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Elektro-Tretroller Keine Alternative zum Auto: E-Scooter-Hype könnte schon am Jahresende vorbei sein

Immer mehr E-Tretroller sind in deutschen Städten unterwegs. Das verursacht hohe Kosten. Experten sagen schon für Ende 2019 das Aus für viele Anbieter voraus.
2 Kommentare
E-Scooter: Der Hype könnte schon am Jahresende vorbei sein Quelle: dpa
E-Scooter

Die Anbieter fluten gerade die deutschen Innenstädte.

(Foto: dpa)

Düsseldorf, Hamburg Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer war im Juni geradezu euphorisch. Der elektrisch angetriebene Tretroller sei eine „echte zusätzliche Alternative zum Auto“, sagte Scheuer und drehte zur Gaudi der Pressefotografen und TV-Kameraleute etwas ungelenk eine Proberunde. Pendler, so der CSU-Minister, könnten nun die letzte Meile von der Bushaltestelle zum Büro oder zum nächsten Termin umweltfreundlich zurücklegen.

Noch aufgedrehter ist die Eigenwerbung der E-Scooter-Anbieter: Das US-Unternehmen Lime sieht sich schon als „Teil des städtischen Lebens in Europa. Von Paris über Wien bis nach Berlin revolutionieren wir die Fortbewegung im städtischen Verkehr“, fabulieren die Rollerverleiher.

Konkurrent Tier Mobility will den Städten immerhin helfen, „die überfällige Verkehrswende endlich einzuleiten, um Staus und Luftverschmutzung aus den Innenstädten zu verbannen.“ Und dem schwedischen Anbieter Voi zufolge sparen die Scooter Platz, reduzieren Staus und am wichtigsten: Sie verringern CO2-Emissionen.

Tatsächlich aber zeigt sich gut zwei Monate nach dem Start der E-Tretroller in Deutschland, dass das neue Verkehrsmittel eher ein Spiel- und Freizeitspaß für Erwachsene ist als ein entscheidender Beitrag zum Umbau innerstädtischer Mobilität. Und: Der Hype könnte schon am Jahresende wieder vorbei sein.

„Eine Konsolidierung wird schneller erfolgen, als viele denken. Die Investments sind sehr hoch, und Ende des Jahres wird die Kasse bei vielen schon erschöpft sein“, sagt Bird-Deutschlandmanager Christian Gessner dem Handelsblatt. Das US-Unternehmen ist erst am Montag in Deutschland eingestiegen – und will das Geschäft bewusst langsam aufbauen.

Die auf Mobilitätsthemen spezialisierte Hamburger Beratungsfirma Civity hat von den vier schon von Beginn an in Deutschland aktiven Anbietern Lime, Circ, Tier und Voi die Bewegungs- und Nutzungsdaten ihrer E-Scooter-Flotte in der ersten Juliwoche ausgewertet. Ergebnis: Elektrotretroller sind vorerst ein Freizeitgefährt und keine Alternative zum Auto oder Nahverkehr.

Anbieter fluten die Innenstädte

Legen Pendler durchschnittlich 3,4 bis 5,4 Kilometer mit einem Leihfahrrad, der Straßenbahn oder dem Bus zurück, so fahren sie mit einem E-Tretroller nur 1,9 Kilometer. Das entspricht zwar in etwa der von Scheuer propagierten letzten Meile, doch die Studie urteilt: „Gut sichtbar ist der Schwerpunkt der Nutzung am Wochenende und in den späteren Tagesstunden.“ E-Tretroller sind also bisher mehr Vergnügen als eine wirkliche Mobilitätsergänzung. Noch profitieren zudem alle vom Sommerwetter und den Touristenströmen in den großen Städten.

Immerhin stimmt die Eigenwerbung der Anbieter: Elektro-Tretroller sind jetzt Teil des städtischen Lebens. Die Anbieter fluten gerade die Innenstädte. Das deutsche Start-up Circ hat nach eigenen Angaben derzeit über 1 000 Fahrzeuge in Berlin, mehr als 700 in Hamburg, Köln und München sowie über 100 in Dortmund und Herne im Einsatz. Tier hat nach eigenem Bekunden 14 000 Roller platziert. Die Zahl wächst täglich. Auch die der Städte, in denen Tretroller nun angeblich den täglichen Autostau auflösen werden.

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Nach den Großstädten Berlin, Köln, Hamburg, Frankfurt und München sind jetzt auch die kleineren Metropolen dran. Hannover, Bochum, Dortmund, Essen oder Stuttgart stehen auf dem Programm. Wie viele Roller jetzt, acht Wochen nach dem Start, tatsächlich unterwegs sind, weiß niemand. Viele der Anbieter halten sich auch bedeckt.

Aber je mehr Roller unterwegs sind, umso teurer werde das Geschäft für die Anbieter, warnt Friedemann Brockmeyer von Civity. „Das Einsammeln, Laden und Verteilen verursacht hohe Kosten. Ob Tausch-Akkus diese Kosten massiv senken werden, bezweifeln wir, weil der logistische Aufwand nicht weniger wird.“ Das saisonale und wetterabhängige Geschäft floriere derzeit dank vieler Touristen. Im Herbst und Winter werde sich zeigen, wie gut die Anbieter vorbereitet sind, meint Brockmeyer.

Das kalifornische Start-up Bird, das sich gern als Pionier der E-Scooter-Welle sieht und nach eigenen Angaben weltweit in 100 Städten präsent ist, geht den deutschen Markt mit Vorsicht an. „Wir werden mit reduzierter Flottengröße starten“, beschreibt Gessner den Plan.

Während die anderen Anbieter schon seit Wochen die Städte mit ihren Scootern möblieren, startet Bird erst jetzt. Natürlich in den Großstädten Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt und München. Bird macht keine Angaben zur Flottengröße. „Es geht nicht darum, möglichst viele E-Scooter auf die Straße zu bringen, sondern Angebot und Nachfrage ständig abzugleichen“, sagt Gessner.

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Die gesamte Branche kämpft mit dem Vorwurf, die E-Scooter würden keinen Monat durchhalten und müssten dann schon wieder auf den Schrott. Deshalb betont der Roller-Verleiher nachdrücklich, hierzulande mit einem völlig neuen Modell an den Start zu gehen. Dieser „Bird One Germany“ halte zwölf bis 18 Monate durch, der Akku schaffe 50 Kilometer Strecke.

Zwar bezeichnen sich fast alle Anbieter als Marktführer, und doch haben alle dasselbe Problem, wie eine Studie der Boston Consulting Group (BCG) zeigt: „Anbieter können die Tatsache nicht überwinden, dass ihre Angebote schwer voneinander zu unterscheiden sind.“

Parkzonen für Roller in Berlin geplant
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2 Kommentare zu "Elektro-Tretroller: Keine Alternative zum Auto: E-Scooter-Hype könnte schon am Jahresende vorbei sein"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Stimme nicht zu. In Valencia (ES) ist die Dichte der privaten sowie der Miet-e-Roller hoch, deutlich höher als hier in Wien und man hat gesehen, dass es vorwiegend Pendler nutzen. Bedingung: gut ausgebaute Radwege + grüne Welle bei Ampeln, somit schafft man sehr zügig die ca. 5 km ins Zentrum zur Arbeit. Es geht also. Im DACH ist das Auto noch heilig und hat Vorrang, selbst wenn ich 3-5 km staue...Das kann man leicht ändern..

  • All diese Erkenntnisse sind doch keine Überraschung.

    Der typische Stadtbewohner hat kein Interesse an der Nutzung von E-Scootern.
    Er fährt entweder mit dem ÖPNV und läuft das letzte Stück (warum nochmal extra zahlen, wenn ich schon den ÖPNV zahle?).
    Oder er fährt einfach mit dem Fahrrad. Das gibts ja zur Not auch noch mit Elektromotor, für die, die ungern ins schwitzen kommen.
    Und alle, die vorher schon mit dem Auto zur Arbeit gefahren sind, werden das auch weiterhin tun. Daran ändert die Existenz des Tretrollers rein gar nichts.
    Bleiben tatsächlich noch die Touristen. Die möchte man aber gar nicht auf den Rollern sehen, da die sich meist nicht um Verkehrsregeln kümmern. Die rauschen dann zu zweit auf dem Roller über den Gehsteig oder kommen einem als Geisterfahrer auf dem Radweg entgegen.

    Die Attraktivität lässt sich evtl. steigern, z.B. indem man ÖPNV-Abo mit dem Sharing verbindet. Aber in der derzeitigen Form rechtfertigt der E-Scooter die Nutzungsgebühr für mich in keiner alltäglichen Situation.

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