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Chemiebranche Das Schicksal des Henkel-Konzerns hängt am Klebstoff

Henkels größter Geschäftsbereich leidet unter der Flaute in der Auto- und Elektronikindustrie. E-Mobilität und 5G sollen die Wende bringen.
Update: 16.07.2019 - 12:36 Uhr Kommentieren
Der Konzern sucht nach neuen Geschäftsfeldern für die Klebstoffsparte. Quelle: Reuters
Henkel-Zentrale in Düsseldorf

Der Konzern sucht nach neuen Geschäftsfeldern für die Klebstoffsparte.

(Foto: Reuters)

Düsseldorf Wenn Jan-Dirk Auris seinem Besucher die Baustelle zeigt, gerät er ins Schwärmen: „Das Gebäude hat sieben Etagen, jede ist so groß wie ein Fußballfeld“, freut sich der Vorstand der Klebstoffsparte beim Henkel-Konzern über das neue Forschungszentrum. „Hier arbeiten künftig die Forscher und Entwickler aus 50 Einzellabors über alle Ressortgrenzen hinweg eng zusammen“, beschreibt er die Aufgabe des 130-Millionen-Euro-Projekts auf dem Henkel-Campus in Düsseldorf. Die Investition ist auch bitter nötig.

Innovationen aus dem Forschungszentrum sollen seiner Sparte wieder zu neuer Stärke verhelfen. Zwar ist Henkel mit Industrieklebstoffen für die Auto-, Elektronik- und Flugzeugbranche noch mit Abstand Weltmarktführer. Doch die Sparte, die sonst für beste Ergebnisse und Zuversicht in der Düsseldorfer Konzernzentrale sorgt, ist überraschend schwach ins neue Jahr gestartet. Im ersten Quartal sank der Umsatz mit den Klebstoffen um fast ein Prozent.

Denn auch wenn Henkel eher für Persil, Pril oder Fa bekannt ist, steuern die Klebstoffe knapp 50 Prozent zum Umsatz von zuletzt 20 Milliarden Euro und gut 50 Prozent zum operativen Gewinn von zuletzt 3,5 Milliarden Euro bei. Und so hängt das Schicksal Van Bylens und des gesamten Konzerns am Geschäft, das Auris mit „kleben, dichten und beschichten“ beschreibt.

Es müssen dringend neue Ideen her. Denn die Phantasielosigkeit des Konzerns wird seit zwei Jahren an den Finanzmärkten abgestraft: Fast ein Drittel hat der Aktienkurs in dieser Zeit verloren – in einem sonst positiven Börsenumfeld, wohlgemerkt. Das wird nun auch zum Problem von Konzernvorstand Hans Van Bylen. Will er reüssieren, muss vor allem die Klebstoffsparte liefern.

Dass Hans Van Bylen trotz des dümpelnden Aktienkurses noch so gelassen auftreten kann, liegt in der Unternehmensstruktur begründet. 61 Prozent der Anteile gehören der Familie Henkel. Und das allein verhindert derzeit, dass sich Aktivistische Investoren einmischen. Forderungen, den Konzern zu spalten, kommen deswegen nicht auf. Und so kann Van Bylen an seiner Drei-Säulen-Strategie mit der Klebstoff-, der Beauty- und der Waschmittelsparte festhalten.

Die Unruhe wächst

Die Familie hat die Geduld mit ihrem Vorstandschef noch nicht verloren. Das Oberhaupt der Familie, Simone Bagel-Trah, hat als Aufsichtsratschefin von Henkel das wichtigste Wort bei der Besetzung des Vorstands. Doch die Familie dürfte ebenso wenig Freude am Aktienkurs haben wie die übrigen Aktionäre und Mitarbeiter.

Im Unternehmen wächst jedenfalls die Unruhe. „Viele Mitarbeiter sind derzeit verunsichert und fragen sich, wie es an der Vorstandsspitze weitergeht“, sagt Birgit Helten-Kindlein, Betriebsratschefin und Vize-Chefin des Aufsichtsrats. „Verlängert Van Bylen? Holt die Familie jemand von außen oder vertraut sie auf das eigene Management?“, fragt sie. Dem Vernehmen nach läuft Van Bylens Vertrag, der im Mai 2016 auf den charismatischen Kasper Rorsted folgte, noch zwei Jahre.

Wie es weitergeht, hängt vor allem an der Entwicklung der größten Konzernsparte, den Klebstoffen. Und da läuft es vor allem bei der Autoindustrie nicht mehr rund. „Wenn zum Beispiel die Autohersteller wie zuletzt in China deutlich weniger Fahrzeuge verkaufen, merken wir das natürlich auch“, räumte Auris im Gespräch mit dem Handelsblatt ein.

Der Klebstoffhersteller will diesen Geschäftsbereich stärken. Quelle: dpa
Der Pritt-Stift

Der Klebstoffhersteller will diesen Geschäftsbereich stärken.

(Foto: dpa)

Die Autohersteller sind wichtige Kunden von Henkel. Sie steuern einen Großteil zum Umsatz des Bereichs Transport und Metall von zuletzt rund zwei Milliarden Euro bei. Und momentan sieht es nicht danach aus, dass es in der Autobranche im zweiten Halbjahr wieder aufwärts geht. Das Center of Automotive Management aus Bergisch-Gladbach erwartet, dass der weltweite Pkw-Absatz in diesem Jahr um fünf Prozent sinken wird.

Auris will die 40 Prozent seines Geschäfts, das stärkeren konjunkturellen Schwankungen unterworfen ist, durch drei Wachstumstrends ausgleichen: „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir künftig in den drei großen Bereichen Nachhaltigkeit, Mobilität und Vernetzung stark wachsen werden.“ Insbesondere das Geschäft mit Elektroautos spielt da eine wichtige Rolle. Er stützt sich auf Prognosen, wonach der Weltmarkt für mit Strom betriebene Fahrzeuge bis 2024 von fünf auf 18 Millionen Pkw wachsen wird. Henkel will mit speziellen Kleb- und Dichtstoffen in der Karosserie dafür sorgen, dass die Autos leichter werden.

Konkurrenten wie den US-Konzern H.B. Fuller oder die Schweizer Sika will Auris auf Abstand halten, indem man immer früher in den Entwicklungsprozess mit der Industrie einsteigt. So arbeitet Henkel bereits zwei bis drei Jahre, bevor VW oder BMW neue Modelle auf den Markt bringen, mit den großen Autokonzernen zusammen. „So erkennen wir neue Trends sehr früh und können mit der Industrie die Standards setzen“, sagt Auris.

„Wir erwarten eine Verbesserung im zweiten Halbjahr“

Der Düsseldorfer Konzern hat das Problem, dass nicht nur das Autogeschäft stark von Konjunkturzyklen abhängig ist. Das gilt auch für das Elektronikgeschäft, das zuletzt rund eine Milliarde Euro zum Umsatz beisteuerte. Denn die sinkende Produktion von Smartphones etwa von Apple bekommt Henkel als Zulieferer zu spüren.

Auris hofft jetzt auf die neue Mobilfunkgeneration 5G, für die die Bundesregierung vor Kurzem die Lizenzen versteigert hat. In den kommenden Jahren sollen nach Schätzung von Experten allein 20 Millionen 5G-Basisstationen weltweit gebaut werden. Da will Henkel kräftig mitmischen. Doch das Geschäft mit Smartphones und Mobilfunkstationen der neuen Generation steht erst am Anfang.

Dennoch macht Vorstandschef Van Bylen sich und den Aktionären Mut: „Wir erwarten im Klebstoffgeschäft eine Verbesserung im zweiten Halbjahr“, sagte er im Mai bei der Vorstellung der Zahlen für das erste Quartal.

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Doch die Analysten sind skeptisch. „Ich rechne insgesamt mit einer leichten Abschwächung des Wachstums im Klebstoffgeschäft im Jahresvergleich“, sagt Martin Deboo von der US-Investmentbank Jeffries. Im vergangenen Jahr hatte Henkel organisch - also ohne Wechselkurseffekte und Akquisitionen - seinen Umsatz in der Sparte um vier Prozent gesteigert. Es bestehe die Gefahr, dass Henkel seinen Vorsprung gegenüber Konkurrenten verlieren könnte, meint Deboo.

Auch ohne die Schwäche der langjährigen Vorzeigesparte hätte Van Bylen schon genug Probleme zu meistern. So muss er das Wachstum im Konsumgütergeschäft der beiden anderen Sparten Beauty und Waschmittel antreiben. Dazu hat er im Januar angekündigt, jedes Jahr rund 300 Millionen zusätzlich in Wachstum zu investieren, vor allem für neue Produkte und Relaunches im Konsumentengeschäft.

Doch seine Botschaft kam an der Börse nicht gut an. Die Aktie verlor bis zu zehn Prozent. Denn er machte gleichzeitig klar, dass Henkel in diesem Jahr erstmals seit Langem mit einer sinkenden Rendite rechnet. Statt der operativen Gewinn-Marge von 17,6 Prozent wie im vergangenen Jahr erwartet er nur noch 16 bis 17 Prozent.

L'Oréal liegt vorne

Vor allem die Beauty-Sparte, das kleinste Geschäftsfeld von Henkel, bleibt ein Sorgenkind. Denn das Profigeschäft mit Haarpflegeprodukten für Friseure läuft zwar gut, aber das Massengeschäft mit Haarshampoos von Schauma und Co. leidet unter den Preiskämpfen in den Supermärkten. „Henkel ist im Beauty-Geschäft verglichen mit L‘Oréal und Procter & Gamble ein kleines Unternehmen“, sagt Heiko Feber, Analyst vom Bankhaus Lampe in Düsseldorf. Während Henkel zuletzt einen Umsatz von vier Milliarden Euro erreichte, lag der französische Konzern L‘Oréal mit rund 27 Milliarden und die Beauty-Sparte von Procter & Gamble mit rund elf Milliarden Euro weit vorne.

Henkel muss sich deshalb nach Meinung Febers überlegen, ob es mit allen heutigen Marken im Massengeschäft für Beauty dauerhaft mitspielen will. Das sieht mancher andere Experte auch so und fordert, dass der Düsseldorfer Konzern die gesamte Sparte oder zumindest das wenig profitable Massengeschäft verkauft. Doch Van Bylen hält davon nichts und betont gerne: „Wir sehen gute Chancen, das Wachstum zu beschleunigen.“

Darauf hoffen auch die Mitarbeiter. Betriebsratschefin Helten-Kindlein hat den Eindruck, dass „viele Mitarbeiter empfinden, dass es an der Zeit ist, wieder mehr positive Akzente zu setzen“, sagt die Betriebsratschefin. So sieht sie „wenig Spielraum für weitere Sparmaßnahmen“. Die Mitarbeiter forderten stattdessen „Transparenz und eine offene Kommunikation“.

Mehr Transparenz erhoffen sich auch die Aktionäre von den Quartalszahlen am 13. August. Dann wird sich zeigen, ob es Van Bylens wichtigstem Mann Jan-Dirk Auris gelungen ist, seine Klebstoffsparte wieder auf Wachstumskurs zu bringen.

Mehr: FMCG-Ranking – Die 50 größten Konsumgüterhersteller sind so profitabel wie nie. Deutsche Unternehmen wie Henkel und Beiersdorf liegen bei wichtigen Trends zurück.

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