Streikende Ryanair-Mitarbeiter in Frankfurt

Bei dem Arbeitskampf geht es um erstmalig abzuschließende Tarifverträge für höhere Gehälter und bessere Arbeitsbedingungen.

(Foto: dpa)

Billigflieger Ryanair-Jets bleiben am Boden – 150 Flüge fallen wegen Streik aus

Piloten und Flugbegleiter messen ihre Kräfte im Tarifstreit mit Ryanair. Doch auf die Billigairline könnten noch weit größere Streiks zukommen.
Update: 12.09.2018 - 08:59 Uhr Kommentieren

DüsseldorfWegen des Streiks der Piloten und Flugbegleiter von Ryanair in Deutschland sind am Mittwoch etliche Verbindungen ausgefallen. Am frühen Morgen begann ein 24-stündiger Ausstand der Beschäftigten der irischen Billigairline.

Laut der Pilotengewerkschaft VC soll der Arbeitskampf vor allem die großen Ryanair-Standorte lahmlegen. „Es sind alle zwölf deutschen Basen betroffen, besonders die großen in Frankfurt/Rhein-Main, Hahn und an den Berliner Flughäfen“, sagte der Vizechef der Vereinigung Cockpit (VC), Markus Wahl. „Da kommt es verstärkt zu Ausfällen.“

Der Streik dauert bis Donnerstag um 02.59 Uhr. Ryanair-Passagiere in Deutschland müssen daher mit Flugausfällen und Verspätungen rechnen. Bei dem Arbeitskampf geht es um erstmalig abzuschließende Tarifverträge für höhere Gehälter und bessere Arbeitsbedingungen.

Die Fluggesellschaft hatte nach der Ankündigung 150 von 400 geplanten Flügen von und nach Deutschland gestrichen und nach eigenen Angaben alle betroffenen Kunden informiert. Die übrigen Flüge fänden statt, hatte Ryanair-Organisationschef Peter Bellew am Dienstag versprochen. Eine Liste der Streichungen veröffentlichte die Airline jedoch nicht.

Insgesamt steuert Ryanair 19 deutsche Flughäfen an. Passagiere können dem Unternehmen zufolge kostenfrei umbuchen oder den Ticketpreis zurückerhalten. Darüber hinausgehenden Schadenersatz lehnt die Gesellschaft unter Verweis auf EU-Recht ab, sie lässt es in dieser Frage auf einen Prozess mit dem Flugrechte-Portal Air Help ankommen.

An den Berliner Airports Schönefeld und Tegel seien mehr als die Hälfte der Flüge annulliert worden, sagte ein Verdi-Sprecher am Morgen. Dutzende Flugbegleiter hätten sich mit Transparenten in Schönefeld versammelt.

In Nordrhein-Westfalen strich Ryanair in Köln/Bonn nach Angaben eines Flughafensprechers zunächst 20 seiner geplanten 56 Starts und Landungen. In Weeze sollten nach den Worten eines Sprechers 12 der 28 Ryanair-Flüge ausfallen.

In Hamburg gab es dagegen bisher kaum Auswirkungen auf den Flugverkehr, nur bei 2 der dort 14 vorgesehenen Flüge erwartete der Airport Ausfälle. In Bayern waren München und Memmingen nicht vom Streik betroffen, während in Nürnberg sechs der zwanzig Ryanair-Verbindungen ausfallen sollten.

„Wir glauben, dass wir erfolgreich sein können und dass Ryanair an den Verhandlungstisch zurückkehrt“, sagte VC-Mann Wahl. Etwas Besonderes sei diesmal die gemeinsame Koordination der Aktion mit den Kollegen des Kabinenpersonals. „Man sieht dadurch, wie prekär die Situation bei Ryanair offensichtlich ist“, meinte der Gewerkschafter.

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Die erneute Zuspitzung im Tarifkonflikt zeigt: Eine Lösung ist noch lange nicht in Sicht. Die nach den ersten Einigungen mit den Piloten in Irland und Italien aufkeimende Hoffnung ist wieder dahin. Ryanair – bislang eine der wenigen Airlines in Europa ohne Gewerkschaften und Betriebsräte an Bord – wird den grundsätzlichen Streit doch nicht schnell beilegen können.

Schon drohen weitere Gewerkschaften aus dem europäischen Ausland – den Niederlanden, Spanien, Italien, Belgien und Portugal – damit, Ende September den „größten Streik seit Gründung des Unternehmens“ durchzuführen. Noch bis Donnerstag hat die Ryanair-Spitze hier Zeit, ein Angebot vorzulegen. Dann endet das Ultimatum.

„Wir erwarten endlich Lösungen“

Der Konflikt ist wohl schlicht viel zu komplex für eine schnelle Befriedung. Es gibt im Arbeitsrecht keinen europäischen Tarifvertrag. Tarifverträge können nur auf nationaler Ebene abgeschlossen werden. Hier gelten zum Teil sehr unterschiedliche rechtliche Regelungen. Doch Ryanair tut sich noch immer schwer damit, diese nationalen Vorgaben anzuerkennen.

Die VC ruft bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen die deutschen Flugzeugführer dazu auf, bei Ryanair die Arbeit niederzulegen. Beim ersten Streikaufruf am 10. August hatte Ryanair von sich aus 250 deutsche Flüge abgesagt und die Kampfbereitschaft der VC-Crews nicht final getestet.

„Wir erwarten endlich Lösungen“, kritisierte Ingolf Schumacher, der Tarifexperte der VC. Seit Monaten fordere man Verbesserungen bei Vergütung und Arbeitsbedingungen. Aber in Bezug auf die bereits seit vergangenem Jahr unveränderten Forderungen habe die Geschäftsleitung von Ryanair nach wie vor kein verbessertes Angebot unterbreitet, heißt es aus Frankfurt.

Für Verdi ist es der erste Streik bei Ryanair. Die Gewerkschaft will weitere Arbeitskämpfe folgen lassen, wenn die Fluggesellschaft kein Entgegenkommen zeigt. „Das ist ein erster Warnstreik. Wie es weitergeht, hängt vom Verhandlungsverlauf ab“, sagte Vorstandsmitglied Christine Behle am Dienstag in Berlin. Mit der Vereinigung Cockpit sei man zwar nicht immer einer Meinung, versuche sich aber abzustimmen. „Wir wollen zeigen, dass sich beide Berufsgruppen nicht auseinanderdividieren lassen.“

Ryanair droht mit Jobabbau

Verdi-Verhandlungsführerin Mira Neumaier nannte das Tarifangebot für die Flugbegleiter nach zwei Verhandlungsrunden völlig unzureichend. Das Basisgehalt solle nach dem Ryanair-Angebot über einen Zeitraum von drei Jahren nur um 41 Euro monatlich angehoben werden. Bei den Piloten konnten sich beide Seiten weder auf ein Schlichtungsverfahren noch auf die Person eines Schlichters einigen.

Der Billigflieger kontert die gemeinsamen Crew-Streiks mit Drohungen: „Dieser Streik kann nur das Geschäft von Ryanair in Deutschland beschädigen und wird, sollte er fortgesetzt werden, zu einer Streichung von Basen und Jobs bei Piloten und Kabinenbesatzungen führen“, drohte Kenny Jacobs, Marketingchef der Airline, unverhohlen. Besonders kleinere Standorte, die im Winter Verluste schreiben würden, wären davon betroffen, so Jacobs weiter.

Grundsätzlich wolle man aber in Deutschland seinen Marktanteil von derzeit knapp 10 auf 20 Prozent steigern, kündigte Marketing-Chef Kenny Jacobs an. Dafür wolle das Unternehmen mit den Gewerkschaften Verträge abschließen. Man sei mit der Gewerkschaft Vereinigung Cockpit nah beieinander gewesen, sagte Bellew. Die VC habe ferner bei der Lufthansa-Tochter Eurowings längst niedrigere Gehälter akzeptiert, als sie nun bei Ryanair fordere.
Mit Material von dpa

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