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Coronakrise Lufthansa ringt um Rettungspaket – das sind die Optionen für Airline-Chef Spohr

Neun Milliarden Euro benötigt die Fluggesellschaft an staatlichen Finanzmitteln – und fürchtet politische Einflussnahme. CEO Spohr sucht deshalb eine Alternative.
28.04.2020 Update: 28.04.2020 - 18:14 Uhr 4 Kommentare
Neun Milliarden Euro benötigt die Airline an staatlichen Finanzmitteln. Quelle: Clemens Bilan/EPA/REX
Lufthansa-CEO Carsten Spohr und Kanzlerin Angela Merkel im Sommer 2017 in Berlin

Neun Milliarden Euro benötigt die Airline an staatlichen Finanzmitteln.

(Foto: Clemens Bilan/EPA/REX)

Frankfurt, Berlin Manchmal reagiert die Börse überraschend. Kaum kursierte am Dienstagmorgen ein Bericht des Wirtschaftsmagazins „Business Insider“, wonach es eine grundlegende Einigung über das Rettungspaket für Lufthansa gebe, schoss der Aktienkurs nach oben.

Um rund acht Prozent stieg das Papier der Airline-Gruppe – wohl in der Hoffnung, dass die nach Umsatz größte europäische Fluggesellschaft nun erst einmal gesichert sei in diesen schwierigen Coronazeiten. Eine durchaus heftige Nebenwirkung eines solchen Pakets blendeten die Investoren offensichtlich vorerst aus: Der Einstieg des Staates würde eine Verwässerung ihrer Anteile bedeuten – und zwar eine gewaltige.

Neun bis zehn Milliarden Euro hat Lufthansa nach Informationen aus dem Unternehmensumfeld als Bedarf angemeldet, um durch die Krise zu kommen. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es bisher nicht.

„Business Insider“ berichtete, der Bund werde auch mit dieser Summe bei der Airline-Gruppe einsteigen. Dabei ist das Unternehmen derzeit an der Börse insgesamt nur rund vier Milliarden Euro wert. Selbst wenn dem Staat wie berichtet „nur“ eine Sperrminorität von 25 Prozent plus einer Aktie eingeräumt würde – für die Anteilseigner wäre das Rettungspaket ein bitterer Schritt. Ihre Papiere würden deutlich an Wert verlieren.

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    Tatsächlich legte sich im Laufe des Tages die Euphorie der Investoren wieder. Es zeichnete sich ab, dass eine finale Entscheidung über die Finanzhilfen noch nicht vorliegt und wohl auch noch einige Zeit braucht.

    Sicher ist: Lufthansa braucht dringend und schnell sehr viel Geld. Das Unternehmen verliert wegen der weitgehend geparkten Flotte derzeit pro Stunde rund eine Million Euro an Liquidität. Hinzu kommen Verbindlichkeiten, die fällig werden.

    Eine große Belastung ergibt sich zudem aus der Verpflichtung, die Ticketkosten für ausgefallene Flüge zu ersetzen. Die Rede ist in Lufthansa-Kreisen von einer Milliardensumme.

    Angesichts dessen ist die zuletzt vorhandene Liquidität von 4,4 Milliarden Euro rasch aufgezehrt. Die Ausgabe von Gutscheinen, wie sie die Bundesregierung vorhatte, wurde von der EU abgelehnt. Nun will die Politik nach Brancheninformationen eine alternative Möglichkeit der Erstattung finden.

    Eine Lösung für die „Hansa“ hängt aber vor allem an einer Frage: Wie viel Einfluss bekommt der Staat im Gegenzug für das Geld, das er gibt? Sollte es ein Finanzierungspaket über neun Milliarden Euro geben, dürfte der größte Teil des Geldes in Form von Eigenkapital fließen. Lufthansa-Chef Carsten Spohr geht wie die gesamte Branche davon aus, dass die Folgen der Krise noch Jahre zu spüren sein werden.

    Kredite allein funktionieren nicht

    Lufthansa hätte also gar nicht die nötigen Einnahmen, um Kredite in dieser Höhe zu tilgen. Schon jetzt – das hat Spohr vor wenigen Tagen in einer internen Botschaft klargemacht – zeichne sich ab, dass Lufthansa nach der Krise pro Jahr eine Milliarde zusätzlich für die Kredittilgung aufbringen muss. Der Konzern hat für die Bewältigung der Krise neue Kredite aufgenommen.

    Welcher Anteil der Staatshilfe nun als „stilles Eigenkapital“ fließen wird – also ohne Stimmrechte – und welcher mit Stimmrechten, ist bisher aber offen. Dass Lufthansa allerdings nur eine stille Beteiligung bekommt, gilt als ausgeschlossen. Bei einem Engagement in dieser Höhe kann sich der Staat kaum schlechterstellen als andere Aktionäre.

    In Regierungskreisen wird deshalb auf die beiden Beispiele Deutsche Telekom und Deutsche Post verwiesen. Bei der Telekom ist der Bund indirekt über die KfW und zusätzlich direkt beteiligt und hat auch ein Aufsichtsratsmandat inne, das von Finanzstaatssekretär Rolf Bösinger wahrgenommen wird.

    Bei der Post ist der Staat nur noch indirekt über die KfW beteiligt, nimmt aber ebenfalls ein Aufsichtsratsmandat wahr. Dort ist Finanzstaatssekretär Jörg Kukies Mitglied des Kontrollgremiums.

    Somit ist der Bund in strategische Entscheidungen eingebunden. Der Wirtschaftsstabilisierungsfonds, aus dem wohl zumindest ein Teil des Geldes stammen wird, kann zudem durchaus Beteiligungen halten.

    Doch Konzernchef Spohr tut sich schwer mit dem Gedanken, Aufsichtsratsmandate an den Staat zu geben. „Wenn die Bundesrepublik zu großen Einfluss auf operative Geschäftsaufgaben nehmen wollte, fordert das vielleicht die österreichische Regierung ebenso ein, dann möglicherweise auch die Schweiz, Belgien, Bayern oder Hessen“, sagte er der Wochenzeitung „Die Zeit“: „So können Sie einen Konzern nur sehr schwer steuern.“

    Kleinere Flotte

    Der oberste Lufthanseat und sein Team fürchten zum einen, dass Restrukturierungsmaßnahmen erschwert würden. Spohr hatte vor wenigen Tagen deutlich gemacht, dass die Gruppe nach der Krise 100 der 760 Jets umfassenden Flotte herausnehmen will. Das bedeute einen personellen „Überhang“ von 10.000 Mitarbeitern.

    Zwar will das Management versuchen, möglichst viele der Lufthanseaten an Bord zu halten. Aber ein Stellenabbau ist in einem gewissen Umfang unumgänglich.

    Die skandinavische Fluglinie SAS, Partner der Lufthansa im Luftfahrtbündnis „Star Alliance“, kündigte am Dienstag an, die Hälfte ihrer 10.000 Stellen abbauen zu wollen. Die SAS-Führung glaubt nicht, dass sich der Markt schnell erholen wird.

    Zum anderen gibt es nach Informationen aus dem Unternehmensumfeld die Sorge, dass die Politik verstärkt Einfluss auf den Streckenplan nehmen könnte. Es ist bekannt, dass Politiker gerne für eine möglichst gute Anbindung ihrer eigenen Regionen kämpfen – nicht nur im Luftverkehr. „Leere Flugzeuge zu fliegen, nur weil es der eine oder andere Politiker so möchte, kennt man bei Lufthansa noch aus früheren Zeiten, als man dem Staat gehörte“, sagt eine Führungskraft des Unternehmens: „Das will man mit aller Macht vermeiden.“

    Grafik

    Hinzu kommt die enorme Komplexität des Falls Lufthansa. Neben Deutschland verhandelt der Konzern auch in Österreich, der Schweiz und in Belgien über Finanzhilfen für die jeweiligen Töchter AUA, Swiss und Brussels. Jede dieser Regierungen fordert für das Geld klare Zugeständnisse.

    Die Schweizer Regierung hat sich nach Medienberichten auf ein rein als Kredit gestaltetes Rettungspaket von 1,5 Milliarden Franken – umgerechnet rund 1,4 Milliarden Euro – geeinigt. Ob und welche Bedingungen daran geknüpft sind, ist noch nicht bekannt. Am Mittwoch soll es Details geben.

    Dagegen ist die Angelegenheit in Österreich noch völlig offen. Die dortige Regierung fürchtet, dass mögliche Finanzhilfen sofort nach Deutschland wandern könnten. Um das zu verhindern, wird eine direkte Beteiligung an der Mutter Lufthansa gefordert.

    Noch in dieser Woche soll es dazu ein Gespräch auf Ministerebene zwischen beiden Ländern geben. In Belgien ist der Staat angeblich dazu bereit, Brussels mit 290 Millionen Euro zu unterstützen. Bedingung ist, dass die Anbindung der belgischen Metropole erhalten bleibt – nicht zuletzt in Bezug auf das Langstreckenangebot.

    In einer „europaweiten“ Lösung für Lufthansa müssen alle diese Wünsche berücksichtigt und abgestimmt werden – ein Mammutvorhaben. Lufthansa prüft deshalb parallel noch einen ganz anderen Ansatz: ein sogenanntes Schutzschirmverfahren. Spätestens seit dem Fall Condor ist diese Sonderform der Insolvenz bekannt.

    Schutzschirmverfahren hat mehrere Vorteile

    Das Vorgehen ist an das sogenannte Chapter-11-Verfahren in den Vereinigten Staaten angelehnt. Es dient dem vorübergehenden Schutz vor Forderungen von Gläubigern, um ein Unternehmen neu auszurichten. Voraussetzung ist eine klare Perspektive für eine Fortsetzung des Betriebs.

    Der Schutzschirm hätte aus Managementsicht einige Vorteile. Erstens bekommt die Unternehmensführung einen Sachwalter an die Seite gestellt, der darauf achtet, dass die Interessen aller Gläubiger berücksichtigt werden. Einzelne Forderungen können also nicht privilegiert behandelt werden.

    Zweitens würde der Gläubigerschutz dafür sorgen, dass die Tickets vorerst nicht zurückgezahlt werden müssen. Drittens können Verträge neu ausgehandelt werden – mit Gewerkschaften, aber auch mit Systempartnern wie etwa den Flughäfen. Zudem können Pensionsverpflichtungen ausgelagert werden.

    Zwar braucht die Lufthansa bei einem solchen Vorgehen weiter finanzielle Hilfen des Staates. Aber im Zuge des Schutzschirmverfahrens könnte das Management einen gewissen Druck auf die Arbeitnehmervertreter ausüben, um eine Art Beschäftigungspakt zu schließen – im Gegenzug für den Verzicht auf Ansprüche.

    Es gibt zum Beispiel schon Berechnungen, wie die Belegschaft mit einer Verkürzung der Arbeitszeit weitgehend an Bord gehalten werden kann. „Ein solcher Pakt wäre auch ein gutes Zeichen an die Politik“, sagt eine Führungskraft.

    Hinzu kommt: Während eines Schutzschirmverfahrens könnte das Management Entscheidungen beim Umbau des Unternehmens beschleunigen. So sickerten vor einigen Monaten Informationen durch, wonach der Konzern die Abspaltung der Wartungstochter Lufthansa Technik prüft. Mit einem Teilverkauf oder Teilbörsengang in absehbarer Zukunft könnte Lufthansa zusätzliche Mittel erhalten und bräuchte vielleicht weniger Geld vom Staat.

    Doch der Schutzschirm hat im Fall von Lufthansa auch Nachteile. Da er eine rein deutsche Einrichtung ist, wäre er für ein europäisches Rettungspaket hinderlich. Zudem dürfte der Schutzschirm auch viele Investoren verschrecken. Im Chapter-11-Verfahren der US-Airlines mussten die Aktionäre in der Vergangenheit heftig bluten.

    Schutzschirm mehr als eine Drohung

    In Branchenkreisen wird die Idee des Schutzschirmverfahrens deshalb auch als „Munition“ von Lufthansa-Chef Spohr bei den schwierigen Verhandlungen mit den Regierungen gesehen. Aber es ist wohl ein Szenario, dass der Manager im Zweifel einer aktiven Staatsbeteiligung den Vorrang geben würde. Denn das oberste Ziel des Konzernchefs neben der Sicherung des Unternehmens ist und bleibt, den Einfluss des Staates so weit wie möglich zu begrenzen.

    Aktionärsvertreter stützen ihn dabei: „Das Unternehmen hat auf einen Schlag und ohne eigenes Verschulden den Großteil des Umsatzes verloren“, sagt Marc Tüngler, der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz.

    Ohne finanzielle Unterstützung durch den Staat könnte es für die Airline eng werden. „Hier sollte die Prämisse lauten: Kapital – ja. Unverhältnismäßiger Einfluss auf unternehmensstrategische Entscheidungen – nein“, so Tüngler.

    Experten wie Daniel Röska von Bernstein Research haben noch eine andere Lösung: zunächst die Bereitstellung eines Kredits über fünf Milliarden Euro aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds. Und dann die Garantie seitens der Regierung, dass Lufthansa die Tickets für ausgefallene Flüge nicht bar erstatten muss, sondern in Form von Gutscheinen. „Die Lufthansa fordert deshalb so viel Geld, weil sie fürchtet, dass sie Tickets rückerstatten muss. Die Bundesregierung hat hier aber durchaus die Möglichkeit, EU-Recht zu brechen“, sagt Röska.

    Mehr: Die Luftfahrtbranche leidet ebenfalls unter der Coronakrise – und die Politik soll helfen. Doch die Ausgestaltung der Hilfen ist noch unklar.

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    4 Kommentare zu "Coronakrise: Lufthansa ringt um Rettungspaket – das sind die Optionen für Airline-Chef Spohr"

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    • Es grenzt an Erpressung oder es ist gar Erpressung.
      Entweder der Staat hilft (Steuerzahler) oder man meldet Konkurs an.
      Ich kann es nicht fassen.
      Dieser H. Spohr mit dem Finanzvorstand anzeigen, wegen
      Konkursverschleppung und Betrug.
      Hat H. Spohr schon vergessen, dass er mitschuldig ist an den Tod von mehr als 150 Flugpassagiere.
      Teilweise müsse heute noch Hinterbliebene vor Gericht um versprochene Hilfsgelder streiten.
      Wo bleiben denn unsere Oberstaatsanwälte?

    • Da kann ich den beiden anderen Kommentatoren nur zustimmen. Wir, also der Staat, sollten Aktien kaufen, gerne ohne Stimmrecht. Wenn Politiker sich irgendwo in der Wirtschaft einmischen, geht es fast immer daneben. Und später mit Gewinn verkaufen (aber bitte nicht vergessen den Gewinn zu versteuern ;-))

    • Der Staat soll Aktien kaufen und damit den Kurs heben. Und wenn die LH wieder hochkommt, die Aktien mit Gewinn verkaufen, zum Wohl der Steuerzahler. Dann haben alle was davon. Es ist unbegreiflich, wie ein Konzern, der letzte 3 Jahre boomte, nicht allein das meistert, da sind bestimmt auch Defizite in der Leitung....

    • Wegen mir ohne Stimmrecht aber keine Rettung ohne Aktienbeteiligung. Es sollte nicht wie bei der Finanzkrise nur der Steuerzahler dafür bezahlen. Dann lieber das amerikanische Modell. Da hat der Stadt am Ende sogar daran verdient.

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