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Amazon-Logistikzentrum in Peterborough

Experten rechnen damit, dass bei einem harten Brexit eine bislang ungeahnte Bearbeitungswelle auf den Zoll zurollen würde.

(Foto: AFP/Getty Images)

E-Commerce Der Brexit trifft jeden dritten Onlineshopper

Der Brexit hat für deutsche Internetkäufer größere Folgen als gedacht: Das Vereinigte Königreich ist der zweitgrößte Auslandslieferant deutscher Onlineshopper.
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DüsseldorfFür Deutschlands Handballer reichte es den Mühen zum Trotz nur für Rang vier bei der abgelaufenen Weltmeisterschaft. Heimlich aber stellte die Bundesrepublik auf dem Turnier auch einen Gewinner: den deutschen Zoll.

Für gerade einmal 80 000 Euro schaffte er es, seine Kurzbotschaft „Zoll.Karriere“ während der Vor- und Hauptrunde zwischen „Rinti“-Hundefutter und „Liqui Moly“-Motoröl über die Spielfeldbanden flimmern zu lassen – vor bis zu zwölf Millionen TV-Zuschauern pro Match.

Mit der spektakulären Rekrutierungsaktion rüstet die Bundesbehörde auf für den Fall, dass die Briten ungeregelt aus dem europäischen Binnenmarkt austreten. Gelingt ihr der Personalaufbau, stünden Deutschlands Onlineshopper auf der Seite der Verlierer. Jeder dritte von ihnen wäre betroffen.

Was bislang kaum jemand ahnte: Das Vereinigte Königreich ist der zweitgrößte Auslandslieferant deutscher Internetkäufer, wie die Wirtschaftsprüfungsfirma PwC in einer noch unveröffentlichten Studie herausfand. 34,3 Prozent von ihnen bestellten in den letzten zwei Jahren auf der Insel, übertroffen nur von China, das auf eine Quote von 50,7 Prozent kam.

Erst auf Platz drei rangierten die USA (31 Prozent), gefolgt vom EU-Mitglied Österreich (16,8 Prozent). Unter Deutschlands Powershoppern, die mehr als zehnmal pro Jahr im Ausland bestellten, steht die Insel sogar bei 70 Prozent auf dem Einkaufszettel.

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Doch mit dem „Buy british“ könnte es für deutsche Kunden schwierig werden. „Kommt es zu einem harten Brexit“, warnt Jürgen Wamser von der Generalzolldirektion in Bonn, „wird Großbritannien gleichgestellt mit Drittländern wie China oder USA.“

Waren ab einem Wert von 150 Euro unterliegen dann den Zolltarifen, für Artikel ab 22 Euro haben Onlinekunden zusätzlich die Einfuhrumsatzsteuer zu entrichten – üblicherweise mit einem Satz von 19 Prozent.

Kurseinbruch bei Asos

Großbritanniens Internethändlern, die im Schnitt zehn Prozent ihrer Waren ins Ausland liefern, würde dies das Exportgeschäft verderben. Wie groß die Nervosität ist, zeigte die Aktie des Onlineanbieters Asos, der über DPD verstärkt nach Deutschland und Skandinavien liefert. Nachdem Premierministerin Theresa May im Dezember keine Mehrheit für ihren Brexit-Plan fand und die Abstimmung im Unterhaus verschob, stürzte die Aktie des Londoner Modeversenders binnen weniger Tage um über 53 Prozent.

Ähnlich unter Druck geraten dürfte der Modeanbieter Topshop. Die zur Arcadia Group gehörende Textilkette aus London liefert nicht nur weltweit in 100 Länder, ihre Internetseite mit 4,5 Millionen Kunden bezeichnet sie außerdem als „digitalen Marktführer“.

Sicher ist, dass für sie alle die Lage unübersichtlicher wird, falls Großbritannien am 29. März aus dem Binnenmarkt der EU austritt. Experten rechnen damit, dass eine bislang ungeahnte Bearbeitungswelle auf den Zoll zurollen würde. „Wenn die Zollbehörden zusätzlich zum China-Warenstrom noch den bis jetzt größten EU-Warenstrom abwickeln müssen“, glaubt PwC-Zollexperte Michael Tervooren, „dann könnte das eng werden.“

Die Grenzer hätten dann nämlich zu kontrollieren, ob die in Großbritannien bestellten Artikel EU-Normen entsprechen – etwa dem Arzneimittelrecht oder den Technikvorschriften („CE“-Zeichen). Wie bei Sendungen aus Fernost wären britische Päckchen auf Markenfälschungen hin zu überprüfen, vom massenhaften Inkasso der Einfuhrumsatzsteuer ganz zu schweigen.

Unter Onlinebestellern in der Bundesrepublik dürfte dies für reichlich Verwirrung sorgen. Denn zahlreiche ausländische Shops gestalten ihren Verkaufsauftritt so gut, dass Käufer erst nach der Bestellung bemerken, dass die Ware aus dem Ausland kommt. So hat nach eigener Auskunft jeder vierte deutsche Käufer, ohne es zu ahnen, jenseits der Grenze eingekauft.

Dabei wird der grenzüberschreitende E-Commerce Onlineshoppern mit hoher Geschwindigkeit zur Gewohnheit. 71 Prozent der deutschen Onlineshopper kaufen bereits heute außerhalb der Heimat, ermittelte PwC. Vor zwei Jahren waren es erst 56 Prozent. Der importierte Umsatz entspracht danach mit 5,3 Milliarden Euro rund zehn Prozent des deutschen E-Commerce.

Dass Übersee-Anbieter wie Wish, Aliexpress oder Gearbest nicht gerade mit einer überzeugenden Retourenabwicklung glänzen und den Kunden häufig beim Liefertermin im Unklaren lassen, schreckt deutsche Onlineshopper immer seltener. „Die Mehrheit der Einkäufer im Ausland sieht bei der Lieferung keinen schlechteren Service als bei deutschen Shops“, hat PwC-Logistikexperte Dietmar Prümm in seiner Umfrage festgestellt, „und sogar ein beachtlicher Prozentsatz einen besseren.“

Britische Onlineanbieter hingegen müssen mit einem herben Rückschlag rechnen. „Wir sehen die Last vor allem auf den kleinen- und mittelständischen Online-Händlern, die es schwer haben könnten, bürokratische Hürden wie die Wiedereinführung von Zöllen und der Einfuhrumsatzsteuer zu überwinden“, glaubt Florian Seikel, Director Public Affairs beim europäischen Onlinehandelsverbands Händlerbund.

Für deutsche Versender nach Großbritannien gibt er dagegen – zumindest juristisch – Entwarnung: „Allein der Versand in ein künftiges Nicht-EU-Land führt zu keinen rechtlichen Änderungen für deutsche Online-Händler.“

Einfuhrumsatzsteuer droht

Den Kollegen auf der Insel könnte es da durchaus schlechter ergehen. Der Warenwert bei Käufern, die ausschließlich in der EU ordern, ist laut PwC-Studie fast doppelt so hoch wie bei Käufern in den Nicht-EU-Staaten. Aus Furcht vor Zöllen hat sich gut die Hälfte aller Onlinebesteller ein Limit von 150 Euro gesetzt, ein Fünftel bleibt sogar unter 22 Euro, um nicht bei der Einfuhrumsatzsteuer zur Kasse gebeten zu werden.

Kein Wunder. Immerhin berichteten 41 Prozent der Auslandsshopper, in der Vergangenheit schon einmal vom Zoll kontaktiert worden zu sein.

Diese Quote könnte sich bei Einkäufen außerhalb der EU – und damit auch aus Großbritannien – bald drastisch erhöhen. Ab 2021, fordert die EU in einer Richtlinie, soll der Freibetrag von 22 Euro bei der Einfuhrumsatzsteuer fallen. „Damit werden alle Päckchen von außerhalb der EU für uns kontrollpflichtig“, sagt Zoll-Sprecher Wamser. Womöglich müsse ab dann jede Nicht-EU-Sendung geöffnet werden. „Für Schmuggler steigt dadurch das Risiko, erwischt zu werden“, warnt er. Gleichzeitig werde sich die Bearbeitungszeit für Nicht-EU-Bestellungen deutlich verlängern.

Doppelt bitter für Onlinehändler auf der Insel: Ohne den beabsichtigten Brexit hätten sie es leicht gehabt, ihren Marktanteil in Deutschland auszubauen. Denn für die Konkurrenz aus China wird es voraussichtlich bald teurer, nach Europa zu liefern.

Grund ist die vor wenigen Wochen unterzeichnete Vertragskündigung der USA gegenüber dem Weltpostverein, der seit 1874 die gegenseitigen Verrechnungssätze im internationalen Postverkehr bestimmt. Traditionell hatten hier die Industrieländer ärmeren Nationen Vorteile eingeräumt.

Bis heute aber gilt auch China dem Weltpostverein als Schwellenland, sodass Händler aus dem Reich der Mitte über die Deutsche Post Handys oder PC-Zubehör für gerade einmal 97 Cent zustellen können. Selbst für schwerere Warensendungen bis fünf Kilo werden für sie nur 1,09 Euro fällig.

So verwundert es nicht, dass 85 Prozent der Sendungen aus Fernost über den billigen Postweg laufen, obwohl dieser oft zwei Wochen in Anspruch nimmt. Die weitaus teureren Expressdienste wie DHL, UPS oder Fedex teilen sich so bislang nur den kläglichen Rest.

Nach der Kritik aus Washington heißt es nun jedoch in der Weltpostverein-Zentrale in Bern, man wolle mit den 192 Mitgliedern die gegenseitigen Portogebühren überarbeiten. Mit den Transport-Subventionen für chinesische Onlinehändler, soviel ist sicher, dürfte es damit vorbei sein.

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