Anuga 2013 Laktose- und glutenfrei als Marketing-Trick

Zehn Messen in 3,5 Stunden: Auf 284.000 m² bildet die Anuga in Köln die komplette Lebensmittelbranche unter einem Dach ab. Wir haben uns auf der weltgrößten Ernährungsmesse umgeschaut und zweifelhafte Trends untersucht.
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Der Feind in meiner Milch: Laktosefreie Produkte kaufen auch immer mehr Menschen ohne Unverträglichkeiten – für die Branche ein gutes Geschäft. (Quelle: Screenshot MinusL-Homepage)

Der Feind in meiner Milch: Laktosefreie Produkte kaufen auch immer mehr Menschen ohne Unverträglichkeiten – für die Branche ein gutes Geschäft.

(Quelle: Screenshot MinusL-Homepage)

DüsseldorfHier ein Käsehäppchen, da eine Meersalz-Pommes und eine Ecke weiter eine Scheibe Wurst: Auf der weltgrößten Ernährungsmesse Anuga wird wieder tagelang geschlemmt und geschmatzt. Noch bis zum 10. Oktober probieren sich hier in Köln Tausende Einkäufer quer durch die Neuheiten der Hersteller, um an Ende zu entscheiden, was demnächst im Supermarktregal landet. Vor zwei Jahren wurden hier über 155.000 Besucher aus 180 Ländern gezählt. Auch diesmal wird mit einem ähnlichen Ansturm gerechnet.

Bei all der Schlemmerei dürfte bei dem ein oder andren Fachbesucher das Bauchgrummeln schon programmiert sein. Dagegen hilft nur eins: bewegen, bewegen, bewegen. Schließlich befindet sich die Anuga mit ihren elf teilweise mehrgeschossigen Hallen auf dem weltweit fünftgrößten Messegelände – wer die 284.000 Quadratmeter an einem Tag schafft, kann sich das schlechte Gewissen und die anschließende Blitz-Diät sparen.

Es braucht nicht lange, um herauszufinden, was in diesem Jahr hier im Mittelpunkt steht: es sind vor allem Biolebensmittel, vegetarische und regionale Produkte sowie fair gehandelte Waren, die hier aufgetischt werden. „Die Verbraucher fragen das immer stärker nach und wir reagieren natürlich darauf“, heißt es am Stand der Privatmolkerei Bauer, die mit gentechnikfreiem Schmand und Fruchtjoghurt angereist ist. „Lebensmittel ohne Gentechnik stehen hoch im Kurs.“

Klingt an und für sich richtig gut, aber verkauft sich das Produkt denn auch gut? Die Antwort darauf lässt sich schwer zitieren, weil sie eine Kombination aus einem leisen „Ja-na-ja“ und einem betretenen Lächeln ist. Viel besser laufe aber Geschäft mit den laktosefreien Produkten, die Bauer seit April im Handel hat. „Rund zwölf Millionen Menschen in Deutschland haben schließlich eine Milchzuckerunverträglichkeit“, werden wir aufgeklärt.

Das dürfte auch den ein oder anderen Einkäufer freuen. Freilich nicht nur, weil er sich gerade mit Bauchschmerzen durch die Messehallen schiebt. Für die Lebensmittelindustrie sind diese Produkte ein lukratives, weil boomendes Geschäft. Derzeit stehen in deutschen Supermarktregalen rund 300 laktosefreie Artikel aus fast allen Sortimentsgruppen und der Umsatz mit dieser Nahrung stieg 2012 um mehr als 20 Prozent. Das fand der WDR in einer Untersuchung im Mai heraus.

Ob der Erfolg dieser Spezialnahrung nicht auch stark mit einem geschickten Marketing zu tun habe, dass die Unwissenheit der Verbraucher ausnutze, wollen wir wissen. „Nun ja“, sagt der junge Mann, beißt sich auf die Unterlippe und schweigt sich anstelle einer Antwort lieber wieder lächelnd aus.

Preisaufschläge von 383 Prozent
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10 Kommentare zu "Anuga 2013: Laktose- und glutenfrei als Marketing-Trick"

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  • Stimmt, als Trendnahrungsmittel taugen die beschriebenen laktose- und glutenfreien Nahrungsmittel sicherlich nicht. Und als alleinige Ausrede für einen saftigen Preisaufschlag sicherlich auch nicht. Trotzdem freue ich mich als Betroffener über jede Packung, die den Aufdruck "glutenfrei" trägt. Zumindest da, wo ein Zweifel angebracht ist. Schließlich landet Gluten in vielen verarbeiteten Produkten, wo es eigentlich gar nicht hingehört: Zum Beispiel Pommes Frites oder Kartoffelpuffern. Bei anderen Produkten, wie "glutenfreiem Schinken", denke ich mir halt meinen Teil.
    Skurril ist, dass sich die glutenfreie Ernährung in Hollywood längst zu einer Trenddiät entwickelt hat: http://www.glutenfrei-unterwegs.de/blog/glutenfreie-lebensmittel-als-trend-nahrungsmittel/.

  • Die Definition von "fair" ist reichlich knapp und unzureichend. TransFair geht es um den Handel mit der Dritten Welt, nicht um die Kuh auf der niedersächsischen Weide. Hier hätte ich mir eine bessere Differenzierung gewünscht.

  • Ein Korrekturlesen hätte dem Text gut getan (z.B. dass/das, Sie/sie und sprachliche Unbeholfenheiten, fehlende Kommas)
    H. Greiser

  • Ähm, diese Antwort zeugt deutlich von Unwissenheit. Ich bin völlig gesund, habe aber seit Geburt eine Laktoseunverträglichkeit. Wollen Sie mich als krank abstempeln, weil ihrer Logik zu Folge alle mit Laktoseproblemen krank sind? Au weia. Vielleicht mal vorher über das Thema was lesen und dann einen Artikel schreiben?

  • Ich denke am Ende leiden doch eher die Kranken unter den Preisaufschlägen, denn die sind auf die Produkte angewiesen und den Gesunden ist es ja freigestellt was sie zu sich nehmen. Ich leide selber unter beidem und bin egal ob "krank" oder nicht froh, dass ich weiß was tatsächlich, in Wurst, Gummibärchen und Co. so drin ist. In einer guten Salami/Süßwaren hat nämlich keine Laktose/Gluten etwas zu suchen. Und ob man gesund/nicht gesund so definieren kann ist leider sehr fraglich, da viele meiner Bekannten (ohne Zölakie) mit einer glutenfreien Ernährung sich wesentlich besser fühlen und es gerne fortführen um Migräne, Gewichtsprobleme und Müdigkeit los zu sein.

  • Man kann die neue Vielfalt der gluten- und laktosefreien Produkte auch als einen Gewinn für die Betroffenen betrachten. Ohne diesen von der Autorin als zumindest "grenzwertig" erachteten Gesundheits-Hype gäbe es so tolle neue laktosefreie und besonders glutenfreie Produkte nicht, die die Lebensqualtität der Betroffenen doch erheblich steigern. Man denke nur an die Verwendung des Logos mit der durchgestrichenen Ähre für glutenfreie Produkte. Ohne dieses Symbol müsste der Kunde die Zutatenliste seiner Einkäufe ständig studieren. Wer als Nichtbetroffener diese Produkte kauft weil die Werbung so toll ist, ist selbst Schuld. Die Produktion dieser gegenüber gluten- und laktosehaltigen ist eben teurer. Man sollte sich lieber Gedanken darüber machen, wie man den Betroffenen bei der Finanzierung der höheren Kosten für Lebensmittel helfen kann. Steuerlich abzugsfähig sind die Mehrkosten jedenfalls nicht.

  • Lieber Bue, mir geht es ausdrücklich um den Kreis der Gesunden, die hier von der Industrie umworben werden, obwohl sich ihnen gar kein Zusatznutzen durch diese Produkte bietet. Völlig ohne Zweifel sind sie für Erkrankte ein Segen. Nur eben nicht für gesunde Menschen.Liebe Grüße, Carina Groh-Kontio

  • Dieser Artikel ist offensichtlich von jemandem geschrieben, der selbst keine Nahrungsmittelunverträglichkeiten hat. Dann ist es sehr einfach, dieses Thema als sinnfreien Trend abzutun und auf baldige Korrektur zu hoffen. Wenn man aber Zölaikie (=Glutenunverträglichkeit) hat, ist man sehr dankbar, wenn die Produkte klar gekennzeichnete und gerne auch als solche beworben werden. Es ist nämlich gerade nicht so, dass beispielsweise in Wurst keine Lactose oder kein Gluten enthalten ist. Der Artikel geht an der Wirklichkeit vorbei, wenn er darauf abstellt, dies sei "natürlicherweise" nicht der Fall. In sehr vielen Wurstsorten finden sich Lactose und/oder Gluten - selbst in denen vom Metzger. Dies liegt an der Beimischung von Gewürzen und anderen Inhaltsstoffen auf Weizen- oder Milchbasis. Mir erleichtert eine Bewerbung als "glutenfrei" den Einkauf. Ein Artikel, der dies aus Sicht eines Gesunden für unnötig hält, wirkt relativ arrogant.

  • Sorry, aber bei der Salami würde das sogar Sinn machen.
    Wie Sie schon sagten,"die meisten Leute wissen überhaupt nicht, was sie sich da zwischen die Kiemen schieben".

    Sie sicher auch nicht.

  • Ist doch genial! Einfach das Label "laktosefrei" auf die Käsepackung gedruckt und den Preis verdoppelt. Sowas funktioniert auch nur, weil die meisten Leute überhaupt nicht wissen, was sie sich da zwischen die Kiemen schieben. Das ließe sich übrigens beliebig ausbauen: "alkoholfrei" auf die Wasserflasche, "nikotinfrei" auf die Schokolade oder "zuckerfrei" auf die Salami.

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