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E-Commerce Smartphone statt Supermarkt: Wie die Coronakrise Chinas Onlinehandel stärkt

Die Volksrepublik war schon vor Ausbruch der Pandemie der größte Markt für Onlinehandel. Die Krise stärkt das Geschäft. Ein Ortsbesuch in der Millionenstadt Wuhan.
29.08.2020 - 12:30 Uhr Kommentieren
China hat bereits jetzt den größten E-Commerce-Markt weltweit. Quelle: AP
Logistikzentrum von JD.com in Peking

China hat bereits jetzt den größten E-Commerce-Markt weltweit.

(Foto: AP)

Wuhan Es ist früher Nachmittag in der zentralchinesischen Stadt Wuhan. In einer kleinen Halle hat gerade die zweite Hälfte des Arbeitstages für Li Huabin begonnen. Zusammen mit sechs anderen Lieferfahrern des chinesischen Onlinehandels-Giganten JD.com steht der 31-Jährige vor einem schmalen Fließband, das langsam kleine Pakete aus einem roten Lkw herausbefördert.

Über dem Band sind drei Scanner angebracht. Jedes Mal, wenn ein Päckchen darunter durchfährt, ertönt ein Geräusch, als handele es sich um ein Laserschwert bei „Star Wars“ – „zwutsch, zwutsch, zwutsch“. Die Männer stehen hinter den Scannern und sortieren die Pakete in kleine rote Wagen – ihre Ladung für den Rest des Tages.

Li und seine Kollegen haben viel zu tun, denn die Coronakrise hat dem Onlinehandel einen kräftigen Schub verliehen, der laut Experten auch nachhaltig ist. Während die Offlineverkäufe im ersten Quartal um 13 Prozent fielen, stiegen die Onlineverkäufe im ersten Quartal um 19 Prozent im Jahresvergleich.

China hat bereits jetzt den größten E-Commerce-Markt weltweit. Wie das chinesische Wirtschaftsministerium kürzlich mitteilte, lagen die Verkäufe im Einzelhandel im vergangenen Jahr bei 10,6 Billionen Yuan (1,3 Billionen Euro) – Tendenz steigend. Laut dem Marktforschungsunternehmen Emarkter teilen drei Unternehmen rund 80 Prozent des Marktes unter sich auf: Alibaba, JD.com und Pinduoduo.

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    Als Wuhan Anfang des Jahres für mehr als zwei Monate unter Lockdown stand und alle elf Millionen Einwohner ihre Wohnungen nicht verlassen durften, waren es Lieferfahrer wie Li und seine Kollegen, die den Menschen Essen brachten. Li hatte gerade Verwandte besucht, als er von dem Lockdown erfuhr. Er entschied sich zurückzukehren, um zu helfen – um den Menschen in der Stadt ihr Essen zu bringen. „Ich war sehr nervös“, erinnert er sich.

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    Dreimal so viele Waren wie vor der Krise lieferte allein JD an die Haushalte in Wuhan während des Lockdowns. Bis zur Aufhebung der Ausgehsperre am 8. April hatten Li und seine Kollegen 6000 Tonnen Lebensmittel zu drei Millionen Menschen gebracht. China-weit waren es allein im ersten Monat nach Ausbruch des Virus 50.000 Tonnen frische Lebensmittel, 27 Millionen Liter Öl zum Kochen und 40 Millionen Packungen Instantnudeln. Auch die JD-Konkurrenten Alibaba und Meituan lieferten, als keiner mehr seine Wohnung verlassen durfte.

    „Wir sind während der Krise nicht rausgegangen, sondern haben alles online bestellt“, sagt Frau Zhou. Die Frau mittleren Alters lehnt gegen den Rahmen ihrer Wohnungstür. Sie wohnt weit oben in einer der neu gebauten Siedlungen am Rande Wuhans. Wenn Zhou aus dem Fenster schaut, sieht sie Dutzende rote Türme, die nebeneinander aus dem Boden ragen, dazwischen sind kleine Grünflächen.

    Einzelhandel stark getroffen

    Hier ziehen Menschen hin, die zur kaufkräftigen Mittelklasse Chinas gehören. Während vor allem die Hunderten Millionen armen Menschen in der Volksrepublik stark unter der Krise gelitten und ihren Job verloren haben, haben die wohlhabenderen weniger Probleme.

    Als die Krise vorbei war, sagt Zhou, haben sie und ihr Sohn sich erst einmal komplett neu eingerichtet über JD: Einen neuen Kühlschrank und eine neue Klimaanlage haben sie bestellt, außerdem Dekoration für ihre Wohnung. Zhou ist kein Einzelfall, auch ihr Nachbar Herr Liu im Hochhaus nebenan hat bei JD diverse Küchengeräte gekauft.

    Man merkt Wuhan vier Monate nach dem historisch einmaligen kompletten Lockdown auf den ersten Blick nicht an, was hier geschehen ist. Das Leben läuft inzwischen wieder fast normal ab. Auf den Spazierwegen am großen Westsee beobachten Eltern abends ihren Nachwuchs bei den ersten Radfahrversuchen. Senioren fächeln sich Luft zu in der stickigen Hitze. Vom anderen Ufer des Sees schwappt fröhliche Popmusik aus einem Vergnügungspark herüber.

    Corona China: Die Krise stärkt den chinesischen Onlinehandel  Quelle: AP
    Onlinehandel in China

    Ein Mitarbeiter des chinesischen Onlinehändlers JD.com liefert Pakete an Kunden aus.

    (Foto: AP)

    Die Läden in der Shoppingmeile ein paar Kilometer entfernt sind hingegen auch jetzt, Monate nach dem Lockdown, weniger gut besucht. Das Coronavirus hat den Einzelhandel in China stark getroffen. Im ersten Quartal gingen die Umsätze im Vergleich zum Vorjahr um 19 Prozent zurück, der größte jemals verzeichnete Rückgang. Die Verkäufe haben sich bis heute nicht ganz erholt.

    Anders sieht es beim E-Commerce aus: Insbesondere der Lebensmittelhandel online hat einen nachhaltigen Schub bekommen durch die Krise. Laut Zahlen der Beraterfirma McKinsey stieg der Onlinehandel im Essensbereich China-weit um fast 40 Prozent im ersten Halbjahr.

    „Unsere Supermarkt-Kategorie, worunter Konsumgüter des täglichen Bedarfs und frische Erzeugnisse fallen, ist in der ersten Hälfte von 2020, gemessen am Umsatz, zur stärksten Produktkategorie geworden und übertraf damit Mobiltelefone, Haushaltsgeräte und Computer, unsere früheren Champion-Kategorien“, sagte JD-Finanzchefin Sandy Xu bei der Vorlage der Quartalszahlen des Konzerns im August.

    Harter Wettbewerb auf dem Markt

    In Märkten wie dem chinesischen, die schon vor der Krise einen hohen Anteil von Onlineshoppern hatten, werde zwar die absolute Zahl an Käufern nicht substanziell steigen, heißt es in einem Bericht von McKinsey. Die Unternehmensberatung erwartet allerdings, dass der Anteil des Einkommens, das im Internet ausgegeben wird, steigen wird.

    „Die Krise hat drei Trends im chinesischen Onlinehandel um 18 bis 24 Monate beschleunigt“, sagt Daniel Zipser, Partner und Leiter des Bereichs Konsumgüter und Handel bei McKinsey in China, im Gespräch mit dem Handelsblatt: „Social Commerce, die Erschließung neuer Kundengruppen, insbesondere älterer Verbraucher, und der Einkauf von Lebensmitteln online.“

    Vor der Krise hätten Lebensmittellieferungen an chinesische Privathaushalte nur einen relativ kleinen Anteil am Onlinehandel ausgemacht, so Zipser. Die Krise habe den Trend jedoch stark beschleunigt. Mittlerweile hätten sie einen signifikanten Teil am Onlinehandel – Tendenz weiter steigend.

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    Auf dem Markt herrscht harter Wettbewerb. Nicht nur Alibaba und JD, auch der Restaurantlieferdienst Meituan drängen in den Bereich. „Der Onlinelebensmitteleinkauf ist ein sehr wichtiges Geschäft für uns, möglicherweise die wichtigste Initiative“, sagte Meituan-Gründer Wang Xing jüngst. „Meituan hatte niemals Angst vor Konkurrenz.“

    Verbraucher können sich wegen des intensiven Wettbewerbs über viele Rabatte freuen. Um in dem umkämpften Markt bestehen zu können, setzen die Unternehmen zudem auf Technologie. JD, Meituan und Alibaba setzten während der Krise autonome Roboterfahrzeuge ein, um Waren auszuliefern.

    Die kleinen Wagen von Meituan und JD unterscheiden sich im Design wenig voneinander: Es sind rollende Kästen, die einer durchschnittlich großen Person etwa bis zur Schulter gehen oder noch kleiner sind. Die Alibaba-Tochter Ele.me lieferte innerhalb von Quarantänehotels mit hochkantigen Robotern.

    Unternehmen setzen auf Roboter

    Auch in den Lagerhallen setzen die Unternehmen auf Automatisierung. So wie im Lieferzentrum von JD. Eine Stunde Autofahrt dauert es vom Zentrum Wuhans zu den Lagerhallen des Konzerns – die rund acht Kilometer lange Straße dorthin hat die Stadt „Jing Dong Avenue“ genannt – in China ist JD nicht unter seinem englischen Namen, sondern nur unter dem chinesischen Namen Jing Dong bekannt.

    Von hier aus werden die Pakete in vier verschiedene chinesische Provinzen gebracht: Henan, Hubei, Hunan und Jiangxi. Dutzende Lkws stehen in der flirrenden Hitze bereit oder werden beladen. Personenkraftwagen sind hingegen nur wenige zu sehen. Im Inneren der Logistikzentrale arbeiten nur noch wenige Menschen.

    Stattdessen zischen Pakete auf Förderbändern in den riesigen Hallen über unzählige Lieferbänder vollautomatisch hin und her. Feste installierte Regale gibt es in dem Teil des Lagerzentrums, wo kleine Waren lagern, bereits gar nicht mehr. Die Regale stehen nur noch für wenige Minuten an einem Platz, bis einer der kleinen flachen Roboter, die aussehen wie überdimensionierte Staubsaugerroboter, sich unter sie schiebt.

    Er hebt das Regal an und fährt es an einen Platz, wo ein Mitarbeiter gerade einen Warenkorb für einen Kunden zusammenstellt, dann geht es in Sekunden wieder zurück auf einen anderen Stellplatz. Welcher Roboter welches Regal und welchen Platz ansteuert, wird alles von Computerprogrammen bestimmt.

    500 Kilogramm kann jeder der kleinen Roboter tragen, 58 Stück wuseln in der Halle auf verschiedenen Ebenen und transportieren 520.000 Produkte. „Vorher holten Menschen die Pakete aus den Regalen“, erklärt Warenhaus-Manager Li Zemin, „jetzt arbeiten Roboter und Mitarbeiter zusammen.“ Die Lagerhaltung mit Robotern sei vier Mal effizienter als nur mit Menschen, sagt er.

    Auch JD-Konkurrent Alibaba setzt auf Automatisierung. Im Jahr 2018 eröffnete das Unternehmen ein riesiges Warenhaus in Wuxi. Dort bewegen 700 Roboter Tausende Waren.

    Von dem Trend zum Lebensmittelverkauf online können auch deutsche Unternehmen profitieren, glaubt McKinsey-Experte Zipser. „Importierte Produkte sind weiterhin attraktiv für chinesische Konsumenten, und durch die Coronakrise ist Qualität noch wichtiger geworden“, sagt er. Der Onlinehandel biete eine einfache Möglichkeit, seine Produkte zu vertreiben.

    Mehr: In China bahnt sich ein Börsengang der Superlative an. Der Onlinehändler Alibaba will seinen Finanzarm an die Börse bringen.

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