Ceconomy Gewinneinbruch bei Media Markt und Saturn schockiert die Börse

Kurz vor Mitternacht überraschte der Elektronikhändler mit noch viel schlechteren Zahlen als ohnehin schon befürchtet. Der Kurs bricht um ein Fünftel ein.
Update: 09.10.2018 - 10:12 Uhr Kommentieren
Seit Jahresbeginn kennt der Ceconomy-Aktienkurs nur eine Richtung: nach unten. Quelle: obs
Saturn-Filiale

Seit Jahresbeginn kennt der Ceconomy-Aktienkurs nur eine Richtung: nach unten.

(Foto: obs)

Berlin, Düsseldorf, New YorkDer Offenbarungseid kam Montagnacht; genau vier Minuten vor Mitternacht ging die Adhoc-Mitteilung raus. In wenigen dürren Zeilen teilte Sebastian Kauffmann, Leiter der Investor Relations beim Elektronikhändler Ceconomy, mit, dass das Unternehmen nicht in der Lage ist, selbst die schon zweimal revidierte Ergebnisprognose einzuhalten.

Eigentlich hatte das Unternehmen erst am 25. Oktober vorläufige Umsatzzahlen für das vierte Quartal bekannt geben wollen. Doch die Abweichung von den Erwartungen ist so deutlich, dass die Haus-Juristen dringend zu einer sofortige Veröffentlichung der Jahreszahlen geraten hatten.

So wird das Vorsteuerergebnis (Ebit) nur noch bei 400 Millionen Euro liegen. Gerechnet hatte Konzernchef Pieter Haas zuvor noch mit 460 bis 490 Millionen Euro. Damit dürfte das Unternehmen unter dem Strich im laufenden Geschäftsjahr deutlich in die Verlustzone geraten. Detaillierte Zahlen für das Gesamtjahr will Ceconomy am 19. Dezember veröffentlichen.

Viele Anleger wollten so lange nicht mehr warten und verkauften ihre Aktien angesichts der Hiobsbotschaften sofort. Mehr als 20 Prozent stürzte der Aktienkurs nach Börsenstart am Dienstag ab. Zeitweise fiel der Wert unter die Marke von 4,50 Euro. Damit hat das Unternehmen seit Jahresbeginn Zwei Drittel seiner Marktkapitalisierung verloren.

Börsenteilnehmer sprachen von einem „Desaster“, in ihren ersten Blitzanalysen fanden Analysten deutliche Worte. „Die Glaubwürdigkeit des Unternehmens ist beschädigt“, schrieb Volker Bosse von der Baader Bank, Jürgen Elfers von der Commerzbank sieht das Vertrauen „schwer angeschlagen“.

Denn Ceconomy leidet nicht unter einer vorübergehenden Schwäche. Für Konzern-Chef Haas geht es mittlerweile um alles oder nichts. Er hat zwar mit den Ketten Saturn und Media Markt die Marktführer im Geschäft mit Konsumelektronik im Portfolio. Doch angesichts des rapide wegbrechenden Umsatzes in den Filialen stellt sich die Frage, ob das Geschäftsmodell überhaupt noch zukunftsfähig ist.

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Bei der zweiten Gewinnwarnung im September hatte Haas noch den heißen Sommer als Ausrede für die Schwäche bemüht. Aktuell will er gar nichts mehr sagen. „Wir analysieren die Situation und äußern uns, wenn wir weitere Erkenntnisse haben“, teilte eine Sprecherin mit. Offenbar wurde die Konzernführung kalt davon erwischt, dass sich der Gewinneinbruch bei den jüngsten Meldungen aus den operativen Einheiten Anfang Oktober so zugespitzt hat.

Das Grunddilemma: Der Onlineumsatz wächst zwar zweistellig, ist aber nicht in der Lage, die Erosion in den Filialen zu kompensieren. Dazu kommt: Der Preisdruck durch die immer stärker werdende E-Commerce-Konkurrenz frisst die Gewinne auf. Um die Kunden überhaupt noch in die Läden zu locken, greift das Unternehmen immer öfter zu großflächigen Rabattaktionen. So bekamen sie an zwei Tagen im September bei Media Markt und bei Saturn mal wieder auf sämtliche Artikel die Mehrwertsteuer geschenkt – also einen Discount von 16 Prozent auf den Endpreis.

Mit ähnlichen Aktionen hatten sich Saturn und Media Markt schon im vergangenen Jahr die Gewinnmargen verdorben. Deshalb sollte das in diesem Jahr eigentlich nicht wiederholt werden. Doch die Geschäftsführung wusste sich auch dieses Jahr nicht mehr anders zu helfen.

Das verdirbt auf lange Sicht die Gewinne. „Es ist nicht zu erwarten, dass sie in ihrem Heimatmarkt in Zukunft wieder die Margen erzielen können, an die sie aus der Vergangenheit gewöhnt waren“, prognostiziert Equinet-Analyst Christian Bruns.

Besonders prekär soll Unternehmenskreisen zufolge die Situation bei Saturn sein. Mit hektischen Managerwechseln hatte Haas versucht gegenzusteuern. So verließen im Sommer innerhalb kürzester Zeit gleich drei Geschäftsführer das Unternehmen. Zunächst traf es Saturn-Chef Carsten Strese und Klaus-Guido Jungwirth, der den Bereich Service und Solutions führte.

Dann ging auch Finanzchef Thomas Wünnenberg. Der Lösung der Probleme kam das Unternehmen dadurch nicht wirklich näher. Immer noch herrsche eine gewisse Ratlosigkeit, was gegen den Geschäftseinbruch zu tun sei, heißt es.

Dabei hatte vor knapp zwei Jahren noch alles nach Aufbruchstimmung ausgesehen. „Das wird unser Independence Day“, hatte Haas verkündet, als sich sein Unternehmen unter dem neuen Namen Ceconomy von dem Handelskonzern Metro abgespaltete. Sie seien wie ein Start-up – nur eben eines mit einem Umsatz von 22 Milliarden Euro und langjähriger Erfahrung in der Branche. Als „dynamisches, in der Branche bestens positioniertes Unternehmen“ hatte es Metro-Chef Olaf Koch gelobt.

Die Aufbruchsstimmung verfliegt

Mit wilden Experimenten demonstrierte der Konzern den Willen zum Wandel. Roboter und Virtual Reality in den Filialen von Media Markt und Saturn sollten die Kunden begeistern, kassenlose Märkte das Einkaufserlebnis verbessern. Doch nun zeigt sich: Der Aufbruchsstimmung verfliegt, der Ballast der vergangenen Jahre droht das Unternehmen immer tiefer in den Abgrund zu ziehen.

Jahrelang hatte das Unternehmen den E-Commerce vernachlässigt und ihn reinen Onlinehändlern wie Amazon oder Notebooksbilliger.de überlassen. Spät hat es die Aufholjagd gestartet, doch es ist schwierig gerade vom Onlinemarktführer Amazon Kunden zurückzuholen.

„Der Einfluss von Amazon auf die Kaufentscheidung der Kunden ist riesig“, sagt Markus Preißner, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Handelsforschung in Köln. Bei jedem zweiten Einkauf führe der Weg des Kunde mittlerweile über Amazon – und häufig bestelle der Kunde auch gleich dort. „Amazon hat bei der Benutzerfreundlichkeit und beim Service Maßstäbe gesetzt. Die Kunden sind dadurch sehr anspruchsvoll geworden“, so Preißner.

Die großen Flächen, die Saturn und Media Markt und Saturn mit ihren rund 260 Märkten allein in Deutschland haben, waren früher ein Kapital. Heute sind sie eher Belastung, weil die Umsätze sinken, die Mieten aber gleich bleiben. „Der Markt ist extrem schwierig“, sagt Handelsexperte Preißner. Der gesamte Einzelhandel leide unter stark zurückgehenden Frequenzen in den Filialen.

Doch gerade bei der Elektronikprodukten liege der Onlineanteil mit fast 30 Prozent im Vergleich zu anderen Branchen bereits am höchsten. „Echtes Wachstum gibt es nur noch im E-Commerce, im stationären Handel stagniert das Geschäft“, beobachtet der Handelsexperte.

Dazu kommen Probleme im Ausland. Vom verlustbringenden Geschäft in Russland hat sich Ceconomy gerade getrennt und sich im Gegenzug eine Beteiligung am dortigen Marktführer M.Video gesichert. Doch dafür hat das Unternehmen einen sehr hohen Preis bezahlt. „Ceconomy hat sein Geschäft in Russland praktisch verschenkt und sogar noch draufgezahlt, ohne sich im Gegenzug ausreichende Kontrollrechte bei der Beteiligung an M.Video zu sichern“, kritisiert Equinet-Analyst Christian Bruns. Und auch in anderen Ländern wie Schweden oder den Niederlanden kriselt es, ohne dass überhaupt eine Lösung in Sicht ist.

Kritische Fragen werden lauter

Sein Heil sucht Ceconomy-Chef Haas in der europäischen Konsolidierung der Branche, wo er ‧eine maßgebliche Rolle spielen will. Doch bisher beschränkt er sich auf Minderheitsbeteiligungen wie an M.Video oder dem französischen Marktführer Fnac Darty. Durch Einkaufs‧allianzen mit diesen Partnern senkt Ceconomy zwar die Kosten. „Doch um einen wirklichen europäischen Champion zu bauen fehlen ihnen die Mittel“, konstatiert Bruns.

Entscheidend für langfristigen Erfolg ist eine nahtlose Verzahnung von Onlinegeschäft und Filialen um die Kunden zurückzugewinnen. Mehr als 40 Prozent der Onlinekunden von Media Markt und Saturn holen ihre Waren im Markt ab statt sie sich zuschicken zu lassen. Das bietet dem Unternehmen zumindest die Chance, einen intensiven Kontakt zum Kunden zu behalten, ihm weitere Beratung anzubieten – und so im besten Fall zusätzlichen Umsatz zu machen.

Letztlich ist es ein „Wettlauf gegen die Zeit“, wie es ein Aufsichtsratsmitglied formuliert. Ceconomy-Chef Haas ist unter verschärfter Beobachtung. Schafft er es, rechtzeitig umzusteuern und greifen seine Maßnahmen im operativen Geschäft, bevor Umsatz und Gewinn noch stärker erodieren? Noch hat das Aufsichtsgremium Geduld mit dem Vorstandschef, doch die kritischen Fragen werden lauter. Viele weitere Gewinnwarnungen darf sich Haas wohl nicht mehr leisten. Dann könnten irgendwann auch seine Tage gezählt sein.

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