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Corona-Hotspots Veranstalter klagen über „Lockdown durch die Hintertür“

Kulturbetriebe in Hotspots dürfen nun noch weniger Plätze besetzen. Das GOP-Varieté wehrt sich juristisch. Das Düsseldorfer Kom(m)ödchen macht wieder dicht.
19.10.2020 - 08:35 Uhr Kommentieren
Die Kabarettisten protestieren gegen die neuen Corona-Restriktionen. Die Verordnung komme einem Berufsverbot gleich. Quelle:  Kom(m)ödchen
Ensemble des Düsseldorfer Kom(m)ödchens

Die Kabarettisten protestieren gegen die neuen Corona-Restriktionen. Die Verordnung komme einem Berufsverbot gleich.

(Foto:  Kom(m)ödchen )

Düsseldorf Anfang Oktober hatte das Düsseldorfer Kom(m)ödchen gerade erst seinen Spielbetrieb wieder aufgenommen - nach sechseinhalb Monaten Zwangspause. Dann wurde die Landeshauptstadt zum Corona-Risikogebiet erklärt. Seit Dienstag hat das traditionsreiche politische Kabarett, das Größen wie Harald Schmidt, Jochen Busse und Christian Ehring zum Ensemble zählte, wieder seine Türen geschlossen – vorerst bis Monatsende.

„Dürfen wir weiterhin nur 20 Prozent unserer Sitzplätze besetzen, machen wir das Kom(m)ödchen dicht“, sagt Theaterchef Kay Lorentz. „Für uns bedeutet dies, vor maximal 40 Leuten spielen zu müssen. Damit ist kein Spielbetrieb möglich.“

Sonst ist das Haus mit 200 Plätzen immer voll. „Wir haben jahrelang glänzend gewirtschaftet, waren in 73 Jahren nie auf Subventionen angewiesen“, betont der Unternehmer, der das Kom(m)ödchen vor 28 Jahren von seinen Eltern Kay und Lore Lorentz übernahm.

Das Hygienekonzept des Kabaretts ging weit über die bisherigen Anforderungen hinaus. Statt 168 besetzte er maximal 105 Plätze. „Das war zwar nicht kostendeckend, aber so konnten wir das Vertrauen des Publikums zurückgewinnen.“ Seine Forderung an die Politik: „Wir wollen nicht mehr Hilfsgelder, wir wollen Publikum!“

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    Lorentz fühlt sich als Kulturschaffender von der Politik im Stich gelassen und gibt sich kämpferisch. Am Samstag schaltete das Kom(m)ödchen eine ganzseitige rote Anzeige in der „Rheinischen Post“: „Düsseldorf braucht Kultur. Mit Sicherheit.“ Prominente Mitunterzeichner wie Die Toten Hosen, Jacques Tilly oder Eckart von Hirschhausen fordern die Aufhebung der NRW-Verordnung, in Corona-Risikogebieten Sitzplätze auf 20 Prozent zu begrenzen. Es gebe nachweislich kein erhöhtes Infektionsrisiko im Kulturbereich. Sie fürchten den „Tod der bisherigen Kulturlandschaft“.

    Die Veranstaltungsbranche ist der sechstgrößte Wirtschaftszweig Deutschlands mit rund 130 Milliarden Euro Umsatz und vielen Millionen Beschäftigten. Viele Firmen haben seit dem Corona-Ausbruch kaum noch Einnahmen.

    Die verschärften Corona-Regeln in den Hotspots – und dazu zählt inzwischen fast jede Großstadt – machen die gerade erst zaghaft angelaufenen Geschäfte wieder zunichte. Betroffen sind Kulturveranstalter, Messe-, Kongress- und Tagungswirtschaft, Betreiber von Spielstätten und zahllose Dienstleister.

    „Veranstaltungskosten, die wegen reduzierter Kapazitäten anfallen, müssen ersetzt werden ebenso wie die dadurch entstehenden Verluste“, fordert die Aktion #AlarmstufeRot. Die Initiative der Veranstaltungsbranche hat für den 28. Oktober zur zweiten Großdemo in Berlin aufgerufen.

    Protest mit den „Toten Hosen“

    Die meisten Veranstalter wollen keine Almosen vom Staat, sondern nur ihren Beruf ausüben – unter Einhaltung von Hygieneregeln, versteht sich. „Ich bin kein Corona-Leugner“, betont Kom(m)ödchen-Chef Lorentz. Aber die Politik müsse wieder zu vernünftigem Augenmaß zurückfinden. Er sieht sich als Bauernopfer. Die Beschränkung auf 20 Prozent der Sitzplätze hält er für „reine Willkür“.

    Auch das GOP-Theater, Europas größter Varietébetrieb, ist von den verschärften Corona-Regeln stark getroffen. Seit zehn Tagen darf das Haus in Bremen nur noch 100 Leute einlassen – inklusive Personal, normalerweise passen 402 Gäste in das Theater. Wegen der Pandemie waren seit Sommer 200 Personen erlaubt. Doch nun ist Bremen Corona-Risikogebiet. „Die Beschränkung ist für unser Familienunternehmen verheerend – ein zweiter Lockdown durch die Hintertür“, sagt Dennis Grote, der den Familienbetrieb in dritter Generation leitet.

    Familienunternehmen in dritter Generation: Dennis Grote (links) mit Vater Hubertus und Bruder Kevin Quelle: GOP Varieté
    GOP Varieté

    Familienunternehmen in dritter Generation: Dennis Grote (links) mit Vater Hubertus und Bruder Kevin

    (Foto: GOP Varieté)

    Was den Unternehmer besonders ärgert: Nebenan auf der Bremer Uferpromenade Schlachte sitzen oft 150 Leute in einem Restaurant. „Als Theater dürfen wir nur 100 Besucher einlassen, egal, wie groß und gut durchlüftet unser Saal ist.“ Auch in den GOP-Häusern speisen 80 Prozent der sonst 800.000 Gäste im Jahr.

    Dabei ist Grote überzeugt, alles getan zu haben, damit sich in den sieben GOP-Theatern in Deutschland niemand anstecken kann. Die Lüftung führe zehnmal mehr Frischluft zu als vorgeschrieben. Zusätzlich wurden Plexiglasscheiben zwischen den Reihen und Tischen angebracht, damit sich die Gäste sicher fühlen.

    Der Theaterchef weiß: „Wenn wir zu lange nicht auftreten, werden wir schnell vergessen. Deshalb spielen wir weiter – trotz Verlustgeschäft.“ Das Familienunternehmen hat auf die Wintersaison gehofft, wo der Hauptumsatz gemacht wird. „Unser Familienunternehmen hat nie einen Cent Subventionen erhalten und immer sparsam gewirtschaftet“, betont Grote. Aber inzwischen seien alle liquiden Mittel aufgebraucht.

    So hat GOP einen mittleren Millionenbetrag als KfW-Kredit aufnehmen müssen. Im April noch war Familie Grote zuversichtlich, die Krise ohne Darlehen durchzustehen. Auf Corona-Soforthilfen hat das Familienunternehmen nur begrenzt Anspruch. Die Theater in Münster, Hannover, Bremen, Bonn, Bad Oeynhausen, Essen und München operieren zwar eigenständig, werden aber größtenteils als Gruppe betrachtet. „Mit mehr als 1000 Mitarbeitern und zuletzt 47 Millionen Euro Umsatz gelten wir nicht als förderungswürdig“, wundert sich Grote. „Wir fallen durch fast alle Raster.“

    Notfalls bis zum Bundesverfassungsgericht

    Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) räumte vergangene Woche bei einem Treffen mit Initiatoren der #AlarmstufeRot und Verbänden der Veranstaltungsbranche Nachbesserungsbedarf bei Coronahilfen ein: „In einigen Hilfsprogrammen wie den Überbrückungshilfen ist noch Luft, weil sie weniger stark als befürchtet beansprucht wurden.“ Dies erlaube maßgeschneiderte Programme etwa für die Veranstaltungswirtschaft.

    Der Verband Famab, der Event- und Messedienstleister vertritt, kritisiert etwa das komplizierte Antragsverfahren für die Überbrückungshilfen. Hier müsse dringend nachgebessert werden. Nicht abgerufene Mittel sollten in ein Sonderprogramm für notleidende Branchen überführt werden.

    GOP-Geschäftsführer Grote ist verunsichert. „Fast im Wochentakt werden die Corona-Schutzverordnungen geändert“, ärgert er sich. „Es ist eine Achterbahn der Gefühle.“ Auch weiß er nicht, wie viele Karten er im Vorverkauf für den Winter anbieten darf. Zudem treffen die Beherbergungsverbote das Varieté. Denn viele Gäste buchen die Shows für einen Städtetrip.

    Das GOP-Varieté ist in Bremen gerichtlich gegen die Restriktionen bei der Gästezahl vorgegangen, in zwei Instanzen aber gescheitert. „Wir finden die Maßnahmen unverhältnismäßig“, begründet Grote. „Existenzen und Arbeitsplätze werden vernichtet, gerade bei den kleinen Unternehmen und im Mittelstand, die Deutschland ausmachen.“ Der Unternehmer denkt darüber nach, bis zum Bundesverfassungsgericht zu gehen. „Unsere wirtschaftliche Freiheit ist massiv eingeschränkt. Uns geht es ums Prinzip – und ums Überleben.“

    Mehr: Präsenz trotz Pandemie: Wie Messen um Besucher kämpfen

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