Billigflieger Streikwelle rollt an – Ryanair droht ein Chaos-Sommer

Am Donnerstag streiken die irischen Piloten der Billigfluggesellschaft. Experten befürchten, dass der Arbeitskampf die Kunden noch über Jahre quälen könnte.
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Noch zwei Mal – an diesen Tagen streiken die Ryanair-Piloten

FrankfurtOb noch ein Wunder geschieht? Keiner weiß es. Wenn nicht, könnte es für die Kunden der irischen Billigfluggesellschaft Ryanair an diesem Donnerstag turbulent werden. Die Piloten in Irland wollen an dem Tag für 24 Stunden ihre Arbeit niederlegen. Die irische Gewerkschaft IALPA hat sich für den Arbeitskampf breite Unterstützung geholt. In einer Urabstimmung hätten 99 Prozent der bei der IALPA organisierten Piloten für einen Ausstand gestimmt.

Bislang sieht es ganz danach aus, dass der auch stattfinden wird. Zwar trafen sich die Vertreter von Ryanair und der IALPA am Mittwoch noch einmal – Ergebnisse drangen bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe aber nicht nach draußen. Doch vor dem Treffen hatte die Gewerkschaft erklärt, dass man vorerst weiter von einem Streik ausgehe.

Zu Wochenbeginn hat die Gewerkschaft deshalb schon mal Verhaltensregeln für den Ausstand an ihre Mitglieder verteilt. Dazu zählen etwa Hinweise wie der, nicht ohne Rücksprache mit der IALPA mit Medien zu sprechen. Auch müsse man sich auf Anfeindungen durch betroffene Passagiere einstellen und solle darauf möglichst gar nicht reagieren. Auch ein anderer wichtiger Hinweis fehlt nicht: Wer streikt, muss für den Tag auf sein Gehalt verzichten.

Die IALPA hatte schon zuvor in einem Schreiben an die Ryanair-Spitze unmissverständlich die Bedingungen genannt, die zur Absage der Arbeitsniederlegungen mindestens erfüllt werden müssten: eine Vereinbarung über elf Punkte beim Thema Seniorität. Unter Seniorität versteht die Luftfahrtbranche eine transparente Bezahlung und Karriereentwicklung, die sich an Berufs- und Flugerfahrung orientiert.

Der Ausstand am Donnerstag ist der erste richtige Belastungstest für Management, Gewerkschaften und vor allem die Passagiere. Zwar hatte es im vergangenen Dezember den ersten Ausstand in der Geschichte der Billigairline gegeben. Doch der Warnstreik der deutschen Vereinigung Cockpit (VC) führte kaum zu spürbaren Beeinträchtigungen.

Die könnten beim nun angekündigten Streik deutlich größer sein. Denn Irland, die Heimat von Ryanair, steht für immerhin sieben Prozent der Flugbewegungen. Die Ryanair-Führung, die den Streik als überflüssig bezeichnet und bedauert, hat schon mal vorsorglich 30 der 290 Flüge von und nach Irland gestrichen und die Passagiere informiert.

Kabinen-Gewerkschaften wollen Ende Juli streiken

Es wird wohl nicht die letzte Aktion dieser Art sein. Daniel Roeska und Caius Slater von Bernstein Research gehen davon aus, dass das Thema Streik auch in den nächsten 24 Monaten Management und Passagiere begleiten wird. Schon haben die Kabinen-Gewerkschaften in Spanien, Portugal, Belgien und Italien Arbeitskämpfe für den 25. und 26. Juli angekündigt.

Denn die Ryanair-Spitze um Airlinechef und Gewerkschaftshasser Michael O’Leary fährt bislang eine Taktik des Hinhaltens. Nachdem man im vergangenen Dezember erklärt hatte, nun doch mit den Gewerkschaften verhandeln zu wollen, hat man bis heute lediglich Anerkennungsvereinbarungen mit jeweils zwei Gewerkschaften auf Piloten- und Kabinenseite erreicht. Von einem Tarifvertrag ist die Airline noch meilenweit entfernt.

Dass Ryanair bisher so hart bleibt – trotz der nun konkret drohenden Streiks –, könnte einen simplen Grund haben: die vergleichsweise geringen finanziellen Belastungen, die ein solcher Arbeitskampf wohl mit sich bringen wird. Roeska und Slater von Bernstein Research schätzen, dass der Ausstand des Kabinenpersonals in den vier Ländern die Airline pro Tag lediglich fünf bis acht Millionen Euro kosten wird. Zum Vergleich: Lufthansa hat die täglichen Streikkosten je nach Stärke der Ausstände in der Vergangenheit mit 30 bis 50 Millionen Euro beziffert.

Bei Ryanair lägen die Streikkosten damit deutlich niedriger als etwa der Aufwand für den 20-prozentigen Lohnaufschlag, den O’Leary den Piloten geboten hatte, um sie von einem Wechsel zu einer anderen Airline abzuhalten, rechnen Roeska und Slater vor.

Für das Ryanair-Management ist es also ein Abwägen zwischen den kurzfristigen Streikkosten und den langfristen Aufwendungen, die anfallen würden, wenn man zu schnell auf die Forderungen der Gewerkschaft eingeht. Das Hinauszögern der Verhandlungen mit dem Ziel, einen möglichst harmlosen Tarifvertrag zu erreichen, kann sich durchaus bezahlt machen.

Die Analysten von Bernstein rechnen zum Beispiel vor, dass ein Tarifvertrag für die gesamte Kabinenbesatzung, der am Ende eine nur fünfprozentige Lohnerhöhung vorsehe, die Airline jährlich rund zwölf Millionen Euro mehr kosten würde. Das wäre locker zu verkraften, Ryanair hat für das abgelaufene Geschäftsjahr Personalkosten von insgesamt rund 740 Millionen Euro ausgewiesen.

An diesem Donnerstag könnte sich zeigen, ob diese Rechnung aufgeht. Noch ist es schwer abzuschätzen, wie sehr der Flugplan durch den Streik in Irland tatsächlich durcheinandergeraten wird. Denn nur die festangestellten Flugzeugführer dürfen dem Aufruf der IALPA folgen.

Das sind angeblich etwa 120. Mindestens 250 Flugzeugführer sind dagegen über das sogenannte Contractor-Modell für den Billigheimer tätig und werden wohl fliegen. Bei dem Contractor-Modell verkaufen die Flugzeugführer über eine Art Ich-AG ihre Arbeitskraft an die Airline – auf eigenes Risiko etwa im Krankheitsfall. Die Praxis ist den Gewerkschaften ein Dorn im Auge, könnte Ryanair aber helfen, die Streikfolgen abzufedern.

Hinzu kommt: Anders als etwa in Deutschland, wo die VC oder auch die Kabinengewerkschaft UFO Arbeitsniederlegungen in der Regel nur 24 Stunden vorher ankündigen, hat die IALPA den Ausstand mit mehr als einer Woche Vorlauf bekanntgemacht. Das hat dem Ryanair-Management die Möglichkeit eröffnet, Ersatz aus anderen Ländern zu beschaffen, um die Auswirkungen gering zu halten. Lufthansa dagegen hatte in der Vergangenheit kaum Zeit zu reagieren. Riefen hier die Gewerkschaft der Piloten oder die der Kabine zu Streiks auf, standen große Teile des Flugbetriebs still.

Doch was auf den ersten Blick nach einer eher zahmen Strategie aussehen mag, hat handfeste Gründe. Die nationalen Vorschriften für Arbeitsniederlegungen sind in den einzelnen EU-Ländern sehr unterschiedlich. In Irland etwa müssen Arbeitskampfmaßnahmen mit einer Woche Vorlauf angekündigt werden.

Urabstimmung in Deutschland

Sowieso sind Streiks in dem Land eine heikle Angelegenheit. So gibt es per se kein gesetzlich verankertes Streikrecht. Jeder, der die Arbeit niederlegt, begeht im Grunde einen Rechtsbruch und kann entlassen werden. De facto wird Streikenden, die dem Aufruf einer vom Arbeitgeber anerkannten Gewerkschaft folgen, allerdings eine Art Immunität eingeräumt. Er muss also nicht zwingend mit Folgen seines Handelns rechnen. Aber die Unsicherheit in der Belegschaft ist da – wohl auch in der von Ryanair.

Auch der Streik der Kabinen-Gewerkschaften in Spanien, Portugal, Belgien und Italien wurde lange im Voraus angekündigt. Zu erklären ist das ebenfalls zum Teil mit den rechtlichen Rahmenbedingungen in den jeweiligen Ländern. So müssen Arbeitskämpfe etwa in Spanien und Portugal mindestens fünf Tage vorher bekanntgemacht werden, im Bereich des öffentlichen Dienstes und in öffentlichen Versorgungseinrichtungen sogar zehn Tage vorher. Zum Teil dürfte der lange Vorlauf aber auch Taktik sein, um dem Ryanair-Management doch noch Zeit für ein Angebot zu geben.

Doch diese Rechnung dürfte kaum aufgehen. Alles sieht danach aus, als würde Ryanair weiter die Verzögerungstaktik fahren. So beklagt die deutsche VC, dass sich das Management zwar bereit erklärt habe, sich bei strukturellen Themen zu bewegen.

Aber jegliche Vereinbarungen dürften keine Steigerung der Personalkosten mit sich bringen. „So lässt sich weder die Belastung der Piloten durch eine Personalaufstockung reduzieren, noch eine Erhöhung der Gehälter realisieren“, beklagt Ingolf Schumacher, bei der VC verantwortlich für die Tarifpolitik.

Noch bis Ende Juli lässt die VC ihre Mitglieder bei Ryanair deshalb ebenfalls über Streikmaßnahmen abstimmen. Am 30. oder 31. Juli werde das Ergebnis wahrscheinlich bekanntgegeben, erklärt ein VC-Sprecher. Nicht zu spät, um der Airline mit einem Ausstand das wichtige Sommergeschäft zumindest etwas zu vermiesen.

Roeska und Slater von Bernstein sehen so schnell keine Lösung in dem Konflikt. „In den Verhandlungen wird das Unternehmen eine wachsende Lücke erleben zwischen dem, was die Gewerkschaften diskutieren wollen und dem, was Ryanair bereit ist anzubieten“, heißt es in einer Studie der beiden: „Gewerkschaftliche Organisation ist ein langsamer und schmerzhafter Prozess.“

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