Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Einzelhandel Cocooning in Coronazeiten lässt Umsätze mit Möbeln explodieren

Statt in Urlaub zu fahren, geben die Deutschen Geld aus, um ihr Heim gemütlich einzurichten. Doch nicht alle Händler profitieren gleichermaßen.
23.08.2020 - 09:30 Uhr Kommentieren
In Coronazeiten investieren immer mehr Menschen in ein gemütliches Zuhause. Quelle: Imago
Homeoffice

In Coronazeiten investieren immer mehr Menschen in ein gemütliches Zuhause.

(Foto: Imago)

Düsseldorf Für den Design- und Einrichtungshändler Manufactum hätte die Coronakrise zur echten Bedrohung werden können. Wochenlang waren die Geschäfte geschlossen. In den unsicheren Zeiten hätte man auch denken können, dass den Kunden anderes wichtiger ist als „die guten Dinge“ aus Holz, Schildpatt oder Bakelit, die der Retrospezialist so führt.

Doch weit gefehlt. Schon nach kurzer Zeit waren die fehlenden Umsätze aus den Läden durch steigenden E-Commerce kompensiert. Die Kunden rissen sich geradezu um Designmöbel oder handgefertigte Lampen. „Obwohl die Warenhäuser zwischenzeitlich geschlossen waren, hat das Unternehmen im Zeitraum März bis Juni ein deutlich zweistelliges Umsatzwachstum in den Sortimenten Garten, Möbel und Sport erzielt“, berichtet Marcus Ackermann, Vorstand des Mutterunternehmens Otto Group.

Ein ähnliches Phänomen zeigt sich auf der Plattform Otto.de, mit einem Umsatz von 3,5 Milliarden Euro Deutschlands zweitgrößter Onlinehändler nach Amazon. Dort seien die Umsätze bei Möbeln, Gartenartikeln und Sportgeräten „deutlich zweistellig, in einigen Teilsortimenten sogar dreistellig im Vergleich zum Vorjahr gestiegen“, freut sich Ackermann. Die Kunden gäben deutlich mehr Geld für die Ausstattung ihres Hauses und Gartens, aber auch für ihr Wohlbefinden aus als vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie.

Wie Manufactum und Otto geht es zahlreichen Händlern, die Produkte zur Verschönerung des eigenen Heims anbieten. Während allgemein eher die Konsumzurückhaltung ausgebrochen ist, erlebt die Einrichtungsbranche seit Kurzem eine unverhoffte Sonderkonjunktur.

„Cocooning“, also das Einigeln im gemütlichen Zuhause, ist das Wort der Stunde. „Schon seit Jahren ist zu beobachten, dass sich die Menschen verstärkt in die eigenen vier Wände zurückziehen, um es sich dort gemütlich zu machen und der manchmal rauen Realität zu entfliehen“, sagt Jan Kurth, der Geschäftsführer des Verbands der deutschen Möbelindustrie. Durch die Coronakrise habe sich diese Tendenz noch verstärkt.

Einsparungen beim Urlaubsbudget

Das hat einen einfachen Grund. „Das soziale Leben findet derzeit überwiegend daheim statt – etwa beim gemeinsamen Kochen mit Freunden oder bei Spieleabenden mit der Familie“, erklärt Kurth. Viele Menschen hätten während des Lockdowns ihre Wohnung renoviert und in neue Möbel investiert. Und Kurth ist sich sicher: „Dieser Cocooning-Trend wird Bestand haben.“

Das bestätigt auch eine frisch veröffentlichte Konsumentenumfrage der Unternehmensberatung Accenture mit dem vielsagenden Titel „Jahrzehnt des Zuhauses“. So gehen 69 Prozent der Befragten davon aus, dass sie in den nächsten sechs Monaten den größten Teil ihrer sozialen Kontakte entweder bei sich zu Hause, bei einem Freund oder virtuell pflegen werden – mit Folgen für ihr Konsumverhalten.

Einsparungen im Bereich Urlaub und Freizeit würden für andere Segmente genutzt, erläutert Accenture-Geschäftsführer Thomas Täuber. „Die zunehmende Bedeutung des eigenen Zuhauses inklusive Heimarbeitsplatz schlägt sich auch im Umsatz für Renovierung und Neueinrichtung nieder“, sagt der Handelsexperte.

Das Heim werde zum „sicheren Zufluchtsort“, so die Erkenntnis der Studie. Die sei ein „Weckruf für Unternehmen“, die sich auf diese neue Nachfrage einstellen müssen, wenn sie von diesem Boom profitieren wollten.

Die Möbelbranche profitiert von dem pandemiebedingten Trend. Quelle: mauritius images / Westend61
Rückzug in die eigenen vier Wände

Die Möbelbranche profitiert von dem pandemiebedingten Trend.

(Foto: mauritius images / Westend61)

Dabei entfaltete sich der Nestbautrieb der Deutschen in der Coronakrise eher in Wellen als schlagartig. Gut ablesen lässt sich das an den Google-Trends, die angeben, wie häufig bestimmte Schlagworte in die Suchmaschine eingegeben wurden. Im März noch lagen die Werte für Suchworte wie „Möbel“ oder „Gartenmöbel“ unter denen des Vorjahres. Eine allgemeine Schockstarre hatte angesichts des Ausbruchs der Pandemie auch die Konsumenten erfasst. Im April dann kam die erste Welle, spätestens im Mai setzte der Boom ein.

Wie stark der Wunsch der Deutschen ist, ihre eigenen vier Wände neu zu gestalten und sich behaglich einzurichten, zeigt auch ein Blick in die Suchanfragen bei Ebay. So ist beispielsweise die Zahl der Anfragen für „neue Betten“ in der Coronakrise um 345 Prozent gestiegen.

Mike Klinkhammer, Advertising Sales Director bei Ebay, sieht einen deutlichen „Trend zum Cocooning“, der auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen werde. „Insbesondere, da sich der diesjährige Urlaub für die meisten Deutschen wohl ebenfalls ins eigene Zuhause verlagern dürfte“, beobachtet Klinkhammer.

Filialhandel litt unter Lockdown

„Wie in der Krise 2008/2009 beobachten wir auch in diesem Jahr wieder einen Cocooning-Effekt, der aktuell allerdings noch viel intensiver ausgeprägt ist als beim letzten Mal“, bestätigt Jürgen Schuster, Geschäftsführer der Raumschmiede GmbH, die mehrere Onlinehändler im Segment Möbel und Freizeit betreibt. Seine Möbelhandelsplattform Piolo.de hat die Umsätze im April und Mai gegenüber dem Vorjahr vervierfacht.

Ähnliches erlebt der Fachhändler Gartenmoebel.de. Im April beispielsweise haben dort doppelt so viele Kunden den Onlineshop besucht wie im Vorjahr, der Umsatz war sogar dreimal so hoch. Im Gesamtjahr 2020 rechnet das Unternehmen nun mit einem Wachstum von 100 Prozent statt der vorher anvisierten 40 Prozent.

Das Unternehmen, das Birgit und Aron Holtermann 2004 in Xanten am Niederrhein gegründet haben, hatte sich glücklicherweise rechtzeitig auf den Boom vorbereitet. So hat der Händler eine eigene Logistik mit zwei Lagerstandorten aufgebaut, wovon er während des Lockdowns massiv profitiert hat, weil alle Waren jederzeit verfügbar waren.

Von der Corona-Sonderkonjunktur profitierten aber nicht alle Möbel- und Deko-Händler gleich. „Durch den Lockdown und die Einschränkung des physischen Einkaufserlebnisses verzeichnen stationäre Händler Umsatzrückgänge von 30 bis 40 Prozent“, schränkt Handelsexperte Täuber ein. „Online-Möbelhändler hingegen konnten allein im Frühjahr – bezogen aufs Vorjahr – bis zu 25 Prozent Wachstum erzielen.“

Langsam erfasst der Boom aber nun auch den Filialhandel. So rechnet die deutsche Möbelindustrie über die gesamte Branche gerechnet in diesem Jahr nur noch mit einem Minus von fünf Prozent – trotz wochenlanger Geschäftsschließungen. „Erfreulich entwickelt sich derzeit insbesondere die Nachfrage nach Ess- und Wohnzimmermöbeln sowie nach Küchen“, sagt Verbandsgeschäftsführer Kurth. „Im Fokus stehen außerdem Einrichtungsgegenstände für das Homeoffice sowie Outdoor-Möbel für Terrasse und Garten.“

Mehr: Für den Einzelhandel ist die Krise nicht ausgestanden.

Startseite
Mehr zu: Einzelhandel - Cocooning in Coronazeiten lässt Umsätze mit Möbeln explodieren
0 Kommentare zu "Einzelhandel : Cocooning in Coronazeiten lässt Umsätze mit Möbeln explodieren"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%