Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Honigbiene

Fast jeder fünfte Wähler in Bayern hat das Volksbegehren „Artenschutz – Rettet die Bienen“ unterschrieben.

(Foto: imago/imagebroker)

Erfolgreiches Volksbegehren Warum wir Bienen lieben und Küken schreddern lassen

Jeder fünfte Bayer stimmt dafür, Bienen besser zu schützen. Das Leid anderer Tiere nehmen die Deutschen dagegen hin. Warum löst gerade die Biene so viel Sympathie aus?
Kommentieren

Düsseldorf, München, GlonnEinen solchen Presserummel hat Agnes Becker dann doch nicht erwartet. Als die Politikerin der Kleinstpartei ÖDP an diesem Mittwoch den Marmorboden der bayerischen Staatskanzlei in München betritt, umklammert ihre linke Hand eine kleine Stoffbiene, um die rechte Schulter baumelt eine orange Tasche mit dem Slogan ihrer Kampagne „Rettet die Bienen“. Ein Ordner schleust sie und den bayerischen Grünen-Fraktionschef Ludwig Hartmann an den vielen Kameraleuten und Fotografen vorbei.

Agnes Becker ist die Sprecherin und das Gesicht hinter dem Volksbegehren „Artenvielfalt – Rettet die Bienen“. Ziel der Initiative, die in Bayern gerade alle Rekorde gebrochen hat, sind mehr Blühwiesen, Biotopverbünde und weniger Pestizide. 1,745 Millionen Menschen haben sich beteiligt, fast jeder fünfte stimmberechtigte Bayer, dabei hätte für das Quorum gut die Hälfte der Stimmen gereicht. Erfolgreicher war kein Referendum in der Geschichte des Freistaats.

Mit dem geballten Volkswillen im Rücken sitzt die 38-jährige Landwirtin und Tierärztin, die bis vor Kurzem niemand kannte, dann Markus Söder am runden Tisch gegenüber. Er will ausloten, ob sich Positionen für einen gemeinsamen Gesetzentwurf finden lassen. Für den CSU-Ministerpräsidenten ist das Bienen-Begehren der erste Dämpfer in seiner noch jungen Legislaturperiode.

Seine Staatsregierung aus CSU und Freien Wählern hatte die Initiative nicht unterstützt, weil sie den konventionellen Landwirten zu weit ging. Doch der Instinktpolitiker Söder weiß, dass er diese hochemotionale Bewegung schnell kontrollieren muss. Das bayerische Volk hat man so gerne gegen sich wie ein Bienenvolk.

Es gibt gute Gründe, Bienen besser zu schützen. Die Artenvielfalt, ihre Rolle bei der Bestäubung von Pflanzen. Ohne Bienen würde das Ökosystem kollabieren. Und dennoch ist erklärungsbedürftig, warum die Honigbiene so viele Menschen von den Sofas holt, während sie sich für das Schicksal anderer Tiere oft nur für die Dauer einer ARD-Doku interessieren.

Grafik

Etwa das männlicher Küken, die kurz nach dem Schlüpfen wie Gartenabfall zerschreddert werden. Oder die Qualen der Ferkel, denen Bauern ohne Betäubung die Hoden entfernen. Zum Jahresbeginn erst hat Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) das beschlossene Kastrationsverbot noch einmal um zwei Jahre aufgeschoben. Die Sympathien der Ministerin sind klar verteilt: Als sie im März 2018 antrat, twitterte sie „Bienen sind systemrelevant“.

Bienen auf dem Marienplatz

Tierschützer versuchen seit Jahren, Mehrheiten gegen die Küken- und Ferkelmarter zu organisieren. Erfolglos. Für die Bienen dagegen hopsten Erwachsene kostümiert und mit gelb-schwarz bemalten Wangen über den Münchener Marienplatz. Bei Schneematsch und frostigen Temperaturen marschierten die Menschen in die Rathäuser, um für das Volksbegehren zu unterschreiben.

Noch am letzten Tag der Eintragungsfrist standen die Münchener in einer langen Schlange auf dem Marienplatz – obwohl schon genug Stimmen gesammelt waren. Nun planen auch Umweltschützer anderer Bundesländer wie in Hessen und Nordrhein-Westfalen Ähnliches.

In Brandenburg wollen der Naturschutzbund (Nabu) und der BUND bereits im Frühjahr mit einer Volksinitiative gegen das Artensterben starten. Und Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) will schon im April ein deutschlandweites Insektenschutz-Gesetz ins Kabinett einbringen. Bayerns Bienen haben Schule gemacht.

Agnes Becker muss husten, „der Fluch des Erfolges“, sagt die Frau mit dem braunen Haarzopf am Vortag des Treffens in der Staatskanzlei. Sie bearbeitet in ihrem Heimatort, dem niederbayerischen Wegscheid bei Passau, gerade die vielen E-Mails und Presseanfragen. Die Biene hätten sie und ihre Mitstreiter als Maskottchen gewählt, weil sie nun einmal der „Sympathieträger“ sei. „Mit ,Rettet den Gelbrandkäfer‘ wären wir wohl nicht so weit gekommen.“

Das stimmt wohl, es wäre allerdings etwas ehrlicher gewesen: Die Honigbiene ist nicht annähernd so bedroht wie etwa Wildbienen oder andere Insekten. Zwar schrumpft hierzulande die Zahl der Bienenvölker tendenziell, etwa, weil die Varroamilbe regelmäßig ganze Bestände auslöscht. Doch Bienenforscher wie Peter Rosenkranz von der Uni Hohenheim sind überzeugt: Solange es Imker gibt, die sich um die Bestände kümmern, kann die Honigbiene nicht aussterben.

Anders ist es bei den Wildbienen, die keiner mit Zuckerwasser aufpäppelt. Über 500 Arten gibt es allein in Deutschland, die Hälfte gilt bereits als gefährdet. Forschungen, nach denen die gesamte Biomasse an Insekten seit Mitte der 1990er um 75 Prozent zurückgegangen sein soll, sind zwar umstritten.

Doch den Trend untermauern auch andere Untersuchungen. Monokulturen auf den Feldern, Designer-Gärten und immer neue Wohngebiete rauben Wildbienen, Fliegen und Schmetterlingen ihre natürlichen Lebensräume.

Doch nur die Honigbiene taugte als Identifikationsfigur. Schließlich bewegen sich Menschen nur, wenn man auch ihre Herzen anstupst. Und dass Bienen für die Deutschen seit Langem eine amouröse Angelegenheit sind, kann Michaela Fenske bestätigen. Die Ethnologin an der Universität Würzburg erforscht das Verhältnis zwischen Menschen und Tieren, in den vergangenen Jahren auch die urbane Imkerei. Mensch und Biene – das sei eine echte Liebesgeschichte, die Jahrtausende zurückreicht.

Damals begannen Menschen, Bienen zu domestizieren, statt sie mühsam wegen ihres Honigs aus den Wäldern herauszuräuchern. Lange bevor Zucker hergestellt wurde, versorgten Bienen die Menschen mit Geschmackssüße, Naturmedizin und essenziell: mit Kerzenwachs, sodass sie auch im Dunkeln sehen konnten. „Menschen waren immer dringend auf Bienen angewiesen“, sagt Fenske.

Die Liebe hält bis heute: Das meistverkaufte Buch in Deutschland war 2017 der norwegische Roman „Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde. Das Kinderbuch „Die Biene Maja und ihre Abenteuer“ des Schriftstellers Waldemar Bonsels aus dem Jahr 1912 wurde die Grundlage für die Comic-Serie, die heute jedes Kind und jeder Erwachsene kennt. Im Ersten Weltkrieg war Bonsels Buch eine beliebte Lektüre der Frontsoldaten von Wilhelm II. Man schrieb Feldpost an die Liebe und las über die Biene.

Fleißig und untertänig

Jeder konnte in der Biene sehen, was er wollte: Kaiser und Könige mochten sie als Sinnbild für den Untertanen, der die Herrscherin bis zum Tode verteidigt. Den „berühmten Bienenfleiß“, jenen protestantischen Arbeitssinn bei strenger Achtung der Hierarchien, huldigte man aber nicht nur in Deutschland.

Laut Fenske hatte auch Napoleon sein Volk als „fleißig wie die Bienen“ bezeichnet, er wählte das Tier gar als persönliches Emblem. Für den griechischen Philosophen Platon wiederum war die Biene ein Symbol für Tugend.

Die Initiatoren haben also alles richtig gemacht, als sie ihr Volksbegehren zur Artenvielfalt auf die Biene zuschnitten. „Sie bietet eine breite Projektionsfläche, weshalb sie das perfekte Kommunikationsmittel ist“, sagt Fenske. Das Artensterben sei ein großes Problem, mit der Biene könne man Menschen dafür sensibilisieren, meint die Forscherin.

Doch damit der Volksentscheid zu so einem historischen Erfolg werden konnte, mussten einige andere Faktoren hinzukommen, glaubt der Soziologe Marcel Sebastian von der Universität Hamburg. Ein wachsendes Umweltbewusstsein in der Gesellschaft, eine „gute Organisationsstruktur“, wie sie die Initiatoren schaffen konnten.

„Mit ,Rettet den Gelbrandkäfer' wären wir wohl nicht so weit gekommen. “ Quelle: dpa
Agnes Becker, Sprecherin des Volksbegehrens Artenvielfalt

„Mit ,Rettet den Gelbrandkäfer' wären wir wohl nicht so weit gekommen. “

(Foto: dpa)

Die ÖDP, eine Art Öko-CDU, bleibt bei Wahlen zwar verlässlich unter drei Prozent. Doch sie hat Erfahrung mit erfolgreichen Volksbegehren: Das weitreichende Rauchverbot in Bayern half sie ebenso durchzusetzen wie die Abschaffung des Bayerischen Senats.

Schließlich eine niedrige Partizipationsschwelle – es reichte eine Unterschrift. Und: Es fehlen echte Gegner. Wer würde ernsthaft gegen den Schutz von Bienen auf die Straße gehen? Als Pestizid verkleidet vielleicht? Selbst der Bauernverband protestiert nicht per se gegen den Gesetzentwurf, sondern stört sich am vermeintlichen „Bauern-Bashing“.

Auch Thomas Eberl will eines erst mal klarstellen: „Kein Landwirt will die Umwelt zerstören“, sagt der Landwirt vom Wiesheu-Hof in Johanneskirchen, am Stadtrand von München. Von dem Volksbegehren hält er trotzdem nur wenig: „Das ist weit von der Praxis weg“, ärgert sich der Bauer. Die Menschen in der Stadt hätten ein völlig falsches Bild von den Bauern.

Die Landwirte täten ohnehin schon viel für die Natur, auch ohne Gesetze. Schließlich lebten die meisten seit Generationen auf ihrem Land, und wollten es auch an die Jungen weitergeben, damit die einmal ein Auskommen hätten. Blühstreifen lasse er schon lange neben den Feldern stehen. Zudem: „Der Mais ist nicht so schlecht wie sein Ruf“, betont Eberl, „und den Raps, den brauchen die Imker ja geradezu.“

Was ihn aber besonders wurmt: „Die Bevölkerung unterschreibt beim Volksbegehren, kümmert sich aber selbst kaum um den Umweltschutz.“ Eberl hat nichts gegen Öko-Landbau, im Gegenteil. „Ich würde auch lieber hochpreisige Sachen produzieren.“ Mit seinem Hofladen versucht er, Gemüse und Fleisch direkt zu vermarkten.

Wenn der Anteil der Biolandwirtschaft aber auf 30 Prozent steigen solle, wie es die Bienenretter wollen, müsse die teureren Produkte auch jemand bezahlen. Die Molkereien würden aktuell gar keine neuen Biolandwirte mehr annehmen, weil sie deren Milch nicht losbekämen.

Den Landwirt plagen ohnehin derweil ganz andere Sorgen: Die Stadt München plant einen neuen Stadtteil im Osten der Metropole, auch auf seinem Land. Es würde seine Existenz gefährden, von Enteignung ist die Rede. Ob die Städter der Natur zuliebe wohl auch auf neue Wohnungen verzichten würden?

„Das ist kein Volksbegehren der Städter“, sagt dagegen Karl Schweisfurth. Der Öko-Landwirt betreibt die „Herrmannsdorfer Landwerkstätten“, eine gute halbe Stunde südostlich von München. In keinem einzigen Landkreis im Freistaat habe die Wahlbeteiligung unter zehn Prozent gelegen.

Karl Schweisfurth hat das Volksbegehren nach Kräften unterstützt. „Die Kampagne hat die Menschen im Herzen angesprochen“, sagt der Öko-Unternehmer. „Das hat jeden berührt, und es kam genau zur richtigen Zeit.“ Die letzten Schneereste schmelzen, und die Gäste von Schweisfurths Hofladen wagen sich nun mit einer Tasse Kaffee auf die Terrasse. Die Schweine suhlen sich vor dem Stall, Hühner und Hähne gackern in der jeden Tag wärmer strahlenden Sonne.

Auf ihrem Hof versucht Familie Schweisfurth seit mehr als drei Jahrzehnten, möglichst im Einklang mit der Natur zu wirtschaften. Nachhaltig der Landbau, ökologisch die Tierhaltung, verantwortungsbewusst die Verarbeitung in der eigenen Metzgerei, der Bäckerei, dem Gasthaus und dem Bioladen.

Natürlich weiß Schweisfurth, dass es für die konventionellen Bauern schwer wird, sich umzustellen. „Es braucht einschneidende Maßnahmen, das tut weh.“ Wenn sie ihre Wiesen erst spät im Jahr mähen dürften, wie es das Volksbegehren vorsieht, dann würde das den Ertrag um drei Viertel schmälern.

Denn dann taugt das Gras nicht mehr für das Milchvieh, sondern nur noch für den Pferdestall. Dies durch staatliche Förderung auszugleichen sei keine gute Lösung. Viel lieber sähe es der Landwirt, wenn die Molkereien dies über höhere Preise an die Kunden weitergeben könnten.

Wenn eine Maßnahme absehbar zu steigenden Preisen für Nahrungsmittel führt, endet die Macht von Lobbygruppen meist – ob öko oder konventionell. Während die Kosten des Bienen-Begehrens für Bauern wie Thomas Eberl im besten Fall durch den Freistaat abgefedert würden, hätte ein anderer Umgang mit Ferkeln und Küken ganz massive Einschnitte für Landwirte und Verbraucher zur Folge.

Ein Wandel in der Produktion könnte Arbeitsplätze kosten oder Fleisch und Eier verteuern, meint Soziologe Sebastian. Laut Tierschutzgesetz dürfen Tiere „aus vernünftigen Gründen“ getötet werden – das beinhaltet auch wirtschaftliche Erwägungen.

Würde der Rechtsstatus von Tieren wie Hühnern oder Schweinen neu verhandelt, hätte das fundamentale Auswirkungen auf die gesamte Landwirtschaft, weshalb eine Kampagne kaum Aussicht auf Erfolg hätte. Zudem: Das Tierschutzgesetz liegt, anders als die Naturschutzgesetzgebung, in der Kompetenz des Bundes. Hier gibt es aber keine Volksbegehren für findige Politik-Unternehmerinnen wie Agnes Becker.

Die sieht nach der Sitzung des runden Tisches am Mittwoch blass und unendlich müde aus. Sie hustet in ihre Armbeuge. Jetzt muss sie in einer Pressekonferenz neben Söder und Walter Heidl, dem Präsidenten des Bayerischen Bauernverbands, noch die Fragen der Journalisten beantworten. Ob es einen gemeinsamen Gesetzentwurf geben werde, wird Becker gefragt. Sie sagt mit heiserer Stimme, dass ihr Bündnis einen „Vertretungsauftrag“ habe und die im Volksbegehren formulierten Ziele „die Basis“ für ein neues Gesetz seien.

Wenn die Vorschläge der Landesregierung darüber hinausgingen, könnte man sprechen. „Es ist wie beim Schafkopfen“, das bayerische Kartenspiel, „was liegt, das pickt“, sagt sie. Dann verschwindet sie hinter Kamerateams und macht sich endlich auf den Heimweg zu ihrem Hof in Niederbayern, wo sie ihre Erkältung auskurieren kann. Ihr Wundermittel: eine Tasse Tee mit Honig.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Erfolgreiches Volksbegehren - Warum wir Bienen lieben und Küken schreddern lassen

0 Kommentare zu "Erfolgreiches Volksbegehren: Warum wir Bienen lieben und Küken schreddern lassen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.