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Debatte um Leitungswasser-Qualität „Das beste Wasser kommt aus dem Hahn“

Jörg Simon vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft wehrt sich gegen Vorwürfe der Mineralbrunnen, Kranwasser sei überwiegend chemisch aufbereitet.
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„Rein ist nichts, auch Trink- oder Mineralwasser nicht.“ Foto: Die Hoffotografen GmbH
Jörg Simon

„Rein ist nichts, auch Trink- oder Mineralwasser nicht.“

Foto: Die Hoffotografen GmbH

Düsseldorf Leitungswasser erlebt in der Debatte um Klimaschutz und Plastikmüll eine Renaissance. Die Mineralwasserbranche ist alarmiert und warnt vor Qualitätsmängeln. Der Vizepräsident des BDEW und Chef der Berliner Wasserbetriebe, Jörg Simon, hält dagegen. Kein Lebensmittel sei so streng kontrolliert wie Kranwasser. Sorgen bereitet ihm jedoch die Überdüngung der Felder.

Herr Simon, Bundesumweltministerin Svenja Schulze ermuntert dazu, aus Umweltschutzgründen von Flaschenwasser auf Leitungswasser umzusteigen. Inwiefern ist Kranwasser qualitativ gleichwertig zu Mineralwasser?
Gleichwertig ist zurückhaltend formuliert. An kein Lebensmittel werden höhere gesetzliche Ansprüche gestellt als an Trinkwasser aus der Leitung. Es wird gemäß der Trinkwasserverordnung auf knapp 50 Parameter untersucht, teilweise sogar in Echtzeit. Übrigens finden diese Kontrollen nicht nur in Wasserwerken und Brunnen statt, sondern auch im Leitungsnetz und bei Kunden.

Die Trinkwasserverordnung gilt als strenger als die für Mineralwasser.
Das ist sie, zum Beispiel gelten für Keime oder mikrobiologische Verunreinigungen unterschiedliche Grenzwerte. Für Trinkwasser liegen sie bei null. Das beste Wasser kommt aus dem Hahn.

Nach einer Studie des Heilwasserverbands enthält weiches Leitungswasser zu wenige lebenswichtige Mineralien wie Magnesium oder Kalium. Deshalb sei es nur für den Flüssigkeitsausgleich geeignet. Sollte also in solchen Gegenden lieber Mineralwasser getrunken werden?
Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, seinen Mineralstoffhaushalt aufzufüllen. Am wichtigsten ist eine ausgewogene Ernährung, Trinkwasser kann das ergänzen.

Mineralbrunnen sagen, Kranwasser sei ein chemisch aufbereitetes Produkt. Inwieweit stimmt das?
Das stimmt so nicht. Gut 84 Prozent des deutschen Trinkwassers kommen aus Grundwasser oder Uferfiltrat. Das ist durch die biologischen und physikalischen Prozesse im Boden bereits so gut, dass es nur noch einer schnellen Filterung bedarf, um etwa Eisen und Mangan zu entfernen. Für die knapp 16 Prozent, die aus Oberflächenwasser wie Talsperren stammen, werden unterschiedliche Verfahren zur Hygienisierung angewendet, zum Beispiel mittels Aktivkohle, Chlor oder UV-Desinfektion.

Wie unterscheidet sich Uferfiltrat von Grundwasser?
Beides ist Grundwasser, Uferfiltrat bildet sich allerdings nicht aus Niederschlägen, sondern entsteht durch das Versickern von Oberflächenwasser.

Immer mehr Medikamentenrückstände, Hormone oder Nitrat von der Gülle geraten ins Grundwasser. Manche Wasserwerke drohen bereits mit höheren Gebühren, weil die Aufbereitung immer teurer wird. Inwiefern hat sich das Problem verschärft?
Das sind zwei Probleme mit unterschiedlichen Ursachen. Gemeinsam ist beiden, dass die Verbraucher zur Kasse gebeten werden für Kosten, die andere verursacht werden – im Falle der Nitratbelastung aus der industriellen Landwirtschaft sogar mehrmals: Sie finanzieren die Agrarsubventionen, mit deren Hilfe Bauern Großställe bauen können, in denen viel zu viel Gülle anfällt. Und dann auch noch den zusätzlichen Aufwand, den die Wasserversorger erbringen müssen, um die Qualität des Trinkwassers so hoch zu halten, damit auch in Zukunft jeder bestes Wasser aus dem Hahn trinken kann. Hilfreich ist in beiden Fällen das Verursacherprinzip: Wer einen Stoff in Umlauf bringt, hat auch für seine Entfernung zu sorgen.

Können Verbraucher sicher sein, dass keine Hormone, Medikamentenrückstände, Nitrate im Leitungswasser sind?
Rein ist nichts, auch Trink- oder Mineralwasser nicht. Natürlich können wir feinste Spuren messen. Aber die strengen Grenzwerte, denen Trinkwasser unterliegt, sichern unbeschränkten Genuss.

Wie kann ich als Konsument sicherstellen, dass Wasser ohne Keime und Schadstoffe aus meinem Hahn zuhause kommt?
Bis zum Wasserzähler garantieren die Wasserversorger die Qualität, danach muss es der Hauseigentümer tun. Wenn Sie unsicher sind, was etwa Ihre Hausinstallation betrifft, können Sie Ihr Wasser testen lassen. Etwa beim Wasserversorger oder in anderen Laboren.

Wie lange sollte man morgens das Leitungswasser ablaufen lassen, um es ungekocht zu trinken?
Trinkwasser aus der Leitung sollte schon aus Energiespargründen ungekocht getrunken werden, und wenn Sie es kurz ablaufen lassen, bis es nicht mehr kälter wird, bekommen sie frische Qualität direkt aus dem Rohrnetz.

Was ist von Tischwasserfiltern zu halten, da besteht ja die Gefahr der Verkeimung?
Das stimmt. Wer keine Beeinträchtigungen durch seine Hausinstallation hat, braucht so ein Gerät eigentlich nicht - er entfernt ja sogar wertvolle Inhaltsstoffe wie Magnesium oder Kalzium. Wer so einen Filter benutzt, sollte ihn aber auf jeden Fall regelmäßig reinigen und wechseln, damit es nicht zu Verkeimung kommt.

Herr Simon, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Weil Verbraucher Plastikflaschen meiden, investieren die Getränkekonzerne Milliarden in Wassersprudler. Die kleinen Mineralbrunnen können da nicht mitziehen.

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