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Aus für Werkverträge Wie Tönnies mit Amazon um Arbeitskräfte ringt

Der Schlachtkonzern bangt um seine Beschäftigten. Der Wettstreit um die Arbeiter ist bereits in vollem Gange, Tönnies beklagt Abwerbeversuche.
16.08.2020 - 08:27 Uhr Kommentieren
Die Temperatur wird in der Fleischfabrik auf bis zu sechs Grad heruntergekühlt. Foto: Tönnies/dpa Quelle: dpa
Arbeit im Zerlegebetrieb bei Tönnies

Die Temperatur wird in der Fleischfabrik auf bis zu sechs Grad heruntergekühlt.

Foto: Tönnies/dpa

(Foto: dpa)

Düsseldorf Das Jobangebot liegt im Briefkasten. „Du suchst einen neuen Job? Bewirb dich bei uns!“, steht in großen Buchstaben auf den orangefarbenen Zetteln, die Amazon seit Anfang Juli im nordrhein-westfälischen Kreis Gütersloh verteilt. Der US-Konzern wirbt um Arbeitskräfte für sein neues Logistikzentrum in Oelde. Das Angebot auf den handtellergroßen Flyern: „Beginne jetzt einen neuen Berufsabschnitt!“

Amazon eröffnete das Logistikzentrum Mitte Juni. Derzeit arbeiten dort 1000 Menschen in drei Schichten rund um die Uhr. Der US-Konzern sucht weitere 500 Mitarbeiter für den Versand. Er wirbt auch im lokalen Radio und auf großflächigen Plakaten um Mitarbeiter. Die Anforderungen sind gering. Auf den Werbezetteln steht: „Dein Engagement und dein Lächeln reichen uns.“

In Gütersloh ist der Wettbewerb um Arbeitskräfte ausgebrochen. Keine zwanzig Autominuten vom neuen Amazon-Standort entfernt liegt die Zentrale von Tönnies. Der Schlachtkonzern beherrschte in der Vergangenheit den Arbeitsmarkt der Region, steht aber seit dem Corona-Ausbruch in seinem Stammwerk in der Kritik.

Die Bundesregierung will die sogenannten Werkverträge in der Fleischbranche verbieten, mit denen Subunternehmer Arbeiter aus Osteuropa an Tönnies vermittelten, ohne dass der deutsche Konzern sich weiter um sie kümmern musste. Nun muss Tönnies selbst Mitarbeiter suchen – und hat mit Amazon plötzlich einen Weltkonzern als Konkurrenten.

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Standort erkennen

    Tönnies teilte auf Anfrage mit, dass es in den letzten Wochen bereits „direkte Abwerbeversuche“ am Standort Rheda-Wiedenbrück gegeben habe – „sogar mit Flugblättern und konkreten Arbeitsangeboten in der Region“. Ein solches Verhalten in der Nachbarschaft sei „weder für andere Arbeitgeber noch für uns ein besonders freundlicher Akt“, sagte ein Sprecher. Details oder einzelne Namen wollte er aber nicht nennen.

    Behörden hatten die Tönnies-Fabrik in Rheda-Wiedenbrück Mitte Juni für vier Wochen stillgelegt. Nun will der Konzern zu alten Kapazitäten zurückkehren, gleichzeitig sorgt er sich um seine Wettbewerbsfähigkeit. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sieht in den Werkverträgen, die Tönnies bisher nutzte, einen Mangel an klaren Verantwortlichkeiten. Er führe dazu, „dass auf die Einhaltung der arbeitsrechtlichen und arbeitsschutzrechtlichen Regelungen häufig nicht geachtet wird“, wie es in der Begründung des geplanten Verbots heißt.

    Ein Sprecher von Tönnies hält dem entgegen, dass „Werkverträge nicht nur ein Instrument der Fleischproduktion sind“. Geschäftsführer Clemens Tönnies hatte in einem Interview mit dem „Westfalenblatt“ gesagt, er werde eine „nicht unerhebliche Abwanderung haben von Mitarbeitern, die das System des Werkvertragsarbeiters weitermachen wollen“. Er sehe die Leute dann unter anderem bei Amazon, hatte Tönnies gesagt.

    Der US-Konzern möchte die Äußerungen nicht kommentieren. Aus dem Unternehmen heißt es aber, dass alle derzeit 1000 Beschäftigten in Oelde direkt bei Amazon angestellt seien. Werkverträge gebe es, anders als von Tönnies suggeriert, an dem Standort nicht.

    Dass Tönnies-Arbeiter, die zu Amazon wechseln, mit gleichen Arbeitsbedingungen rechnen müssen, ist auch in Zukunft unwahrscheinlich. Nach Aussage von Steffen Scheuer, Partner im Arbeitsrecht bei der Großkanzlei Baker McKenzie, wird das von Heil geplante Gesetz künftig derartige Beschäftigungssituationen verhindern: „Die Änderungen im Arbeitsschutzgesetz sind branchenunabhängig.“

    Gewerkschafter: Tönnies muss nachbessern

    Zwar gelte der wesentliche Teil des Gesetzes nur für die Fleischindustrie. Amazon könne ihn aber nicht ignorieren, meint der Jurist. Wenn Unternehmen aus anderen Branchen auf die Idee kämen, es ähnlich wie Tönnies zu machen, müssten sie damit rechnen, „dass das Gesetz schnell ausgeweitet wird, obwohl die gesetzlichen Regelungen tief in die grundgesetzlich geschützte Unternehmerfreiheit eingreifen“.

    Dennoch sind die Sorgen des Schlachtkonzerns nicht unbegründet, meint Armin Wiese von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. „Tönnies muss sich anstrengen, wenn er nicht ins Hintertreffen geraten will“, sagt der Gewerkschafter.

    Zahlreiche Unternehmen in der Region buhlten um seine Arbeitskräfte, darunter auch Firmen mit höheren Stundenlöhnen und besseren Arbeitsbedingungen – so wie im Fall Amazon. Tönnies zahlt nach eigenen Angaben im Produktionsbereich einen durchschnittlichen Brutto-Stundenlohn von 11,35 Euro. Ungelernte Arbeiter erhalten den Mindestlohn, der laut Deutschem Gewerkschaftsbund sogar unter zehn Euro liegt. Amazon wirbt dagegen mit einem Einstiegslohn von 11,61 Euro.

    Die Beziehung der beiden Unternehmen stand von Anfang an unter einem schlechten Stern. Dort, wo heute das Amazon-Logistikzentrum steht, hätte Tönnies gern selbst gebaut. Doch der US-Konzern gewann das Rennen um das Grundstück. Nun hat der Schlachtkonzern möglicherweise auch im Wettstreit um Arbeitskräfte das Nachsehen. In Rheda, wo auch viele Tönnies-Mitarbeiter leben, bietet Amazon sogar einen firmeneigenen Shuttleservice an, der Beschäftigte zum Logistiklager in Oelde bringt.

    Zufall? Von gezielten Abwerbeversuchen will der US-Konzern nichts wissen. Ein Sprecher teilte mit, dass Amazon jeden Tag beweise, dass es ein „fairer Arbeitgeber“ sei. Das Unternehmen biete eine sichere Arbeitsumgebung und Karrieremöglichkeiten. Zudem zahle der US-Konzern einen Lohn „am oberen Ende dessen, was für vergleichbare Tätigkeiten üblich ist“.

    Die Gewerkschaft Verdi sieht das anders. Amazons 11,61 Euro Brutto-Stundenlohn seien „nicht das, was ein Handelsunternehmen bezahlen müsste“, kritisiert Heino Georg Kaßler vom Fachverband Handel. Amazon verfolge eine scheinheilige Strategie. Der Konzern sei Mitglied im Handelsverband, aber verweigere die Tarifbindung, die einen Mindeststundenlohn von 14,79 Euro vorsehe. Dennoch, heißt es auch von Verdi, seien die Bedingungen besser als bei Tönnies.

    Ehrenamtler aus der Region, die Werkvertragsarbeiter betreuen, vermuten deshalb, dass viele Tönnies-Beschäftigte zu Amazon wechseln werden. Diejenigen, die über Monate im Schlacht- und Zerlegebetrieb arbeiten, hätten schon in der Vergangenheit nach Auswegen aus der Kälte gesucht. Die Temperatur wird in der Fleischfabrik auf bis zu sechs Grad heruntergekühlt. Sollte Tönnies auch bei der Bezahlung hinter Amazon liegen, sagen die Ehrenamtler, werde es schwer, überhaupt Personal zu halten.

    Mehr: Clemens Tönnies macht lukrative Geschäfte mit Apartments.

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