Clemens Tönnies: „Wir werden um die Vion-Standorte kämpfen“
Düsseldorf. Unternehmer Clemens Tönnies geht gegen das Verbot des Kartellamts zur Übernahme der Vion-Schlachthöfe in die Offensive. Der Chef der Premium Food Group (PFG, vormals Tönnies-Gruppe) hatte sich zuletzt nach den Corona-Ausbrüchen in seinem Schlachthof der Öffentlichkeit gestellt. Am Montagabend warb der Chef des größten deutschen Schlachters bei einer Anhörung des Bauernverbands Hohenlohe für den Kaufvertrag mit Vion.
„80 bis 100 Millionen Euro wollen wir investieren, um die Betriebe nachhaltig zukunftssicher zu machen“, sagte Tönnies. Die Vion-Schlachthöfe sollen neu ausgerichtet werden auf Veredlung – also die hochwertige Weiterverarbeitung von Fleisch – und regionale Marken.
Fast 600 Landwirte, Vertreter von Bauern, Handel und Politik waren in die Sportarena Ilshofen gekommen, wo sonst auch Viehauktionen stattfinden. Viele Viehhalter sind in Sorge, schließlich geht es um die Zukunft der Rinderschlachthöfe in Süddeutschland. Der niederländische Schlachter Vion will sich von seinem größten Markt Deutschland zurückziehen und seine Rinder-Standorte an den deutschen Branchenprimus verkaufen.
Doch das Kartellamt hatte der PFG die Übernahme Mitte Juni verboten – wegen zu großer Marktmacht. Gegen das Verbot hatte Tönnies Beschwerde beim Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf eingelegt – und auch den Antrag auf eine Ministererlaubnis von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) in Erwägung gezogen. „Wir werden um die Vion-Standorte kämpfen und alle rechtlichen Mittel ausschöpfen“, betonte Tönnies am Dienstag vor Journalisten.
Westfleisch-Offerte sieht Tönnies als „Störfeuer“
Zur großen Überraschung kam auch Wilhelm Uffelmann, CEO von Westfleisch, zu Clemens Tönnies in Ilshofen aufs Podium. Konkurrent Westfleisch gehörte ursprünglich nicht zu den Vion-Bietern. Die Genossenschaft hatte aber kürzlich unerwartet Interesse an einer Übernahme bekundet, wie das Handelsblatt berichtete. Zugleich hatte Westfleisch Ministerin Reiche in einem Brief vor einer Ministererlaubnis gewarnt.
Clemens Tönnies nennt die Westfleisch-Offerte ein „Störfeuer“. Er frage sich, was der Unterschied sei, wenn die Nummer zwei im Rindermarkt (Westfleisch) statt der Nummer drei (PFG) die Nummer eins (Vion) übernehme, was das Kartellamt kritisiert hatte.
Auch die Argumentation der Wettbewerbshüter, die Nummer eins bei Schweinen dürfe nicht die Nummer eins bei Rindern werden, hält Tönnies für unsinnig. Das wäre so, als wenn das Kartellamt Mercedes-Benz nur bei Pkw, aber nicht bei Lkw eine gute Marktstellung erlaube.
Tönnies räumt ein: „Ich weiß, dass die Ministerin eine Ministererlaubnis mit spitzen Fingern anfasst, insbesondere seit Wettbewerber Westfleisch ihr einen Brief geschrieben hat.“ Der Brief liegt dem Handelsblatt vor. „Das geht schon in Richtung Unanständigkeit, uns in dem Brief so darzustellen“, meint Tönnies.
Der Ton auf dem Podium in Ilshofen soll indes sachlich und respektvoll gewesen sein, berichten Teilnehmer. Die Branche steht unter Druck. Die Zahl der Rinder in Bayern ist in 20 Jahren um ein Viertel auf 2,7 Millionen Tiere gesunken. Vion und Wettbewerber hatten bereits Schlachthöfe stillgelegt. Viehhalter befürchten längere Wege.
Viehhalter fürchten unkalkulierbare Verzögerung
Nach dem Verbot des Kartellamts warnen Landwirte vor unkalkulierbaren Verzögerungen und einem Investitionsstau. Denn bis zu einer Entscheidung des OLG kann es dauern. Tönnies rechnet mit ein bis anderthalb Jahren. „Bei dem Druck, der in Süddeutschland in der Branche herrscht, denke ich nicht, dass das die Ministerin kalt lassen wird.“
Allerdings erscheint eine etwaige Ministererlaubnis unwahrscheinlicher, weil sich nicht nur Westfleisch als Käufer anbietet. Tjarda Klimp, CEO Vion Food Group, erklärt nun: „Unmittelbar nach der Entscheidung des Bundeskartellamts am 12. Juni haben sich mehrere Interessenten bei uns gemeldet. Das stimmt uns zuversichtlich, dass wir in jedem Fall eine gute Lösung für Standorte in Süddeutschland finden werden.“
Die Interessenten sollen schon in der ersten Bieterrunde aktiv gewesen sein, heißt es in Branchenkreisen. Demnach hätten Schlachter aus Irland und Frankreich Interesse an den Vion-Standorten bekundet. Zu den Namen anderer Bieter wollte sich Vion nicht äußern.
Tönnies warnt vor ausländischen Bietern
Manche Viehhalter sorgen sich: „Vom Ausland abhängig zu sein ist Mist“, meinte etwa Franz Eder von der Erzeugergemeinschaft Traunstein beim Start des Bieterprozesses um Vion. Auch Tönnies warnt vor ausländischen Käufern: „Wir laufen in eine Unterversorgung mit Fleisch.“ Bei Schweinen gebe es zwar rechnerisch 120 Prozent Selbstversorgung in Deutschland. Aber nur 55 Prozent eines Tiers würden auch genutzt, der Rest wie Pfoten exportiert.
„Das würde sich gerade bei Rind massiv verstärken, weil ein Bigard oder ABP kein Interesse an Schwein hätte“, so Tönnies. Bigard mit Sitz in Frankreich und ABP in Irland sind ebenfalls große Schlachthofbetreiber. Sie interessiere das gute süddeutsche Vieh, meint Tönnies. Wenn dies nach Frankreich oder auf die Insel gefahren werde, fehle es dem deutschen Markt. Dann würde der Preis für Rindfleisch weiter kräftig steigen, glaubt Tönnies.
Vion stellt klar, dass es aktuell keine Verhandlungen gibt, weder mit Westfleisch noch mit anderen Interessenten. Der Kaufvertrag zwischen Vion und PFG ist Branchenmedien zufolge bis Anfang 2026 bindend.
Vion-Chefin Klimp betont: „Wir haben keinen Grund zur Eile und führen den Verkaufsprozess unserer Standorte in Süddeutschland mit Geduld, Sorgfalt und den notwendigen Ressourcen weiter.“
Klimp wehrt sich gegen Äußerungen, es gebe einen massiven Investitions- oder Sanierungsbedarf. Diese Spekulationen oder Aussagen seien „schlicht falsch.” „Unsere Standorte in Süddeutschland arbeiten profitabel und sind in einem sehr guten Zustand.“ Das bestätigten Audits.
Der Poker um die Vion-Schlachthöfe geht bald weiter. Schon am Mittwochvormittag treten Westfleisch-Chef Uffelmann und fünf Manager mit dem Bayerischen Bauernverband in Herrsching am Ammersee auf. Clemens Tönnies hat Uffelmann um eine Einladung gebeten: „Wenn er mich einlädt, bin ich da.“
Erstpublikation: 29.07.2025, 17:36 Uhr.