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Billigflaggen in der Schifffahrt Fahne, günstig abzugeben

2730 deutsche Handelsschiffe fahren schon unter fremdem Hoheitsabzeichen. Jetzt treibt sogar ein deutscher Anwalt Handel mit Billig-Flaggen. Den Niedergang von Schwarz-Rot-Gold will die Bundeskanzlerin am Montag stoppen.
Billig-Flaggen liegen im Trend: Nur noch 350 der 3.100 deutschen Handelsschiffe fahren deshalb unter Schwarz-Rot-Gold zur See. Quelle: picture-alliance
Flagge zeigen

Billig-Flaggen liegen im Trend: Nur noch 350 der 3.100 deutschen Handelsschiffe fahren deshalb unter Schwarz-Rot-Gold zur See.

(Foto: picture-alliance)

HamburgZum Vizekönig von Indien ernannte ihn Portugals Herrscherhaus, weil Vasco da Gama die Flagge des Landes in die damals bekannte Welt trug. Sogar ganze Städte erhielt der Seefahrer zum Dank. Albrecht Gundermann ist da bescheidener: Pro portugiesischem Hoheitsabzeichen, das er seit knapp zwei Jahren auf den Weltmeeren kreuzen lässt, kassiert er weniger als 11.000 Euro jährlich.

Für ihn und den Staat, dem Gundermanns Agentur Euromar als Konzessionär dient, dennoch ein lohnendes Geschäft. An 170 Ozeanriesen hat er es seither befestigen können. „Reedereien brauchen Heimatstaaten mit Stabilität und maritimer Erfahrung“, wirbt der 47-jährige Rechtsanwalt für das kleine Land in Südeuropa, das nun wieder an glorreichere Seefahrerzeiten anknüpfen möchte.

Und dessen Landessprache Gundermann nicht einmal beherrscht. Wozu auch? Das Geburtsland Magellans und Heinrichs des Seefahrers hat sich entschieden, die Eroberung der Weltmeere von einem unscheinbaren Hamburger Eckgebäude aus steuern zu lassen, einem Bürohaus an der Klopstockstraße im Stadtteil Altona. Von dessen zweiter Etage aus fahndet der Jurist gemeinsam mit dem Kapitän Jörg Molzahn, seinem Kompagnon, nach wechselwilligen Reedern. Ihnen bietet Euromar neue Nationalfarben, die nicht von einem Offshore-Register aus der Südsee stammen, sondern aus der Europäischen Union.

Früher einmal verkaufte Gundermann die liberianische Flagge, für kurze Zeit und ohne Erfolg auch die rumänische. Nur die Flagge seiner eigenen Heimat hatte der Hamburger noch nie im Angebot. Und das nicht nur, weil die deutschen Seefahrtsbehörden auf die professionelle Vertriebskraft privater Agenturen verzichten.

Das sind die wichtigsten Flaggen auf den Weltmeeren
Die Deutsche Flagge
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Nur noch 350 Schiffe sind derzeit unter der deutschen Flagge registriert, davon 150 Behördenschiffe und Fähren, denen ein Ausflaggen faktisch verwehrt ist. Einen Großteil der restlichen Handelsschiffe stellt die Containerreederei Hapag-Lloyd, die immer noch 40 ihrer 188 Dampfer unter deutschem Hoheitszeichen betreibt. Im Sicherheitsranking der europäischen Hafenstaatskontrollen (Paris Memorandum of Understanding) belegt die Flagge Platz 15 hinter China und Griechenland.

(Foto: dapd)
Die Schwarze Liste
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Im Register der amerikanischen US Coast Guard landete die deutsche Flagge aber 2014 wegen entdeckter Sicherheitsmängel auf der Schwarzen Liste. Wer die deutsche Flagge führt, muss an Bord mindestens vier Europäer beschäftigen und einen gelernten Schiffsmechaniker. Anders als in anderen europäischen Ländern kann der Reeder nur 40 Prozent der Lohnsteuer einbehalten, was die Kosten nach oben treibt.

(Foto: dpa)
Die Ausbildung an Bord
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Für die Ausbildung an Bord gibt es zwar Bundeszuschüsse von jährlich 30 Millionen Euro, die Beantragung ist aber aufwendig und bürokratisch. Das gilt auch für die Registrierung. Zuständig sind neben den Amtsgerichten das Bundesamt für Schifffahrt und Hydrologie, die See-Berufsgenossenschaft und zahlreiche weitere Behörden.

(Foto: dpa)
Flagge zeigen
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Billig-Flaggen liegen im Trend: Nur noch 350 der 3.100 deutschen Handelsschiffe fahren deshalb unter Schwarz-Rot-Gold zur See.

(Foto: picture-alliance)
Die Flagge der Marshall-Inseln
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Während der sechsjährigen Diktatur des Despoten Charles Taylor, die 2003 endete, stoppten die Amerikaner das Ausflaggen in das westafrikanische Land. An dessen Stelle nutzten sie die Marshall-Inseln, die daraufhin einen Boom erlebten. Auf der Sicherheitsliste der europäischen Hafenstaatskontrollen stehen sie aktuell drei Zähler vor Deutschland.

(Foto: Imago)
Die Flagge von Panama
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Auch das Register von Panama bauten die USA aus. Schon 1919 nutzten sie es während der Prohibition für ihre Schiffe, später dann zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, um US-Gesetze zu umschiffen. Nach schweren Korruptionsfällen – im Jahr 2000 kaufte ein Gewerkschafter ohne Seemannserfahrung für 4000 Dollar ein Kapitänspatent – mühen sich die Behörden in Panama, das Image ihrer Flagge zu verbessern. Seit 2008 gelang es ihnen, von der „Schwarzen Liste“ auf die „Weiße“ zu wechseln. Dem Staat spülen die Gebühren, Steuern und Dienstleistungen des Schiffsregisters jährlich eine halbe Milliarden Euro in die Kasse. Immerhin sind dort 8600 Schiffe gemeldet. Heute ist Panama das größte Register der Welt, gilt aber immer noch als mit Sicherheitsmängeln behaftete Billigflagge. Vor allem japanische Reedereien nutzen das Hoheitsabzeichen.

(Foto: ap)
Die Flagge von Zypern
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Die Flagge des Inselstaates gilt bei Reedereien als attraktiv, weil Zypern Teil der Europäischen Union ist. Allerdings bekommen Schiffe, die unter zypriotischer Flagge fahren, in türkischen Häfen Probleme.

(Foto: Imago)

„Es gibt wenige Gründe, die deutsche Flagge zu führen“, klagt etwa Nils Aden von der Hamburger Charterreederei E. R. Schiffahrt. Sie sei nicht nur teuer und bürokratisch, inzwischen fehle es ihr auch an internationalem Ansehen. Wohl wahr. In dem soeben veröffentlichten Sicherheitsbericht der US Coast Guard für 2014 prangt das deutsche Banner überraschend auf der „Schwarzen Liste“ – neben Billigflaggen wie Antigua, Belize oder Ägypten.

Nur noch 370 der 3.100 deutschen Handelsschiffe, rechnet Ralf Nagel vom Verband Deutscher Reeder (VDR) vor, fahren unter Schwarz-Rot-Gold zur See. Fast genauso viele Schiffe trügen die Billigflagge von Antigua & Barbuda. Spitzenreiter aber bleibt Liberia, unter dessen Flagge annähernd die halbe deutsche Flotte operiert.

Flaggenstruktur der deutschen Handelsflotte
Handelsschiffe unter deutscher Flagge

Das Wirrwarr der Schiffsbeflaggung ist Außenstehenden kaum begreiflich. Da fahren Frachter unter den Farben der Marshall Inseln, obwohl sie deren Häfen in der Südsee nie zu Gesicht bekommen. Reedereien wie Hapag-Lloyd hissen weiterhin das deutsche Banner am Heck von Containerriesen, deren Schwesterschiffe etwa unter US-amerikanischer Flagge in See stechen. Rostocker Kreuzfahrtschiffe der „Aida“-Klasse, die zum US-amerikanischen Carnival-Konzern gehören, werben unter italienischen Farben Touristen für Ausflüge in die Karibik. Öltanker dagegen bevorzugen das Hoheitsabzeichen von Liberia, einem westafrikanischen Staat ohne Ölvorkommen. Erwerben müssen sie es in Washington – von Yoram Cohen, einem Flaggenverkäufer aus Israel.

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