Deutschland-Start Modemarke Zozo verspricht Maßkonfektion aus dem Smartphone

Das japanische Unternehmen möchte standardisierte Kleidergrößen überflüssig machen. Das Geschäftsmodell: per App Maßanfertigungen für jeden.
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Er hatte 2015 die Idee zu Zozo. Quelle: Reuters
Yusaku Maezawa

Er hatte 2015 die Idee zu Zozo.

(Foto: Reuters)

HamburgDas junge Model trägt so etwas wie einen hautengen schwarzen Sportanzug mit langen Ärmeln und langen Beinen. Auf dem Anzug sind Hunderte weiße Symbole aufgedruckt. Dann ertönt eine Stimme aus dem iPhone, das vor dem Model auf einem Tisch aufgestellt ist: „Please turn to the one o’clock position.“

Das Model dreht sich in dem sogenannten Zozo Suit also um die eigene Achse nach rechts. Wenig später kommt die nächste Anweisung, sich auf die Zwei-Uhr-Position zu drehen und so weiter ... So macht das iPhone von jeder Position ein Foto.

„Schon nach wenigen Minuten haben wir zwölf Fotos und die exakten Körperdaten, um dem Kunden eine maßgeschneiderte Jeans oder ein T-Shirt zu schicken“, sagt Masahiro Ito und zeigt stolz das iPhone, auf dem eine 3D-Abbildung vom Körper des Models zu sehen ist.

Das Ergebnis der neuartigen Messmethode führt der 34-jährige CEO der japanischen Marke Zozo gleich selbst vor: Der schmale Manager trägt ein graues T-Shirt und eine dunkelblaue Jeans, die so entstanden sind – beides sitzt gut, ohne am Körper zu kleben.

Was Ito bei einem Gespräch in einem japanischen Restaurant in der Hamburger Altstadt vorführt, ist eine kleine Revolution: „Wir wollen die Größen in der Mode abschaffen“, kündigt er an. Stattdessen soll jeder, der die neue Messmethode anwendet, die für seine Körpermaße passende Kleidung erhalten.

Dass es Ito gelingt, Größen wie S, M, L, XL oder 36 und 42 abzuschaffen, ist eher unwahrscheinlich. Aber klar ist: Er liegt mit seiner neuen japanischen Marke Zozo im Trend, weil immer mehr Kunden individuelle Kleidung suchen und weniger von der Stange kaufen wollen. Davon profitieren traditionelle Maßkonfektionäre wie Kuhn und Dolzer, aber auch neue wie Cove & Co. aus Düsseldorf und Tailorjack aus Hamburg.

Ito allerdings startet anders als diese Konkurrenten in Deutschland jetzt nicht mit Maßanzügen, sondern mit Freizeitkleidung wie Jeans, T-Shirts und Freizeithemden. Doch er will die Kollektion alle vier Wochen erweitern. Im Herbst schon soll es Businessanzüge geben.

Gleichzeitiger Start in 72 Ländern weltweit

Der junge Japaner hat sich sehr viel vorgenommen. Im kommenden Monat soll die Marke Zozo weltweit in 72 Ländern gleichzeitig starten. Was wie der Plan eines jungen, euphorischen Unternehmensgründers wirken könnte, wird von einem finanzkräftigen japanischen Konzern finanziert, von Start Today.

Das 1998 von Yusaku Maezawa gegründete Unternehmen betreibt heute Zozotown, die größte Online-Modeplattform Japans, die im vergangenen Jahr einen Umsatz von 2,7 Milliarden US-Dollar erreichte. Maezawa ist inzwischen Milliardär und machte vor Kurzem Schlagzeilen, als er für rund 110 Millionen Dollar ein Gemälde von Jean-Michel Basquiat ersteigerte.

Mit diesem Spezialanzug und einer App sollen sich Kunden künftig selbst zu Hause vermessen. Quelle: ZOZO
Zozo Suit

Mit diesem Spezialanzug und einer App sollen sich Kunden künftig selbst zu Hause vermessen.

(Foto: ZOZO)

Der Start-Today-Gründer hat sich die Entwicklung der neuen Messmethode einen „zweistelligen Millionenbetrag“ kosten lassen, wie Ito erzählt. Vor sieben Jahren schon hatte Maezawa die Idee zu einer eigenen Marke, und er begann, das Konzept zu entwickeln. Ito selbst hat schon viele Unternehmen gegründet, sitzt nun bei Start Today im Board und ist für die neue Marke verantwortlich.

Hinter Zozo steckt eine komplexe Technologie: Das reicht von dem neu entwickelten Messanzug Zozo Suit mit den 400 aufgedruckten Symbolen, die jeweils für einen bestimmten Punkt am Körper stehen, über die App, die sich jeder Kunde herunterlädt und die aus den iPhone-Fotos eine dreidimensionale Abbildung des Körpers erschafft, bis zur Logistik und zur Produktion der Kleidung in China.

So war es gar nicht so einfach, Hersteller zu finden, die die Jeans und T-Shirts fertigen können. „Die meisten Fabriken haben uns gesagt: Wir können das nicht produzieren“, berichtet Ito von seinen Erfahrungen. Denn die Hersteller sind es zwar gewohnt, Hunderttausende Stück in den gängigen Größen zu fertigen, aber nicht umgekehrt: geringere Mengen in Tausenden Größen.

Und genau das ist das Zozo-Konzept. Das Unternehmen hat Tausende Schnittmuster gespeichert, die alle wesentlichen Maße für eine perfekte Passform enthalten. Hunderte davon werden vorproduziert und für den deutschen und europäischen Markt in Berlin eingelagert. Das Teil, das den Körpermaßen des Kunden möglichst nahekommt, erhält der Kunde dann innerhalb von zwei Tagen zugeschickt.

Knackpunkt Sprache

Ist das passende T-Shirt nicht vorrätig, wird es in China gefertigt und soll in etwa zwei bis drei Wochen beim Kunden sein. Komplex ist auch das Thema Sprache beim gleichzeitigen Start in 72 Ländern weltweit. Deshalb gibt es die App zunächst nur auf Englisch und auf Deutsch.

In Japan war es für die neue Marke leichter zu starten. Da konnte sie auf den Onlineshop Zozotown zurückgreifen. Seit Ende April wurden dort bereits eine Million Zozo Suits bestellt. „Wir haben danach mehr als 500.000 bestellte Kleidungsstücke schon ausgeliefert“, versichert der CEO.

Dort ist das Messdress mit den vielen Punkten zu einem Kultobjekt in den sozialen Medien geworden. Tausende fotografieren sich in dem Anzug und teilen die Fotos dann in den Netzen. Auf diesen Effekt setzt Ito auch in Deutschland – und vor allem auf Mundpropaganda. Denn hier steht ihm zum Start nicht die starke Modeplattform Zozotown des Mutterunternehmens zur Verfügung. Die soll nämlich in Japan bleiben und nicht expandieren, weil es in Europa mit Zalando und der britischen Plattform Asos starke Konkurrenz gibt.

Entspannte Konkurrenten

Die neue Zozo-Technologie wird von der Maßschneiderbranche in Deutschland aufmerksam verfolgt. „Diese Technologie ist sehr zeitgemäß. Dafür wird es sicherlich einen Markt geben“, sagt Inge Szoltysik-Sparrer, Chefin des Bundesverbands der Maßschneider.

Sie sieht aber das eigene Geschäft durch den neuen Konkurrenten nicht bedroht. Auch einige deutsche Maßschneider bieten bereits neue Technologien an, um die Körpermaße zu vermessen. So gibt es das Programm „Profile Fit Pattern Photo“, bei dem sich die Kunden in eng anliegender Kleidung fotografieren lassen.

Die Daten werden vom Maßschneider mit einer speziellen Software verarbeitet. Doch das Programm werde noch wenig genutzt, sagt Szoltysik-Sparrer. „Ich glaube, dass die Kunden, die zum Maßschneider gehen, gerne wollen, dass dort ein Fachmann mit Maßband misst.“

Skeptisch ist auch der Onlineexperte und Gründer der Softwarefirma Spryker, Alexander Graf, hinsichtlich der Erfolgsaussichten von Zozo. „Ich glaube, dass das neue Zozo-Verfahren nur etwas ist für eine kleine Zielgruppe des Modemarktes“, bremst er die Euphorie Itos. „Die Onlinehändler haben heute bereits viele Daten, um ihren Kunden die Kleidung in der passenden Größe zu schicken. Dazu ist keine neue Technologie erforderlich.“

Von dieser Skepsis lässt sich Ito jedoch nicht irritieren. Er setzt auf eine junge Zielgruppe und auf die Erfahrung von Susanne Burger, die als Chefin der Start-Today-Tochter in Berlin das Deutschland- und Europageschäft aufbauen soll. Burger kommt vom Berliner Erfolgsunternehmen Zalando. Sie sieht gute Chancen in Deutschland, weil „wir maßgeschneiderte Kleidung zu Preisen unter denen von Marken wie etwa S. Oliver oder Esprit anbieten“. Sie will T-Shirts künftig bereits ab 22, Jeans ab 59 und Freizeithemden oder Blusen ab 49 Euro anbieten.

Ito gibt sich optimistisch: Er erwartet dieses Jahr weltweit bereits einen Umsatz von 180 Millionen US-Dollar. Das klingt zunächst viel: Schließlich müsste Zozo für sein Umsatzziel auf Basis des jeweils günstigsten Preises in Deutschland mehr als sieben Millionen T-Shirts oder mehr als 2,6 Millionen Jeans verkaufen.

Im Gesamtmarkt bliebe er damit aber noch in der Nische: Die Marktforscher von Statista prognostizieren alleine für das Segment Bekleidung in Deutschland in diesem Jahr einen Gesamtumsatz von rund 11,7 Milliarden Euro.

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