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Einzelhandel Firmen scheren aus Bündnis gegen Ausbeutung von Textilarbeitern aus

Miserable Arbeitsbedingungen in Kleidungsfabriken haben für Aufsehen gesorgt. Eine deutsche Allianz wollte das ändern – doch die Basis erodiert.
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Viele der Arbeiter produzieren unter schlechten Bedingungen und bei geringer Bezahlung – das wird sich so schnell nicht ändern. Quelle: picture alliance/AP Photo
Eine Textilfabrik in Bangladesch

Viele der Arbeiter produzieren unter schlechten Bedingungen und bei geringer Bezahlung – das wird sich so schnell nicht ändern.

(Foto: picture alliance/AP Photo)

Düsseldorf Eigentlich ist es das Ziel des Textilbündnisses, die Not der Zulieferbetriebe in den Entwicklungsländern zu lindern. Die von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller ins Leben gerufene Initiative will die häufig erbärmlichen Arbeitsbedingungen der Textilarbeiter verbessern, giftige Chemikalien aus den Fabriken verbannen und für auskömmliche Löhne sorgen. Doch mittlerweile braucht das Bündnis selbst einen Nothelfer.

Nach vier Jahren sind die erreichten Ergebnisse dürftig. Immer mehr Firmen und Organisationen verlassen die Allianz, langsam erodiert die Basis. Der Erfolg des Bündnisses steht auf dem Spiel.

Schon die Zahlen sind ernüchternd. Hatte das Bündnis zu seinen besten Zeiten vor knapp zwei Jahren fast 200 Mitglieder, sind es aktuell nur noch 130. Allein dieses Jahr sind schon 25 abgesprungen oder wurden ausgeschlossen – weil sie ihren Berichtspflichten nicht nachgekommen waren.

Erklärtes Ziel von Minister Müller war es, dass bis Ende dieses Jahres die Mitglieder 75 Prozent des deutschen Textilmarktes abdecken. Stattdessen sinkt die Relevanz: Aktuell vereint das Bündnis nur noch 49,4 Prozent des Marktes.

Große Namen wie Kaufhof und Karstadt fehlen

Vor allem große Namen fehlen: Alle wichtigen Kaufhausketten, von Kaufhof und Karstadt bis Breuninger, Wöhrl und Ludwig Beck glänzen mit Abwesenheit, Filialist Ernsting‘s Family, mit einem Milliardenumsatz einer der wichtigen Akteure, ging jüngst von der Fahne, andere wie P&C sind gar nicht erst beigetreten.

„Jetzt trennt sich die Spreu vom Weizen“, beschreibt es Ansgar Lohmann, beim Textildiscounter Kik für den Bereich Nachhaltigkeit verantwortlich. Nach dem Einsturz der Fabrik von Rana Plaza vor vier Jahren mit mehr als 1 000 Toten, der Auslöser für die Gründung des Bündnisses war, stand Kik noch im Zentrum der Kritik. Mittlerweile hat das Unternehmen die Flucht nach vorn angetreten und sich zu einem Vorreiter bei der Verbesserung der Lieferketten entwickelt.

Dass viele andere Firmen gerade jetzt kneifen, hat einen Grund: Das Bündnis ist von der Zeit der Sonntagsreden in die Phase der Verbindlichkeit übergegangen. Die Mitglieder müssen in diesem Jahr nicht nur belegen, wie weit sie ihre im vergangenen Jahr formulierten Ziele erreicht haben, und neue Ziele für dieses Jahr formulieren. Erstmals müssen diese sogenannten „Roadmaps“ auch veröffentlicht werden. Und daran werden die Unternehmen künftig gemessen.

Unabhängige Prüfer stellen viele kritische Fragen

Der kritische Moment steht nun aktuell bevor. Im August sollen die Roadmaps öffentlich werden. Doch noch wird hinter den Kulissen gerungen. In einem aufwendigen Review-Prozess müssen die Firmen belegen, dass sie es ernst meinen. Unabhängige Prüfer untersuchen zurzeit die eingereichten Unterlagen – und stellen viele kritische Fragen.

Wie genau es die Prüfer nehmen, kann Nico Kemmler, Nachhaltigkeitschef beim Hemden- und Blusenhersteller Seidensticker in Bielefeld, aus eigener Erfahrung bestätigen. „Wir haben zwar ein starkes soziales Engagement in der Textilproduktion, aber einen Nachholbedarf beim Einsatz von Chemikalien“, sieht Kemmler, der auch zum zwölfköpfigen Steuerungskreis des Textilbündnisses gehört, wo Seidensticker noch nachlegen muss.

Die Zeit läuft dem Bündnis davon – und noch ist nicht sicher, ob es nicht doch in einer Blamage endet. Jürgen Janssen vom Bündnissekretariat gibt sich zwar optimistisch, dass alle noch beteiligten Unternehmen diese Hürde nehmen. Doch im Steuerungskreis, dem wichtigsten Gremium der Organisation ist Ernüchterung eingekehrt. Wenn 30 Unternehmen in einer ersten Runde ihre Roadmap veröffentlichen würden, sei das schon als Erfolg zu werten, heißt es dort. Und nicht mal das sei sicher.

Es ist nicht nur fehlendes Engagement, das die Firmen zurückschrecken lässt. Viele fühlen sich einfach überfordert, heißt es in Bündniskreisen.

„Für kleine und mittelständische Unternehmen ist es sicherlich schwerer, die finanziellen und personellen Voraussetzungen für die Teilnahme am Textilbündnis zu stemmen“, bestätigt Nanda Bergstein, Direktorin für Unternehmensverantwortung bei Tchibo in Hamburg. „Große Unternehmen haben dafür aber eine größere Komplexität zu bewältigen. Da ist es oft nicht so leicht, sich auf einen gemeinsamen Nenner zu einigen.“

„Viele Unternehmen erkennen leider den Mehrwert nicht, den ihnen die Mitgliedschaft im Textilbündnis bietet, sie sehen nur die Mehrarbeit“, bedauert Kik-Manager Lohmann. Er schätzt den Austausch in den Foren und Gremien. „Im Bündnis bekommt man viele gute Erkenntnisse, wie man die Lieferkette nachhaltiger machen kann.“

Onlinehändler Zalando verweigert sich

Umso mehr stößt es den noch verbliebenen Mitgliedern auf, wenn wichtige Akteure sich verweigern – darunter Deutschlands größter Mode-Onlinehändler Zalando. „Ich finde es bedenklich, dass sich Unternehmen wie Zalando bisher nicht am Bündnis beteiligen“, kritisiert Seidensticker-Manager Kemmler. Denn damit das Bündnis ein nachhaltiger Erfolg wird, „brauchen wir eine breite Marktabdeckung“, betonte er.

Zalando begründet seine Abstinenz bei der wichtigen Initiative damit, dass sie sich „als internationale Firma mit einer internationalen Lieferkette auf internationale Bündnisse konzentrieren“ müssen. So hat sich die Eigenmarkenfirma zLabels an der Sustainable Apparel Coalition (SAC) beteiligt, die wiederum eine Arbeitsallianz mit dem Textilbündnis eingegangen sei. Zalando weist darauf hin, dass es mit dem Sekretariat des Textilbündnisses „in kooperativem Kontakt“ stehe und „einen engeren fachlichen Austausch“ plane.

Peek & Cloppenburg (P&C) aus Düsseldorf begründet seine Nichtmitgliedschaft unter anderem damit, dass der Konzern „als Multimarkenhändler einen hohen Anteil an Fremdmarkenware“ führe. Deshalb wäre „eine vollständige Umsetzung der Anforderungen des Textilbündnisses schwer realisierbar, da viele unserer Markenlieferanten dem Bündnis noch nicht beigetreten sind“. Wobei dies ein Problem ist, vor dem auch viele Händler stehen, die bereits eine Roadmap abgegeben haben.

Gleichwohl versichert P&C, dass das Familienunternehmen die Verantwortung für die Nachhaltigkeit der Textilien „in Eigenregie“ übernehme. Jeder Lieferant muss demnach P&C vertraglich zusichern, „nur gesundheitlich unbedenkliche Ware zu liefern, die unter menschenwürdigen Bedingungen sowie unter Beachtung der in dem jeweiligen Land geltenden arbeitsrechtlichen Schutzvorschriften produziert wurde“.

Jürgen Janssen vom Bündnissekretariat kennt die Vorbehalte vieler Unternehmen. Aber er will nicht lockerlassen: „Es wäre wichtig, wenn sich mehr Textilhändler an dem Bündnis beteiligen würden“, sagte Janssen dem Handelsblatt. „Wir sind dazu auch mit Unternehmen wie Peek & Cloppenburg immer wieder in Kontakt.“

Die Organisationen für Menschenrechte und faire Arbeitsbedingungen, von denen viele ebenfalls dem Bündnis angehören, verlieren die Geduld. „Das Textilbündnis läuft derzeit Gefahr, wirkungslos zu bleiben, wenn die selbst gesteckten Schwerpunkte nicht eingehalten werden“, kritisiert Berndt Hinzmann vom entwicklungspolitischen Netzwerk INKOTA.

Für dieses Jahr habe der Steuerungskreis des Bündnisses das Thema existenzsichernde Löhne als Schwerpunkt festgelegt. Faktisch passiert sei jedoch bisher wenig, so Hinzmann.

Jetzt kommt es auf die Fortschrittsberichte an

Mit Argusaugen schauen die Organisationen jetzt auf die konkreten Fortschrittsberichte. „Das Anspruchsniveau dieser Pläne ist ausschlaggebend, um zu bewerten, ob sich die Bündnismitglieder wirklich engagieren oder nur hinter den Minimalanforderungen verstecken“, sagt Sabine Ferenschild vom SÜDWIND Institut. Dies sei entscheidend für den Erfolg der Allianz.

Auf eigene Initiative haben die Menschenrechtler kürzlich das Ökoinstitut beauftragt, in einer Studie die Abläufe im Textilbündnis zu untersuchen. Ihr Ergebnis: Der Prüfprozess sei nicht transparent genug. Außerdem fordern die Studienautoren gesetzliche Verpflichtungen statt freiwilliger Vereinbarungen.

Bei den Unternehmen im Bündnis hat das für Verärgerung gesorgt. Sie fühlen sich vorgeführt und beklagen mangelnde Planungssicherheit. Sie können nicht verstehen, dass Organisationen, die Bündnismitglieder sind, zuerst gemeinsam mit ihnen Ziele formulieren und dann anschließend in der Öffentlichkeit wieder neue Forderungen aufstellen. „Wenn das so weitergeht, dann werden noch weitere Unternehmen aus dem Bündnis austreten“, warnt ein Beteiligter.

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