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Containerunglück Havarie in der Nordsee verunsichert Schifffahrtsbranche

270 Container der MSC Zoe treiben seit Mittwochnacht durch die Nordsee. Experten rätseln über die Gründe. Dabei ist das Unglück kein Einzelfall.
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Experten rätseln noch immer darüber, wie die Container der MSC Zoe von Bord gehen konnten. Quelle: AP
MSC Zoe

Experten rätseln noch immer darüber, wie die Container der MSC Zoe von Bord gehen konnten.

(Foto: AP)

Düsseldorf Waren es ungenügende Befestigungslaschen, wie der Bremer Schiffbau-Professor Ulrich Malchow glaubt, die in der Nacht zum Mittwoch 270 Container von Bord der „MSC Zoe“ kippen ließen? Oder hatten Speditionen beim Gewicht ihrer Ladung geschummelt, so dass die gestapelten Boxen ihre Stabilität einbüßten? Diese Unfallursache hält der Verband Deutscher Reeder (VDR) für denkbar.

Klar ist nur, dass sich der Container-Riese auf seiner Fahrt vom belgischen Antwerpen nach Bremerhaven in schwerer See befand, als die Boxen über Bord gingen. Doch ein amtlicher Grund für die Havarie, die seit Tagen reichlich Treibgut – darunter Fernsehgeräte, Sandalen und gefährliche Kunststoffe – an Frieslands Stränden anhäuft, fehlt bislang.

Und das, obwohl die Überreste der Container neben den niederländischen Wattenmeer-Inseln Vlieland, Terschelling und Ameland inzwischen auch Borkum erreicht haben. „Wir stehen mit unseren Untersuchungen erst am Anfang“, berichtet Harald Erdbeer von der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung in Hamburg. „Noch herrscht ein wildes Durcheinander, selbst was die genaue Anzahl der verlorenen Container angeht.“

Zur Unfallursache bedeckt hält sich auch die Mediterranean Shipping Company (MSC), zweitgrößte Container-Reederei der Welt und Eigentümerin der der „MSC Zoe“. Anfragen in der Genfer Unternehmenszentrale ließ der von Gianluigi Aponte gegründete Familienkonzern mehrfach unbeantwortet. Auch über zu zahlenden Schadensersatz will sich MSC bislang nicht äußern.

„Außer den vermutlich unzureichenden Lashings [Befestigungen, Anmerk. der Redak.] gibt es eigentlich keinen anderen Grund für die Havarie“, glaubt Schiffsbau-Ingenieur Malchow, der an der Hochschule Bremen lehrt. Einen Seeschlag, also eine Welle, die Fracht von Bord hätte spülen können, schließt er aus. „Dafür sind die Bordwände viel zu hoch“, erklärte er dem Handelsblatt.

Außerdem seien die Stahlboxen von beiden Schiffsseiten ins Meer gefallen, was gegen ein solches Wetterunglück spreche. „Die Klassifizierungsgesellschaften wie DNV oder Bureau Veritas müssen ihre Vorschriften hinsichtlich der Containerbefestigung überarbeiten“, fordert er.

Dass es ausgerechnet die „MSC Zoe“ trifft, überrascht. Das Schiff galt im Februar 2015 bei dessen Taufe im Hamburger Hafen nicht nur als der weltgrößte Containerdampfer, sondern auch als einer der sichersten. Eine „Doppelhüllen-Struktur“ sollte dem Rumpf zusätzliche Stärke und Festigkeit verleihen. Damit konnte das 395 Meter lange und 59 breite Schiff, gebaut in Korea bei Daewoo, 19.224 Container (TEU) transportieren – Anfang 2015 ein Rekord. Und der Stolz der Reederei-Familie.

Getauft wurde es auf den Namen der damals vierjährigen Enkelin des Firmengründers. Zoe Vago ist die Tochter von Alexa Aponte und deren Ehemann Pierfrancesco Vago, dem Chef der Kreuzfahrt-Tochter MSC Cruises.

Während die Reederei nach eigenen Angaben Spezialunternehmen beauftragt hat, die Strände zu säubern und im Meer mit Sonargeräten nach verschollenen Stahlboxen zu suchen, fordern Politiker und Verbände zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen für die Container-Seefahrt.

So machen sich Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) und die Umweltorganisation Greenpeace für Peilsender stark, die an Gefahrgut-Container angebracht werden sollen, um die Boxen nach Havarien unter Wasser aufspüren zu können.

Freiwillige sammeln am Strand der niederländischen Insel Ameland angespülte Waren ein, die aus den über Bord gegangenen Containern der „MSC Zoe“ stammen. Quelle: dpa
Angespültes Treibgut nach Frachterhavarie

Freiwillige sammeln am Strand der niederländischen Insel Ameland angespülte Waren ein, die aus den über Bord gegangenen Containern der „MSC Zoe“ stammen.

(Foto: dpa)

Unter Experten findet der Vorschlag wenig Anklang. Zwar sind bereits heute in manchen Stahlboxen GPS-Sender im Einsatz, beispielsweise wenn es um weltvolle Ladung oder Kühlgut geht. Ob sie aber auch noch unter Wasser empfangbare Signale senden können, hält die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung für zweifelhaft.

Dabei ist das Unglück der „MSC Zoe“ kein Einzelfall. Im Juni 2013 zerbrach die „MOL Comfort“ im Indischen Ozean und verlor dadurch sämtliche 4293 Frachtcontainer. Nur acht Monate später havarierte die „Maersk Svendborg“, ein Schiff unter dänischer Flagge mit 7200 Containerstellplätzen, in der Biskaya. Bei 60 Knoten Windgeschwindigkeit und zehn Meter hohen Wellen gingen 517 Stahlboxen über Bord.

Zwischen 2008 und 2016, so errechnete der Reederei-nahe World Shipping Council, verschwanden pro Jahr im Durchschnitt 1582 Seecontainer – zwei Drittel davon durch Schiffskatastrophen.

Dass die „MSC Zoe“ ein höheres Unfallrisiko besitzt, weil sie unter der Flagge Panamas fährt, wie einige Branchenbeobachter bemerkten, passt dagegen eher in die Kategorie Seemannsgarn. Zum einen hat es die einstige Billigflagge inzwischen auf die „White List“ der UN-Seefahrtsorganisation MoU geschafft, zum anderen meldete am Freitag auch das Containerschiff „Yantian Express“ Feuer an Bord. Der Dampfer der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd trägt die Farben Schwarz-Rot-Gold.

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