Einzelhandel Supermarktketten setzen Lieferanten mit Einkaufsallianzen unter Druck

Nach Metro und Auchan wollen auch Tesco und Carrefour mit einer Einkaufsallianz die Lieferantenpreise drücken. Konfrontationen sind vorprogrammiert.
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Die Franzosen verbünden sich mit den Engländern. Quelle: Reuters
Einkaufswagen von Carrefour

Die Franzosen verbünden sich mit den Engländern.

(Foto: Reuters)

Hamburg, Düsseldorf, LondonEs ist ein enormes Potenzial: Zusammengerechnet kommen die Lebensmittelhändler Tesco und Carrefour auf einen Umsatz von mehr als 120 Milliarden Euro und rund 14.500 Läden. Und nun wollen die Marktführer aus Großbritannien und Frankreich das auch gemeinsam nutzen. Mit einer Einkaufsallianz versuchen sie, bessere Konditionen bei Lieferanten zu erzielen.

Die Verträge über die Kooperation sollen in den kommenden zwei Monaten fertig ausgehandelt sein und dann für mindestens drei Jahre gelten. Tesco-Chef Dave Lewis schwärmt, durch das Bündnis könne man für den Kunden „Auswahl, Qualität und Wert weiter verbessern“. Auch Alexandre Bompard, CEO der Carrefour Group, hebt die Vorteile für die Konsumenten hervor.

Dass angesichts möglicher Einsparungen im Einkauf die Preise für die Kunden sinken, halten Experten indes für unwahrscheinlich. Tesco und Carrefour gehe es wohl eher darum, ihre „hauchdünnen Margen“ zu verteidigen, sagt Mike van Dulken von Accendo Markets. Das wird, ist Patrick O’Brien vom Researchhaus GlobalData überzeugt, zulasten der Zulieferer gehen. Für sie sei die Zusammenarbeit „ein weiteres Zeichen, dass ihnen Kämpfe bevorstehen“.

Tesco und Carrefour sind nicht die ersten Händler, die ihr Einkaufsvolumen über europäische Grenzen hinweg bündeln. Vergangene Woche erst hat die Metro angekündigt, dass sie mit den französischen Handelskonzernen Auchan und Casino sowie mit der niederländischen Schiever Group in der Beschaffung zusammenarbeiten will. Ziel sei „eine gemeinschaftliche, ausgewogene und innovative Art von Verhandlungen“, heißt es. Letztlich gehen diese Abkommen stets zulasten der Lieferanten.

Das zeigte sich kürzlich ganz drastisch, als der Streit zwischen Nestlé und der europäischen Einkaufsallianz Agécore um Edeka öffentlich eskalierte. Im Ringen um bessere Lieferkonditionen hatten Edeka und seine Partner bis zu 200 Produkte des Konsumgüterherstellers nicht mehr nachbestellt, um so den Druck zu erhöhen.

Auch wenn solche Auseinandersetzungen selten an die Öffentlichkeit kommen, sind sie eher die Regel als die Ausnahme. Diese Konflikte seien in der Branche durchaus üblich, hatte Rewe-Chef Lionel Souque den Vorgang kommentiert, sie würden aber normalerweise hinter den Kulissen geführt.

Den Herstellern von Lebensmitteln und Drogerieartikeln macht das zunehmend Sorge. So berichtete Oetker-Chef Albrecht Christmann jüngst von Umsatzeinbußen in Millionenhöhe, weil Händler mehrere Produkte im Streit ausgelistet hatten. Andreas Gayk vom deutschen Markenverband warnt, die Konzentration werde durch europäische Allianzen verstärkt. „Deshalb drängt der Markenverband darauf, dem Missbrauch von Nachfragemacht auch europäisch effektiv zu begegnen“, sagt er.

Konkret fürchten die Hersteller zwei Dinge: Einerseits könnten Informationen aus den einzelnen Ländern künftig europaweit kursieren. Die Händler erfahren dann, wie viel mehr oder weniger Konkurrenten anderswo zahlen – und können bei künftigen Preisverhandlungen ihren Spielraum besser einschätzen.

Das Problem verschärft sich dadurch, dass die Allianzen Schlüsselmanager von der Konkurrenz abwerben, die möglicherweise ihr Wissen um Konditionen mitnehmen. So war der Agécore-Chef Gianluigi Ferrari zuvor Manager beim europäischen Bündnis Coopernic, zu dem unter anderem Rewe gehört.

Zum anderen treten die europäischen Einkaufsverbünde in eigene Konditionengespräche mit den Herstellern ein. Grundlage ist ein kompliziertes Verhandlungssystem. Auf den Grundpreis gibt es meist eine ganze Reihe von zusätzlichen „Konditionen“, die den Preis drücken. So lassen sich die Händler etwa den Aufwand für die Entsorgung von Verpackungen extra bezahlen.

Vor allem aber geht es um Gegenleistungen wie besondere Platzierungen im Laden oder Sonderangebots-Aktionen. Die europäischen Einkaufsallianzen argumentieren gegenüber den Herstellern, sie könnten Aktionen über mehrere Länder koordinieren, und verlangen dafür einen weiteren Rabatt.

Kartellämter sind machtlos

Die Händler bilden auch deshalb europäische Einkaufsbündnisse, weil nationale Allianzen längst an kartellrechtliche Grenzen stoßen. Gegen die grenzüberschreitende Kooperation dagegen sind die Kartellwächter weitgehend machtlos. Die Handelsbranche ist, anders als viele produzierende Industrien, in Europa immer noch stark an nationalen Grenzen orientiert.

Auch Bundeskartellamtschef Andreas Mundt sieht bislang keinen Grund einzuschreiten. Schließlich können günstigere Einkaufspreise des Handels theoretisch auch zu niedrigeren Verbraucherpreisen führen. So schreibt auch Tesco in seiner Mitteilung, dass die neue Allianz zu niedrigeren Preisen führen und damit die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen könnte.

Das haben speziell die britischen Händler dringend nötig. Seit Aldi und Lidl in Großbritannien auf Expansionskurs sind, geht in der Branche die Angst um: Fast jede Woche macht irgendwo auf der Insel ein neuer Discounter auf. Bis zum Jahr 2022 soll die Zahl der Aldi-Läden in Großbritannien von derzeit gut 760 auf 1000 gestiegen sein, Lidl hat allein für dieses Jahr 50 Neueröffnungen angekündigt.

Zusammen setzen die beiden Discounter den etablierten Ketten zu – mit günstigen Preisen und einem Konzept, das bei den Briten immer besser ankommt. Zwar liegt der Marktanteil von Aldi und Lidl mit 7,3 beziehungsweise 5,4 Prozent deutlich unter dem der britischen Marktführer; aber der Abstand schmilzt.

Auch außerhalb der Lebensmittelbranche versuchen sich Händler mit grenzüberschreitenden Bündnissen angesichts der harten Konkurrenz Luft zu verschaffen. So hat der Elektronikhändler Media Markt Saturn eine Einkaufsallianz mit der französischen Kette Fnac Darty und dem russischen Marktführer M.Video.

„Das ist eine smarte Alternative zu einer Akquisition“, sagt Media-Markt-Saturn-Chef Pieter Haas. „Da kann man einen Großteil der Synergien, die man aus einer Vollkonsolidierung erzielen könnte, erreichen, ohne dass man eine Firma kaufen muss.“

Besser hätten auch die Chefs von Tesco und Carrefour die wahren Motive für ihre Kooperation nicht formulieren können.

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