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Ökomode auf der Fashion Week

Nachhaltige Produktion aus der Nische herausholen.

(Foto: Unsplash)

Berlin Fashion Week Wie Ökomode endlich massentauglich werden soll

Auf der Fashion Week diese Woche in Berlin setzt sich auch die Ökomode in Szene. Aber in der Breite durchsetzen wird sie sich nur, wenn sich die Branche auf das neue Gütesiegel „Grüner Knopf“ einigt. Doch bis dahin ist es noch weit.
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BerlinDas Kraftwerk Berlin ist ein eindrucksvoller Industriebau mit meterdicken, haushohen Betonsäulen. Hier, in Berlin-Mitte, startet die neue Modemesse „Neonyt“. Das Kunstwort, das sich wie ein Hightech-Material anhört, steht für eine neue Messe für Ökomode.

„Wir wollen die Modeindustrie herausfordern und den Wandel zu mehr Nachhaltigkeit zusammen mit allen Stakeholdern gestalten“, beschreibt Olaf Schmidt vom Veranstalter Messe Frankfurt das hohe Ziel der neuen Plattform.

Es ist der Versuch, nach dem Aus für die zwei eher esoterischen Vorgängermessen „Ethical Fashion Show“ und „Green Showroom“ die grüne Mode zu einem wesentlichen Bestandteil der Fashion Week in Berlin zu machen – und aus der Gutmenschen-Nische herauszuholen.

Die grundsätzlichen Chancen dafür sind gut. Nach dem Einsturz der Fabrik Rana Plaza vor knapp sechs Jahren in Bangladesch wächst der Druck auf die Modebranche, für fairere Arbeitsbedingungen in der Lieferkette zu sorgen. Das hilft den grünen Modeunternehmen, die schon länger nachhaltige Textilien produzieren. Doch auch die müssen sich wandeln.

So hat Andrea Sibylle Ebinger, Chefin von Hess Natur, beim größten Fair-Fashion-Anbieter in Europa kräftig aufgeräumt. Denn das Unternehmen war in die roten Zahlen gerutscht. Das frühere Management hatte zu viel versucht. Es wollte modischer werden und ebenfalls recycelte Materialien wie Polyester einsetzen.

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Ebinger hat das Unternehmen wieder auf den Markenkern konzentriert: fair hergestellte Kleidung aus Naturmaterial. „Der Turnaround ist uns gelungen, weil wir die Marke geschärft, unsere Rabattaktionen verringert, in E-Commerce investiert und unsere Abläufe im Unternehmen beschleunigt haben“, zieht sie Bilanz.

Der Ökoversender muss sich nicht nur gegenüber den direkten Ökokonkurrenten abgrenzen, sondern auch gegenüber großen Konzernen. Denn die strengen sich mächtig an, um immer fairer und umweltbewusster zu produzieren. „Wir wollen nachhaltig produzierte Mode aus der Nische herausholen“, sagt ein Sprecher des Textilriesen C&A.

Weltweit verbesserte Bedingungen erreichen

Der Konzern der Familie Brenninkmeijer ist längst der größte Abnehmer von Biobaumwolle weltweit. Er hat die Zahl der Teile aus Biobaumwolle in den vergangenen zwölf Jahren von einer auf 170 Millionen gesteigert.

Aber mit dem Einsatz von Biobaumwolle alleine ist es nicht getan. Die Produktion in der gesamten Lieferkette muss umweltgerechter und zu faireren Arbeitsbedingungen umgebaut werden. Deshalb haben sich auf Initiative von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller Ende 2014 Unternehmen, Gewerkschaften, Verbände und Nichtregierungsorganisationen im Textilbündnis zusammengeschlossen.

Sie wollen die Arbeits- und Umweltbedingungen weltweit entlang der Lieferkette verbessern. Das reicht vom nachhaltigen Wassermanagement auf Baumwollfeldern bis hin zu fairen Löhnen. Viele Unternehmen sind nach jahrelangen Diskussionen entnervt wieder aus dem Textilbündnis ausgestiegen. Aber 78 sind noch beteiligt und haben vereinbart, konkrete Verbesserungen umzusetzen.

Das reicht dem Minister jedoch noch nicht. Damit sich fair hergestellte Kleidung im Markt durchsetzt, kämpft er für das neue Qualitätssiegel, den „Grünen Knopf“. Das soll alle Kleidungsstücke in den Modeläden kennzeichnen, die nachhaltig produziert wurden.

Der „Grüne Knopf“ soll ein Siegel sein, das erstmals gleichermaßen ökologische und soziale Standards berücksichtigt, was es bisher in dieser Bandbreite noch nicht gibt. Und Müller will den „Grünen Knopf“ noch dieses Jahr in Deutschland einführen.

Handel reagiert reserviert auf „Grünen Knopf“

Doch die Branche reagiert reserviert. Der Handel verschließe sich nicht grundsätzlich der Idee des Grünen Knopfes, sagte Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Handelsverbands. Aber „angesichts der hohen Komplexität und globalen Ausgestaltung der textilen Lieferkette kann die absolute Sicherheit, dass die Einhaltung aller ökologischen und sozialen Standards in vollem Umfang jederzeit gegeben ist, kaum garantiert werden“.

Die Modehändler und -marken sehen deshalb noch großen Gesprächsbedarf mit dem Minister – wie C&A. Der Konzern unterstützt zwar „grundsätzlich die Ziele des neuen Siegels“, wie ein Unternehmenssprecher betonte. Doch es gebe „insbesondere für ein europaweit agierendes Unternehmen noch viele Fragen hinsichtlich der Kriterien, der Kontrolle, der Umsetzung und der langfristigen Ausgestaltung zu klären“.

Doch Minister Müller lässt nicht locker. Er fühlt sich auch von Verbraucherumfragen bestätigt. So haben in einer Umfrage der Dr. Grieger Marktforschung 2016 immerhin knapp drei Viertel der Befragten angegeben, dass ihnen Nachhaltigkeit beim Kauf von Kleidung wichtig sei.

Ein internationales Siegel wäre noch besser, aber es ist wesentlich komplizierter, das ans Laufen zu bringen. Jan Lorch, Vaude-Geschäftsführer

Müller will mit dem neuen Siegel garantieren, dass „40 anspruchsvolle soziale und ökologische Kriterien eingehalten werden“, wie ein Sprecher des Ministeriums versicherte. Allerdings gibt es bis zum möglichen Start noch viel zu tun. So werden derzeit die „technischen Details der Vergabekriterien sowie zur Überprüfung der Einhaltung der Kriterien erarbeitet“, wie der Sprecher einräumte.

Zu den Befürwortern des Siegels gehört die bekannte Outdoor-Marke Vaude. Das Unternehmen gehört zu den Vorreitern bei nachhaltig produzierter Kleidung. „Ein internationales Siegel wäre natürlich noch besser“, sagt Jan Lorch, in der Geschäftsleitung für Vertrieb und Corporate Social Responsibility zuständig. „Aber es ist auch wesentlich komplizierter, das europaweit ins Laufen zu bringen.“

Viele Fragen weiter offen

Auch der Textildiscounter Kik, der das Projekt ebenfalls grundsätzlich unterstützt, weist darauf hin, dass viele logistische Fragen und inhaltliche Kriterien für die Knopf-Vergabe bisher noch nicht geklärt seien. „Da wir lange Vorlaufzeiten bei der Beschaffung unserer Ware haben, kann noch keine Aussage getroffen werden, ab wann es die ersten Produkte mit dem Grünen Knopf zu kaufen gibt“, sagte Kik-Chef Patrick Zahn dem Handelsblatt.

Er warnt auch vor einem Alleingang einiger weniger Unternehmen. Es sei „unerlässlich, dass die Einführung des Grünen Knopfes von einer breiten Mehrheit aus Handel, Zivilgesellschaft und Politik getragen wird, damit der Verbraucher den Mehrwert dieser Produkte erkennt“. Da muss Minister Müller wohl noch viel Aufklärungsarbeit leisten.

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