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Brauereien „Über so einen Quatsch wie Entlassungen denken wir nicht nach“ – Wie Veltins durch die Krise kommt

Die Krise der Gastronomie trifft auch den Biermarkt hart: Es droht eine Pleitewelle unter den 1100 kleinen Hausbrauereien. Veltins dagegen investiert sogar in der Krise.
16.07.2020 - 13:55 Uhr Kommentieren
Der Generalbevollmächtigte der Privatbrauerei Veltins führt seit einem Vierteljahrhundert die Geschäfte im Sauerland. Quelle: Marcus Simaitis/laif
Michael Huber

Der Generalbevollmächtigte der Privatbrauerei Veltins führt seit einem Vierteljahrhundert die Geschäfte im Sauerland.

(Foto: Marcus Simaitis/laif)

Düsseldorf Kein einziges Fass hat bei Bierbrauer Veltins im sauerländischen Grevenstein den Hof verlassen – zwei Monate lang. „Die Gastronomie leidet unter der Last von Lockdown und Reglementierungen – und wir leiden mit“, konstatiert Michael Huber, Generalbevollmächtigter der Privatbrauerei. „Zum Glück mussten wir kaum Bier wegschütten.“ Doch mit dem Stillstand ist es jetzt vorbei: Seit Juni läuft das Fassbiergeschäft langsam wieder an.

Auch die Geisterspiele der Bundesliga treffen Sponsor von Schalke 04 hart. „Schalke war bisher unsere größte Kneipe, die ist jetzt leer“, sagt der 70-Jährige. Die abgesagte Fußball-EM hätte zusätzliche 900.000 Hektoliter Geschäft bedeutet. Im ersten Halbjahr sank der Fassbierausstoß von Veltins um mehr als 60 Prozent. Zehn Prozent mehr Flaschenbier konnten den Einbruch aber nicht wettmachen. Insgesamt hat Veltins in den ersten sechs Monaten 70.000 Hektoliter weniger verkauft.

Mit einem Fassbieranteil von zuletzt 17 Prozent zählt die Privatbrauerei von 1824 nach Bitburger, Paulaner und Krombacher zu den wichtigsten Brauern für die Gastronomie. „Der historische Einbruch ist für viele unserer rund 14.000 Partner in der Gastronomie existenzgefährdend“, sagt Huber.

Deshalb hat Veltins deren Zahlungsziele verlängert. Auch dem Getränkefachgroßhandel, der auf dem Bier für die Gastronomie sitzen geblieben ist, hat Veltins mit einer Millionenspritze aus Liquiditätsnöten geholfen. Zwei Drittel der jüngsten Rechnung hat Veltins dem Handel zurückerstattet.

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    Das ist keinesfalls selbstverständlich in der Branche. „Der Flächenbrand in der Gastronomie springt auf die Brauwirtschaft über. Wir erleben einen fatalen Domino-Effekt“, beobachtet Holger Eichele, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bunds DBB. Er befürchtet eine Pleitewelle, vor allem unter den 1100 kleinen Hausbrauereien.

    Viele Bierbrauer kommen ohne Kurzarbeit, Soforthilfen und Kredite nicht über die Runden. Veltins schickte nur seinen Außendienst für zwei Wochen in Kurzarbeit. Wettbewerber Bitburger sah sich bereits gezwungen, einen Stellenabbau anzukündigen.

    Dickes Finanzpolster

    „Über so einen Quatsch wie Entlassungen denken wir gar nicht nach. Im Gegenteil: Wir bauen unser Personal von 680 Leuten weiter auf“, sagt Huber. Viele Brauereien haben eine geringe Eigenkapitalquote, leiden unter Investitionsstau und mangelnder Liquidität. Veltins dagegen kann die Corona-Durststrecke mit einem dicken Finanzpolster abfedern.

    „Unsere Eigenkapitalquote ist mit 78 Prozent stabil. Wir sind ertragsstark. Und als Familienunternehmen bilden wir für Notfälle immer Rücklagen“, sagt der Veltins-Chefstratege. „Man muss neidlos anerkennen, dass Huber seit nunmehr einem Vierteljahrhundert die Brauerei erfolgreich führt“, konstatiert Branchenexperte Hermann Josef Walschebauer. Und das, obwohl der Bierdurst hierzulande kontinuierlich sinkt.

    Erstmals trank jeder Deutsche 2019 im Schnitt wieder weniger als 100 Liter im Jahr, ermittelte der Brauerbund. Seit der Jahrtausendwende ist der Bierausstoß um rund ein Fünftel zurückgegangen. Für 2020 werden nur noch 86 Millionen Hektoliter erwartet.

    Veltins dagegen hat sein Geschäft über die Jahre ausgebaut. Der Umsatz stieg 2019 auf 359 Millionen Euro. „Es war sehr weise von Inhaberin Susanne Veltins, die Führung in Hubers Hände zu geben“, meint Experte Walschebauer.

    Zum Biergeschäft kam Michael Huber eher durch Zufall. „Eigentlich bin ich gelernter DJ“, kokettiert der Wahl-Sylter gerne. Damit verdiente er sich als BWL-Student ein Zubrot. Im Hörsaal hielt es den umtriebigen Anpacker nicht lange. Er begann seine Karriere im Vertrieb von Nüssen bei den Schwartauer Werken. Ein Spediteur, der ihn als Kunde kannte, warb ihn 1976 ab. Er sollte als Geschäftsführer den Deutschen Paketdienst aufbauen. Doch nach einem Streit mit dem Aufsichtsrat stieg Huber aus.

    Lieber beteiligte er sich an der Spedition Interspe in Unna, die er mit einem Partner zu einem Milliardenunternehmen aufbaute. Dann verkauften beide die Spedition. „Bis 2006 war ich Vollblut-Logistiker“, sagt Huber.

    In vielen Branchen zu Hause

    Seitdem ist Michael Huber Generalbevollmächtigter des Leuchtenherstellers Trilux in Arnsberg mit 5000 Mitarbeitern. Dort hält er immer noch die Zügel in der Hand. Seit 1995 sitzt er im Aufsichtsrat von Veltins – die Brauerei liegt nicht weit von Trilux entfernt. Zunächst machte er sich in der Firma unbeliebt. „Als Erbsenzähler aus der Logistik kam ich in die heile Welt der Brauerei“, erzählt Huber.

    Doch Alleininhaberin Susanne Veltins aus der fünften Brauergeneration fand Gefallen an Hubers direkter und zupackender Art. Sie ernannte ihn zum Generalbevollmächtigten und lässt ihm weitgehend freie Hand. „Mit Augenmaß und ruhiger Hand haben Huber und sein Team die Marke Veltins auf Kurs gehalten“, sagt Walschebauer. Die Gewerkschaft lobt, dass Veltins nicht nur in Maschinen, sondern auch in Menschen investiert.

    Trotz Coronakrise hält Huber an seinen ehrgeizigen Ausbauplänen fest. Bis 2024 wird die Brauerei komplett erneuert – von der Abfüllung bis zur Logistik. Veltins investiert 71 Millionen Euro. Mitten in der Krise hat es Huber sogar gewagt, eine neue Biersorte auf den Markt zu bringen: „Helles Pülleken“ in der Retroflasche. „Der Erfolg freut uns. Wir glauben an den Biermarkt, auch wenn der rückläufig ist“, sagt Huber.

    Doch nicht alles gelingt. Gegen den Markttrend ist bei Veltins Alkoholfreies und Radler rückläufig. Auch der Biermix Veltins V+ hat seine Glanzzeiten ganz offenbar hinter sich. Fassbrause dagegen war in Corona-Zeiten gefragter.

    „Die Kraft der Marke Veltins trägt uns durch die Krise“, ist Huber überzeugt. Er rechnet bis Jahresende mit einem Lockdown für Events – vom Schützenfest bis zum Fußballspiel. 30 Monate dauere es, bis am Biermarkt wieder Normalität einziehe, glaubt er. Veltins selbst erwartet für dieses Jahr Umsatzeinbußen von zehn Prozent. Der Ausstoß dürfte das Niveau von 2017 erreichen. „Trotz allem wird 2020 kein Verlustjahr für uns“, betont der Generalbevollmächtigte.

    „Ein Erfolgsgeheimnis für die Privatbrauerei ist die Stabilität in der Führung“, meint Branchenexperte Walschebauer. Seit genau 25 Jahren steht Huber an der Spitze der Brauerei. Das operative Geschäft führt Volker Kuhl, Geschäftsführer für Marketing und Vertrieb. „Wir beide feiern quasi Silberhochzeit dieses Jahr“, sagt Huber augenzwinkernd.

    Kuhl ist schon länger als sein Nachfolger auserkoren. „Doch in diesen rauen Krisenzeiten bleibe ich natürlich an Bord“, sagt Huber – und wischt damit alle Spekulationen über seinen Ruhestand beiseite.

    Mehr: Bierbrauer befürchten Pleitewelle.

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