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Coronakrise „Er ist nicht intelligent oder wortgewandt“ – Wie Amazon gegen einen Streikführer vorgeht

Amazon kommt im Kundenansturm wegen Corona an seine Grenzen. Nun wird ein gefeuerter Lagerarbeiter zum PR-Desaster für den Handelskonzern.
04.04.2020 - 04:57 Uhr Kommentieren
Der Konzern hat den Organisator des Streiks rausgeschmissen. Quelle: Reuters
Streikende Mitarbeiter vor Amazon-Lager in New York City

Der Konzern hat den Organisator des Streiks rausgeschmissen.

(Foto: Reuters)

San Francisco Es ist eine kleine Runde, in die Amazon-Chef Jeff Bezos seine wichtigsten Top-Manager zurzeit täglich zusammenruft, um die Auswirkungen der Coronakrise zu besprechen. Dass es darin mal um den Lagerarbeiter Chris Smalls gehen würde, hätten sich wahrscheinlich weder Smalls noch Bezos jemals träumen lassen.

Doch inzwischen kennt die Führungsetage des globalen Onlinehändlers den Namen des Ex-Mitarbeiters. Smalls organisierte vergangene Woche einen Streik gegen die aus Sicht vieler mangelhaften Corona-Vorkehrungen in seinem Amazon-Warenlager in New York und vielen anderen in den USA.

Amazon warf ihn daraufhin raus, angeblich weil er mit seinem Protest ein 14-tägiges Quarantäne-Gebot nach einer Corona-Ansteckung in seinem Kollegenkreis missachtet habe. Laut Amazon sollen drei Mitarbeiter in dem Warenlager mit dem Coronavirus infiziert sein, die protestierenden Mitarbeiter behaupten, es seien mindestens zehn.

„Aktiv zu werden, hat mich meinen Job gekostet“, sagte Smalls später in einem Interview. Seitdem tobt zwischen Amazon und Smalls ein Kampf der Worte. Ein Kampf, den das Amazon-Topmanagement gerne führen will: „Er ist nicht intelligent oder wortgewandt“, sagte Amazons Chefjustiziar David Zapolsky laut einer Mitschrift der Runde um Bezos, aus der „Vice News“ zitiert. „Wenn die Presse es auf eine Auseinandersetzung zwischen uns und ihm fokussieren will, sind wir in einer viel stärkeren Position als wenn wir zum zigsten Mal erklären, wie wir unsere Arbeiter schützen“.

Zapolsky argumentiert dann, dass Amazon der Öffentlichkeit detailliert erklären sollte, warum Smalls „unmoralisch“ und „gegebenenfalls illegal“ gehandelt habe. „Macht ihn zum interessantesten Teil der Geschichte und, wenn möglich, macht ihn zum Gesicht der ganzen Gewerkschaftsbewegung“. Im Protokoll ist laut dem Bericht „allgemeine Zustimmung“ der anderen Teilnehmer notiert.

Zapolsky bestätigte „Vice News“ die Echtheit der Zitate, zielt in seiner Antwort aber wieder auf Smalls. Seine Bemerkungen seien „persönlich und emotional“ gewesen. Er sei frustriert gewesen, dass ein Mitarbeiter die Gesundheit seiner Kollegen aufs Spiel setze.

Die Affäre um den gefeuerten Protestführer könnte Amazons Ruf hart treffen. Es ist eine Geschichte, wie sie gerade Amerikaner lieben. Der Underdog gegen den Mega-Konzern Amazon. Ein sprichwörtlicher kleiner Mann gegen eines der größten Unternehmen der Welt. Dass der Mann Smalls heißt, umso schöner.

Masken und Stirnthermometer

Tatsache ist: Die Auseinandersetzung des Onlinehändlers mit sich organisierenden Arbeitern reicht weit vor die Coronakrise zurück. Ein Streik in seinen Warenhäusern kommt für Amazon jetzt aber zu einem besonders schlechten Zeitpunkt. Im Gegensatz zu vielen anderen Unternehmen ist bei dem Onlinehändler Hochbetrieb. Was in Läden nicht mehr zu kriegen ist, wird nun online bestellt. An vielen Orten ist Amazon inzwischen so essenziell wie die Post. Das Unternehmen will 100.000 neue Mitarbeiter für seine Warenlager und Lieferdienste anstellen.

Doch während die Zahl der Bestellungen explodiert, fällt es dem Unternehmen schwer, alle Schichten in seinen Warenlagern zu besetzen. Eine Mitarbeiterin in einem Warenlager in Charlotte berichtete dem „Wall Street Journal“, dass zu manchen Zeiten nur die Hälfte des nötigen Personals anwesend sei. Zudem fehle es an Masken oder Desinfektionsmitteln, um die Ansteckungsgefahr gering zu halten.

Ab kommender Woche will Amazon an alle Mitarbeiter in europäischen und amerikanischen Warenlagern Masken verteilen und Fieber messen. Jeder, bei dem das kontaktlose Stirnthermometer 38 Grad oder mehr anzeigt, wird nach Hause geschickt. Smarte Kameras würden prüfen, ob Lagerarbeiter genügend Abstand zueinander halten.

Die Ausbreitung des Coronavirus und die der Arbeiterunzufriedenheit hängen bei Amazon zusammen: Auch in Lagerhäusern in Chicago und im Bundesstaat Michigan fanden bereits sogenannte Walkouts statt. Eine Mitarbeiterin aus Romulus nahe Detroit sagte dem Tech-Portal The Verge, es gehe das Gerücht um, dass Amazon Ansteckungsfälle verschweige. „Ich sehe ein, dass man auf uns nicht verzichten kann. Aber auf unsere Leben können wir auch nicht verzichten.“

Amazon ringt darum, aus der Coronakrise mit einem besseren Ruf zu kommen als zuvor. Einerseits lernen Kunden weltweit sein Sortiment und seinen Lieferdienst während der Corona-Pandemie völlig neu zu schätzen. Selbst US-Präsident Donald Trump, der seine Rivalität zu Amazon-Chef Jeff Bezos mit Genuss auslebt, lobt Amazon inzwischen.

Doch die Arbeiterproteste bescheren dem Konzern ganz neue politische Probleme: Letitia James, die umtriebige Generalstaatsanwältin des Bundesstaates New York, nannte Smalls‘ Entlassung „unmoralisch und unmenschlich“ und will Maßnahmen gegen Amazon prüfen. Auch New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio will den Fall durch die Menschenrechtskommission seiner Stadt überprüfen lassen.

Mehr: Amazon versorgt alle, die zu Hause festsitzen – und das stützt die Aktie.

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