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Exklusive Berechnung Die Bahn ist auf den acht meistgefragten Verbindungen besonders unpünktlich

Nur ein Viertel der Züge soll laut Bahn unpünktlich sein? Vielfahrer glauben an eine statistische Täuschung – exklusive Berechnungen zeigen: Sie haben recht.
12.01.2020 - 14:53 Uhr 1 Kommentar
Aktuelle Daten zeigen: Die Pünktlichkeitsstatistik der Bahn nimmt es nicht ganz so genau. Quelle: Imago
Verspätungen häufen sich

Aktuelle Daten zeigen: Die Pünktlichkeitsstatistik der Bahn nimmt es nicht ganz so genau.

(Foto: Imago)

Düsseldorf Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) war in der Vergangenheit eher als lautstarker Kritiker der Deutschen Bahn aufgefallen. Genau ein Jahr ist es her, da zitierte er den Chef des Staatskonzerns, Richard Lutz, mehrfach zum Rapport in sein Ministerium. Die Unzuverlässigkeit der Bahn hatte Öffentlichkeit und Politiker aufgebracht.

In jüngster Zeit gibt sich der CSU-Minister überraschend versöhnlich mit dem Staatskonzern. „Jeder zerrt immer an der Bahn. Und jeder glaubt, sie kritisieren zu können.“ Das müsse ein Ende haben, meint Scheuer.

Der Minister liefert auch einen Grund, warum Generalkritik nach seiner Meinung nicht mehr begründet sei. „Die Bahn wird pünktlicher, der Service besser und das WLAN zuverlässiger“, versicherte Scheuer vor wenigen Tagen. Die Fakten sprechen allerdings gegen diese Behauptung – zumindest was die Zuverlässigkeit im Fernverkehr angeht.

Seit Juni liegen die Pünktlichkeitswerte der ICEs und ICs deutlich unter den Erwartungen – auch denen von Bahn-Chef Lutz. Sein Ziel, im Gesamtjahr 2019 wenigstens auf 76,5 Prozent zu kommen und damit den Wert aus dem Vorjahr um 1,6 Prozentpunkte zu verbessern, wird verfehlt. Im November brach die Quote sogar auf 72,2 Prozent ein. Am Sonntag gab die Bahn bekannt, die Pünktlichkeit fürs Gesamtjahr liege bei 75,9 Prozent.

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    Bahn-Kunden haben allerdings ein ganz anderes Gefühl, das den offiziellen Bahnstatistiken widerspricht. Wenn nur jeder vierte Zug Verspätung hätte, wären sie froh. Gefühlt hat beinahe jeder Zug, den Vielreisende nutzen, irgendein Problem. Mal gibt es einen technischen Defekt, mal eine „Verzögerung im Betriebsablauf“, gelegentlich fehlt das Zugpersonal. Verspätung scheint normal zu sein.

    Tatsächlich sieht die Pünktlichkeitsbilanz vor allem auf hochfrequentierten Verbindungen weit schlechter aus, als die Durchschnittswerte aus 20.000 monatlichen ICE-, IC- und EC-Fahrten suggerieren. Auf der Linie Hannover–Berlin beispielsweise war beinahe jeder zweite Zug im November verspätet, zwischen Frankfurt und Stuttgart fuhren keine 60 Prozent der Fernzüge nach Plan. Auch auf der Höchstgeschwindigkeitsstrecke von Köln nach Frankfurt lag die Pünktlichkeitsquote mit 62,7 Prozent weit unter den Durchschnittswerten, die die Bahn veröffentlicht.

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    Die ernüchternden Zahlen hat das Erstattungsportal Refundrebel für das Handelsblatt berechnet. Grundlage dafür sind Echtzeitdaten aus öffentlich zugänglichen Reiseinformationssystemen. Die Deutsche Bahn gibt keine Daten aus der Vergangenheit heraus, schon gar nicht differenziert nach einzelnen Strecken oder Verbindungen. Nur der aktuell fahrende Zug kann auf dem Navigator oder über „bahn.de“ beobachtet werden.

    Viel Geduld mussten auch Bahnreisende auf der Verbindung Frankfurt–Berlin haben. Die Pünktlichkeitsquoten erreichten dort nur Werte zwischen 60 und 70 Prozent. Mit anderen Worten: Jeder dritte Zug war verspätet, und zwar gemessen an der sogenannten Fünf-Minuten-Pünktlichkeit. Ab der sechsten Minute gilt der Zug dann als verspätet.

    Nimmt man die 15-Minuten-Verspätungsgrenze, verbessern sich die Werte zwar auf 80 bis 90 Prozent. Trotzdem bedeutet das: Teilweise hinkt jeder fünfte Zug dem Fahrplan hinterher. Auf der Strecke von Hannover nach Berlin war sogar jeder vierte Zug mehr als eine Viertelstunde zu spät dran. Verzögerungen konnten trotz der wenigen Halte und trotz Fahrgeschwindigkeiten von über 250 Kilometern in der Stunde nicht aufgeholt werden.

    Refundrebel rechnet nach

    Refundrebel hat für das Handelsblatt die acht am meisten nachgefragten Fernverkehrsverbindungen der Deutschen Bahn in beiden Fahrtrichtungen untersucht, und zwar für die Monate August und November 2019. Dabei wurde sowohl die Fünf-Minuten- als auch die 15-Minuten-Pünktlichkeit ausgewertet. Das sind auch die Kriterien, die die Deutsche Bahn selbst anwendet.

    Ausgefallene Züge wurden nicht berücksichtigt. Das sind nach Bahn-Angaben ein Prozent der Züge am Tag – aber nur, wenn sie komplett gestrichen werden. Allerdings wird der Zugweg sehr stark verspäteter Züge oft verkürzt. So enden ICEs von Berlin nach Düsseldorf beispielsweise dann schon in Essen und fahren zurück. Darüber gibt es jedoch keine Zahlen.

    Die Verlässlichkeit der Bahn ist extrem schwankend. Im August war beispielsweise die Pünktlichkeit auf der schlechtesten Verbindung von Hannover nach Berlin um rund 20 Prozentpunkte besser, wenn auch mit nur 72,9 Prozent immer noch schlechter als der Bundesdurchschnitt. In Gegenrichtung liegen die Werte in beiden Monaten dagegen deutlich über dem Mittelwert. Was auch daran liegen mag, dass die Züge oft erst in der Bundeshauptstadt starten und dadurch keine Verspätungen mitschleppen.

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    Auf der Linie von Hamburg nach Berlin liegen zehn Prozentpunkte Unterschied in der Pünktlichkeit zwischen August und November. Die Linie Frankfurt–Berlin ist dagegen mit rund 62 Prozent durchgehend unzuverlässig gewesen.

    Aber selbst der Ausgangsbahnhof eines ICE oder IC garantiert keinen reibungslosen Reisebeginn. Von den drei großen Startbahnhöfen für den Fernverkehr – Berlin, Hamburg und München – schneidet die Hansestadt am schlechtesten ab. Ganz egal, ob in Richtung Berlin oder Fernzüge in alle Richtungen: Reisende müssen damit rechnen, dass 15 bis 20 Prozent aller Fernzüge zu spät losfahren.

    Die Bahn weiß um die gravierenden Folgen, wenn Züge schon verspätet abfahren. „Sobald ein Zug einige Minuten verspätet ist, behindert er einen anderen und löst eine Kettenreaktion von Verspätungen aus“, heißt es. Deshalb gibt es seit einiger Zeit sogenannte „Planstart“-Teams an zehn besonders kritischen Bahnhöfen. Eisenbahner aus verschiedenen Abteilungen kümmern sich darum, dass die Züge wenigstens pünktlich losfahren.

    Die Betrachtung einzelner durchgehender Verbindungen gibt allerdings längst kein vollständiges Bild darüber, in welche Probleme Reisende kommen, sobald sie umsteigen müssen. Die persönliche Verspätungsbilanz sieht daher oft viel schlimmer aus, weil der Anschlusszug weg ist.

    Über die Refundrebel-App können Bahn-Kunden Fahrgelderstattungen beantragen. Das Portal prüft vorab anhand der erhobenen Daten, ob der Antrag berechtigt ist, reicht ihn bei der Bahn ein und behält 16,5 Prozent des erstatteten Fahrpreises als Servicegebühr ein.

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    Bei der Deutschen Bahn wird es nach Angaben des Unternehmens noch bis 2021 dauern, bis Fahrgäste digital ihre Rückerstattung beantragen können. Das Buchungssystem werde gerade grundlegend überarbeitet, heißt es. Zurzeit können Rückerstattungsanträge nur schriftlich und per Post gestellt werden.

    „Es wird Zeit, dass die Bahn die tatsächlich erlebte Reisepünktlichkeit ausweist“, sagt Stefan Nitz. Der Gründer und CEO von Refundrebel empfiehlt, „Umstiege möglichst zu vermeiden oder mindestens zwanzig Minuten Umsteigezeit einzuplanen“. Die Bahn selbst hatte schon länger versprochen, in Zukunft auch die Reisendenpünktlichkeit zu messen. Bislang ist es allerdings bei der Ankündigung geblieben.

    Was für eine einzelne Fahrt vielleicht eine nur um zehn Minuten verspätete Ankunft am Zielbahnhof ist, summiert sich im Laufe des Jahres zu einer gewaltigen Summe. 193 Millionen Minuten Verspätung fuhren Züge im Jahr 2018 auf dem Netz der Deutschen Bahn ein. Das sind 3,2 Millionen Stunden im Jahr oder 8767 Stunden am Tag. Die Tendenz ist seit Jahren steigend. 2013 waren es noch 164 Millionen Minuten oder 7397 Stunden pro Tag. Diese Zahlen gehen aus dem Infrastrukturzustandsbericht an den Verkehrsminister hervor.

    Der Bericht räumt auch mit der Vermutung auf, Baustellen seien die häufigste Ursache für verspätete Züge. Tatsächlich machen die nur einen Bruchteil aus. Darunter fallen dann Signalstörungen oder defekte Weichen. Nur 4,75 Minuten von insgesamt 184,5 Verspätungsminuten auf 1000 gefahrene Zugkilometer sind auf Baustellen zurückzuführen, ist in dem Bericht nachzulesen. Stattdessen dominieren betriebsbedingte und damit selbst verschuldete sowie externe Ursachen.

    Es liegt nicht an Baustellen

    Der Grund liegt auf der Hand: Baustellen werden normalerweise frühzeitig in Fahrpläne eingearbeitet. Züge sind dann zwar länger als üblich unterwegs, weil sie Umwege oder langsamer fahren müssen. Aber sie sind pünktlich – solange sie sich an den Baustellenfahrplan halten.

    Die Bahn will sich nicht näher zu den Ursachen für Verspätungen äußern. Nur so viel: Die lägen ungefähr jeweils zu einem Drittel in Problemen bei der Infrastruktur, in Fahrzeugstörungen und exogenen Faktoren begründet, erklärt die Bahn auf Anfrage. Mit „exogenen Faktoren“ sind beispielsweise die allseits bekannten „Personen im Gleis“, Noteinsätze oder ein Schneegestöber gemeint.

    Schlechtes Wetter fiel in diesem Winter allerdings bislang aus. So erklärt sich denn auch die aktuelle Jubelmeldung der Bahn über den pünktlichsten Dezember seit 2016. Aber der Winter ist noch nicht vorbei.

    Mehr: Die Deutsche Bahn wird mit Geld zugeschüttet. Der vermeintliche Befreiungsschlag könnte für den Vorstand zu einem ernsten Problem werden. Ein Kommentar.

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    1 Kommentar zu "Exklusive Berechnung: Die Bahn ist auf den acht meistgefragten Verbindungen besonders unpünktlich"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Alle diese Zahlen sind falsch und geschönt. "Aufgegebene" Züge, also welche die an Ihrem Zielbahnhof nicht ankommen, gehen nicht in die Statistik für Verspätungen ein. Durfte dies nach Weihnachten selber erleben. 27.12.2019 Zug Hamburg nach Zürich. Da dieser irgendwann schon 50 Minuten Verspätung hatte, wurde er in Basel "aufgegeben". Da der Zug aber nie in Zürich ankam, war dieser auch nicht verspätet. Ein Schelm der Böses dabei denkt. Ein Mitglied des CCC hat hierzu eine schöne Statistik erarbeit.

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