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Coronakrise Händler, Mitarbeiter und die Politik proben den Aufstand gegen Amazon

Der Onlinehändler sah wie ein Gewinner der Coronakrise aus – doch nun häufen sich die Probleme. Die Kritik an dem Onlineriesen wächst und auch der Gewinn bricht ein.
07.05.2020 - 03:55 Uhr 6 Kommentare
Viele ehemalige Mitarbeiter sind wütend über die Arbeitsbedingungen in den Logistiklagern. Quelle: AFP
Proteste gegen Amazon

Viele ehemalige Mitarbeiter sind wütend über die Arbeitsbedingungen in den Logistiklagern.

(Foto: AFP)

San Francisco, Düsseldorf, New York Als Markus Winterscheidt kurz vor Ostern auf die Bestseller in seinem Amazon-Shop für Geschenkartikel schaute, bekam er „Schnappatmung“. Die Lieferzeiten für seine Produkte waren plötzlich um einen Monat verlängert. „Das kam für mich völlig aus dem Nichts, Amazon hatte mich darüber nicht informiert“, ärgert sich der Händler.

Weil in der Coronakrise die Logistikkapazitäten nicht ausreichten, hat Amazon nach eigenen Aussagen lebensnotwendige Waren priorisiert und nach eigenem Gutdünken Lieferzeiten für ganze Artikelkategorien um Wochen verlängert – was de facto einem Lieferstopp für viele Händler auf dem Amazon-Marketplace gleichkommt.

In den Verkäuferforen liegen die Nerven blank, doch nur wenige Händler trauen sich offen Kritik an Amazon zu üben – aus Angst vor der Rache des Onlineriesen. Händler Winterscheidt jedoch wird deutlich: „Nach welchen Kriterien Amazon entscheidet, ist überhaupt nicht nachvollziehbar, die Kommunikation ist miserabel.“ Der Marktplatzbetreiber nutze seine Machtposition aus, „wie ich als Händler überlebe, interessiert die nicht.“

Wie Markus Winterscheidt kritisieren derzeit viele den weltgrößten Onlinehändler – Mitarbeiter in seinen Warenlagern, Händler auf seiner Plattform, Politiker. Wirkte Amazon kürzlich noch wie der größte Profiteur der Coronakrise, ist das Bild inzwischen gemischter.

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    Zwar sind Verbraucher und Händler noch mehr auf Amazon angewiesen, seit physische Läden an vielen Orten der Welt schließen mussten. Der Umsatz des Digitalkonzerns aus Seattle stieg im ersten Quartal um 26 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf mehr als 75 Milliarden Dollar, so stark wie seit Mitte 2018 nicht mehr. Aber die Macht Amazons wird vielen unheimlich.

    Amazon hat seit Corona alleine in den USA 175.000 neue Mitarbeiter für seine Warenlager und Lieferdienste eingestellt, doch in der Belegschaft regt sich Widerstand. Als nach Coronafällen in mehreren Fulfillment Centern in den USA Lagerarbeiter gegen die aus ihrer Sicht mangelhaften Hygienemaßnahmen protestierten, verspottete die Amazon-Führung erst einen Protestführer und entließ dann mehrere von ihnen.

    Doch inzwischen sind es nicht mehr nur Arbeiter, die sich auflehnen: Am Montag erklärte Tim Bray, Vizepräsident bei Amazons Cloud-Tochter AWS, dass er wegen dem Umgang mit den Arbeitern gekündigt habe und dafür auf Millionen Dollar in Aktienoptionen verzichte.

    Laut Amanda Bourlier, Leiterin für Einzelhandel beim Marktforscher Euromonitor International, nehmen die Berichte über die Behandlung der Amazon-Mitarbeiter seit Jahren zu und sind in der Krise eskaliert. „Die sozial bewussteren Shopper könnten ihre Einkäufe nun kurzfristig bei anderen Einzelhändlern tätigen“, sagt Bourlier.

    Corona-Infektionen in den Warenlagern

    Auch Justiz und Politik nehmen Amazon ins Visier: In Frankreich verpflichtete ein Gericht das Unternehmen zu so strengen Auflagen, dass es die Auslieferungen vorübergehend komplett stoppte und die Mitarbeiter nach Hause schickte. Amazon sei nicht ausreichend den Verpflichtungen nachgekommen, seine Mitarbeiter zu schützen, urteilte das Gericht im Pariser Vorort Nanterre, bei weiteren Verstößen drohte eine Geldstrafe von einer Million Euro pro Tag.

    Ähnliche Probleme könnten auf Amazon auch in Deutschland zukommen. Die Gewerkschaft Verdi forderte eine Schließung des Lagers in Winsen an der Luhe bei Hamburg, nachdem es dort eine größere Zahl von Coronafällen gegeben hatte. Amazon dagegen verweist auf die aus eigener Sicht weitgehenden Sicherheitsmaßnahmen, verteilt beispielsweise Masken an die Mitarbeiter und überwacht die Einhaltung von Abständen mit Kameras.

    Doch all das hat seinen Preis: So investiert Amazon nach eigenen Angaben rund 800 Millionen US-Dollar weltweit in Maßnahmen zum Schutz gegen Covid-19. Im nächsten Quartal, hat Amazon-Chef Jeff Bezos angekündigt, will der Konzern die eigentlich erwarteten vier Milliarden Dollar operativen Gewinn komplett in Maßnahmen im Umgang mit Corona stecken – um Mitarbeiter regelmäßig zu testen, höhere Löhne zu zahlen oder Warenlager häufiger zu reinigen. Bezos stellt seine Aktionäre bereits darauf ein, fürs Erste nicht mit Gewinnen zu rechnen: „Wenn Sie Amazon-Aktionär sind, sollten Sie Platz nehmen. Wir denken hier nicht klein“, schrieb er in einem Brief an Investoren.

    Noch raten die meisten Analysten zum Kauf der Amazon-Aktie. Scott Mushkin von der Boutique-Beratung R5 Capital dagegen hat seine Bewertung kürzlich von „Kaufen“ auf „Verkaufen“ gesenkt und erwartet einen Kursrutsch von 20 Prozent. „Beim allem, womit Amazon Geld verdient, verlangsamt sich das Wachstum“, sagt Mushkin.

    Auf den Straßen von Seattle wird gegen die Macht des Onlinehändlers demonstriert. Quelle: AFP
    Proteste gegen Amazon

    Auf den Straßen von Seattle wird gegen die Macht des Onlinehändlers demonstriert.

    (Foto: AFP)

    Die Gewinnmaschine AWS werde unter der Rezession leiden, weil wichtige Kundengruppen wie Startups und Kommunen ihre Budgets reduzieren müssen. Das Wachstum im Onlinehandel werde wegen der steigenden Arbeitslosigkeit in den USA abnehmen. Dazu kommt der Reputationsschaden, weil Amazon viele Versprechen nicht einhalten kann – an Kunden und an Händler.

    Wie Markus Winterscheidt: Der Geschenkehändler hatte seine komplette Logistik an Amazon ausgelagert, rund 40.000 Artikel, die er gekauft und bezahlt hatte, hingen im Lager von Amazon fest. Nur, weil ihm seine Sparkasse unbürokratisch Liquidität zu Verfügung stellte, sein Lieferant die Zahlungsziele verlängerte und er nun selbst Päckchen packt, konnte er sein Geschäft überhaupt weiterbetreiben. Denn es stehen Mutter- und Vatertag vor der Tür, was für ihn fast so wichtig ist wie Weihnachten.

    Ein Amazon-Sprecher räumt auf Handelsblatt-Nachfrage ein, dass das Unternehmen vorübergehend den „Eingang von Waren für den täglichen Bedarf, medizinischen Verbrauchsgütern und anderen Produkten mit hoher Nachfrage“ in den Logistikzentren priorisiere. „Uns ist bewusst, dass dies eine Veränderung für unsere Verkaufspartner bedeutet“, erklärte der Sprecher.

    Bundeskartellamt nimmt Amazon ins Visier

    Ob sich Amazon tatsächlich um das Wohlergehen seiner Händler sorgt, zieht ein „Wall Street Journal“-Bericht in Zweifel. Mehr als 20 Ex-Amazon-Mitarbeiter sollen der Wirtschaftszeitung belegt haben, dass das Unternehmen die Daten kleiner Händler auf seiner Plattform missbraucht, um sein eigenes Produktportfolio zu stärken – eine Praxis, die ein Amazon-Justiziar im Juli vor dem US-Kongress noch unter Eid abgestritten hat. Nun will der Justizausschuss der Repräsentantenhauses Bezos persönlich vorladen.

    In Deutschland hat der Umgang mit den Dritthändlern das Bundeskartellamt auf den Plan gerufen. „Ausgelöst durch die Coronakrise erhalten wir derzeit vermehrt Beschwerden von Händlern“, berichtet Kartellamtspräsident Andreas Mundt. Das habe das Amt zum Anlass genommen, „Amazon zur Stellungnahme darüber aufzufordern, welche Kriterien das Unternehmen aktuell bei Fragen des Engpassmanagements und damit einhergehender Priorisierungsentscheidungen zu Grunde legt“. Im Moment werten die Wettbewerbshüter die Antworten von Amazon aus.

    Dass Amazon in der Coronakrise eher auf den eigenen Handel setzt, schadet dem Konzern sogar finanziell. Die Margen aus dem Marketplace seien höher als die aus dem Eigengeschäft, erläutert Marktplatzexperte Mark Steier. Auch dass Amazon überhaupt Waren priorisieren müsse, werfe kein gutes Licht auf das Unternehmen. „Offenbar ist das Logistiknetzwerk von Amazon nicht so stabil, wie das Unternehmen immer behauptet hat“, sagt E-Commerce-Experte Steier. „Es ist schon erstaunlich, vor welch große Herausforderungen die Coronakrise das Unternehmen stellt.“

    Auch die auf Amazon-Marketing spezialisierte Agentur Vorwärts erwartet nicht, dass sich die insgesamt gestiegenen Umsätze auf der Plattform auch in höheren Profiten niederschlagen werden. In einem Whitepaper nennt sie steigende Logistikkosten als wichtigsten Grund. Denn die zusätzlichen Umsätze verteilten sich auf eine größere Zahl von Produkten mit geringeren Durchschnittspreisen.

    Für das Europageschäft von Amazon ist das ein Rückschlag, macht es doch den Weg zur Profitabilität noch schwieriger. Die gerade veröffentlichte Bilanz der luxemburgischen Amazon Europe Sarl, in der das europäische Handelsgeschäft gebündelt ist, meldet zwar einen von 27,9 auf 32,2 Milliarden Euro gestiegenen Umsatz. Doch zugleich verzeichnet das Zahlenwerk, das dem Handelsblatt vorliegt, einen Vorsteuerverlust von fast einer Milliarde Euro.

    Amazons internationales Handelsgeschäft war schon vor Corona ein Verlustbringer, bislang glich der Konzern es mit Gewinnen aus seinem US-Geschäft und der hochprofitablen Tochter AWS aus. Selbst das könnte nun nicht mehr reichen: Im besten Fall rechnet der Konzern für das laufende Quartal mit einem Gewinn von 1,5 Milliarden Dollar im schlechtesten mit einem ebenso hohen Verlust.

    All das muss Amazon noch nicht langfristig in die Bredouille bringen: Gewinn oder Verlust war für Amazons Erfolg nie das zentrale Kriterium, den besten Ruf als Arbeitgeber hatte das Unternehmen ohnehin nie. Seine Milliardeninvestitionen könnten sich nach Corona noch als Segen herausstellen, wenn es seine Position als Primus des Onlinehandels damit weiter zementiert. Doch eine Krise, in der seine Dienste so stark gebraucht werden wie nie zuvor, hatte man sich bei Amazon vermutlich anders vorgestellt.

    Mehr: Alternativen zu Amazon boomen

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    6 Kommentare zu "Coronakrise: Händler, Mitarbeiter und die Politik proben den Aufstand gegen Amazon"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Kaufe schon seid 2 Jahren keinen Artikel mehr über Amazon. Selbst dann nicht, und das ist häufig der Fall, wenn andere Anbieter teurer sind. Ist ein Artikel doch einmal beim Kleinhändler zu teuer, verzichte ich oder weiche auf einen anderen Artikel aus. Es geht leicht ohne Amazon, man muss es nur ehrlich wollen!!!

    • Liebe Deutsche Händler,
      Warum schließt Ihr Euch nicht endlich mal zusammen und baut eine gleichwertige Handelsplattform auf.
      Dann bräuchte wir uns über die marktbeherrschenden Amis nicht aufzuregen und könnten da kaufen.

    • Erstens kann man in der Corona-Krise mit Ausgangssperre, Amazon nur dankbar sein, dass Amazon es möglich machte sich mit Waren zu versorgen ohne außer Haus gehen zu müssen.
      Die Preise weiterhin nicht höher waren und die Lieferzeit 2- 3 Tage wie vor der Corona Krise, also top.
      Niemand muss über Amazon seine Waren oder kaufen anbieten, also was soll das gemeckere also.
      Ist es die Schuld von Amazon wenn sich in Europa keine Konkurrenz zu Amazon bildet oder ist doch viel mehr die Schuld der EU, der Politiker, die immer höhere Hürden für Unternehmen aufbauen, die ein Startup als Konkurrenz zu Amazon gar nicht erfüllen kann. Mehr Wettbewerb wäre schön, aber dann muss man dies auch politisch wollen und nicht verhindern. Zwangsmaßnahmen oder politische Schikanen sind abzulehnen.

      Wer wie die Politik gegen Amazon vorgehen will mach das aus reiner Ideologie und wrd nur die Versorgung der Bürger verschlechtern. Zum Einkaufen in die Stadt, vor allem mit einem Diesel Kfz ist verboten, oder mit Kfz unerwünscht.

      Leben wir in einer Diktatur, wo die Politik bestimmen will bei wem ich kaufen darf? Hatten wir das nicht schon einmal?
      Die Politik soll Wettbewerb fördern ohne ein sehr erfolgreiches Unternehmen zu diskriminieren.
      Der Markt entscheidet, also wir Konsumenten, wer für uns das beste Angebot hat.

    • Ist Amazon wirklich ein schlechter Arbeitgeber der nur zu kritisieren ist ?
      Welche Gehälter werden dort bezahlt ? Wie stellen sich diese im Vergleich zum Sektor dar ?
      Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass die Versprechen gegenüber dem Kunden eingehalten werden. Gut vorhersehbare Lieferzeiten, problemlose Abwicklung von Reklamationen. Es ist momentan ein wenig in Mode Amazon zu bashen. Ob sich das Handelsblatt daran beteiligen sollte ?

    • Seit Jahren gibt es die AntiPR gegen Amazon.Kleinigkeiten werden aufgebauscht,Bilder produziert usw..

      Hätten die andere Unternehmen die zeichen der Zeit erkannt siehe "Meine Quelle" würde sich die Frage des Wettbewerbes gar nicht stellen.

      Amazon ist nicht für Steuerpolitik zuständig.

      Amazon zahlt Tarif in Deutschland.Logistik.Und das sollte wohl auch passen....

      Und Coronainfektionen in den Betriebsteilen.... ist wohl nicht auszuschliessen...,oder gibt es beim Pförtner inzwischen Sekundentests......

      Also bitte nicht allzu subjektiv.

    • bitte bzgl. Amazon nicht außer Acht lassen: AWS - Amazon Web Services (Cloud Services)

      Eine Menge Unternehmen werden in Zukunft in einer digitalen Abhängigkeit zu Amazon/AWS landen, wenn man hier jetzt auch nicht auf Wettbewerb aufpasst.

      AWS macht im wesentlichen eigentlich nichts anderes als eine einheitliche Cloud-Plattform für eine Auswahl größtenteils bereits (ohne AWS) existierender Open Source Projekte zur Verfügung zu stellen und nach Ablauf von Aktionszeiträumen für den Cloud-Zugang hierzu zu kassieren.
      Der Vorsprung gegenüber der Konkurrenz ist jetzt schon enorm.

      Das Prinzip von AWS ist wieder das gleiche wie schon im Online-Handel von Amazon:
      Genausowenig wie Amazon sich als online-shop, sondern als Logistik-Konzern sieht,
      wird AWS sich als digital-logistics-Konzern und nicht als Softwarehaus verstehen, denn von den Algorithmen hat man bei AWS keine Ahnung und auch so gut wie nichts selbst entwickelt. Die Ideen, die Investitionen und die Implementierungsarbeit haben bzw. leisten andere.

      Die andauernden gigantischen Steuergeschenke tragen sicherlich erheblich zur weiteren Monopolisierung bei.

      also bitte: AWS nicht vergessen

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