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EU-Austritt Für eine Branche wäre der harte Brexit ein besonders schwerer Schlag

Diejenigen Unternehmen, die Großbritanniens Warenversorgung sichern, würde ein harter Brexit besonders treffen. Experten erwarten eine Fusionswelle.
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Großbritanniens wichtigste Seeverbindung über Dover, die jährlich von 2,6 Millionen Lkws genutzt wird und 17 Prozent des ausländischen Warenverkehrs abfertigt, steht ab dem 29. März vor dem Kollaps. Quelle: dpa
Fähren im Hafen von Dover

Großbritanniens wichtigste Seeverbindung über Dover, die jährlich von 2,6 Millionen Lkws genutzt wird und 17 Prozent des ausländischen Warenverkehrs abfertigt, steht ab dem 29. März vor dem Kollaps.

(Foto: dpa)

DüsseldorfAchim Junker, Spediteur im fränkischen Aschaffenburg, hat bereits vor dem Votum im britischen Unterhaus mit dem Schlimmsten gerechnet: „Wenn ab dem 29. März die angekündigten Zollkontrollen an der britischen Grenze kommen“, sagt er, „wird mit Sicherheit erst einmal alles zusammenbrechen.“

Nun, da Theresa Mays Brexit-Deal mit einer so deutlichen Mehrheit im britischen Parlament abgelehnt wurde, dürften die Sorgen des Spediteurs weiter wachsen.

Der Lkw-Unternehmer, der täglich zehn Abfahrten nach Großbritannien und Irland unterhält, hatte schon unmittelbar nach dem Brexit-Referendum 2016 den ersten Kunden verloren. „Aus Furcht vor den Zollkontrollen verlegte der Automobilzulieferer schon damals seine Produktion von Großbritannien nach Ungarn“, erzählt der 50-jährige Unterfranke. „Damit waren wir den Job los.“

Auch Stefan Nüsse, Speditionsleiter des Logistikers M + F in Nordhorn, zeigt sich besorgt ob des Brexit-Chaos. „Die Speditionen können sich als Verlierer sehen“, sagt er, „denn durch die neuen Handelshemmnisse wird Transportvolumen wegbrechen.“ Schon in den vergangenen Tagen kündigten ihm Kunden aus der Textilbranche an, im Fall von Zollschranken den Export nach Großbritannien einzustellen.

Sollte es zum Schlimmsten kommen, also einem ungeordneten Austritt Großbritanniens aus der EU Ende März, würde das womöglich nur zwei klare Gewinner hervorbringen: Investmentbanker und Beratungsfirmen, die sich mit dem Kauf und Verkauf britischer Logistikfirmen beschäftigen.

„Die Erwartung vieler Kunden, dass weiterhin reibungslos von Tür zu Tür geliefert wird, setzt die britischen Player unter Druck“, schreibt die Wirtschaftsprüfungsfirma PwC in einer noch unveröffentlichten Studie. „Das macht weitere Übernahmen in der Branche sehr wahrscheinlich.“

Einen Vorgeschmack bot das soeben beendete Geschäftsjahr 2018. Während international das Akquisitionsvolumen in der Logistikbranche deutlich sank, blieb der Anteil Großbritanniens am sogenannten M&A-Geschäft hoch. 33 Prozent aller europäischen Transaktionen, errechnete PwC, hatten Beteiligte aus Großbritannien.

Trotz Brexit gibt es mehr Fusionen und Übernahmen

Trotz der Unsicherheit in Sachen Brexit notierten die Wirtschaftsprüfer 19 Deals mit britischen Käufern oder Verkäufern, die für jeweils mehr als 50 Millionen Dollar standen. Zum Vergleich: Französische Firmen waren lediglich neunmal an ähnlichen Übernahmen beteiligt, deutsche kamen auf eine Anzahl von sieben.

Ende November etwa unterzeichnete die amerikanisch-niederländische Spedition AIT Worldwide den Erwerb des britischen Konkurrenten Connexion World Cargo. „Wir wollen vorbereitet sein, wenn es zu Zoll-Formalitäten zwischen Großbritannien und Kontinentaleuropa kommt“, begründete AIT-Präsident Vaughn Moore den Zukauf in London. „Der Deal verringert die Unsicherheit unserer Kunden, die Geschäfte mit dem Vereinigten Königreich betreiben.“

Wenige Wochen zuvor schon hatte der britische Logistikkonzern Europa Worldwide nach dem belgischen Rivalen Continental Cargo Carriers (CCC) gegriffen. „Damit stärken wir unser Straßenverkehrsangebot von und nach Großbritannien“, glaubt Europa-Geschäftsführer Andrew Baxter. Für die nächsten Jahre kündigte er weitere Übernahmen an.

Mit den Firmenzusammenschlüssen jedoch lassen sich die Transportfirmen auf ein heikles Geschäft ein. Denn Großbritanniens wichtigste Seeverbindung über Dover, die jährlich von 2,6 Millionen Lkws genutzt wird und 17 Prozent des ausländischen Warenverkehrs abfertigt, steht ab dem 29. März vor dem Kollaps. „Bis zu 10.000 Lkw müssen dann täglich vom Zoll abgefertigt werden“, warnt ein deutscher Spediteur. „Die Schlange wird dann womöglich bis nach London reichen.“

Für den Lieferverkehr nach Irland besitzen Frachtfirmen inzwischen die Möglichkeit, die grüne Insel per Fähre direkt von Belgien aus anzusteuern – auf einer 44 Stunden langen Schiffsreise zu deutlich erhöhten Kosten.

Wer auf die britische Insel liefern will, bleibt auf Dover angewiesen. Die 2013 eingestellt Fährverbindung zwischen dem belgischen Ostende und dem englischen Ramsgate will Londons Regierung zwar für 108 Millionen Pfund reaktivieren. Die britische Reederei Seaborne, die man dazu beauftragte, besitzt bis heute jedoch kein einziges Schiff.

Firmenübernahmen aber hindert das Chaos auf der Insel keineswegs, wie ein Megadeal kurz vor dem Jahreswechsel zeigte: Für 2,9 Milliarden Pfund sicherte sich der französische Baukonzern Vinci 50,01 Prozent am Londoner Flughafen Gatwick.

Das sinkende Pfund machte den Airport offenbar zum Schnäppchen, wie Vinci-Airportexperte Nicolas Notebaert vor Journalisten andeutete. „Die Brexit-Risiken wurden im Kaufpreis berücksichtigt“, sagte er.

Mit dem absehbaren Verfall des britischen Pfunds – die Ratinggesellschaft Euler Hermes rechnet bis zum Jahresende 2019 nur noch mit einem Kurs von 0,88 Euro – könnten weitere Deals dieser Art folgen.

Düstere Aussichten für die britische Wirtschaft

„Die absehbare Abwertung macht insbesondere gut positionierte Unternehmen auf der Insel zu attraktiven Übernahmezielen“, schreibt PwC in seiner Studie. Hinzu kämen die Bemühungen vieler Unternehmen, die Versorgungsverbindungen nach Großbritannien nicht völlig abreißen zu lassen.

„Wenn Lieferketten beeinträchtigt werden, können Mergers und Acquisitions ein Mittel der Wahl sein“, bestätigt Peter Kauschke, Direktor für Transport und Logistik bei PwC. „Geht ein Automobilzulieferer beispielsweise von England nach Polen, wird sein Logistikdienstleister ihm folgen und in dem Land Kapazitäten aufbauen, zum Beispiel durch eine Übernahme.“

Wer sich auf der Insel auf sein angestammtes Geschäft verlässt, für den könnte es dagegen schwierig werden. Nach Einschätzungen der Europäischen Kommission wird die britische Wirtschaft in den kommenden Jahren gemeinsam mit Italien das Schlusslicht bilden – bei einem jährlichen Wachstum von jeweils nur 1,2 Prozent.

Für Logistikfirmen aber kommt ein zusätzliches Hindernis hinzu: Durch den Brexit, der das Import- und Exportgeschäft erschwert, sinken voraussichtlich die Transportvolumen. Das macht die Stückkosten teurer und das eigene Geschäft womöglich unwirtschaftlich.

Nicht das einzige Ärgernis für die Branche, die vor allem im Lager- und Transportgeschäft auf einen funktionierenden Niedriglohnsektor angewiesen ist. „Weil Großbritannien die Arbeitnehmerfreizügigkeit einschränken will“, warnt PwC-Zollexperte Michael Tervooren, „werden voraussichtlich auch die günstigen Arbeitskräfte aus dem Ausland knapp.“

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