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Coronakrise Bis zu 13 Milliarden Euro Coronaschäden – Deutsche Bahn braucht Geld vom Bund

Der Bahn fehlen in der Coronakrise die Passagiere. Dem Konzern droht ein milliardenschweres Defizit. Der Bund soll die Verluste ausgleichen.
11.05.2020 Update: 11.05.2020 - 14:32 Uhr 2 Kommentare
Gefahr für die Bahn: Fahrgäste könnten dauerhaft auf den Pkw und andere Verkehrsmittel umsteigen. Quelle: dpa
Zug der Deutschen Bahn

Gefahr für die Bahn: Fahrgäste könnten dauerhaft auf den Pkw und andere Verkehrsmittel umsteigen.

(Foto: dpa)

Berlin, Düsseldorf Im Januar war Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer überzeugt, dass er „Eisenbahngeschichte“ schreiben wird. Scheuer und Bahnchef Richard Lutz unterzeichneten eine Finanzierungsvereinbarung über 86 Milliarden Euro. Der CSU-Minister sprach von einer „Modernisierungsoffensive auf Rekordniveau“. Da ahnte er noch nicht, dass der größte Staatskonzern den Staat auf absehbare Zeit viel mehr kosten wird. Die Bahn fährt mit der Coronakrise in tiefrote Zahlen.

Allein der Fernverkehr könnte in diesem Jahr wohl einen Verlust von mehr als zwei Milliarden Euro einfahren. Noch sind das alles Hochrechnungen des Bahnvorstands. Als sicher gilt allerdings, dass alle Geschäftsbereiche in die roten Zahlen fahren. Nur die Logistiktochter Schenker wird Gewinn machen, heißt es. Laut Finanzierungsvereinbarung mit dem Bund, die dem Handelsblatt vorliegt, fallen allenfalls 400 Millionen Euro Gewinn in den vier Jahren weg. Schenker macht normalerweise im Jahr um die halbe Milliarde Euro Gewinn.

Das Gesamtvolumen der Coronaschäden beläuft sich im besten Fall auf elf Milliarden Euro. Im Worst Case, wenn also die Erholung im Personen- wie im Güterverkehr erst nach 2022 einsetzen sollte, steigen die Gesamtverluste auf 13,5 Milliarden Euro.

Um die Finanzierungslöcher zu stopfen, ist der Bund bereit, frisches Eigenkapital zuzuschießen. Rund 5,5 Milliarden Euro im günstigsten Fall, 6,7 Milliarden Euro, wenn es schlechter als erwartet läuft. Die Bahn selbst will die Hälfte des Defizits durch eigene Beiträge decken. Gut vier Milliarden Euro sollen dabei nach Informationen des Handelsblatt aus der Bahnführung durch Einsparungen bei Sach- und Personalausgaben kommen.

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    Der Bahnvorstand plant keine Einsparungen durch Stellenstreichungen oder Investitionskürzungen, heißt es. Obwohl pro Jahr in etwa eine Milliarde Euro eingespart werden müssen. Geplant sind unter anderem Gespräche mit den Bahngewerkschaften über einen „Beitrag der Arbeitnehmer“. Noch bevor das Corona-Finanzierungspaket vom Aufsichtsrat verabschiedet werden konnte, regt sich aber schon Widerstand.

    Die Bahngewerkschaft EVG lehnt Einsparungen bei den Eisenbahnen und Busbetrieben „zu Lasten der Beschäftigten rigoros ab“, sagte am Montag der kommissarische EVG-Vorsitzende und Bahn-Aufsichtsrat Klaus-Dieter Hommel. „Jetzt an Personalkosten zu sparen, ist der völlig falsche Weg. Das ist mit uns nicht zu machen.“

    „Die Krise darf nicht an den Beschäftigten ausgelassen werden“, warnt auch Verkehrspolitiker und EVG-Funktionär Martin Burkert. Er verwies darauf, dass die Beschäftigten in der Krise immer für das Unternehmen da seien. Der Krankenstand sei sogar niedriger als im vergangenen Jahr.

    Grundsätzlich sind die Parlamentarier bereit zu helfen. So ist davon die Rede, auch die vom Haushaltsausschuss festgelegte Verschuldungsgrenze der Bahn anzuheben. Derzeit liegt sie nach den neuen Bilanzierungsregeln bei 24 Milliarden Euro.

    Der haushaltspolitische Sprecher der Grünen, Sven Christian Kindler, fordert deshalb mehr Spielraum für die Bahn. „Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages sollte die Verschuldungsobergrenze unter Vorgabe klarer Bedingungen und strenger Kontrollmechanismen aufheben.“

    Diesen Schritt lehnte vor allem die Unionsfraktion bislang ab. Doch in der Krise findet auch dort ein Umdenken statt. Schließlich müsse die Bahn dringend investieren, hieß es.

    Tief in den roten Zahlen

    Finanzhilfen für die Bahn könnten aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) fließen, so wie für andere Unternehmen wie Lufthansa auch. Frisches Eigenkapital dagegen soll aus dem allgemeinen Haushalt finanziert werden. Wie bereits im vergangenen Jahr, als die Koalition elf Milliarden Euro bewilligte, zahlbar bis 2030.

    Bahnchef Lutz wird seinen Eigentümer auf eine lange Durststrecke einstimmen. Vor 2022 wird sich der Personenverkehr nach Prognosen des Bahnvorstands nicht erholen, im Güterverkehr ist von einem „dramatischen Einbruch“ die Rede. Weil diesmal auch der Personenverkehr stark betroffen ist, sei der „Umsatz- und Finanzierungsausfall deutlich größer als nach der Wirtschafts- und Finanzkrise 2009“, heißt es.

    Am 15. Mai will sich der Aufsichtsrat mit der Entwicklung auf seiner regulären Sitzung befassen. Die Kontrolleure verlangten zunächst genaue Zahlen für das Geschäft im April, um die Folgen der Corona-Pandemie auf das Geschäft der Bahn bewerten zu.

    Die Bahn ist in diesen Tagen unter anderem auch tief in die roten Zahlen gefahren, weil in Absprache mit der Bundesregierung rund 75 Prozent der ICE und IC-Verkehre aufrechterhalten wurde, die Zahl der Fahrgäste aber auf zehn bis 15 Prozent im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten eingebrochen ist.

    Die Deutsche Bahn, so hatte Lutz Anfang April versichert, wolle ein Grundangebot an Verkehrsleistung gewährleisten. „Wir werden das Angebot nicht weiter reduzieren, weil wir in dieser Krise eine besondere Verantwortung haben“, sagte Lutz. Auch im Regionalverkehr, den sich die Deutsche Bahn mit privaten Anbietern teilt, ist die Zahl der Kunden auf 15 Prozent weggebrochen.

    Der Bahnvorstand geht nicht davon aus, dass trotz beginnender Lockerung für Reisefreiheit und Wirtschaftsleben die Auslastung der Züge schnell wieder steigen wird. Die Folgen der Coronakrise würden bis weit in das nächste Jahr für die Bahn spürbar sein, wird Lutz seinen 20 Aufsichtsräten erklären. Normalisierung erst Jahre danach.

    Schlechte Aussichten auf eine schnelle Erholung

    Gestützt werden diese pessimistischen Erwartungen auch von Branchenexperten. Nach Prognosen des Beratungsunternehmens SCI Verkehr wird der Personenverkehr im günstigsten Szenario um 30 Prozent in diesem Jahr einbrechen und sich Ende 2021 erholt haben. Im pessimistischen Szenario allerdings stürzt die Verkehrsleistung um 50 Prozent ab und wird bis 2025 das Vorkrisenniveau nicht wieder erreichen.

    SCI nennt dafür mehrere Gründe: Fahrgäste steigen dauerhaft auf den Pkw und andere Verkehrsmittel um, Geschäftsreisen sinken wegen digitaler Meetings und der Pendlerverkehr nimmt insgesamt durch verstärktes Homeoffice ab.

    Trotzdem überrascht die Höhe der erhofften Finanzhilfen, die Bahnchef Lutz kürzlich Verkehrsminister Scheuer meldete. Der zusätzliche Finanzbedarf des Unternehmens bis 2024 liegt zwischen acht und zehn Milliarden Euro. Und das nur für den Eisenbahnverkehr in Deutschland. Davon könne der Bahn die Hälfte selbst tragen, vier bis fünf Milliarden Euro müsste aber der Staat ausgleichen.

    Acht bis zehn Milliarden Euro zusätzlicher Finanzbedarf Quelle: dpa
    Bahnchef Richard Lutz

    Acht bis zehn Milliarden Euro zusätzlicher Finanzbedarf

    (Foto: dpa)

    Ursache für das unerwartete Finanzloch ist nicht nur der Fernverkehr, der mit zuletzt 485 Millionen Euro gut ein Viertel zum Ergebnis des Gesamtkonzerns beitrug. Auch die anderen Geschäftsbereiche melden Umsatz wie Gewinn ab. DB Regio bekommt zwar Geld von den Ländern für den Nahverkehr, verkauft aber auch Tickets auf eigene Rechnung. Seit acht Wochen kommt durch Fahrkartenverkauf aber praktisch kein Cent in die Kasse.

    Minus auch bei den Infrastrukturgesellschaften. Fahren weniger Züge, bekommt die Netz AG weniger Trassenmaut. Auch Station und Service, bisher eine profitable Tochter der Bahn, wird weniger einnehmen, weil die Geschäfte in den Bahnhöfen zeitweise geschlossen waren. Allein mit der Netz AG machte der Staatskonzern eine Milliarde Gewinn – bislang.

    Besonders heftig dürfte es nach Informationen aus Bahnkreisen den Güterverkehr treffen, der seit Jahresbeginn unter der Leitung von Sigrid Nikutta steht. Die Bahntochter DB Cargo fuhr schon denkbar ungünstig in das Corona-Krisenjahr hinein. 2019 machte sie 308 Millionen Euro Minus (Ebit) in diesem Jahr wäre es laut früheren Planungen noch einmal auf 400 Millionen Euro abwärts gegangen. Alles Makulatur. Im April buchte Cargo einen Transportverlust von 30 Prozent.

    Internationale Töchter machen Probleme

    Nikutta nutzt die Transportkrise auf der Straße wegen der Grenzschließungen, um kräftig Werbung für den Gütertragsport auf der Schiene zu machen. „Wir fahren alles, was die Kunden wünschen“. Und das wohl auch zu Kampfpreisen, wie es in der Logistikbranche heißt. Gegner ist zwar laut Cargochefin der Lkw-Verkehr, aber es trifft natürlich auch die privaten Wettbewerber auf der Schiene. Das Defizit der Güterbahn dürfte sich jedenfalls in diesem Jahr eher oberhalb von einer halben Milliarden Euro bewegen.

    Lutz wäre froh, wenn der Bahnverkehr in Deutschland seine einzige Sorge wäre. Der Staatskonzern hat aber noch eine international operierende Tochtergesellschaft, die ihm wegen der Pandemie wenig Freude bereiten wird. Dabei hätte die britische Arriva, die Bahnen und Busse in ganz Europa betreibt längst verkauft sein sollen, um die wachsenden Schulden der Bahn aufzufangen.

    Der Plan scheiterte, weil Investoren nicht den Preisvorstellungen des Bahnvorstands zwischen drei und vier Milliarden Euro folgen wollten. Allenfalls zwei Milliarden Verkaufserlös zeichnet sich ab. Über Arriva entzündete sich dann auch im Herbst ein heftiger Streit mit dem Finanzvorstand Alexander Doll. Der musste gehen, Arriva blieb.

    Lutz‘ neuer Plan, Arriva nun in diesem Frühsommer an die Amsterdamer Börse zu bringen, ist ebenfalls geplatzt – schon vor der Coronakrise. Jetzt dürfte sich das Unternehmen wohl als Ladenhüter erweisen, denn Züge und Busse stehen in weiten Teilen Europa vorerst still oder fahren im Sparverkehr. Laut Regierungspapier zur Finanzierung der Deutschen Bahn werden sich allein für Arriva die Verluste auf 2,5 Milliarden Euro summieren. Von der „schönen Tochter“ (Richard Lutz) wird nicht viel bleiben.

    Am kommenden Freitag werden Bahnvorstand und Aufsichtsrat einen tiefen Blick in die Glaskugel werfen. Niemand weiß, wie sich der Verkehr auf den Schienen wirklich entwickeln wird. Klar ist nur, dass der Bahnvorstand seinen Jahresbonus 2020 vergessen kann. Diese Bedingung stellt die Regierung nicht nur Privatunternehmen, denen sie in der Coronakrise hilft. Boniverzicht gilt auch für das Management der größten deutschen Staatskonzerns. Und für Tausende leitende Mitarbeiter. So sollen am Ende schon mal 150 bis 180 Millionen Euro eingespart werden.

    Mehr: Züge der Deutschen Bahn pünktlicher am Ziel.

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    2 Kommentare zu "Coronakrise: Bis zu 13 Milliarden Euro Coronaschäden – Deutsche Bahn braucht Geld vom Bund"

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    • Puh wenn man sowas liest muss man sich wirklich wundern was hier eigentlich alles verrechnet wird.

      11Mrd Verlust.

      Stand heute hat die Bahn etwa einen Umsatz im Normalfall von 42 Mrd. Davon entfallen etwa 17 Mrd auf Schenker, die dieses Jahr sogar Gewinn machen. Also die 17Mrd kommen rein.

      Da die Bahn Stand heute nur etwa 3 Monate also ein viertel Jahr im Worst case vollsten Stillstand hatte würde ich den Verlust bei auch worst case 25Mrd Rest Umsatz auf 6,x Mrd "Verlust" am Umsatz kalkulieren. Dies is sehr sehr hoch gegriffen da die laufenden Kosten durch weniger Züge vermutlich auch wesentlich minimiert wurden. Im Besten Fall 50% heißt 3Mrd Verlust. und das bei 3 Monaten Totalausfall. Wenn ich auf die 11Mrd kommen will heißt das im Prinzip ich fahre weiter viele Monate mit vollen Kosten und hab keine Einkünfte. Wers glaubt wird selig. Corona ist das perfekte Alibi für alles was schief läuft.

      Wer sich selbst ein Bild machen will schaut sich die Zusammensetzung der Umsätze mal an. Das sind aber Nur Umsätze. Heißt noch lang nicht Verluste.
      https://de.statista.com/statistik/daten/studie/13482/umfrage/umsatz-der-db-bahn-nach-geschaeftsfeldern/

    • Es wäre aber schön, wenn die DB bei den notwendigen Fahrzeugbeschaffungen ihre Strategie Großraum überprüfen würde. Abteile mögen zwar nicht so chic sein, sind bezüglich einer Ansteckungsgefahr (es gibt ja nicht nur Corona) wesentlich besser geeignet, ist die Zahl der Betroffenen doch ungleich geringer (Dritte gehen an der geschlossenen Abteiltür vorbei und im Abteil trifft es eben maximal sechs Menschen, heute ist der Radius weit größer).

      Ja, damit bekommt man nicht mehr ganz so viele Menschen unter wie mit einem Großraumkonzept (außer in der 1. Klasse, da gibt es keinen Unterschied), aber dafür einen - nicht nur bei Corona relevanten - Gewinn beim Infektionsschutz - und mehr: Nebenbei würden sich auch die problematischen "Fenster"plätze an der Wand erledigen, ein lauter Telefonierer, ein Kegelclub, Junggesellenabschied, Seniorengruppe, Klassenreise etc. pp. unterhalten nicht mehr den ganzen Wagen und so weiter.

      Und vielleicht sollte man auch über eine - im Preis enthaltene, wie das in der 1. Klasse ja bereits der Fall ist - Reservierungspflicht nachdenken, aber in einer "Light"-Version, d.h. dass zwar eine Reservierung erforderlich ist, bei unverschuldeter Nichtnutzung wegen Verspätung, Zugausfall, Ersatzzug, fehlendem oder defekten Wagen etc. dennoch der nächste Zug genutzt werden darf, denn bei einer starren Reservierungspflicht sitzt man dann im Extremfall tagelang, wenn alle anderen Züge ausreserviert sind.

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