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Der Fall Tönnies Streit über die Werkverträge: Was die Branche vom geplanten Verbot hält

Gewerkschafter fürchten, dass das System unter anderem Namen weiterläuft. Die Branche und Dienstleister warnen vor höheren Kosten und Personalnot.
16.07.2020 - 16:38 Uhr Kommentieren
Tönnies darf seit Mittwoch wieder schlachten. Quelle: dpa
Kühlhaus

Tönnies darf seit Mittwoch wieder schlachten.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Nach vier Wochen Stillstand darf der Schlachtkonzern Tönnies die Produktion im Stammwerk im nordrhein-westfälischen Rheda wieder hochfahren. Dazu gehören die Schlachtung und die Blutverarbeitung mit 600 Beschäftigten. Auch der Zerlegebetrieb soll am Freitag probeweise starten.

Der massenhafte Corona-Ausbruch bei Tönnies hatte zur Schließung geführt und die politische Diskussion um die Abschaffung von Werkverträgen in der Fleischindustrie neu entfacht. Um einem Verbot zuvorzukommen, will Tönnies bis Ende September 1000 Beschäftigte direkt, also mit Arbeitsvertrag von Tönnies und nicht bei Subunternehmen, einstellen. Bis Jahresende sollen die restlichen Arbeiter in der Schlachtung, Zerlegung und Verpackung folgen.

Wie viele der bisherigen Werkvertragsarbeitnehmer unbefristet oder befristet angestellt werden wollen, könne Tönnies derzeit noch nicht absehen, sagte ein Sprecher. In Rheda arbeitet etwa die Hälfte der fast 7000 Beschäftigten für Subunternehmen.

Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) will bis Ende Juli einen Gesetzentwurf zum Ende der Werkverträge in Kernbereichen der Schlachtindustrie vorlegen. Das Gesetz soll bis Jahresende in Kraft treten. Indes mehren sich kritische Stimmen, wie praktikabel das geplante Verbot ist. Unternehmen, Verbände und Gewerkschafter werfen der Politik einen gesetzgeberischen Schnellschuss vor – und warnen davor, dass alte Probleme nicht behoben werden, während neue dazukommen.

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    „Wir fürchten, die Fleischindustrie behält das Konstrukt der Werkverträge bei – nur unter anderem Namen“, sagt Michael Brümmer von der Gewerkschaft NGG Oldenburg, einem Zentrum der deutschen Schweine- und Geflügelzucht. Dieselben Beschäftigten seien dann eben nicht über fremde Subunternehmen, sondern über Tochterfirmen oder übernommene Dienstleister angestellt: „Am ausbeuterischen System wird das nicht viel ändern.“

    Tönnies arbeitet mit 25 Dienstleistern

    Lange hatte sich Clemens Tönnies, der geschäftsführende Gesellschafter der Tönnies-Holding, vehement gegen das geplante Verbot von Werkverträgen gewehrt. Der Unternehmer hatte noch Ende Mai in einem Schreiben an Heil gewarnt, dass ein entsprechendes Gesetz „die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Produzenten gefährden könnte – zugunsten von Konkurrenten in europäischen Nachbarländern wie Polen, Rumänien oder Spanien“. Tönnies schlug stattdessen vor, das bestehende System zu reformieren.

    Doch nur wenige Wochen später gab er unter dem massiven öffentlichen Druck klein bei und kündigte an, sich mit dem „Sofortprogramm Werkverträge“ an „die Spitze der Branche“ setzen zu wollen. Neben den geplanten Direktanstellungen plant Tönnies nach eigenen Angaben, die Zeiterfassung zu digitalisieren und neuen Wohnraum für Arbeiter zu schaffen.

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    Bei einem Werkvertrag trifft etwa ein Schlachthofbetreiber mit einem Subunternehmer eine Vereinbarung über die Schlachtung einer bestimmten Anzahl Tiere für ein bestimmtes Entgelt. Wie und mit wie vielen Arbeitnehmern der Subunternehmer dies umsetzt, bleibt ihm überlassen. Allein Tönnies arbeitet mit 25 Dienstleistern zusammen, die wichtigsten heißen DSI, MGM und Besselmann. Kritiker bemängeln schon seit Jahren Missstände – und werfen Dienstleistern unter anderem vor, Werkvertragsarbeiter mit falschen Lohnabrechnungen und teurem Wohnraum abzuzocken.

    Es könne keine Toleranz für ein Geschäftsmodell geben, das „die Ausbeutung der Arbeiter und die Ausbreitung von Pandemien in Kauf nimmt“, sagte SPD-Politiker Heil. Dabei ist das geplante Verbot nicht ohne Tücken, warnen Tönnies’ Wettbewerber, Verbände und Gewerkschaften.

    Schlachter fürchten Personalengpässe

    Klar ist etwa, dass die Schlachtkonzerne weiter auf Personal aus Osteuropa angewiesen sein werden. „Wir haben umfangreiche Erfahrung mit dem Versuch, in Deutschland Personal zu rekrutieren. Das ist nicht möglich“, sagte ein Tönnies-Sprecher. Die Personalgewinnung müsse voraussichtlich weiterhin in Ländern wie Rumänien, Bulgarien oder Polen stattfinden. „Wir werden bei der Rekrutierung sicher auf bestehende Strukturen zurückgreifen, aber auch eigene aufbauen müssen“, so der Sprecher.

    Waren 2008 erst 16.767 Ausländer in der deutschen Fleischindustrie beschäftigt, stieg deren Zahl bis 2018 auf 53.478, ermittelte der Bundestag. Das sind knapp 30 Prozent. Nach Schätzung der Gewerkschaft NGG sind etwa 30.000 Menschen über Werkverträge beschäftigt. Rechtsanwalt Thomas Kuhn beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Werkvertragsrecht. Zu seinen Mandanten gehören bei Tönnies tätige Dienstleister, darunter die Firma MGM, die selbst in der Kritik steht.

    Kuhn bestätigt: Die Fleischindustrie komme nicht ohne Osteuropäer aus. „Wenn sich überhaupt Deutsche melden, schmeißen sie den Job spätestens nach drei Tagen hin“, sagt der Jurist. Gleichzeitig könne Tönnies nicht auf Jahre mit den angekündigten Direktanstellungen planen. Denn auch unter diesen Arbeitern sei die Fluktuation hoch. „Viele kommen nur für eine begrenzte Zeit, manche verschwinden einfach von heute auf morgen.”

    Unterstützung kommt auch aus der Fleischindustrie im Ausland. Preben Sunke ist COO von Dänemarks größtem Schlachtkonzern Danish Crown, der etwa 3500 Mitarbeiter an acht deutschen Standorten beschäftigt. Er fordert die deutschen Politiker dazu auf, „ein flexibles System zu schaffen, damit weiterhin in Zeiten mit Spitzenbelastung zusätzliches Personal herangeholt werden kann“. Das funktioniere auch in Dänemark gut, wo Werkverträge in der Schlachtindustrie bereits verboten sind.

    Ralf Kerkhoff, Geschäftsführer des Dienstleisters Besselmann Services, begrüßt zwar die Verschärfung des Arbeitsrechts. Sie werde seiner Meinung nach zu einer Marktbereinigung unter den teilweise unseriösen Anbietern führen, die das Instrument Werkvertrag pervertiert und einen Preiskampf auf dem Rücken der Arbeiter ausgetragen hätten. Auch er warnt aber vor gesetzgeberischen Schnellschüssen, die das Geschäft der Arbeitnehmerüberlassung ins Ausland verdrängen könnten: „Dort ist die Kontrolle über Qualitäts- und Sozialstandards unter Umständen nicht gegeben.“ Besselmann gehört allerdings selbst zu den Dienstleistern, die seit Jahren in der Kritik stehen.

    Branchenkenner befürchten, dass dubiose Personalanwerber weiterhin ihre Landsleute abzocken, indem sie beispielsweise Vermittlungsgelder fordern. MGM-Anwalt Kuhn meint: „Wenn alles einfach nur unter Direktanstellungen weiterläuft, wird sich nicht wirklich etwas ändern.” Will die Politik die Arbeitsbedingungen verbessern, sollte sie das seiner Meinung nach über einen Tarifvertrag oder eine gesetzliche Reduktion der produzierten Stückzahlen tun. Manch einer hält ein Verbot von Werkverträgen, das nur für die Fleischwirtschaft gilt, gar für verfassungswidrig.

    Besselmann-Geschäftsführer Kerkhoff sieht sein Unternehmen nicht durch das Verbot gefährdet, weil der Dienstleister schon seit Jahren für unterschiedliche Branchen arbeitet. Subunternehmen, die sich auf das Schlachtgewerbe konzentriert haben, bricht mit dem geplanten Gesetz jedoch ihr gesamtes Geschäftsmodell weg. MGM-Anwalt Kuhn spricht von einem „Auslaufmodell“. Er beklagt, dass die Dienstleister nie zu den entscheidenden Gesprächen in Düsseldorf oder Berlin eingeladen wurden.

    Tönnies-Clan streitet über Werkverträge

    Dass der Branchenprimus Tönnies nun die Werkverträge in einzelnen Kernbereichen abschaffen will, geht Robert Tönnies, Mitinhaber der Tönnies-Gruppe, noch nicht weit genug. Er streitet schon lange mit seinem Onkel Clemens über das Thema. Robert Tönnies verlangt vom Unternehmen, bis Jahresende sämtliche Mitarbeiter fest anzustellen – und verweist auf den Wettbewerber Westfleisch.

    Die bäuerliche Genossenschaft, die Nummer zwei hinter Tönnies, will bis Jahresende alle rund 3000 Werkvertragsarbeiter in feste Beschäftigungsverhältnisse übernehmen. „Das könne direkt oder über eine der beiden unternehmenseigenen Beschäftigungsgesellschaften geschehen“, sagte Finanzvorstand Carsten Schruck der „Lebensmittelzeitung“. Damit übernehme Westfleisch die Verantwortung für die bisherigen Werkvertragsarbeiter: „Wir bringen sie selbst unter und sind damit für die Qualität der Unterkünfte verantwortlich.” Das Gleiche gelte für die Löhne und den Transport.

    90 Prozent der Wohnungen will Westfleisch von den bisherigen Werkvertragsanbietern übernehmen, den Rest am Markt beschaffen. Die Wohnungen sollen mit maximal fünf Personen besetzt werden, jeder soll mehr als die gesetzlich vorgeschriebenen neun Quadratmeter Platz haben. Anwalt Kuhn weist daraufhin, dass letztlich die Arbeiter über ihre Unterkünfte entscheiden: „Viele haben sich bewusst für das Lebensmodell entschieden, möglichst günstig zu wohnen, um mehr Geld nach Hause schicken zu können.” Diese Arbeitnehmer würden womöglich freiwillig auf die Wohnungen ihrer Arbeitgeber verzichten, wenn sie anderswo günstiger unterkommen können.

    Oldenburgs NGG-Geschäftsführer Brümmer sieht den plötzlichen Sinneswandel von Schlachtkonzernen wie Tönnies skeptisch. „Sie werfen nur Nebelkerzen“, glaubt der Gewerkschafter. Dabei sei eine Festanstellung nicht viel teurer. Für einen Schlachthof in Cloppenburg rechnet Brümmer vor: Ein Kilo Fleisch würde bei einer 30-Stunden-Woche, 30 Tagen Urlaub und einem Stundenlohn von 15 Euro nur neun Cent teurer werden. Doch die Schlachtkonzerne würden das Geld „lieber in die Expansion als in ihre Leute“ stecken, kritisiert der Gewerkschafter.

    Lohnkostenanteil ist in der Branche gering

    Robert Tönnies hatte schon 2013 zur Diskussion gestellt, ob Direktanstellungen in Verbindung mit der Zahlung eines Mindestlohns nicht der bessere Weg für Tönnies wären. Dabei ging es ihm nicht nur um Image, sondern auch um betriebswirtschaftliche Gründe. Die durchschnittlichen Kosten für eine Werkvertragsstunde lägen bei rund 15 Euro – und damit deutlich über den Effektivkosten von 11,80 Euro bei einem Mindestlohn von 8,50 Euro, rechnete Robert Tönnies damals in einem anwaltlichen Schreiben vor, das dem Handelsblatt vorliegt.

    „Angesichts der hohen Zahl der über Werkverträge beschäftigten Personen bedeutete diese Umstellung bei Tönnies eine jährliche Kostenersparnis in Höhe eines zweistelligen Millionenbetrags“, heißt es weiter in dem Dokument. Die Tönnies-Gruppe sieht das jedoch anders. Sie geht Stand heute davon aus, dass sich ohne Werkverträge die Herstellungskosten teilweise erhöhen und „letztlich auch die Endverbraucherpreise steigen werden“, wie ein Sprecher auf Anfrage mitteilte.

    Der Lohnkostenanteil in der Fleischindustrie ist allerdings gering. Gewerkschafter Brümmer schätzt, dass er nur bei rund fünf Prozent liegt. An einem Schwein, das rund 60 Kilo Fleisch hat, verdienen Werkvertragsfirmen nur etwa 1,03 Euro, zeigen Aussagen, die der NGG vorliegen. Trotzdem lohne sich das Geschäft für die Subunternehmen, so Brümmer.

    Die Margen in der Schlacht- und Zerlegebranche sind mit rund drei Prozent niedrig. Als Mitverursacher sieht der Gewerkschafter die mächtigen Handelsketten. „Der Handel ist der Preisdrücker.” Er sei wesentlich mitverantwortlich für die ausbeuterischen Arbeits- und Lebensbedingungen der Beschäftigten in der Fleischbranche. Viele große Ketten – mit Ausnahme von Aldi – betreiben selbst Fleischwerke mit Werkverträglern.

    Das soll sich ändern. Kaufland und sein Schwesterunternehmen Lidl etwa haben nun angekündigt, dass sie künftig in eigenen Werken und bei Lieferanten für Frischfleisch und -geflügel komplett auf Werkverträge verzichten wollen – zumindest in den Kernbereichen Schlachtung, Zerlegung und Verpackung.

    Mehr: Tönnies darf wieder schlachten – unter strengen Auflagen.

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