Deutsche Bahn Brandbrief des Bahn-Chefs ruft auch die Politik auf den Plan

Bahn-Chef Lutz hatte einen schonungslosen Brief an die Mitarbeiter geschrieben. In der Politik wird dieser auch als Appell an den Eigentümer Staat verstanden.
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Der große Verlustbringer für den Staatskonzern Bahn. Quelle: picture alliance / blickwinkel/S
Güterverkehr

Der große Verlustbringer für den Staatskonzern Bahn.

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DüsseldorfDas vierseitige Schreiben des Bahn-Vorstands war an Tausende Führungskräfte gerichtet. Aber es hat auch die Politik in Berlin wachgerüttelt. Bahn-Aufsichtsrätin Kirsten Lühmann zeigte sich erleichtert über die klaren Worte des Vorstands. Die SPD-Verkehrspolitikerin verwies gegenüber dem Handelsblatt auf den Geist des Koalitionsvertrags. „Qualität steht vor Gewinnmaximierung“, sagte sie. Daran müsse sich der Bahn-Vorstand unter Führung von Richard Lutz messen lassen.

Lutz hatte seine Führungsmannschaft vorgewarnt, dass es mit der Gewinnprognose für 2018 nichts wird. Er sprach sogar von einer möglichen dritten Gewinnwarnung. 2,1 Milliarden Euro Betriebsgewinn (Ebit) sind damit nicht mehr sicher.

Auch Grünen-Verkehrspolitiker Matthias Gastel ist „froh darüber, dass Lutz die Probleme des Unternehmens so offen dargestellt hat“. Alles liege nun auf dem Tisch und beweise, dass „es nicht nur ein Versagen des Konzerns, sondern auch ein Versagen des Eigentümers gebe“, sagte Gastel. Der Bund müsse „verlässlicher“ in die Bahn investieren.

Für den FDP-Politiker Torsten Herbst ist der Brief des Bahn-Vorstands allerdings auch „ein Offenbarungseid“. Der Vorstand sage nichts anderes, als dass er „intern keine Möglichkeit sieht, die Probleme zu lösen“, meint der Obmann der Liberalen im Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestags.

Zum Wochenende hatte sich der sechsköpfige Vorstand des Staatskonzerns an die Führungskräfte gewandt und wie im Handelsblatt berichtet auf die „schwierige Situation“ der Bahn eindringlich hingewiesen. Die Lage sei in den vergangenen Monaten sogar noch schlechter geworden.

Der Gewinn liege schon jetzt 160 Millionen Euro unter Plan. Das Unternehmen ist weit davon entfernt, seine selbst gesteckten Ziele bei Pünktlichkeit und Qualität zu erreichen. Im August fuhren nicht einmal 70 Prozent der ICEs und ICs nach Fahrplan.

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Lutz fürchtet um die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens, hat die Unternehmensberater von McKinsey ins Haus geholt und einen sofortigen Ausgabenstopp verhängt. Der Vorstand beklagt unter anderem die steigenden Kosten in der Verwaltung. Zuletzt hatte die Bahn 42 Milliarden Euro Umsatz und 760 Millionen Euro Nettogewinn gemacht. Das Unternehmen beschäftigt 300.000 Mitarbeiter, davon 200.000 in Deutschland.

Gastel ist davon überzeugt, dass die Deutsche Bahn ein strukturelles Problem hat. „Der Konzern lässt sich so nicht führen.“ Die Bahn sei an 700 Einzelunternehmen beteiligt. Sie solle sich auf das Kerngeschäft konzentrieren, Eisenbahn in Deutschland. Diese Ansicht vertritt auch FDP-Politiker Herbst. Das Management habe sich „verzettelt“. Statt Beteiligungen an Carsharing-Firmen zu kaufen oder Bikesharing in den Städten zu finanzieren, solle das Unternehmen in die Qualität des Eisenbahnverkehrs investieren.

Spezielle Kritik übt Herbst an Vorstandsmitglied Ronald Pofalla. Auch der frühere Kanzleramtsminister hatte wie die anderen fünf DB-Vorstände den Brief unterschrieben. Pofalla müsse sich aus der Leitung der Kohlekommission zurückziehen, fordert Herbst, und sich stattdessen auf seine Hauptaufgabe, die Sanierung des Bahnnetzes, konzentrieren.

Pofalla selbst hatte sich erst kürzlich auf der Halbjahrespressekonferenz des Unternehmens verteidigt, die Bahn bleibe trotz seiner Arbeit für die Kohlekommission seine „Hauptaufgabe“.

Die beiden Oppositionspolitiker begrüßen den Plan von Konzernchef Lutz, im November dem Aufsichtsrat den Verkauf der Auslandstochter Arriva vorzuschlagen. Gastel: „Perspektivisch sollte sich die Bahn von Arriva und auch von Schenker trennen.“

Synergieeffekte zwischen Schenker und dem Schienengüterverkehr (DB Cargo) gebe es ohnehin kaum. Die beiden Tochtergesellschaften zu verkaufen war schon einmal vor etwa zweieinhalb Jahren Thema. Ohne Arriva und Schenker würde der Bahn-Konzern auf die Hälfte seines Umsatzes schrumpfen.

In Berlin war dafür aber keine politische Mehrheit zu bekommen. Stattdessen entschloss sich der Bund, der Bahn eine Milliarde frisches Kapital zur Verfügung zu stellen. Die hat allerdings nicht verhindern können, dass die Nettoverschuldung der Bahn heute schon knapp unter 20 Milliarden Euro liegt.

Ein Verkauf oder Teilverkauf von Arriva könnte den Anstieg lindern. Das Unternehmen dürfte zwischen vier und 4,5 Milliarden Euro wert sein. Alternativ könnte ein Investor ins Boot geholt oder eine Rückkehr an die Börse geplant werden. Arriva ist eine britische Gesellschaft, die 2010 von der Deutschen Bahn für 2,8 Milliarden Euro gekauft worden war.

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