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Carsten Spohr im Interview Lufthansa-Chef verteidigt neues Vielfliegerprogramm und attackiert Klimapolitik Berlins

Carsten Spohr spricht im Interview über Streiks, die Klimadebatte, Auswege aus der Emissionsfalle und seinen Frust über gebrochene Versprechen der Politik.
14.11.2019 - 18:30 Uhr Kommentieren
„Unserer Branche werden immer neue und zusätzliche Belastungen aufgebürdet.“ Quelle: Frank Beer für Handelsblatt
Carsten Spohr

„Unserer Branche werden immer neue und zusätzliche Belastungen aufgebürdet.“

(Foto: Frank Beer für Handelsblatt)

Carsten Spohr hat ein Ziel: globalen Luftverkehr und Umweltschutz in Einklang zu bringen. Umso mehr ärgert den Vorstandschef der Lufthansa, dass die Politik seine Branche dabei im Stich lasse. „Ich bin enttäuscht, dass entgegen anderslautenden Ankündigungen die Einnahmen aus der Luftverkehrssteuer nicht für ein kraftvolles Engagement für alternative Kraftstoffe genutzt werden“, mahnte der Chef von Europas größter Fluggesellschaft im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Der Hintergrund: Die Bundesregierung hat im Zuge des Klimapakets beschlossen, das Fliegen im kommenden Jahr über eine zum Teil deutlich erhöhte Ticketsteuer zu verteuern und im Gegenzug die Mehrwertsteuer bei der Bahn zu senken. Die Mehreinnahmen aus der Ticketsteuer sollten eigentlich der Luftfahrt zugutekommen.

Davon ist mittlerweile keine Rede mehr. Spohr kritisierte die „in Teilen von Irrationalität geprägte“ Klimadebatte. Erst wenn Fluggesellschaften plötzlich vor der Insolvenz stünden, bekämen sie plötzlich die größtmögliche Unterstützung vom Staat. „Erst in so einem Moment merken alle, wie wichtig Luftverkehr für eine Wirtschaftsnation ist. Das ist leider etwas spät.“

Trotz des harten Preiswettbewerbs durch Billigairlines glaubt der oberste Lufthanseat weiter an das Premiumsegment. „Die Lufthansa-Gruppe wird den Wettbewerb nie über die Kosten gewinnen können, sondern dadurch, mindestens um den Faktor besser zu sein, den wir teurer sind“, sagte Spohr.

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    Auch Alitaliasollte Lufthansa den Zuschlag bei der insolventen Airline bekommen – sieht er eher im Premiumsegment. „Alitalia ist eine Marke, die das Potenzial hat, wieder Premium zu werden, wenn sie den richtigen kommerziellen Partner findet“, sagte Spohr.

    Lesen Sie hier das gesamte Interview:

    Herr Spohr, jüngst fielen wegen Streiks Ihrer Flugbegleiter zwei Tage lang insgesamt 1500 Ihrer Flüge aus. Wie erleben Sie solche Tage?
    Zunächst möchte ich mich bei unseren Fluggästen entschuldigen, dass es in diesem Konflikt überhaupt so weit kommen musste. Aber jetzt sind wir uns einig, gemeinsam mit der Gewerkschaft Ufo einen Schlichter anzurufen und die Gewerkschaft Verdi an diesem Prozess zu beteiligen. Langfristigen Tariffrieden erreichen wir nur, wenn diesmal alle beteiligten Parteien miteinander sprechen.

    Was kosten die beiden Streiktage?
    Das ist schwer zu beziffern, weil die Situation vor und während eines Streiks unsere Gäste verunsichert. In erster Linie natürlich diejenigen, die eine Buchung im Streikzeitraum haben …

    … die dann schon mal prophylaktisch umbuchen?
    Genau. Aber es verunsichert auch Fluggäste, deren Reise später geplant ist und die befürchten, dass es mit den Streiks weitergehen könnte. Allein Streikdrohungen kosten bereits Millionen. Solche Auseinandersetzungen sind für unsere Gäste unzumutbar und für uns entsprechend teuer.

    Wer ist für Ihr Unternehmen momentan am anstrengendsten: entnervte Vielflieger-Kunden, Klimaschützer, Konkurrenten, Aktionäre, Politiker oder gar die eigenen Leute?
    Sie haben jedenfalls die elementaren Rahmenbedingungen angesprochen, was es bedeutet, eine Airline zu führen: Man muss fortwährend um Ausgleich zwischen der Vielzahl an Stakeholdern bemüht sein. Es gibt wohl kaum andere Unternehmen, an die so vielfältige Erwartungen gerichtet werden wie an eine Airline.

    Viele LH-Crewmitglieder sind von der Gewerkschaft Ufo genervt, aber offenbar auch von ihrem Arbeitgeber Lufthansa. Woran liegt das?
    Fakt ist: Wir gehören weltweit zu den Airlines mit den geringsten Fluktuationsraten – sicher auch deshalb, weil wir die besten Sozialbedingungen und Vergütungspakete bieten. Wenn man wie wir die besten Leute gewinnen möchte, bekommt man auch die selbstbewusstesten. Und das ist dann eben manchmal anspruchsvoll in der Zusammenarbeit. Ich will im Team aber lieber konfliktfähige Top-Leute, als klaglosen Durchschnitt.

    Wie oft fliegen Sie noch mit anderen Airlines jenseits der Lufthansa-Gruppe?
    Das kommt öfter vor. Ich muss häufig zu Zielen, die wir selbst nicht anfliegen, und da schaue ich mir unsere Wettbewerber sehr genau an. Manche sind qualitativ weit von uns entfernt, andere machen einen sehr guten Job. Meine Leute wissen, dass ich von solchen Reisen gern Fotos mitbringe. Kürzlich entdeckte ich zum Beispiel mal, dass eine andere Fluggesellschaft auf ihre Toilettenspiegel noch kleine Schminkspiegel geklebt hatte. Das fand ich durchaus nachahmenswert.

    Gibt’s überhaupt was, das einen Lufthansa-Flug noch von dem anderer Anbieter unterscheidet?
    Selbstverständlich, sonst wären wir trotz unserer höheren Kosten ja nicht so erfolgreich. Und das hat eben wieder viel mit der Qualität unserer Mitarbeiter zu tun.

    Ihre Wiener Premium-Tochter AUA spürt den Wettbewerb allerdings massiv. Die Kunden wandern zu Billiganbietern ab, weil sie kaum noch Unterschiede sehen. Zählt nicht längst nur der Preis?
    Keine Airline kann ihre Flugzeuge heute nur mit Premium-Kunden füllen. Also muss ich mich auch jenen Wettbewerbern stellen können, die nur über den Preis konkurrieren. Ganz grob die Hälfte unserer Kunden entscheidet sich bewusst für uns, weil sie mit unseren Airlines fliegen wollen. Der anderen Hälfte haben wir am richtigen Tag das günstigste Angebot gemacht und bekommen aus diesem Grund den Zuschlag. In Wien ist der Konkurrenzkampf tatsächlich sehr hart. Auch weil der dortige Flughafen Billigflugangebote subventioniert und damit der AUA und damit mittelfristig auch der Anbindung des Standorts Österreich das Leben zusätzlich erschwert. Deshalb war ein Kostensenkungsprogramm dort unabdingbar.

    Sie verabschieden sich aber nicht von der Premium-Idee?
    Die Lufthansa-Gruppe wird den Wettbewerb nie über die Kosten gewinnen können, sondern dadurch, mindestens um den Faktor besser zu sein, den wir teurer sind.

    Sollte Lufthansa den Zuschlag bei Alitalia bekommen, wäre das eine weitere Premium-Airline?
    Alitalia ist eine Marke, die das Potenzial hat, wieder premium zu werden, wenn sie den richtigen kommerziellen Partner findet. Deshalb bin ich auch überrascht, dass der italienischen Politik die Frage, wer dort wie viel investiert, so viel wichtiger ist. Am richtigen Kooperationspartner wird sich vielmehr entscheiden, ob Alitalia auf einen erfolgreichen Kurs zurückfinden wird.

    Das sind also strategische, keine politischen Fragen? Erwartet die Politik nicht, dass frühere Staatsunternehmen premium bleiben müssen?
    Wenn die Politik etwas erwartet, dann eine möglichst gute Anbindung für die Volkswirtschaft. Letztlich ist ja auch unsere Eurowings so etwas wie der National Carrier von Nordrhein-Westfalen.

    Apropos Politik: Die hat versprochen, dass die Einnahmen aus der höheren Ticketsteuer in die Entwicklung alternativer Antriebstechnologien für die Luftfahrt fließen sollen. Mittlerweile ist davon nicht mehr die Rede. Frustriert Sie das?
    Ja – das betrübt mich. Wenn man von uns erwartet, dass wir den bestmöglichen Beitrag zum Klimaschutz leisten, dann sollte auch die Politik ihren Beitrag leisten. Ich bin enttäuscht, dass beispielsweise entgegen anderslautenden Ankündigungen die Einnahmen aus der Luftverkehrssteuer nicht für ein kraftvolles Engagement für alternative Kraftstoffe genutzt werden.

    Könnten wir bei alternativen Treibstoffen schon weiter sein?
    Würde man allein die Einnahmen aus der deutschen Luftverkehrssteuer fünf Jahre lang in die Entwicklung von Produktionsanlagen für nachhaltige Kraftstoffe investieren, dann könnte eine Produktion in größeren Mengen schon bald beginnen. Damit wäre dem Klima wirklich gedient.

    Warum dringt die Luftfahrtbranche so schwer bei der Politik durch?
    Die Klimadebatte war bislang in Teilen von Irrationalität geprägt. Unserer Branche werden immer neue und zusätzliche Belastungen aufgebürdet. Wenn dann aber Fluggesellschaften plötzlich vor der Insolvenz stehen, bekommen sie die größtmögliche Unterstützung vom Staat.

    Sie meinen Air Berlin.
    Zum Beispiel. Erst in so einem Moment merken alle, wie wichtig Luftverkehr für eine Wirtschaftsnation ist. Das ist leider etwas spät.

    Vielleicht sollte sich die Branche ein Beispiel an der Autoindustrie nehmen. Die erfährt Unterstützung beim Aufbau von Elektro-Ladesäulen, Sie bekommen eine höhere Ticketsteuer.
    In der Tat, aber ich bin mit 52 Jahren für einen Neustart in der Autoindustrie leider zu alt. Aber mal im Ernst: Die Bedeutung der deutschen Automobilindustrie für die deutsche Volkswirtschaft ist unbestritten. Das darf man nicht vergessen.

    „Wir brauchen nachhaltige, alternative Kraftstoffe“
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