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Stewardessen von Turkish Airlines im neuen Flughafen von Istanbul

Die Airline will die Frequenz für Flüge erhöhen, damit Passagiere aus Europa über Istanbul in die Welt reisen.

(Foto: Reuters)

Airport Istanbul Neuer Mega-Flughafen soll die Türkei zum Mittelpunkt der Luftfahrtwelt machen

Der riesige Airport wird am Nationalfeiertag teileröffnet. Komplett geht er aber erst später in Betrieb – auch, weil es Probleme auf der Baustelle gibt.
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Istanbul Kadir Samsunlu richtet seine Brille und lächelt in die Menge, als er hinter dem Rednerpult im „Terminal Pier 3“ des noch namenlosen neuen Flughafens in Istanbul in die Menge schaut. Der Vorstandschef von IGA, die das Megaprojekt in der türkischen Metropole auf einer Gesamtfläche von etwa 76 Millionen Quadratmetern verantwortet, setzt an: „Wir wollten das Größte und das Beste bauen – 42 Monate später sind wir auch fast so weit.“ Fast.

Zwar findet an diesem Montag tatsächlich die Eröffnungsfeier des bald weltgrößten Flughafens statt. Staatschef Erdogan hat dazu mehrere Staatschefs aus dem Balkan sowie Nahen und mittleren Osten und aus Afrika eingeladen, darunter die Präsidenten von Albanien, Mazedonien, Slowenien, Iran, Pakistan, Katar und Sudan.

Erdogan will um 15.30 Uhr (Ortszeit) persönlich das Band durchschneiden und womöglich auch den Namen des Flughafens bekanntgeben, der den alten Istanbuler „Atatürk“-Airport ablösen soll, der nach dem türkischen Staatsgründer benannt ist.

Der Flughafen soll in der letzten Ausbaustufe der größte der Welt werden. Mit insgesamt 200 Millionen Menschen, die pro Jahr abgefertigt werden können, hätte der neue Istanbuler Flughafen eine drei Mal so hohe Kapazität wie derzeit der Flughafen in Frankfurt.

In der nun fertig gestellten ersten Ausbaustufe sei bereits Platz für 90 Millionen Passagiere pro Jahr, heißt es vom Flughafenbetreiber IGA. Der bisher weltgrößte Airport steht in den USA: In Atlanta können bis zu 104 Millionen Passagiere pro Jahr abgefertigt werden.

Istanbul wird damit nicht nur den bekannten Drehkreuzen in Europa mächtig Konkurrenz bereiten, sondern auch den Airlines aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Katar. Schon jetzt klopfen nach Informationen des Handelsblatts Manager von Turkish Airlines bei deutschen und europäischen Flughafengesellschaften an. Sie wollen die Frequenz für Flüge erhöhen, damit Passagiere aus Europa über Istanbul in die Welt reisen.

Die türkischen Airline-Manager haben jedenfalls die volle Unterstützung aus Ankara. Die Regierung will das Land zum führenden Umschlagplatz für die regionale und globale Wirtschaft machen.

Nach dreieinhalb Jahren stehen bisher ein Terminal sowie eine Startbahn – von insgesamt sechs, die geplant sind. Doch wer glaubt, in den nächsten Tagen beim Zwischenstopp in Istanbul das neue Terminal betrachten zu können, der wird enttäuscht.

Der Flughafen ist bislang eine reine Baustelle. Auf dem Gelände mit einer Größe von rund 11.000 Fußballfeldern liegt noch viel Schutt, Bagger fahren hin und her, Gebäudeteile sind noch nicht verkleidet. Kürzlich soll eine defekte Sprinkleranlage ein Terminal halb unter Wasser gesetzt haben.

Kompletter Flugbetrieb zum Jahresende

Ein weiteres Problem: die Gepäckbänder. Flughafenmanager aus aller Welt und auch Verantwortliche von Turkish Airlines sind sich einig, dass die Beförderung der Koffer vom Terminal zum Flugzeug das Nadelöhr eines jeden neuen Flughafens ist. Die heutigen Systeme sind intelligent, müssen sich aber erst einspielen, damit auch wirklich jeder Fluggast am Zielort seinen Koffer erhält.

In den kommenden zwei Monaten soll der komplette Betrieb getestet werden, erklärt Airport-Chef Samsunlu. Der komplette Flugbetrieb wird dann ab dem 31. Dezember dieses Jahres umgestellt. Das Handelsblatt hatte über diese Verzögerung darüber bereits berichtet.

Dann will Turkish Airlines, wie Konkurrent Lufthansa Mitglied der „Star Alliance“, kräftig ausbauen. Im April wurde bekannt, dass Turkish Airlines 60 neue Großflugzeuge vom Typ Boeing 787 und Airbus 350 bestellt hat. Deutsche Airport-Manager freuen sich über die Anfragen, allerdings nur bedingt. Der Winterflugplan steht bereits, bis März können sie wahrscheinlich kein weiteres Flugzeug in den Plan quetschen.

Istanbuls neuer Airport wird eröffnet – zumindest ein bisschen
Baufortschritt eines Terminals
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Noch im April befanden sich viele Teile des Flughafens im Rohbau. Ende Oktober wird er in Teilen eröffnet.

(Foto: AP)
Bis Dezember wird noch gebaut
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Auch das riesige Flughafengelände, das so groß ist wie etwa 11.000 Fußballfelder, sieht noch nicht ganz fertig aus.

(Foto: Bloomberg)
Streiks der Arbeiter
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Die Arbeiter kritisieren Produktionsdruck, mangelnde Sicherheitsvorkehrungen und schlechte Unterkünfte und streikten deshalb im September. Die Polizei nahm Arbeiter fest und erstickte damit den Protest im Keim.

(Foto: AP)
Luftansicht des Flughafens
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In einer Rekordzeit von etwas mehr als vier Jahren wurde der gewaltige Komplex aus dem Boden gestampft.

(Foto: AFP)
Kritik an dem Projekt
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Umweltaktivisten kritisieren „verheerende“ Auswirkungen auf die Natur – ein Wald wurde für das Projekt gerodet.

(Foto: AP)
Reiseaufkommen
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Richtig in Betrieb geht der Flughafen erst Ende Dezember – in einer ersten Phase mit einer Kapazität von 90 Millionen Reisenden im Jahr. Er soll später weiter ausgebaut werden und nach Angaben der Betreibergesellschaft IGA in zehn Jahren eine Kapazität von 200 Millionen Reisenden im Jahr haben.

(Foto: AP)
Riesige Kapazitäten
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Nach weiteren bereits geplanten Ausbauten würde der Istanbul Airport zum größten Flughafen der Welt. Diesen Spitzenplatz hält zurzeit der Airport in Atlanta in den USA mit einem Passagieraufkommen im vergangenen Jahr von knapp 104 Millionen Reisenden.

(Foto: AFP)

Doch die Zeit arbeitet für die Türken. Das Gravitationszentrum des Flugverkehrs verlagert sich nämlich in Richtung Türkei. Die Unternehmensberatung McKinsey fand heraus: 1971 fanden die meisten Passagierflüge noch irgendwo im Atlantik zwischen Europa und Amerika statt.

Bis zum Jahr 2021 soll der arithmetische Mittelpunkt aller Flüge dieser Welt allerdings südlich der Türkei liegen. Anders ausgedrückt: Das Land zwischen Orient und Okzident liegt bald an der Schaltstelle des weltweiten Flugverkehrs.

Der Luftverkehrsmarkt spiegelt diese Entwicklungen schon jetzt wider. Während der kommerzielle Flugsektor in den vergangenen zehn Jahren weltweit um 5,6 Prozent wuchs, erlebte die Türkei ein Plus von 14 Prozent – die Delle nach dem Putschversuch ausgenommen. „Die Nachfrage ist da“, meint ein selbstbewusster Veysel Serdar, der bei Turkish Airlines das Verkaufsgeschäft für Zentraleuropa und damit auch für Deutschland leitet, „wir müssen nur die Verbindungen bereitstellen“.

Bei Lufthansa verfolgt man aufmerksam die Pläne des Allianzpartners vom Bosporus. Turkish Airlines hat es zuletzt bestens verstanden, die Jets auch an kleineren Flughäfen wie etwa in Nürnberg gefüllt zu bekommen. Damit tritt Turkish in direkte Konkurrenz zu Lufthansa, die mit ihrer Kernmarke und dem Billigableger Eurowings angetreten ist, wieder stärker als in der Vergangenheit in der Fläche präsent zu sein.

Prestigeprojekt für Erdogan

Zudem hat Turkish einen großen Vorteil. „Die Airline besitzt anders als etwa die Golf-Carrier alle Verkehrsrechte in Deutschland, kann hier also überall fliegen“, erklärte Michael Kerkloh, Chef des Münchener Flughafens, im Mai dem Handelsblatt. Istanbul wird dabei bewusst als Destination für Städtetouristen und als Hub für Flüge in die Welt beworben. Turkish Airlines fliegt über 300 Ziele an, nach eigenen Angaben so viele wie keine andere Airline in der Welt.

„In der Vergangenheit war Turkish Airlines in Deutschland immer sehr professionell unterwegs“, erinnert sich Ralph Beisel, Hauptgeschäftsführer des Flughafenverbandes ADV: „Früher richteten sie sich sehr gezielt auf die ethnischen Verkehre aus, heute erfolgt zusätzlich auch eine gute Vertriebsarbeit gegenüber Reiseveranstaltern und Großkunden.“

Bis dahin muss in Istanbul aber noch viel gebaut werden. Die Eröffnungsfeier am 29. Oktober wird vor allem deshalb stattfinden, weil der 7,5 Milliarden Euro teure Flughafen für den türkischen Präsidenten Erdogan als Prestigeprojekt gilt. „Ein Flughafen, wie ihn Istanbul verdient“, sagte Erdogan vor wenigen Tagen.

Das Ansehen des Bauprojekts ist allerdings schon befleckt. Auf der Großbaustelle des neuen Istanbuler Flughafens sind nach Angaben einer Gewerkschaft 38 Mitarbeiter tödlich verunglückt. IGA-Chef Samsunlu spricht von 30 Toten.

Vorwürfe der Arbeiter, dass die Unfälle unter anderem wegen Sicherheitsmängeln passierten, weist er jedoch zurück. „Sie müssen eben aufpassen, was sie tun“, sagt er. Massenhafte Todesfälle auf Baustellen sind in der Türkei ein Dauerthema. Zum einen wegen mangelnder Sicherheitsvorkehrungen, zum Anderen wegen mangelnden Sicherheitsbewusstseins unter den Arbeitern. Ein Untersuchungsergebnis zu den Todesfällen liegt bislang nicht vor.

„Am Ende des Tages können wir nicht alle Areale dieses riesigen Baugeländes im Auge behalten“, verteidigt Samsunlu die Todesfälle, „daher müssen unsere Mitarbeiter selbst für ihre Sicherheit sorgen, und wie das geht, lernen sie in den Schulungen, die wir anbieten.“ Medienberichte, wie die der türkischen Tageszeitung „Cumhuriyet“ über 400 Tote, seien jedenfalls Lügen.

Nur fünf Ziele vor dem „Big Bang“

Die jüngsten Streiks und anschließende Inhaftierungen von Demonstranten, die auf die schlechten Arbeitsbedingungen aufmerksam gemacht haben, wertet Samsunlu ebenfalls ab. „Niemand hat das Recht, den Frieden auf meiner Baustelle zu gefährden – das lasse ich nicht zu“, äußert er sich im energischen Ton, „bei den Krawallen haben wir die Übersicht verloren und da ist es mir lieber, wenn die Polizei zu viel als zu wenig vermeintlich Unbefugte vom Gelände abführt.“

Samsunlu kenne die genauen Zahlen der Inhaftierten nicht, aber viele seien wieder frei, weil sie sich als registrierte Mitarbeiter ausweisen konnten. Der Fokus liege darauf, in den nächsten zwei Monaten bis Jahresende alle weiteren Fehler auszubügeln.

Bis der „Big Bang“, wie Samsunlu den Start des kompletten Flugbetriebs am 31. Dezember bezeichnet, stattfindet, soll Turkish Airlines erst einmal lediglich fünf Ziele anbieten: drei im Inland sowie nach Nordzypern und Aserbaidschan.

Über konkrete Zahlen zu Verlusten der IGA, die wegen der verspäteten Eröffnung entstehen, schweigt Samsunlu. „Die IGA hat das Bauprojekt für 25 Jahre übernommen“, erklärt er, „es ist kein Problem, die Verluste von zwei Monaten in den kommenden Jahren zu kompensieren.“ Dass Samsunlus Firma bei dem prognostizierten Passagieraufkommen für den neuen Flughafen täglich Millionen entgehen, scheint den CEO nicht zu beunruhigen.

Unter den internationalen Unternehmen, die sich auf verschiedene Weise am Flughafenprojekt beteiligen, sind auch deutsche vertreten. Der Stahlriese Thyssen-Krupp habe den größten Vertrag seiner Firmengeschichte abgeschlossen. Die Firma aus Essen wird alle Boardingbrücken der insgesamt 143 Gates bauen. Siemens wiederum ist für die gesamte Energiekontrolle verantwortlich. Den Dutyfree-Bereich über 53.000 Quadratmetern soll Heinemann ausfüllen.

Wie lange der Istanbuler Flughafen in seiner Größenordnung konkurrenzlos bleibt, ist unklar. Samsunlu will sich erst Mal um die Behebung bestehender Fehler kümmern, damit der Eröffnung am 31. Dezember nichts im Weg steht. Erst nach offizieller Inbetriebnahme sei Zeit für künftige Herausforderungen. Für Turkish Airlines ist spätestens dann klar: Alle Zeichen müssen auf Expansion stehen.

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