter würden in vielen Fällen schlecht bezahlt und hätten keine Mitbestimmungsrechte, so die Gewerkschaft.

Dabei hätte Germania viel früher die Reißleine ziehen können. Aber bis zuletzt hatte Karsten Balke, CEO und Besitzer von Germania, offenbar versucht, den Flugbetrieb aufrechtzuerhalten. Sein Plan war die Insolvenz in Eigenverwaltung. Ein solches Verfahren hatte auch Air Berlin gewählt. Dabei wird dem Unternehmen neben einem Insolvenzverwalter noch ein Generalbevollmächtigter zur Seite gestellt. Beide versuchen gemeinsam mit dem Management des Unternehmens, das im Amt bleibt, den Betrieb zu retten und zu verwerten. Allerdings hatte die deutlich größere Air Berlin 2017 eine Bürgschaft über 150 Millionen Euro von der Bundesregierung erhalten. Darauf durfte Germania wohl nicht hoffen.

Dennoch setzte Balke auf die Möglichkeit einer Eigenverwaltung. So war nach Informationen des Handelsblatts seit dem vergangenen Freitag Frank Kebekus in der Germania-Zentrale am Saatwinkler Damm in Berlin aktiv. Kebekus war schon Generalbevollmächtigter bei Air Berlin gewesen. Er habe die Lage sondiert, die Gefahren einer Insolvenzverschleppung bei einem Weiterbetrieb geprüft und alles für die Eigenverwaltung vorbereitet. Doch am Ende fehlten vielleicht die dafür notwendigen Mittel.

Am Montag keimte dann kurzzeitig die Hoffnung auf, dass diese doch noch zu beschaffen seien. Joachim Hunold, viele Jahre Chef und Anteilseigener von Air Berlin, brachte sich und eine Investorengruppe ins Spiel. Zusammen mit Udo Stern und Jörn Hellwig, beides ehemalige Manager der ebenfalls insolvent gegangenen kleinen Airline Blue-Wings, sollen angeblich bereit gewesen sein, einen zweistelligen Millionenbetrag zur Verfügung zu stellen.

Recht schnell habe sich aber gezeigt, dass das Angebot zu wenig belastbar gewesen sei, um kurzfristig eine Insolvenz und den Entzug der Betriebserlaubnis durch das Luftfahrtbundesamt abzuwenden, heißt es im Umfeld der Airline. Nun bleibt wohl nur noch die Abwicklung.

Sobald eine Airline den Betrieb einstellt, verliert sie qua Gesetz die Verkehrsrechte (Slots). Sie sind das Wertvollste für eine Fluggesellschaft, weil Slots knapp sind. Nun werden diese wichtigen Rechte wahrscheinlich an andere Airlines gegeben.

Schwierige Lage deutete sich schon 2017 an

Germania hatte Mitte Januar bereits finanzielle Engpässe eingeräumt. Einige Tage später konnte Airline-Chef und -Eigner Balke dann angeblich Erfolg melden. Man habe eine „wichtige Zusage“ erhalten. Wer allerdings die Investoren waren und warum das Geld dann nicht kam, ist nicht bekannt. Vermutungen kursierten, die Finanzspritze könnte aus dem Umfeld der Familie des verstorbenen Airline-Gründers Hinrich Bischoff stammen.

Von seiner Witwe Ingrid Bischoff hatte Balke sukzessive die Anteile an Germania überschrieben bekommen. Germania ist auf Ferienflüge zum Beispiel nach Mallorca spezialisiert, bedient aber auch die Nische der sogenannten ethnischen Verkehre, also etwa in Deutschland lebende Türken, die auf Heimatbesuch gehen.

Schon ein genauer Blick auf den letzten vorliegenden Geschäftsbericht von Germania aus dem Jahr 2017 zeigte, wie schlecht die Airline finanziell gestellt war. Die Germania Fluggesellschaft mbH erzielte zwar einen Jahresüberschuss von gut sechs Millionen Euro.

Das Betriebsergebnis lag bei 3,8 Millionen Euro, nach einem Betriebsverlust von 5,5 Millionen Euro. Nach einem nicht durch Eigenkapital gedeckten Fehlbetrag von 13,3 Millionen Euro im Jahr 2016 konnte die Gesellschaft 2017 wieder auf ein Eigenkapital von 78,5 Millionen Euro zurückgreifen.

Diese vermeintlich nicht so schlechten Daten trügen allerdings. Denn die Bilanz ist durch zahlreiche Sondereffekte geprägt. So wurden Flugzeuge verkauft. Und die Beteiligung S.A.T. – dort lagen wesentliche Vermögenswerte der Airline wie Flugzeuge – wurde mit der Germania Fluggesellschaft mbH verschmolzen. Damit wanderten auch die Vermögenswerte in die Fluggesellschaft, was zu einer Kapitalrücklage in Höhe von gut 85 Millionen Euro führte.

Dennoch hatten sich die liquiden Mittel zum Stichtag 31. Dezember 2017 um 4,8 auf 2,6 Millionen Euro reduziert. Das war ein deutliches Zeichen, wie sehr das Wachstum schon damals an der Substanz zehrte.

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