Exportschlager aus Südamerika Wie Brasilien Europa mit Steaks erobern will

Südamerika ist der größte Rindfleischproduzent der Welt – und hat vor allem Europa im Visier. Zu Besuch bei Brasiliens führendem Exporteur Minerva.
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Für den Rindfleischexport nach Europa sind zahlreiche Qualitätssiegel erfoderlich. Quelle: blickwinkel-H. Brehm
Rinderfarmer in Brasilien

Für den Rindfleischexport nach Europa sind zahlreiche Qualitätssiegel erfoderlich.

(Foto: blickwinkel-H. Brehm)

José Bonifácio/São PauloDer 37-jährige Leonardo Alencar ist Direktor für Business Intelligence von Minerva Foods, dem größten Rindfleischexporteur Lateinamerikas. Er sitzt in der Filiale des Konzerns in São Paulos Bankenviertel. Alencar ist studierter Nutztierwirt, wirkt aber eher wie ein Investmentbanker. Sein Job gleicht einer permanenten Partie Blitzschach, bei der die mehr als hundert Märkte weltweit das Brett sind und die verschiedenen Teile des Rindes die Figuren. Je nach Absatzmarkt, Zeitpunkt und Herkunft haben sie einen völlig unterschiedlichen Wert.

In Brasilien ist Tafelspitz dreimal so teuer wie Filet, weil es eine beliebte Grillspezialität ist. Därme und Mägen sind in China begehrt, in Europa kaum. In den USA geht die Grillsaison zu Ende, in Israel war gerade das Neujahrfest. Der Dollar schwankt, wie die Rinderpreise.

Auch der Maispreis wirkt sich auf den Preis von Rindfleisch aus, weil in den USA und Australien Rinder mit Mais gefüttert werden. Skandale oder Regierungen können Märkte über Nacht verschließen – wie vor zwei Jahren als der Gammelfleischskandal Brasilien durchrüttelte.

Minerva kann das teilweise ausgleichen. Denn das Unternehmen produziert nicht nur in Brasilien, sondern auch in Uruguay, Argentinien, Paraguay und Kolumbien. 20.000 Rinder werden in den 20 Schlachthöfen der Gruppe täglich verarbeitet. 60 Prozent seines Umsatzes von umgerechnet 4,5 Milliarden Dollar erwirtschaftet Minerva im Ausland.

„Es geht darum, weltweite Trends und Preisentwicklungen möglichst frühzeitig zu erkennen“, sagt Alencar. An dem Konzern hält die Gründerfamilie 28 Prozent der Stimmanteile und der saudi-arabische Fonds Salic ist mit 21,4 Prozent beteiligt.

Rindfleischnachfrage steigt

Langfristig wird Südamerika den Anteil am weltweiten Markt für Steaks und Burger ausbauen, ist Alencar überzeugt. Einerseits, weil Südamerika Rindfleisch bis zu 50 Prozent billiger produzieren kann als die Konkurrenten in Europa, Australien oder die USA. Das liegt daran, dass die Bodenpreise als wichtiger Kostenfaktor für die riesigen Farmen in Brasilien deutlich niedriger sind als in den USA.

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Andererseits steigt die Rindfleischnachfrage weltweit. Die OECD rechnet damit, dass der Rindfleischkonsum in den wohlhabenden Industrieländern in zehn Jahren um acht Prozent zulegen wird. „Es gibt in Europa und den USA einen Trend zum gegrillten Premiumrindfleisch“, behauptet Alencar. Es gehe nicht mehr um den geschmorten Sonntagsbraten mit viel Soße, sondern das gut abgehangene Porterhouse-Steak von mageren Nelore-Rindern aus der Boutique-Metzgerei.

Weit stärker noch wird der Rindfleischkonsum jedoch in den Schwellenländern wachsen: Um gut ein Fünftel bis 2027 prognostiziert die OECD, vor allem getrieben vom Bevölkerungswachstum und Einkommensanstieg in Asien. Mehr als die Hälfte der Exporte Minervas gehen bereits nach China, Hongkong, Iran und Ägypten.

Gleichzeitig investiert Minerva, um mehr und hochpreisiges Rindfleisch aus Brasilien nach Europa exportieren zu können. Dabei ist Europa für die weltweiten Exporteure bisher eher ein Nischenmarkt: Der Kontinent versorgt sich überwiegend selbst mit Rindfleisch und importiert gerade mal vier Prozent der weltweiten Produktion.

Mastfarmen sind noch wenig verbreitet

Nur etwa 13 Prozent von Minervas Ausfuhren gehen nach Europa. Es ist vor allem niedrigpreisiges Industriefleisch, das dort von Lebensmittelkonzernen verarbeitet wird. Dabei ließen sich in Europa hohe Preise erzielen, sagt Alencar. Filets aus Argentinien erzielen dort auch die höchsten Exportpreise im Konzernverbund.

Minerva will mit mehr Premiumprodukten die operative Marge von neun Prozent erhöhen. Die ist zwar die höchste unter den lateinamerikanischen Marktführern in Brasilien, liegt aber immer noch deutlich unter denen der US-Konkurrenz.

Die größten Agrarbetriebe der Welt
Holsteiner Rinder für Katar
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Holsteiner Rinder für Katar: Der blockierte Wüstenstaat will seine Milchversorgung sichern und die Zahl der Kühe im Land von 4000 auf schrittweise 25.000 Tiere erhöhen. Eine immer noch überschaubare Zahl, wenn man sie mit den großen Agrarbetrieben der Welt vergleicht. Eine Übersicht.

Quelle: agrarheute.com

Al Safi Dairy in Saudi Arabien
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37.000 Holstein-Rinder und 700.000 Liter Milch pro Tag: Das Unternehmen, dass 1979 durch Prinz Mohammed Bin Abdullah Al Faisal gegründet wurde, schaffte es im Jahr 1998 als der größte vollstufige Milchviehbetrieb der Welt ins Guinness Buch der Rekorde. 2011 ging Al Safi ein Joint Venture mit dem französischen Lebensmittelkonzern Danone ein. Diese Partnerschaft sicherte dem Unternehmen einen Anteil von 36 Prozent am saudi-arabischen Milchmarkt.

Ekoniva in Russland
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Russlands größter Bauer kommt aus Deutschland: Der im Odenwald aufgewachsene Stefan Dürr hat es in Russland zum größten Milchproduzenten gebracht. Dürrs Imperium Ekoniva, aufgebaut durch die Übernahme zahlreicher insolventer Agrargenossenschaften, bewirtschaftet mittlerweile fast 3400 Quadratkilometer Land. Mehr als 45.000 Milchkühe produzieren 1000 Tonnen Milch täglich, insgesamt hält der Betrieb über 99.000 Rinder. 5000 Mitarbeiter erwirtschafteten 2016 an acht Standorten in Russland eine Betriebsleistung von 149 Millionen und ein EBIT von 32 Millionen Euro. Dabei geht das Unternehmen rustikal gegen landestypische Unsitten vor – wer mit Alkohol erwischt wird, fliegt raus.

APH Hinsdorf
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Einer der größten Agrarbetriebe Deutschlands mit insgesamt 10.800 Hektar bewirtschafteter Ackerfläche ist die APH Hinsdorf im Landkreis Anhalt-Bitterfeld in Sachsen-Anhalt. Die Genossenschaft produziert im Jahr circa 20.000 Tonnen Weizen und ist Partner von BASF.

KTG Agrar in Deutschland
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Mehr als 800 Mitarbeiter, Landwirtschaft auf über 46.000 Hektar Land: Die KTG Agrar des Bayern Siegfried Hofreiter war bis zum Sommer 2016 der größte Agrarkonzern Europas, mit 46.000 Hektar Ackerland in Deutschland und Litauen. Dann konnte das börsennotierte Unternehmen die Zinsen für eine Anleihe nicht rechtzeitig zahlen, nach der geplatzten Zwischenfinanzierung eines Grundstücksverkaufs folgte die Insolvenz. 10.000 Investoren hatten zwei Anleihen über insgesamt nominal 342 Millionen Euro gezeichnet. Die Gesamtschulden von KTG liegen bei 600 Millionen Euro.

National Trust in Großbritannien
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Größter Landbesitzer in England, Wales und Nordirland ist der National Trust, Präsident einer der größten Organisationen in Großbritannien ist Prinz Charles (Foto). Dem Trust gehören mehr als 250.000 Hektar Land und knapp 1200 Kilometer Küstenlinie. Das Geschäftsmodell: Zahlreiche britische Adlige vermachten ihre Herrenhäuser und Ländereien der Stiftung. 185.000 Hektar landwirtschaftliche Flächen sind verpachtet, die verbliebenen 15.000 Hektar – zumeist Weideflächen – werden mit eigenem Personal gemanagt.

Mudanjiang in China
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Der Milchviehbetrieb im Nordosten Chinas befindet sich noch im Bau, soll am Ende aber 100.000 Milchkühe versorgen. Das Futter für die Tiere soll auf etwa 100.000 Hektar Land in China sowie Russland angebaut werden. Der Betrieb soll noch auf 200.000 Hektar erweitert werden. Damit wird er zum größten Milchviehbetrieb der Welt.

Der Marktzugang in Europa ist auch wichtig, weil andere Märkte wie Iran etwa, sich bei den Einfuhrbestimmungen an Europa orientieren. „Europa legt die Latte bei den Kriterien besonders hoch“, sagt Alencar. Damit ein Steak aus Brasilien am Ende in einer europäischen Metzgerei hängen kann, geht es weniger um den Preis als um Kriterien wie Tierwohl, Nachverfolgbarkeit und Regenwaldschutz.

Was das für die Verarbeitung bedeutet, lässt sich 800 Kilometer von Alencars Büro entfernt beobachten, im agrarisch geprägten Westen des Bundesstaates São Paulo. Dort durchleben die Rinder einen der schönsten Abschnitte in ihrem kurzen Leben: Wenn sie auf der Farm São João Baptista abgeladen werden, treiben berittene Cowboys sie auf Weiden. Gummibäume groß wie Kathedralen spenden ihnen Schatten.

Drei Tage fressen sie nur das, was dort wächst. Das ist jetzt, am Ende der Trockenzeit, nicht mehr viel. „Die Rinder sollen sich erstmal entspannen“, sagt Nutztierwirt João Vitor Cherubim, 25 Jahre alt und Aufseher auf der Farm. Erst danach beginnt für sie das große Fressen. In knapp 100 Tagen werden sie bis 160 Kilogramm zunehmen, um ihr Schlachtgewicht von 400 bis 500 Kilogramm zu erreichen.

In einem halben Dutzend offener Lagerhallen türmen sich haushoch Soja- und Erdnussschrot, Baumwollsamen, Pellets aus Orangenschalen, Mais. Unter schwarzen Planen fermentiert Silage aus Zuckerrohrstengeln.

Mastfarmen sind in Brasilien noch wenig verbreitet. In Südamerika grasen die Rinder meist auf Weiden. Mit dem Aufenthalt auf der Mastfarm entsprechen die Züchter den Auflagen der EU: Nur das Fleisch von Rindern, die mindestens 90 Tage vor der Schlachtung auf einer Farm standen, darf nach Europa gehen. Der Aufenthalt auf der Farm dient nicht nur der Mast, sondern auch der Quarantäne.

Haben die Rinder ihr Schlachtgewicht erreicht, geht es per Lastwagen nach José Bonifácio, ein trotz der 40.000 Einwohner eher beschauliches Dorf. Wenn das Tier für Muslime oder Juden „halal“ oder „kosher“ geschlachtet wird, kommen Rabbis oder muslimische Metzger oft für Wochen nach José Bonifácio und führen die Schlachtung nach ihren Regeln selber aus. Ein Viertel der Exporte geht in den Nahen Osten.

Auf zwei Stockwerken bearbeiten die Metzger die Rinder am Laufband. Nach 30 Minuten verlassen zwei saubere Rinderhälften die Schlachthalle. Sie sind mit Scancodes beklebt und blau gestempelt. C bedeutet: Das Tier geht nach Europa.

Dutzende Qualitätssiegel

Bis Minerva das C auf die Rinderhälften stempeln konnte, musste das Unternehmen ein Dutzend Qualitäts- und Gütesiegel sammeln: Die nordamerikanische PAACO (Professional Animal Auditor Certification Organization) prüft in Fragen des Tierwohls.

Die Weltbank, die über die Finanztochter IFC am Fleischkonzern beteiligt ist, klopft Minerva auf nachhaltige Unternehmensführung ab. Und gegenüber Greenpeace hat sich Minerva seit 2009 verpflichtet, keine Rinder aus abgebrannten Amazonasgebieten oder indigenen Schutzgebieten zu kaufen. 

Allein auf den staatlich erhobenen Herkunftsnachweis verlässt sich Minerva dabei nicht. Im heruntergekühlten Handelsraum neben dem Schlachthaus sitzen die Einkäufer. Sie schauen auf ihre Bildschirme, wenn sie am Telefon Rinder einkaufen. Auf dem Satellitenbild können sie per Mausklick erkennen, ob ein Farmer gerade Regenwald abfackelt, ob er das in den letzten Jahren gemacht hat oder ob er die Grenzen der Farm in benachbarte Schutzgebiete „ausweitet“.

Greenpeace kritisiert, dass die Nachweiskette von der Geburt des Kalbes bis zum Schlachthof in Brasilien noch nicht hundertprozentig ist. Die Kälber müssen – je nach Absatzregion – erst einige Monate nach der Geburt mit einem Klipp im Ohr registriert werden. Sie können also auf Regenwaldflächen geboren und aufgewachsen sein.

Auch Direktor Alencar ist dafür, in den Schlachthöfen am Rande des Amazonas die Kontrollen zu verschärfen. „Der internationale Druck zum Amazonasschutz und zu mehr Tierwohl helfe der Branche insgesamt, nachhaltig zu produzieren.“

Doch Alencar hat derzeit ganz andere Brandherde im Blick. In China soll das afrikanische Schweinefieber grassieren. Das könnte schnelleren Marktzugang auch für Rindfleisch bedeuten. Aus Washington hörte er, dass der US-Markt in Kürze für brasilianisches Rindfleisch geöffnet werden könnte.

Auch die Importsperren in Japan für Steaks aus Uruguay könnten noch dieses Jahr fallen, eigentlich einer der traditionellen Märkte der australischen Konkurrenten. Das Schachspiel geht weiter.

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