Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Einzelhandel Amazon wagt den Angriff auf Aldi und Lidl

Der US-Konzern will deutschen Discountern Konkurrenz machen – mit preiswerten Eigenmarken und neuen Supermärkten in den USA. Wie gefährlich ist die Offensive?
Kommentieren
Der US-Konzern will bei seinen Kunden mit Eigenmarken punkten. Quelle: Hans Christian Plambeck/laif
Amazon Fresh in Berlin

Der US-Konzern will bei seinen Kunden mit Eigenmarken punkten.

(Foto: Hans Christian Plambeck/laif)

Düsseldorf Auf den ersten Blick wirkt es unscheinbar. Sechs verschiedene Sorten Wein bietet Amazon künftig unter der Eigenmarke „Compass Road“ an. Die klassischen Rebsorten sind dabei, vom Riesling über Chardonnay bis zum Merlot. Als „einfache, aber dennoch wohlschmeckende Weine“, preist das Unternehmen sie mit leichtem Understatement an.

Doch hinter dem Angebot verbirgt sich eine Kampfansage. Nicht nur, dass die Flaschen im Sechserpack für 19,99 Euro verkauft werden. Der US-Gigant lässt auch keinen Zweifel daran, dass dies erst der Anfang ist. „Das Angebot wird im Laufe der Zeit erweitert“, teilt er mit. Und er bezeichnet „Compass Road“ als neue Wein- und Spirituosenmarke. Vertrieben werden die Marken auf dem eigenen Marktplatz.

Im Oktober erst hatte Amazon zusätzlich die Marke „Tovess“ für Spirituosen lanciert. Aktuell verkauft er einen Premium Gin für 24,99 Euro unter diesem Namen, der in alten Kupferkesseln in Birmingham destilliert wird. Beim edel gestalteten Etikett in Gold und Grün dürfte kaum ein Kunde an eine billige Eigenmarke denken.

Mit der neuen Lebensmittel-Offensive dürfte Amazon immer stärker zum Konkurrenten von Aldi und Lidl werden. Denn das Geschäftsmodell der Discounter basiert darauf, preiswerte Eigenmarken mit hoher Qualität als Alternative zu Markenartikeln zu bieten. Dieses Geschäft könnte Amazon mit dem E-Commerce und neuen Läden in die Zange nehmen.

Rewe-Chef Lionel Souque beschreibt Amazon nicht zu Unrecht gerne als „Kampfmaschine“. Denn während sich Amazon mit dem Versenden von Lebensmitteln speziell in Deutschland immer noch schwer tut, hat es sich in vielen Ländern schon eine Marktmacht aufgebaut – und setzt jetzt zur nächsten großen Offensive an.

So hat das Unternehmen in den USA im vergangenen Jahr mit Lebensmitteln im Netz bereits 8,2 Milliarden US-Dollar umgesetzt, wie der Marktforscher Edge by Ascential berechnet hat. Das ist mehr als die sechs größten klassischen Einzelhändler gemeinsam über ihre Webshops verkauften.

In Deutschland sieht Marktforscher LZ Retailytics Amazon unter den Händlern mit einem Gesamtumsatz von 15 Milliarden Euro schon auf Platz fünf – vor Metro. Noch sind dafür im großen Maß Non-Food-Waren und Drogerieartikel verantwortlich. Doch der Lebensmittelverkauf wächst mit zweistelligen Wachstumsraten.

Der Schlüssel zum Lebensmittelmarkt, insbesondere im preiswerteren Segment, sind dabei genau die Eigenmarken. „Durch die Nutzung von Eigenmarken kann Amazon sich im Sortiment differenzieren, Kunden stärker an sich binden und die Marke emotionaler aufladen“, erklärt Thomas Täuber, Geschäftsführer der Managementberatung Accenture.

Doch das Wichtigste: Sie erlaubten einen attraktiven Preis und stärkten zugleich die Marge – was gerade bei den zu erwartenden Investitionen von Vorteil sei. Und genau dieses Segment baut der Angreifer jetzt massiv aus. So bietet Amazon in Deutschland unter der Marke Whole Foods bereits Trockenfrüchte und Nüsse an, die Marke Happy Belly steht ebenfalls für Nüsse, aber auch für Kaffee und Kekse.

Bald auch europäische Amazon-Läden?

Besonders breit ist das Angebot unter dem Namen Solimo: es reicht von Schokolade über Nahrungsergänzungsmittel und Reis bis zu Katzenfutter und Shampoo. Allein in den USA werden mit Lebensmitteln rund 800 Milliarden US-Dollar im Jahr umgesetzt.

Amazon lässt keinen Zweifel daran, dass es ein großes Stück von diesem gigantischen Markt abhaben möchte. Und dafür möchte es nicht warten, bis sich auch in dem Segment der E-Commerce durchsetzt. So hat Amazon jetzt bestätigt, dass das Unternehmen eine neue Kette von Supermärkten in den USA aufziehen will.

„Amazon eröffnet einen Lebensmittel-Laden in Woodland Hills im Jahr 2020“, erklärt ein Amazon-Sprecher auf Anfrage des Handelsblatts. Wie genau das erste Geschäft in der Nähe von Los Angeles aussehen wird und wie es heißen soll, verrät das Unternehmen nicht.

Doch einige Details sind schon bekannt. Es soll eine „Ergänzung“ zu den bisherigen Formaten sein, also zu der Bioladen-Kette Whole Foods und dem kassenlosen Supermarkt Amazon Go. Es wird ein klassischer Supermarkt mit Kassen sein, wohl stärker preisaggressiv als Whole Foods. Integriert sein soll jedoch der Lieferdienst.

Ein Schwerpunkt in dem neuen Ladenkonzept – und wohl auch bei den Lieferungen – wird auf jeden Fall auch das Spirituosen-Geschäft. So hat Amazon extra dafür eine Lizenz zum Verkauf von Alkohol beantragt, wie ein Schild im Fenster des neuen Ladens bestätigt. Das Gebäude ist ein ehemaliger Markt von Toys’R’Us und wird zurzeit umgebaut.

In Stellenanzeigen beschreibt das Unternehmen den neuen Laden als „Amazons erstes Lebensmittelgeschäft“. Da der Konzern ja schon die Kette Whole Foods betreibt, könnte das bedeuten, dass das neue Konzept unter dem Namen „Amazon“ auftreten soll. Das Wall Street Journal will erfahren haben, dass die nächsten Läden in Chicago und Philadelphia entstehen könnten.

Mögliches Vorbild: Alibaba

Handelsexperte Täuber sieht als mögliches Vorbild für die neuen Amazon-Läden das Konzept Freshippo, das Alibaba in China betreibt. Freshippo kombiniert ein breites frisches Angebot mit umfangreichen Serviceleistungen. Außerdem liefert der Laden im Umkreis von drei Kilometern in 30 Minuten – rund um die Uhr.

„Amazon kann sich mit einem Lebensmittelkonzept den emotionalen Zugang zum Kunden aufbauen“, erklärt Täuber die Motivation des Onlineriesen. Gewinnen werde in diesem Markt aber nur, wer ein nahtloses Omnichannel-Konzept anbietet, also ein Angebot über alle Kanäle. Darum müsse Amazon auch seine Offline-Kompetenz ausbauen mit eigenen Geschäften.

Er geht deshalb davon aus, dass Amazon bald auch in Europa mit stationären Läden an den Start gehen könnte. „Das ist mittelfristig eine logische Konsequenz“, so Täuber. Voraussetzung dafür sei natürlich die erfolgreiche Umsetzung der neuen Formate in den USA.

Handelsberater Täuber rät der Branche, Amazons Vorstoß sehr ernst zu nehmen. „Wenn es seine positiven Erfahrungen ausrollt und neben den städtischen auch ländliche Gebiete kostenlos beliefert, könnte das kurz über lang für die größeren Einzelhändler gefährlich werden“, sagt er, „zumal Amazons Kapitalkraft und Investitionsbereitschaft ungezügelt sind.“

Mehr: Warum kleine Läden immer öfter sterben. Das Kleingewerbe hält dem Wettbewerb großer Ketten und Discounter immer weniger stand. Die Folge sind viele leere Läden und verödete Innenstädte.

Der Handelsblatt Expertencall
Startseite

Mehr zu: Einzelhandel - Amazon wagt den Angriff auf Aldi und Lidl

0 Kommentare zu "Einzelhandel: Amazon wagt den Angriff auf Aldi und Lidl"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.