Einzelhandel Millionen-Gewinne durch Einwegpfand

Die Handelskonzerne haben sich mit allen Mitteln gegen das Einwegpfand gewehrt. Jetzt verdienen sie gut daran. Der Einzelhandel profitiert nicht nur von achtlos weggeworfenen Pfandflaschen - mancher Lebensmittelverkäufer ist sogar ins Entsorgungsgeschäft eingestiegen.
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Einst zogen die Handelskonzerne gegen das Zwangspfand bis vor das Bundesverfassungsgericht, jetzt verdienen sie daran. Quelle: Agentur Bilderberg

Einst zogen die Handelskonzerne gegen das Zwangspfand bis vor das Bundesverfassungsgericht, jetzt verdienen sie daran.

DÜSSELDORF. Eine unzumutbare Belastung sei das "Zwangspfand" auf Einwegflaschen, wetterten Deutschlands Supermarktbetreiber. Als es 2003 dennoch kam, zogen einige von ihnen - wenn auch erfolglos - bis vors Bundesverfassungsgericht. 25 Cent pro Dose oder Einwegflasche, die der Kunde erst bei Rückgabe des Leerguts zurückerhalten sollte? Dem Handel schien das ein Alptraum.

Mitleid für die unfreiwilligen Müllsammler sollten sich Verbraucher sparen. Der soeben erschienene Geschäftsbericht der Rewe-Gruppe enthüllt, dass von Belastung keine Rede mehr ist - im Gegenteil. Wie Rewe unter "sonstige betriebliche Erträge" im Jahresbericht auf Seite 171 publiziert, flossen im vergangenen Jahr 498 Millionen Euro aus dem Einweggeschäft in die Firmenkasse. Dem standen lediglich Aufwendungen von 486 Milliionen Euro gegenüber, wie Leser vier Seiten später nachlesen können.

Wie es zu den üppigen Mehreinnahmen von zwölf Millionen Euro kommt, wollte die Kölner Zentrale auf Anfrage nicht verraten. Ein Rewe-Sprecher sagte, unter dem Bilanzposten "Aufwendungen aus Einwegpfand" fehlten Abschreibungen auf Automaten und Personalkosten, was zu einem "verzerrten Bild" führe. Hinweise oder Zahlen dazu finden sich im Geschäftsbericht nicht.

Doch selbst dann dürfte der Konzern am Einwegpfand verdienen. Die rund 10 000 Euro teuren Rücknahmeautomaten in Rewes 4 189 Supermärkten und Penny-Filialen belasten das Jahresergebnis, sofern sie über sieben Jahre abgeschrieben werden, hochgerechnet mit knapp sechs Millionen Euro. "Selbst inklusive Betriebs- und Personalkosten kann es ein Handelskonzern schaffen, beim Einwegpfand kostendeckend zu arbeiten", berichtet Heiner Bevers, Geschäftsführer des Rücknahmeautomaten-Herstellers Tomra.

Geschäft mit dem Leergut wird immer lukrativer

Was dabei noch nicht einmal berücksichtigt ist: Bei ihrem Start brachte die Einwegregelung dem Lebensmittelhandel deutliche Entlastungen. Weil Pfandflaschen von der Lizenzgebühr für den Grünen Punkt befreit wurden, zahlen die Getränkeverkäufer jährlich 290 Millionen Euro weniger ans Duale System Deutschland (DSD). Rewes Filialen sparen damit geschätzte 35 Millionen Euro ein. Zum Vergleich: Am Verkauf von Zahnpasta, Tütensuppen und Urlaubsreisen verdiente Rewe mit der entsprechenden Umsatzmenge wie beim Leergut gerade einmal 9,5 Millionen Euro.

Hinzu kommt, dass für Rewe das Geschäft mit dem Leergut immer lukrativer wird. Hielten sich dort 2006, als deutschlandweit das einheitliche Pfandsystem startete, Erträge und Aufwendungen noch die Waage, wirft die Rücknahme seither Jahr für Jahr höhere Margen ab. 2009 überstiegen die Erträge aus dem Einwegpfand die im Geschäftsbericht ausgewiesenen Aufwendungen um 2,5 Prozent. Für den Konzern entwickelt sich das "Zwangspfand" zunehmend zum Segen

.

Selbst für Fachleute wie Maria Elander vom Verband Deutsche Umwelthilfe ist dies eine Überraschung. "Das Rückgabesystem macht es Supermärkten eigentlich unmöglich, am Ende Gewinne zu erzielen", wundert sich die Leiterin des Bereichs Kreislaufwirtschaft.

Was die Expertin nicht bedenkt: Das Betreiben von Supermärkten ist keineswegs Rewes einziges Ertragsmodell. Die Kölner drängen mit ihren Eigenmarken "Ja" oder "Aquamia/Rewe" selbst ins Abfüller-Geschäft, wo ihnen das Einwegpfand stattliche Zusatzerträge verspricht - immer dann, wenn ihre leeren Flaschen im Gebüsch oder Restmüll statt in den Rücknahmeautomaten landen.

Lebensmittelverkäufer steigen in Entsorgungsgeschäft ein

Schuld daran ist die komplizierte Pfandverrechnung: Schon der Abfüller kassiert für Dosen oder Flaschen Pfand vom Supermarkt. Der reicht den Betrag dem Verbraucher - als durchlaufenden Posten - schlicht weiter. Bringt der Kunde Leergut in den Laden, erstattet ihm der Händler das Pfand und holt sich das Geld bei den jeweiligen Abfüllern zurück.

Von achtlos weggeworfenen Pfandflaschen profitieren am Ende allein die Hersteller. Sie kassieren in jedem Fall einen Pfandbetrag, können sich die Rückzahlung aber - falls das Leergut nicht zurückkehrt - mitunter sparen. Kein Wunder also, dass Händler wie Aldi ("River Cola"), Edeka ("Perlquell") oder eben Rewe mit ihren Eigenmarken ihr Abfüllergeschäft stärken.

Zudem verdienen die großen Handelsketten an einem Systemfehler, den die federführende Deutsche Pfandsystem-Gesellschaft (DPG) in die Rücknahmekette eingebaut hat. Weil zwischen Abfüllern, Einzelhändlern und Endkunden unterschiedliche Mehrwertsteuer-Regelungen gelten, winkt vielen Läden ein Zusatzerlös. Und zwar immer dann, wenn sie mehr Getränkeverpackungen zurücknehmen als verkaufen. Jeden überschüssigen 25-Cent-Betrag erstattet ihnen der Abfüller zuzüglich 19 Prozent Mehrwertsteuer, obwohl der Supermarkt seinen eigenen Kunden zuvor die 25 Cent ohne Mehrwertsteuer ausgezahlt hat. Nutznießer sind Filialketten, wo häufig große Mengen an Leergut abgegeben werden, Verlierer dagegen Kioske und Tankstellen.

Am besten entwickelt sich das Geschäft mit dem Abfall selbst. "Viele Händler verkaufen ihre leeren Pet-Flaschen höchstbietend an Recyclingfirmen", berichtet Gunda Rachut vom Osnabrücker Sachverständigenbüro Cyclos. Abnehmer für diesen Kunststoff gebe es vor allem unter den Chinesen, die daraus Autositze und Fleece-Pullover fertigen. "Eine Tonne sortenreiner Pet-Schrott kostet aktuell 400 bis 500 Euro", sagt die Abfallexpertin.

Für Supermarktbetreiber ein willkommenes Zusatzgeschäft. Manche Lebensmittelverkäufer, beobachtet die Bonner Abfall-Consultingfirma Ascon, sind selbst mit Töchterfirmen ins Entsorgungsgeschäft eingestiegen. Die Erlöse seien mancherorts fester Bestandteil der Kalkulation, die Verhandlungsmethoden ebenso rabiat wie in den gefürchteten Jahresgesprächen der Handelsketten mit ihren Lieferanten. "Bei der Vermarktung gebrauchter Pet-Flaschen", berichtet Ascon-Geschäftsführer Sascha Schuh über die Krämer, "feilschen die um jeden Cent."

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4 Kommentare zu "Einzelhandel: Millionen-Gewinne durch Einwegpfand"

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  • der jonas versteht das system noch nicht. bei der rechtschreibung leuchtet das auch ein.

    das pfandsystem ist doch ein harz 4 ersatzsystem. zumindest braucht man mit wenig aufwand kein h4 mehr, obwohl es weiterhin jeden monat ein willkommens taschengeld darstellt, neben der mietkostenuebernahme versteht sich...

    in polen bekommt man die petflasche neu mit barcode fuer 2,7 cent. und zwar nagelneu, garantie spielt ja hier keine rolle.

    davon einen anhänger voll pro woche, den man dann beim hundespaziergang an den eckkiosken tütenweise abgibt ist besser als jeder hauptberuf.

    den stress am rewe automaten muss man sich da garnicht antun. bewegung ist gesund. ausserdem pflegt das die nachbarschaftsbeziehungen und der hund freut sich ueber sein brillihalsband.

    die handelsketten machen das natuerlich im grossen stil. aber lebensqualität geht vor expansion...

    so hat sich herr trittin das damals vielleicht nicht gedacht, aber die arge freuts dann von lästigen besuchen von anspruchstellern verschont zu bleiben. zumindest schönt es hier dann die statistik, also ist doch jeder zufrieden.

    dem pfand sei dank

  • Natürlich wird damit auch Marktmacht ausgeübt, z.b. gab es bei Rewe mal ein echtes bio bier Marke Lambsbräu, doch der Automat nahm die Flaschen nicht zurück weil diese Naturkostwarenmarke nicht den richtigen barcode besitzt.
    Das heißt diese echten Naturkostprodukte wurden blockiert. Die gab es einfach nicht in diesem Pfandsystem. wenn der Kunde dann jedesmal nach dem Verkäufer klingeln muss und ihm erklären muss: ja die flasche wurde aber hier gekauft, eben dann hat man hat keinen bock mehr dazu und die Marke gibt es jetzt nicht mehr bei Rewe.

  • Ja die sind so doof die Deutschen dass sie das nicht kapieren.

    Wenn man eine Flsche zurückgibt, erhält man die Mwst darauf und alleine dies ist bereits ein Reingewinn.
    Wenn man mehr Flaschen annimmt als verkauft, kassiert man die Mwst als Gewinn.
    Woher weiß ich das?

    Weil ich mal einen kleinen Getränkevertrieb hatte.

    Doch die Deutschen bocken kleinkariert rum, und wollen keine Flaschen von anderen nehmen, auch bei Rewe. Die kapieren das nicht. Die sind so blöd.

    ich hatte mal eine Getränkevertrieb, meinen sie vielleict ein student wäre in der Lage gewesen, richtig abzurechnen und das mit dem Pfandsystem zu kapieren?
    Unsere Eliten von morgen in Deutschland. Kein Wunder dass hier alles schief läuft. Und die miete zahlen die Eltern. Und die Wäsche waschen sie auch. Unsere Eliten in Deutschland.

  • Mal wieder ein überaus schlecht recherchierter Artikel, der zudem fast 10 Jahre zu spät kommt.

    Ja, an den Pfandsystemen verdienen die Unternehmen prächtig.

    Dabei sind Gasflaschen sicher am lukrativsten, die Händler machen alles, um bloss keine Pfandflaschen zurücknehmen zu müssen, Rückgabe nur mit bon beim selben Laden möglich, obwohl die Hersteller, z.b. GlobalGas das gegenteil behauptet. Es werden Unmengen an teuren Gasflaschen nicht zurückgegeben, weil kein Kunde gegen den betrug der Händler klagt.

    Der zweite Sektor sind bleiakkus für Autos, der Pfand bleibt auf Grund unmöglicher Rückgabebedingungen auch meist beim Händler, der die Millionen satten Reingewinn einstreicht. Kein Kunde regt sich wegen 7.50 EUR Pfand auf, aber 2 EUR teurer als der Nachbar kann man kein Produkt verkaufen. Also lässt sich mit abweisen von (berechtigter) Pfandrückgabe mit künstlichen Handelshemmnissen am meisten verdienen.

    Einwegpfandflaschen haben auch mal Milliarden eingebracht, als man nur mit bon zurückgeben konnte. Da wurde keine weggeworfene Flasche mehr eingesammelt, das Pfandsystem wurde ad absurdum geführt und hatte seinen Sinn komplett verfehlt, nur die Getränke 25ct teurer gemacht,

    beim Einwegflaschenpfand geht übrigens keine Flasche zurück an den Hersteller, sie werden in der Rückgabeautomaten gleich geschreddert. Daher sind die Hersteller nicht die einzigen die verdienen, sondern auch der Handel profitiert von nicht zurückgegebenen Flaschen.

    Das ganze System baut auf betrug.

    Nur Mehrwegfaschen funktionieren. Nicht nur, daß sie mit 15ct weniger Kapital binden (alleine die Zinsen die die Firmen für einbehaltenen und noch nicht zurückgezahlten Pfand bekommen gehen in die Millionen), sondern hier muss wirklich die Flasche bis zum Produzenten zurück.

    Ausserdem sie sie aus besserem Material. Die billigen Einwegflaschne gebenhormonell wirksames Acetaldehyd ab und sind meist so laberig dünn daß schon alleine deswegen Unmengen an Wasser verschüttet wurde.

    SPERTT DiE PFANDLEUTE ALLE EiN, Mehrweg für alle!

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