Einzelhandel Kunden stehen auf gefälschte Artikel

Falsche Louis-Vuitton-Taschen, nachgemachte Fußball-Trikots oder Fake-Rolex-Uhren: Zwei Drittel aller Verbraucher haben schon einmal zugeschlagen. Allein der deutschen Industrie fügt das einen Milliardenschaden zu.
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Gefälschte Handtasche in einem Geschäft in Peking. Quelle: AFP

Gefälschte Handtasche in einem Geschäft in Peking.

(Foto: AFP)

DüsseldorfProduktfälschungen gelten unter deutschen Verbrauchern eher als Kavaliersdelikt und werden von ihnen teilweise bewusst gekauft. 65 Prozent erwarben bereits Plagiate, 30 Prozent griffen bewusst zu gefälschten Produkten, wie eine Befragung von 3.100 Verbrauchern durch die Stuttgarter Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young ergab. Laut der am Mittwoch in Düsseldorf vorgestellten Studie haben besonders junge Verbraucher wenig Bedenken, Fälschungen zu kaufen. Von den 18- bis 25-Jährigen griffen 43 Prozent bewusst zu einem Plagiat.

Für die Unternehmen handelt es sich bei Produktpiraterie keineswegs um ein Kavaliersdelikt. Nach Schätzungen von Ernst & Young entsteht der Industrie in Deutschland durch Plagiate ein Schaden in Höhe von 50 Milliarden Euro pro Jahr. Die Wirtschaftsprüfer führten parallel Interviews mit 24 Managern von ausgewählten Unternehmen. 79 Prozent von ihnen sind mehrmals im Jahr von Produktpiraterie betroffen. 42 Prozent rechnen mit einer Zunahme der Fälschungen innerhalb der nächsten drei Jahre.

Beim Zoll wird nur ein Bruchteil der Plagiate entdeckt. "Die schiere Masse der gefälschten Waren erlaubt den Zollbehörden im Normalfall nur Stichproben", sagte Stefan Heißner, Experte zu dem Thema bei Ernst & Young. "Wir müssen deshalb davon ausgehen, dass die allermeisten Fälschungen ihren Zielmarkt erreichen."

Weil die Angebotsseite also kaum beeinflusst werden kann, setzt Rüdiger Stihl auf die Aufklärung der Verbraucher. Stihl ist Mitglied des Holding-Beirats bei dem Motorsägenhersteller Stihl in Waiblingen und Vorsitzender des Aktionskreises gegen Produkt- und Markenpiraterie, der die Studie gemeinsam mit Ernst & Young vorstellte. "Ich habe durchaus Verständnis dafür, dass viele Kunden sehr preisbewusst einkaufen", sagte er der Nachrichtenagentur dapd. "Nur: Sie wissen dann nicht, dass hinter diesen Produkten große Gefahren lauern", fügte er hinzu.

Die Befragung führte Ernst & Young unter Verbrauchern durch, die zuvor eine Wanderausstellung des Aktionskreises zum Thema besucht hatten. 78 Prozent von ihnen gaben anschließend an, sie würden in Zukunft sicher vom Kauf gefälschter Produkte absehen. "Das zeigt uns deutlich, dass wir die Verbraucher als unsere Verbündeten mit ins Boot holen müssen", sagte Stihl. So will der Aktionskreis mit einer Broschüre künftig stärker in die Öffentlichkeit gehen.

86 Prozent der befragten Unternehmer sehen auch die Politik in der Pflicht. "Ein erster Schritt wären verbesserte EU-weite gesetzliche Schutzbestimmungen und eine gezielte Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit", sagte Stihl. Insbesondere das Verbraucherschutzministerium könne dazu mit einer Kampagne beitragen.

 
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8 Kommentare zu "Einzelhandel: Kunden stehen auf gefälschte Artikel"

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  • @herman.12: Sehr schöner Beitrag. Auch ich habe schon Plagiate gekauft, weil ich beruflich häufiger in Asien bin. Und es ist einfach erschreckend, dass zumindest im Bereich der Textilien Plagiate aus Asien häufig qualitativ deutlich besser sind als der Ramsch, der uns hier in den Läden verkauft wird. Wenn man in DE noch einen Anzug kaufen will, der nicht nach einem Jahr schon durch ist, darf er kein Designer Label tragen, sondern sollte von einem örtlichen Schneider kommen. Auch sollte man keine Schuhe mehr von Marken kaufen, für die man Werbung gesehen hat. Teure Hemden fransen neuerdings auch schon nach einem Jahr aus. Kaufe ich dergleichen zu Billigst-Preisen in Indien, halten sie ewig. Und selbst die Plagiat-Uhren sind qualitativ häufig viel besser als teure Quarzuhren hierzulande. Und dann sehen sie auch noch besser aus. (O. k., bei mechanischen Uhren sollte man das Original wählen.)
    Hier in DE werden wir von vielen Marken einfach nur noch vera...

  • [QUOTE]Beim Zoll wird nur ein Bruchteil der Plagiate entdeckt. "Die schiere Masse der gefälschten Waren erlaubt den Zollbehörden im Normalfall nur Stichproben", sagte Stefan Heißner, Experte zu dem Thema bei Ernst & Young. "Wir müssen deshalb davon ausgehen, dass die allermeisten Fälschungen ihren Zielmarkt erreichen."[/QUOTE]

    Ein paar Artikel weiter findet man auch die Erklärung. Die Marco Polo schlägt in wenigen Stunden rd. 4000 Container um! Wieviele Zollbeamte hat der Hamburger Hafen um die zu kontrollieren? Und die Marco Polo ist nur eines von vielen Schiffen täglich in Hamburg. Wenn auch das zur Zeit größte.

  • Es stellt sich die Frage, ob eine Fälschung eine Fälschung ist, wenn dem Käufer bewusst ist, das es sich um eine Nachahmung handelt.
    Denn offensichtlich ist er an der Qualität zum entsprechenden Preis gar nicht interessiert.
    Außerdem ist Fälschung durchaus davon abhängig, wer fälscht und wie gut er anwaltlich vertreten ist.
    Oder will einer ernstlich bestreiten, das Samsung Apple plagiiert?
    Ich bezweifle heftig, dass der Industrie der entsprechende Schaden entsteht, jedenfalls nicht, wenn die Verbraucher wissen was sie kaufen. Denn andernfalls würden die Verbraucher bei diesen Preisen ohnehin nicht zugreifen.
    Ehrlich gesagt ist das doch eine wunderbare Korrektur gegenüber der Betonung des äußeren Scheins, der eh nur zur Darstellung dessen, was man sein möchte dient und weniger was man ist. Auch das ist eine Form von Betrug, der mittels Plagiat eine Korrektur erfährt.
    Es kommt noch hinzu, dass die Gesellschaft ohnehin massiv unter dieser Überbewertung des Formalen leidet. wirtschaftlich ist sie insgesamt viel schädlicher für die Gesellschaft als der bewusste Kauf von Kopien.
    Der bewusste Kauf von Plagiaten ist wie des "Kaisers neue Kleider" letztlich eine Entlarvung, des ursprünglichen Produkts.

    H.

  • Liebes Handelsblatt, ich stehe ehrlich gesagt eher auf ehrliche, gut rechercherte Artikel (und Kolumnen).
    Findet also bitte wieder zurück zur Tugend.

  • "haben besonders junge Verbraucher wenig Bedenken, Fälschungen zu kaufen"

    So etwas wird halt irgendwann zum Trend, wenn man den Endverbrauchern jahrzehntelang immer weniger netto in der Tasche belässt. Da sollten sich die Markenartikler bei der Politik dafür bedanken.

    Dazu kommt, dass speziell die Mode immer kurzlebiger wird. Wer mit der Mode geht, hat wenig von länger lebigen Artikeln. Den manisch steten Produktwechsel haben diese "Hersteller" (die oft genug NICHT selbst fertigen) großteils ihrer eigenen Strategie zu verdanken.

    Plus, der Endverbraucher könnte ja evtl. inzwischen auch erkannt haben, dass höhere Preise schon lange keine bessere Qualität mehr beinhalten? Auch da können sich die Markenartikler an der eigenen Nase fassen.

    Marken verloren nach meiner Beobachtung schon aufgrund des letzten Punktes zunehmend an Zuspruch. Viele, - ehemals jahrzehntelang! markentreue, - Kunden wurden nachhaltig qualitativ enttäuscht. Dies bereits bei der älteren Generation, die noch viel mehr Wert auf Qualitäten legte, bereit war für tatsächliche Qualität mehr zu bezahlen und auch noch mehr dafür berappen KONNTE.

    Auch echte, relativ teuere Markentextilien tragen inzwischen oft genug das Etikett "Made in Bangladesh". Wenn Verbraucher genauer hinsieht. Die Argumentation vom Erhalt der Arbeitsplätze in Europa seitens der Markenartikler hat sich damit bereits ganz von selbst erledigt.

    Marken werden m. M. künftig auch weiter verlieren. Weil sich auch mit dem massivsten Marketing immer schlechter werdende Ware, hergestellt unter immer geringerem Kostenanteil, nicht unendlich teurer und teurer verkaufen lässt ...

    Die jetzt gezogenen Schutzräume einer angeblichen Exklusivität kommen zu spät. Weil man vorher gerne Alles an UMSATZ mitzunehmen beliebte, was mitzunehmen war. Nur jetzt, tja, jetzt hätte man gerne wieder höhere Gewinne direkt für sich selbst und die Aktionäre eingefahren?

  • Hab mir vor kurzem einen Designer-Sessel gekauft. Preis beim Original-Hersteller 3500 EUR, die chinesische Kopie kostet 600 EUR. Das Design ist von 1966. Jetzt würde ich also mal anders herum argumentieren: Nur dadurch, dass Geschmacksmusterschutz eine so lange Laufzeit haben kann, entseht beim Verbrauch ein immenser wirtschaftlicher Schaden. Der Verbraucher ist also geradezu verpflichtet, die Kopie zu kaufen um die Absurdität dieses sogenannten "geistigen Eigentums" herauszustreichen.

  • Der Artikel stellt einiges auf die Probe. Vor allem die Intelligenz.
    Wer sich für den Fake entscheidet, entscheidet sich auch für Billig. So ein Mensch würde mit Gewißheit keine 20.000 Euro für eine Rolex locker machen. Außerdem sind Import-Export und 1-Euro-Läden mit dem berüchtigten Slogan "und mehr ..." weder Louis Viton Vertragshändler noch die von Rolex oder Stihl. Und mit weiterer Gewißheit liegen solche Läden nicht in den Luxux-Einkaufsmeilen.

    Der Industrie geht kein Cent verloren.



  • Zitat: "Nach Schätzungen von Ernst & Young entsteht der Industrie in Deutschland durch Plagiate ein Schaden in Höhe von 50 Milliarden Euro pro Jahr. "
    So ein Blödsinn. Da wird unterstellt, dass jemand, der sich im Urlaub eine Rolex als Plagiat für 10 oder 20 EUR kauft, eine echte kaufen würde, wenn es das Plagiat nicht gäbe. Selten so einen Stuss gelesen.

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