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Elektromobilität Revolution oder Hype? Wie E-Scooter den Verkehr in Deutschlands Städten verändern werden

Das Zeitalter der E-Tretroller hat begonnen. Viele Anbieter stehen in den Startlöchern, um den Stadtverkehr zu revolutionieren. Doch Experten warnen vor elementaren Problemen.
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Die E-Scooter-Welle rollt. Quelle: dpa
E-Scooter-Verleih-App

Die E-Scooter-Welle rollt.

(Foto: dpa)

DüsseldorfMonatelang haben sich Start-ups aus Deutschland, Schweden und den USA auf den Start der E-Tretroller in Deutschland vorbereitet. Am Samstag war es dann soweit. Die „Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung“ ist in Kraft getreten. Ab sofort dürfen E-Scooter hierzulande auf öffentlichen Straßen fahren. Verleiher wittern nun auch in Deutschland das große Geschäft.

Frank Dudda hat es einfach zu lange gedauert. Der Oberbürgermeister von Herne wollte nicht auf die Politik im fernen Berlin warten. Er wollte sie jetzt in seiner Stadt haben: die E-Scooter. Der Oberbürgermeister hat sich schon am 5. Juni 50 E-Scooter des deutschen Start-ups Circ per Sondergenehmigung in die Stadt geholt und Herne in ein Versuchsgelände für Mikromobilität verwandelt.

„In Herne findet derzeit eine Art Feldversuch statt“, sagt Dudda. „Circ kann zeigen, dass sie in der Lage sind, in einer Stadt ein Verleihsystem für E-Scooter zu etablieren und zusammen mit ihnen lernen wir jeden Tag, wie wir es verbessern können.“ Dudda will mit den E-Tretrollern die emissionsfreie Verkehrswende in Herne einleiten. Sie sollen dafür sorgen, dass mehr Menschen das Auto zu Hause stehen lassen und mit alternativen Fortbewegungsmitteln in die Stadt einfahren, die weniger Platz benötigen als Autos und keine Schadstoffe ausstoßen.

Denn genau das ist ein Kernproblem fast aller größeren Städte – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Sie drohen immer mehr an den täglich einfahrenden Fahrzeuge zu ersticken. In den Straßen stauen sich die Autos, die Luft wird mit Abgasen belastet und der öffentliche Raum zugeparkt.

Auch ADAC von E-Scootern überzeugt

Verleiher von E-Scootern wollen das Auto im innerstädtischen Bereich ersetzen. „Mit Inkrafttreten der Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung können wir die Autoschlüssel zuhause lassen und die umweltschädliche Überlastung unserer Straßen stoppen“, sagt Max Hüsch, Deutschland-Chef von Circ.

Selbst Gerhard Hillebrand, Vizepräsident des ADAC, glaubt, dass Elektrotretroller bei Klimaschutz und Verkehrsentlastung etwas bewegen können: „E-Scooter werden insbesondere den öffentlichen Personenverkehr deutlich attraktiver machen, weil sie die erste und letzte Meile überbrücken können.“

Neben Circ haben sich auch die deutschen Start-ups Tier-Mobility, Wind Mobility, der schwedische Konkurrent Voi, die E-Scooter-Pioniere aus den USA, Bird und Lime, und weitere kleinere Anbieter auf den Deutschlandstart vorbereitet. Mit ihrem Dienst Hive sind auch Daimler und BMW dabei, Volkswagen erwägt ebenfalls einen Markteintritt. In ihren Lagerhallen in Deutschland stehen Tausende E-Scooter, die nun auf die Städte losgelassen werden.

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Berlin, Frankfurt, Düsseldorf, Köln, München, Hamburg – in allen deutschen Metropolen haben sich jeweils ungefähr ein Dutzend Anbieter für ein Verleihgeschäft angekündigt. Hunderte, teilweise über 1000 E-Tretroller wollen sie langfristig pro Stadt platzieren. Und auch in deutschen Mittelzentren werden bald E-Scooter auftauchen.

Die Schweden von Voi etwa planen, schnellstmöglich ihr Angebot in insgesamt 35 Städten auszubreiten. Feste Abmachungen für ein Verleihgeschäft gebe es bereits mit Berlin, Hamburg, München und Lübeck, bestätigte das Unternehmen dem Handelsblatt. Einen Testbetrieb in Lübeck betreibt Voi bereits. Wann man in den anderen Städten startet, sei noch nicht klar.

Konkurrent Tier Mobility steht unmittelbar vor dem Start seines E-Scooter-Verleihgeschäfts in acht deutschen Städten: Berlin, Hamburg, München, Frankfurt, Düsseldorf, Köln, Bonn und Münster. Noch in dieser Woche werde man für einige Städte die Details zu den Kooperationen bekanntgegeben, erklärte das Unternehmen im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Starten will Tier Mobility schnellstmöglich. Dafür fehle lediglich noch eine E-Mail des Kraftfahrtbundesamts, die die Flotte freigebe, erklärte das Unternehmen. Das könne in den nächsten Tagen der Fall sein.

Die Verordnung des Bundesverkehrsministeriums soll potentielle chaotische Zustände, wie es sie zum Teil in den USA und im europäischen Ausland gegeben hat, verhindern. Besonders Lime und Bird hatten mit herumliegenden Rollern die Behörden in ihrer kalifornischen Heimat verärgert. Das soll sich nicht wiederholen. „Wir haben eine Menge gelernt in den letzten Monaten“, sagt Patrick Studener, Bird-Europachef. Seit Monaten laufe ein intensiver Austausch mit europäischen Ländern und auch deutschen Städten.

Circ startet mit 100 E-Tretrollern in Berlin

Der offizielle Startschuss fiel am Montagnachmittag: Nach Herne verleiht Circ als erster Anbieter E-Scooter in Berlin – jetzt auch für Grundlage der allgemeinen Verordnung. Im Laufe der Woche will das Start-up rund 100 Elektrotretroller in Berlin verteilen. „Wir fühlen uns geehrt, dass die E-Tretroller von Circ die ersten sind, die auf deutschen Straßen fahren dürfen“, teilt Circ-Gründer Lukasz Gadowski mit.

Auch einer der E-Scooter-Vorreiter aus den USA, Lime, startet am heutigen Dienstag sein Verleihgeschäft in Berlin. Im Rahmen des Launches werde man auch eine eigene Crew an den Start bringen, die Nutzer auf richtiges Parken der E-Scooter hinweist und so schlechtem Verkehrsverhalten vorbeugen soll, kündigt das kalifornische Unternehmen an.

E-Tretroller der US-amerikanischen Firma stehen vor dem Brandenburger Tor zum Verleih. Quelle: dpa
Lime-Roller in Berlin

E-Tretroller der US-amerikanischen Firma stehen vor dem Brandenburger Tor zum Verleih.

(Foto: dpa)

Für Circ steht fest, dass E-Tretroller-Sharing-Dienste die urbane Mobilität verändern können, wenn sie richtig eingesetzt werden. Deswegen plant Circ in einem nächsten Schritt, die Buchungssysteme des öffentlichen Nahverkehrs in ihren Dienst zu integrieren.

Die Vision: In der Zukunft sollen Nutzer über ein einzige App E-Scooter leihen, Autos mieten und Bahntickets kaufen können. Das soll laut Gadowski in fünf Jahren passieren, „da wird es dann substanziell“, glaubt er.

Daran glauben auch zahlreiche Investoren. Allein Circ konnte in der ersten Finanzierungsrunde 55 Millionen Euro einsammeln. Auch namhafte Geldgeber investierten bereits in Mobilitäts-Start-up. So hat sich auch der ehemalige Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg bei Tier Mobility beteiligt. „E-Mobilität wird ein wesentlicher Faktor des anhaltenden Wandels im Verkehrssektor werden“, findet Rosberg.

Welches Potenzial sie entfalten können, zeigen Zahlen aus den USA. Dort werden die vor zwei Jahren gegründeten Bird und Lime jeweils mit mehr als zwei Milliarden Dollar bewertet. Die Boston Consulting Group (BCG) hat in einer Studie prognostiziert, dass der weltweite Umsatz des E-Scooter-Marktes bis 2025 auf bis zu 50 Milliarden Euro anwachsen könnte.

Der rasanten Marktentwicklung werden allerdings zahlreiche Start-ups zum Opfer fallen. Denn schon jetzt zeichnet sich ein unerbittlicher Verdrängungswettbewerb ab, der an den Leihfahrrad-Markt erinnert und an dessen Ende nur wenige E-Scooter-Verleiher übrigbleiben werden. „Zwei bis vier Champions werden sich in Europa durchsetzen“, prophezeit Daniel Schellong von BCG.

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Bei den Leihfahrrädern drängten damals zahlreiche Anbieter mit großen Hoffnungen in die Städte. Doch nach dem anfänglichen Hype machte sich schnell Ernüchterung breit. Viele Anbieter zogen sich am Ende zurück oder gingen pleite. Übrig blieben Tausende herrenlose Fahrräder.

Mit dem E-Scooter-Start beginnt somit auch eine Marktkonsolidierung. Die US-amerikanischen Anbieter haben den Vorteil, dass sie mit viel Kapital ausgestattet sind und eine Menge Erfahrung im Verleihgeschäft mitbringen, sagte BCG-Berater Schellong. Die europäischen Player hätten aber sehr gute Erfolgschancen, denn sie kennen die lokalen Erfordernisse viel besser.

Verkehrsexperten äußern Zweifel

Verkehrsexperten sehen allerdings neben den wirtschaftlichen Herausforderungen auch elementare Probleme bei den E-Scootern. Sie bezweifeln, dass sie dem Anspruch gerecht werden, den Verkehr nachhaltig zu verändern. Ein Blick ins europäische Ausland nährt ihre Skepsis. In Paris, Madrid und Wien wird die Kritik immer lauter, weil abgestellte E-Tretroller Gehwege blockieren und sich Unfälle, in je einem Fall in Paris und in Madrid sogar mit Todesfolge, häufen. Madrid hatte die E-Scooter-Zahl daraufhin auf 10.000 begrenzt. Die französische Hauptstadt hatte sie sogar von den Gehwegen verbannt.

Einer aktuellen französischen Studie zufolge ist zudem die Zahl der Fahrer, die vom Auto auf einen E-Tretroller umsteigen, geringer als erwartet. Lediglich acht Prozent von ihnen lassen ihr Auto stehen und nutzen einen E-Scooter.

In Deutschland könnten die Zahlen zwar etwas höher ausfallen. Einer Umfrage des Vergleichsportals Verivox zufolge rechnet etwa jeder Fünfte Befragte damit, dass E-Scooter das Potenzial haben, das Auto zu ersetzen.

Für Michael Schreckenberg, Verkehrsforscher an der Universität Duisburg-Essen, sprechen die Zahlen dennoch eine klare Sprache. „E-Scooter stellen keine Lösung für die Verkehrsprobleme der Städte dar. Sie sind vielmehr ein Fun-Objekt“, sagt er. Schreckenberg sieht hinter dem E-Scooter-Verleihsystem vieler Start-ups kein nachhaltiges Geschäftsmodell. „Auch mit dem Car-Sharing hat praktisch keiner Geld verdient. Ich gehe daher davon aus, dass viele E-Scooter-Investoren ihr Geld verlieren werden.“

Heiner Monheim vom Institut für Raumentwicklung in Bonn sieht das ähnlich „Die Zielgruppe ist zu klein. Das Geschäft mit E-Scootern bleibt ein Nischengeschäft“, ist er überzeugt. „Der derzeitige Hype dürfte bald vorübergehen.“

Fehlende Radwege, schlechter ÖPNV

Nach Ansicht der beiden Verkehrsexperten lenkt der E-Scooter-Hype von den eigentlichen Hauptproblemen vieler Städte ab – und zwar von schlecht ausgebauten Radwegen und der mangelnden Qualität des ÖPNV. „Erst wenn dieser ausgebaut werden sollte, könnten E-Scooter ein sinnvolles Add-On darstellen“, sagt Schreckenberg.

Damit E-Scooter ihr volles Potenzial ausschöpfen und Autofahrer tatsächlich zum Umstieg bewegen können, muss das Autofahren schlichtweg unattraktiver und die Radwege – auf denen E-Scooter genutzt werden können – ausgebaut werden. Die Städte in Deutschland müssten sich Monheim zufolge in Zukunft die Frage stellen, wie weit fahrende und parkende Autos verdrängt werden können, um den dort öffentlichen Raum zurückzuerobern.

Auch ADAC-Vizepräsident Hillebrand warnt davor, im E-Scooter ein Allheilmittel zu sehen. „Damit sie wirklich zum Erfolg werden und die Autonutzung vor allem in den Städten reduzieren, müssen Politik und Verwaltung mitziehen“, sagt Hillebrand. In der Pflicht sieht er bei diesen infrastrukturellen Maßnahmen vor allem Berlin und die Länder. „Hochverschuldete Kommunen werden da nichts anpacken können“, glaubt Hillebrand. „Bund und Länder müssen sich für Investitionen bereiterklären und nicht nur daherreden.“

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Die Städte sind derweil darum bemüht, Regeln zu definieren, um für die womöglich aufkommende Schwemme an Leih-Scootern gewappnet zu sein. Die Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz rechnet in den ersten Wochen mit mehreren Tausend E-Tretrollern. Spezielle Regeln für die Verleiher sollen chaotische Zustände vermeiden. Beispielsweise dürfen an einer Stelle nicht mehr als vier E-Tretroller stehen, sie dürfen nicht vor Eingängen zu U-Bahnen oder Fahrstühlen abgestellt und defekte Geräte müssen innerhalb von 24 Stunden entfernt werden.

Hamburg denkt über eine Obergrenze für Sharing-Anbieter nach. Ziel seien maximal 1000 Leihgeräte pro Anbieter innerhalb des Stadtzentrums, sagt Verkehrssenator Michael Westhagemann. Sollten Miet-Scooter Gehwege blockieren oder in Grünanlagen herumliegen, seien die Bezirke ermächtigt, sie einzusammeln und dem Sharing-Anbieter erst gegen Zahlung einer Gebühr zurückzugeben. „Die Erfahrungen, die man in anderen Städten im Ausland gesammelt hat, die wollen wir hier vermeiden“, erklärt der Verkehrssenator.

München wiederum setzt auf Freiwilligkeit: Die Verwaltung hat eine Selbstverpflichtungserklärung mit einigen Verleihern erarbeitet, die Abstellstandorte, Flottengröße, Geschäftsgebiet und Wartung der Fahrzeuge genau regeln soll. Die bayerische Landeshauptstadt rechnet mit 10.000 E-Scootern im Stadtgebiet.

Und das Bremer Verkehrsministerium erklärte, offen für Obergrenzen und Verbotszonen zu sein. Man schaue genau nach Paris und Madrid. Ein Tretroller-Chaos sei für niemanden von Interesse.

Mehr: Diese Regeln sollten E-Scooter-Besitzer kennen.

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