Einzelhandel und Flüchtlinge Einkaufen wie in Damaskus

Halal-Fleisch, Knoblauchwurst oder Sesampaste: In deutschen Supermärkten finden Flüchtlinge oft nicht, was sie aus der Heimat kennen. Läden mit arabischen Lebensmitteln schließen diese Lücke – gerade in der Provinz.
In Zainab Shamis Laden finden Flüchtlinge Lebensmittel, die sie aus ihrer Heimat kennen. Quelle: dpa
Inhaberin des Lebensmittelgeschäftes „Damaskus“

In Zainab Shamis Laden finden Flüchtlinge Lebensmittel, die sie aus ihrer Heimat kennen.

(Foto: dpa)

SigmaringenZainab Shami hat eine kulinarische Marktlücke entdeckt. Die Syrerin steht hinter der Theke ihres Ladens im schwäbischen Sigmaringen und plauscht mit einem Kunden auf Arabisch. „Damaskus“ steht auf dem Eingangsschild. Drinnen kommt orientalische Musik aus einem Radio. In den Regalen stehen Dosen mit Kichererbsen, Sesampaste und orientalische Gewürze. Auch Gebetsteppiche und Wasserpfeifen sind im Angebot.

Erst vor kurzem hat Shami einen Laden für typisch arabische Lebensmittel in der Fußgängerzone der Stadt mit etwa 15.000 Einwohnern eröffnet - und scheinbar die Geschmacksnerven der Asylbewerber im Ort getroffen.

Der anhaltende Zuzug von Flüchtlingen nach Deutschland macht sich in den Einkaufregalen der Städte und Gemeinden bemerkbar, wie Wido Geis vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln sagt. Für den Zuwanderungs-Experten liegt es auf der Hand, dass mehr Geschäfte mit arabischen Lebensmitteln öffnen - auch wenn es dazu keine Zahlen gebe.

„Ich fühle mich hier wie zu Hause“, erzählt der Kunde Mohammed Shiada im Laden von Shami. Besonders wichtig für religiöse Muslime sei etwa „Halal“-Fleisch, erzählt er noch. Das kommt nur von geschächteten Tieren, die beim Schlachten ausbluten.

Auch die Ladenbesitzerin zeigt sich zufrieden: „Das Geschäft läuft gut. Die Flüchtlinge sind dankbar, dass es meinen Laden gibt.“ Solche Beispiele gibt es nicht nur im Süden Deutschlands. Im niedersächsischen Wendland, in Lüchow, hatte sich im Herbst ein Flüchtling selbstständig gemacht.

Wie deutsche Konzerne Flüchtlinge einbinden
Hilfe für Flüchtlinge
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Die BASF-Sprecherin ist ehrlich: „Natürlich ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Verschiedene deutsche Konzerne bemühen sich, Flüchtlinge zu beschäftigen oder auszubilden. Dabei geht es vor allem um Praktika und Qualifizierungsmaßnahmen für Flüchtlinge, die sich nicht einfach bei den Firmen im Rahmen normaler Stellenausschreibungen bewerben. Die Zahlen sind meist niedrig – wenn überhaupt schon Initiativen ergriffen wurden. Denn auch die großen Unternehmen lernen erst, mit der Situation umzugehen. Einige Beispiele:

BASF
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BASF (rund 50.000 Mitarbeiter in Deutschland) hat im Oktober begonnen, 50 Flüchtlinge für den Einstieg ins Berufsleben vorzubereiten. Grundlage ist ein Programm, mit dessen Hilfe BASF normalerweise Jugendlichen mit schlechten Aussichten auf dem Arbeitsmarkt hilft. Das sei auf die Bedürfnisse von Flüchtlingen übertragen worden, sagte eine Sprecherin. Ziel ist es, dass die Flüchtlinge in einem Jahr eine Ausbildung beginnen oder einen Job annehmen können. Zunächst wird der Qualifizierungsgrad festgestellt, um die Flüchtlinge dann mit Sprachkursen und Qualifizierungsmaßnahmen fit für einen Einstieg ins Berufsleben zu machen. Ähnliche Pläne verfolgt der Sportwagenbauer Porsche, der Flüchtlingen kommendes Jahr ein sogenanntes Förderjahr ermöglichen will.

Siemens
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Auch Siemens (rund 115.000 Mitarbeiter in Deutschland) will im kommenden Jahr bis zu 100 Flüchtlingen Praktika bieten, die sich noch im Asylverfahren befinden. Bislang läuft das Programm in Erlangen mit zehn Plätzen – es soll auf andere Standorte ausgeweitet werden. Hinzu kommen vier Förderklassen für jeweils 16 Flüchtlinge. Siemens hatte 2012 ein Ausbildungsprogramm für junge Menschen aus Europa aufgelegt. Diese Erfahrungen würden nun genutzt.

Daimler
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In der vergangenen Woche haben bei dem Autobauer Daimler 40 Flüchtlinge ein sogenanntes Brückenpraktikum in Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit begonnen. Es dauert nur 14 Wochen, die Teilnehmer wurden von der Bundesagentur ausgewählt. Ziel ist es, die Flüchtlinge soweit zu bringen, dass sie sich bei anderen Unternehmen, Zeitarbeitsfirmen oder für eine Ausbildung bewerben können. Sie erlernen einfache Arbeiten in der Produktion - zum Beispiel, wie eine Maschine bestückt oder Bauteile sortiert werden. Finanziert werden die ersten sechs Wochen von der Bundesagentur, danach zahlt Daimler den Mindestlohn und übernimmt die Deutschkurse. Daimler (170 000 Mitarbeiter in Deutschland) will so künftig mehreren hundert Flüchtlinge an mehreren Standorten helfen.+

Deutsche Telekom
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Die Deutsche Telekom (rund 120.000 Mitarbeiter in Deutschland) hat eine Informationsplattform für Flüchtlinge aufgebaut. Außerdem werden seit Anfang September mehr als 70 Praktika auf der Internetplattform „workeer.de“ angeboten, die Jobangebote speziell für Flüchtlinge zusammenträgt. Bezahlt werde entweder ein Pauschalbetrag oder der Mindestlohn, so ein Sprecher. Das hänge von der Länge des Praktikums ab. Vom kommenden Herbst an will die Telekom außerdem 100 zusätzliche Ausbildungsplätze für junge Flüchtlinge stellen. „Es ist ein bisschen aufwendiger, aber verlangt kein Übermaß an Anstrengung“, sagt ein Sprecher. Er sieht ein ganz anderes Problem: Teilweise seien die Angebote unter den Flüchtlingen schlicht nicht bekannt.

Deutsche Bahn
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Die Deutsche Bahn (rund 196.000 Mitarbeiter in Deutschland) bietet eine konkrete Umschulung an. 15 berufserfahrene Flüchtlinge mit Erfahrung im Bereich Elektrotechnik werden zu Elektronikern im Betriebsdienst ausgebildet, neun weitere sollen demnächst hinzukommen. Das Programm dauert 28 Monate – normalerweise braucht die Ausbildung 3,5 Jahre (42 Monate). Die Länge hängt mit der Förderfähigkeit der Bundesagentur zusammen. Können Vorbildungen teilanerkannt werden, gibt es individuelle Ausbildungspläne. Die ersten vier Monate machen die Flüchtlinge einen Sprachkurs.

Ausbildung bei der Deutschen Bahn
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18 Monate dauerte es, bis das Programm überhaupt mit der Bundesagentur für Arbeit der Stadt München und den zuständigen IHKs entwickelt wurde. „Das ist eine Premiere, ein Lernfeld, es gab so etwas bisher noch nicht“, sagt eine Sprecherin. Nachdem die Partner gefunden waren, nahmen die Auswahlverfahren viel Zeit in Anspruch. Dafür haben die Flüchtlinge eine reale Chance auf einen Job: „Wir wollen alle gern übernehmen“, so eine Sprecherin.

Die Nachfrage von Asylbewerbern nach Lebensmitteln aus ihren Heimatländern sei immens, meint Ladeninhaberin Shami. So verwundert es auch nicht, dass nur ein paar Meter weiter gleich ein zweites Geschäft mit arabischen Speisen geöffnet hat. „Das ist eine einmalige Chance“, sagt der marokkanische Betreiber Ahmed Haddan. Vorher hatte er einen Laden mit Restposten, doch Lebensmittel aus der Heimat seien bei den Flüchtlingen jetzt begehrter. Wie Shami richtet er seine Ware auf die Wünsche der Asylbewerber aus. Allein in der Sigmaringer Erstaufnahme leben derzeit mehr als 2300 Menschen.

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