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Textilfabrik in Dhaka

Die wirtschaftliche Entwicklung Bangladeschs ist hochgradig abhängig von der Textilbranche.

(Foto: Reuters)

Bangladesch Erst ausgebeutet, dann gefeuert – Schwere Vorwürfe gegen Zulieferer deutscher Modemarken

Fabriken in Bangladesch haben laut Gewerkschaft ihre Beschäftigten nach Streiks eingeschüchtert, angezeigt und entlassen. Puma und Kik kündigen eine Untersuchung an.
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BangkokVon außen sieht es so aus, als handele es sich bei dem Textilunternehmen Viyellatex Group aus Bangladesch um eine mustergültige Firma. Das Fabrikgebäude in Gazipur ist modern, auf der Website preist es seine ökologischen und sozialen Standards: Man sammle Regenwasser, beschäftige Behinderte und arbeite mit zahlreichen Initiativen zusammen.

Den deutschen Sportartikelhersteller Puma und viele weitere internationale Marken hat Viyellatex überzeugt. Das Textilunternehmen feierte auf seiner Facebook-Seite schon den Besuch des ehemaligen Puma-Logistikchefs Lars Sörensen im Herbst 2015. Der Sportartikelhersteller, der das Unternehmen als Zulieferer listet, verlieh Viyellatex ein Jahr später den „Best Delivery Performance Award“.

Die internationale Gewerkschaftsföderation IndustriALL hat allerdings eine andere Sichtweise auf das Unternehmen in Bangladesch: „Die Fabrik entlässt weiterhin Arbeiter und schüchtert sie mit Schlägern ein“, heißt es in einer internen Liste der Organisation, die dem Handelsblatt vorliegt. Mehr als 100 Beschäftigte wurden laut den Arbeitnehmervertretern zeitweise oder dauerhaft entlassen – weil sie gestreikt hatten.

Die Gewerkschaftsföderation stützt sich dabei auf die Aussagen von betroffenen Fabrikarbeitern, Mitgliedsgewerkschaften und eigene Recherchen. Das Handelsblatt konnte die Viyellatex Group telefonisch nicht erreichen. Eine Anfrage per Mail scheiterte, weil das Postfach des Unternehmens überfüllt ist.

Doch nicht nur die Viyellatex Group feuerte zahlreiche Beschäftigte. Nach Streiks für höhere Löhne hatte im Dezember und Januar eine Kündigungswelle Bangladeschs Textilbranche erfasst. Laut Angaben von IndustriALL haben wegen der Streiks rund 11.600 Menschen in den Textilfabriken ihre Jobs verloren. Gegen 3.000 Arbeiter wurden außerdem Verfahren eröffnet.

Viele der Beschäftigten hatten auch Textilien für deutsche Marken produziert. Laut IndustriALL haben sich auch Zulieferer der deutschen Discounter Kik, Aldi und Lidl von unliebsamen Beschäftigten getrennt.

Bei Puma und Kik geht man den Vorwürfen nun gezielt nach. „Wir prüfen derzeit, ob bei einem unserer Lieferanten Kündigungen oder Verfahren im Zusammenhang mit den Protesten eingeleitet wurden“, heißt es bei Puma auf Anfrage des Handelsblatts. „Ein solches Verhalten wäre gegen unsere Puma-Standards.“

Kik teilte dem Handelsblatt mit, bisher seien keine Entlassungen bei Zulieferern bekannt. Mitarbeiter vor Ort würden die Vorwürfe mit Fabrikbesitzern besprechen.

Aldi Süd und Aldi Nord erklärten auf Anfrage, dass Zulieferbetriebe zwar bestreikt worden seien. Entlassungen seien den Unternehmen aber nicht bekannt. Bei Lidl heißt es, man habe keinerlei Informationen über Kündigungen. Sollte sich das ändern, werde man natürlich handeln, versprechen die Unternehmen.

Mindestlohn ist weiter gering

Die Arbeiter hatten dabei das gefordert, was auch manche westliche Marken mittlerweile für notwendig erachten: höhere Mindestlöhne. Tausende Arbeiterinnen und Arbeiter hatten im Januar und Februar ihre Arbeit niedergelegt und waren auf die Straße gegangen. Teilweise eskalierten die Proteste: Ein Mensch wurde getötet, Dutzende wurden verletzt.

Zwar hatte Bangladesch im Dezember 2018 die Mindestlöhne zum ersten Mal nach fünf Jahren wieder erhöht. Doch nicht alle Lohngruppen profitieren gleichermaßen von der Erhöhung. Die Gewerkschaften werfen den Unternehmen außerdem vor, die Arbeiter in niedrigere Lohngruppen eingestuft zu haben.

Noch immer ist der Mindestlohn gering. Ohne Erfahrung und Ausbildung liegt der Verdienst auch nach der Erhöhung um 51 Prozent bei nur 8.000 Taka monatlich. Das entspricht umgerechnet etwa 85 Euro. Nach Ansicht von Nichtregierungsorganisationen wäre für ein menschenwürdiges Leben mindestens die doppelte Summe notwendig.

„Tatsache ist, dass die Arbeiter in Bangladesch auch nach den jüngsten Änderungen immer noch Armutslöhne verdienen“, sagt Advocacy-Koordinator Ben Vanpeperstraete von der Clean Clothes Campaign.

Doch die Regierung zögert: Sie befürchtet, dass höhere Löhne die Wettbewerbsfähigkeit des Landes zunichte machen würden. Die wirtschaftliche Entwicklung des Landes ist hochgradig abhängig von der Branche. Mehr als 80 Prozent aller Ausfuhren stammen aus den Textilfabriken. Doch nach den unsicheren Arbeitsbedingungen, die die Katastrophe im Rana Plaza mit 1.134 Toten im April 2013 offenlegte, werden nun die sozialen Spannungen zum Standortnachteil .

Auch deutsche Textilmarken stellen sich hinter die Forderung der Gewerkschaften. „Die Mindestlohnanhebung sehen wir nicht als ausreichend an“, teilte beispielsweise Tchibo dem Handelsblatt auf Anfrage mit. Der deutsche Textildiscounter Kik hat sich schon mehrfach öffentlich für Lohnerhöhungen eingesetzt.

Hausbesuch von Schlägertruppen

Wenn aber Arbeiter, die Kik-Textilien produzieren, selbst höhere Löhne fordern, kann das für sie existenzbedrohend werden. Wie aus der Untersuchung von IndustriALL hervorgeht, sollen bei einem Kik-Zulieferer bei Dhaka nach einem Streik rund 150 Mitarbeiter entlassen worden sein.

Das Management zeigte demnach außerdem 50 Mitarbeiter des Unternehmens an, fünf Personen waren zeitweise in Haft. Auch Lidl soll laut der Gewerkschaftsföderation Textilien von dem Unternehmen bezogen haben.

Mit Aldi ist ein weitere deutsche Marke in der Untersuchung der Gewerkschaft aufgeführt, bei deren Zulieferern es Repressalien und Entlassungen nach Streiks gegeben haben soll. Dort berichteten Arbeiter der Gewerkschaft davon, dass sogar Schlägertruppen und Polizisten zu ihnen nach Hause kamen und sie unter Druck setzten. Auch seien 40 Beschäftigte entlassen worden, gegen mehrere laufen Verfahren.

Die Gewerkschaftsföderation IndustriALL fordert die deutschen Unternehmen auf, die Vorwürfe der Belegschaften rasch zu überprüfen. Die Marken müssten sicherstellen, dass die Anforderungen der lokalen Gewerkschaften erfüllt werden, sagt Apoorva Kaiwar, Regionalsekretärin von IndustriALL für Südostasien, dem Handelsblatt.

Dazu zählt unter anderem, die gefeuerten Beschäftigten wieder einzustellen, Anzeigen zurückzunehmen und die Belegschaften nicht weiter zu bedrohen.

Doch selbst wenn die Marken reagieren, befürchtet die Funktionärin, dass die Beschäftigten noch lange Probleme haben werden. „Unsere Gewerkschaften gehen davon aus, dass die Arbeitgeberorganisation der bangladeschischen Textilindustrie eine biometrische Datenbank mit 3,5 Millionen Registrierten hat“, sagt Apoorva. „Sie wird dafür genutzt, eine Blacklist mit Gewerkschaftsaktivisten zu erstellen.“

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