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E-Commerce Start-up-Projekt: Lebensmittelhändler Rewe baut Tech-Einhorn auf

Rewe-Chef Lionel Souque treibt die Digitalisierung des Unternehmens voran. Eine Software-Tochter erreicht jetzt sogar eine Milliardenbewertung.
12.05.2021 - 09:00 Uhr Kommentieren
Der Rewe-Chef möchte mit dem Aufbau von Start-ups die Digitalisierung des Lebensmittelhändlers vorantreiben. Quelle: dpa
Lionel Souque

Der Rewe-Chef möchte mit dem Aufbau von Start-ups die Digitalisierung des Lebensmittelhändlers vorantreiben.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Der Lebensmittelhändler Rewe will mit hohen Investitionen die Digitalisierung des Unternehmens forcieren. „Von den 2,3 Milliarden Euro, die wir in diesem Jahr investieren, fließen mehrere Hundert Millionen Euro in die Digitalisierung“, sagte Rewe-Chef Lionel Souque im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Der Unternehmensbereich Rewe Digital soll dabei wie ein Inkubator wirken, aus dem Tech-Neugründungen wachsen können. „Wir planen, uns an Start-ups zu beteiligen oder aus unseren digitalen Entwicklungen Start-ups auszugründen“, erklärt Souque die Strategie. „Die Idee ist, sie frei laufen zu lassen und später dann von dem Erfolg zu profitieren.“

Vorbild dafür ist die erfolgreiche Entwicklung der Tochter Commercetools, ein Start-up, das Rewe vor knapp sieben Jahren gekauft hat und das Software für den E-Commerce entwickelt. Das Unternehmen, an dem Rewe noch einen Anteil von knapp unter 50 Prozent hält, sei heute eines „der wertvollsten Technologie-Grown-ups aus Europa“, wie Souque betont.

„Als wir Commercetools übernommen haben, lag der Kaufpreis bei einem einstelligen Millionenbetrag“, berichtet der Rewe-Chef. „Das Unternehmen hat einen unglaublichen Erfolg und ist heute wahrscheinlich schon weit über eine Milliarde Euro wert.“ Ende 2019 hatte Rewe gut die Hälfte der Anteile für 130 Millionen Euro an den US-Finanzinvestor Insight Partners abgegeben.

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    In der Tat dürfte Commercetools heute den Status eines sogenannten Einhorns haben, also über eine Bewertung von mehr als einer Milliarde US-Dollar verfügen. So hat das Unternehmen nach eigenen Angaben regelmäßige Einkünfte von mehr als 50 Millionen US-Dollar pro Jahr.

    Bereits bei einem Multiple von 20, was an der unteren Grenze der Bewertungen vergleichbarer E-Commerce-Softwareunternehmen läge, wäre die Marke von einer Milliarde US-Dollar erreicht. Das börsennotierte Unternehmen Shopify etwa, das ebenfalls Software für den E-Commerce entwickelt, hat ein Multiple von 46.

    Audi, Lego und Danone als Kunden

    Gemeinsam mit dem Co-Investor Insight Partners hat Rewe Commercetools erneut Investmentkapital in Millionenhöhe für weiteres Wachstum zur Verfügung gestellt. Nach Angaben von Commercetools-CEO Dirk Hörig, soll damit die Entwicklung der Märkte in Nordamerika und Asien-Pazifik beschleunigt werden, die heute schon 40 Prozent des Umsatzes beisteuern. Dann soll der Betrieb in China aufgenommen werden.

    Den größten Teil des Umsatzes macht Commercetools außerhalb der Rewe-Gruppe, zum internationalen Kundenstamm gehören Unternehmen wie Audi, Lego, Danone, Bang & Olufsen oder Panasonic. Bis Mitte 2022 rechnet Hörig damit, die regelmäßigen Einkünfte (Annual Recurring Revenue) auf 100 Millionen US-Dollar verdoppelt zu haben.

    Auch aus Sicht von Gerrit Heinemann, E-Commerce-Experte der Hochschule Niederrhein, ist das Rewe-Engagement bei Commercetools ein echtes Erfolgsmodell. Der Lebensmittelhändler habe nicht nur bei der eigenen Digitalisierung von der Kompetenz des Teams bei Commercetools profitiert. Auch die Tatsache, dass die Tochter viel Umsatz über externe Kunden mache, sei ein gutes Zeichen.

    Und Rewe hat schon den nächsten Kandidaten im Blick, der den Weg zum Einhorn schaffen könnte – einen, den das Unternehmen selbst gegründet hat. Das Start-up Fulfillmenttools entwickelt Software mit Cloud-Lösungen für Logistik und Liefermanagement, die es kleinen und mittelgroßen Händlern anbietet. Erste externe Kunden hat das Softwareunternehmen schon.

    „Wir haben so viele digitale Ideen für die Lieferungen entwickelt, warum sollen wir das nur für uns nutzen?“ fragt Rewe-Chef Souque. Es gebe viele Händler, die so etwas suchen, weil es das auf dem Markt in dieser Form nicht gebe. So könne man einen Teil des Investments wieder reinholen. „Wenn wir ein zweites Einhorn selber machen könnten, wäre das ja schön“, so Souque.

    Deutsche Antwort auf Amazon Go

    Das Ziel dabei ist aber weniger der Gewinn, der beim Verkauf solcher Start-ups erzielt werden kann, sondern vielmehr der Digitalisierungsschub, den die Entwicklung neuer Technologien der ganzen Rewe Gruppe geben kann. „Die Rewe ist ein riesiger Tanker, da ist es wichtig, dass wir viele kleine Schnellboote links und rechts haben, die zwar ungefähr in die gleiche Richtung fahren, aber denen man ansonsten Freiheiten lässt“, so Souque.

    Das neueste digitale Projekt nennt Rewe „Pick & Go“, das ähnlich arbeitet wie das viel beachtete Konzept Amazon Go. Ab Spätsommer sollen Kunden testweise in einem Geschäft in Köln einkaufen können, ohne an der Kasse anstehen zu müssen. Sie loggen sich per App ein, Kameras und Sensoren registrieren, was sie aus den Regalen nehmen. Die Waren können sie einfach einstecken und mitnehmen, abgerechnet wird automatisch online.

    Parallel testet das Unternehmen in 100 Läden das Konzept „Scan & Go“, das technologisch einfacher ist und bei dem Kunden noch jeden Artikel einzeln einlesen müssen. Wichtig ist Souque, dass all diese Dinge nur ein Angebot an die Kunden sind: „Wer die App nicht runterladen will, der kann weiter wie bisher einkaufen.“ Technik setze der Händler nicht um ihrer selbst willen ein, sondern um den Kunden den Einkauf leichter und angenehmer zu machen, versichert er.

    Das wichtigste Experimentierfeld ist der Liefer- und Abholdienst von Rewe, der im vergangenen Jahr bereits eine halbe Milliarde Euro Umsatz gemacht hat – doppelt so viel wie im Jahr zuvor. Damit zahlt sich offenbar aus, dass Rewe sehr früh und konsequent in dieses Feld gegangen ist. Und auch neue Wettbewerber wie die Lieferdienste Picnic oder zuletzt Gorillas, Flink und Knuspr scheinen diese Expansion nicht zu bremsen.

    Doch das Grundproblem der Händler bleibt: In der Pandemie hat der Lebensmittelhandel insgesamt zwar enorm zugelegt, doch abseits dieses Sondereffekts wächst der Markt in Deutschland höchstens noch mit der Inflation. „Aber wenn man innovativ ist und dem Kunden auch mit technologischer Unterstützung den Einkauf leichter macht“, ist der Rewe-Chef überzeugt, „dann hat man auch im Lebensmittelhandel in Deutschland noch Wachstumsperspektiven.“

    Experte sieht Aldi bei Digitalisierung vorn

    Nach Einschätzung des E-Commerce-Experten Heinemann hat Rewe da aber viel Luft nach oben. Das Niveau der Digitalisierung im deutschen Lebensmittelhandel sieht er insgesamt als eher niedrig an, Rewe sei da dennoch nicht gerade ein Vorbild. Das Unternehmen habe zu viele Insellösungen.

    Die Discounter seien besser aufgestellt. „Aldi beispielsweise ist bei der konsequenten Durchdigitalisierung der Prozesse deutlich weiter“, sagt Heinemann. Und die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) könne mit ihrem Aufbau einer eigenen Cloud langfristig einen Vorteil haben.

    Die Idee, im Bereich Rewe Digital relativ selbstständig arbeitende Start-ups aufzubauen, hält er aber für sinnvoll. „Wer vorn mitspielen will, braucht die digitalen Talente“, so Heinemann. Und die könne man mit solchen Projekten eher locken als mit der Aussicht auf einen IT-Job in der Rewe-Zentrale.

    Rewe-Chef Souque sieht das durchaus selbstbewusst. „Rewe wird nie ein Technologieunternehmen, wir bleiben Händler“, stellt er klar und ergänzt: „Aber einer, der eine sehr große technologische Kompetenz aufgebaut hat und mittlerweile rund 2000 Mitarbeiter in digitalen Projekten beschäftigt.“

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