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Andrej und Sergej Schneider Zwei Brüder aus Sibirien wollen Aldi mit den eigenen Waffen schlagen

Eine russische Familie will die deutschen Discounter angreifen. Doch wie sind sie zu Geld gekommen, und was haben sie vor? Eine Spurensuche in Russland.
Update: 01.02.2019 - 04:35 Uhr Kommentieren
Der russische Discounter eröffnete jüngst seine erste deutsche Filiale in Leipzig. Quelle: dpa
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Der russische Discounter eröffnete jüngst seine erste deutsche Filiale in Leipzig.

(Foto: dpa)

Moskau, DüsseldorfAusgerechnet in einem ehemaligen Aldi-Markt startet das Experiment. Auf Paletten stapeln sich Dosen mit osteuropäischen Etiketten, Pakete mit H-Milch, Gläser mit Wiener Würstchen. Die Einrichtung ist spartanisch – eben wie in einer Aldi-Filiale der ersten Stunde. Mit dem Slogan „Jeden Tag nur Tiefstpreise“ geht der Mere-Markt am Rande von Leipzig auf Kundenfang.

Die Erinnerung an den Ur-Discounter ist kein Zufall. Denn die russische Familie Schneider, die hinter dieser neuen Ladenkette steckt, hat sich die Albrecht-Familie als erklärtes Vorbild genommen. „Die ersten Niedrigpreisgeschäfte tauchten in Deutschland Mitte der 1950er-Jahre auf und erlangten innerhalb kurzer Zeit große Popularität“, heißt es in der Konzeptbeschreibung des Discounters auf seiner russischen Webseite.

Auch beim Thema Öffentlichkeitsarbeit eifern die Schneiders den geheimniskrämerischen Albrechts nach. Offiziell hält Valentina Schneider die Aktienmehrheit an der Unternehmensgruppe Torgservis, die hinter der neuen Supermarktkette steckt.

Doch die aus dem sibirischen Krasnojarsk stammende Frau ist längst in Rente – wie ihr 80-jähriger Mann Iwan, der ebenfalls als Anteilseigner bei zahlreichen der inzwischen über 100 Handelsfirmen der Schneider-Familie registriert ist.

Die treibenden Kräfte sind ihre Söhne, Andrej und Sergej – ein Bruderpaar wie die Aldi-Gründer Theo und Karl Albrecht. Interviews geben sie generell nicht, selbst eine richtige Pressestelle hat das Unternehmen in Russland nicht.

Ein winziges Foto von Andrej Schneider kursiert im Internet. Es zeigt einen gedrungenen, glattrasierten Mann zwischen 40 und 50 mit rundem Gesicht und Bürstenschnitt. Die Informationen über den Werdegang der Brüder sind spärlich. Doch es gibt Spuren.

Begonnen hat alles mit Bier: 1994, als in Russland gerade erst unter großen Wehen die Marktwirtschaft geboren wurde, gründete die Familie Schneider in Krasnojarsk die Vertriebsgesellschaft „Lenkom“.

Gute Kontakte zu Großbrauereien

Sie kümmerte sich erfolgreich um den Absatz von Bier und anderen schwach alkoholischen Getränken. Durch gute Kontakte zu Großbrauereien wie Baltika, Otschakowo und Heineken bauten sie innerhalb weniger Jahre einen der größten Getränkegroßhändler in Sibirien und Russlands fernem Osten auf.

2004 sattelten die Schneiders auf den Einzelhandel um und gründeten die Kette „Napilnik“, mit der sie Alkohol, Snacks und Zigaretten verkaufen wollten. Die Rentabilität sei gering gewesen, doch das Projekt galt als erfolg- und perspektivreich, erinnerte sich der Direktor der Filiale im Gebiet Nischni Nowgorod, Michail Kaluzki, später.

Doch dann kam die internationale Finanzkrise 2008. Der Rubel verfiel, der Markt für Bier brach ein, und die vornehmlich mit Krediten aufgebaute Kette ging pleite. Allein die Sberbank klagte später vor Gericht auf Rückzahlung von 350 Millionen Rubel. Nach heutigem Wechselkurs sind das etwa fünf Millionen Euro.

Die Zielgruppe der Menschen, die auf Billigware angewiesen sind, ist viel zu klein. Thomas Täuber, Handelsexperte Accenture

Doch für die Schneiders erwies sich die Krise als wertvolle Erfahrung: Die findigen Unternehmer entdeckten das Prinzip „Sparen um jeden Preis“ als Geschäftsmodell. 2009 eröffneten sie ihren ersten Discounter in Krasnojarsk unter dem Namen „Swetofor“ (Ampel).

Das Prinzip war ebenso schlicht wie die Einrichtung: wenig Personal, die Waren auf Paletten gelagert, und geringe Auswahl – dafür aber Preise, die um 20 Prozent unter denen der Konkurrenz liegen. Inzwischen erzielen die Schneiders in rund 800 Supermärkten in Russland Einnahmen von knapp einer Milliarde Dollar pro Jahr.

Aldi als Vorbild und Konkurrent

Nun wollen sie mit dem gleichen Prinzip ihr Vorbild Aldi in Deutschland angreifen. Mehr als 100 Filialen sind nach eigenen Angaben geplant, zunächst in den ostdeutschen Bundesländern.

Das Kalkül: Weil die Discounter in Deutschland sich immer mehr zu vollwertigen und schick ausgestatteten Supermärkten entwickelt haben, sehen die Brüder Schneider Potenzial für einen Billigheimer der alten Schule – ohne Schnickschnack, aber mit konkurrenzlos niedrigen Preisen. Das geht sogar so weit, dass sie ausrangierte Ladeneinrichtung einsetzen wollen.

Experten sind sehr skeptisch, ob damit der Angriff auf Aldi und Lidl gelingen kann. „Kurzfristig kann das in der Nische funktionieren, Ostdeutschland ist als Standort gut gewählt“, sagt Thomas Täuber, Handelsexperte und Geschäftsführer bei Accenture Deutschland. Aber die großen deutschen Discounter bedrohe dieses Konzept nicht. „Die Zielgruppe der Menschen, die um jeden Preis auf Billigware angewiesen sind, ist viel zu klein.“

Ein Netz von 100 Läden aufzubauen hält er für sehr ambitioniert. „Es wird eine der größten Herausforderungen, ausreichend große und zuverlässige Lieferantenstrukturen zu etablieren“, sagt Täuber. Aldi und Lidl hätten dieses Netz über Jahrzehnte aufgebaut, es sei sehr schwer, da hineinzukommen.

Das „beste Preis-Leistungs-Verhältnis“ versprechen die Schneiders ihren deutschen Kunden. Doch auch da dürften sie sich schwertun. Falls Mere Aldi und Lidl bei wichtigen Produkten unterbietet, so Täuber, dürfte die deutsche Konkurrenz jeden Preis mitgehen.

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