Fachmesse Seatrade Kreuzfahrt-Branche beklagt „Touriphobie“ in Hafenstädten

Die Kreuzfahrt-Branche boomt – Einheimische sind dagegen genervt von Touristen, die Hafenstädte wie Venedig oder Hamburg bevölkern. Auf der Fachmesse „Seatrade Europe“ versprechen die Reederei-Manager Entlastung.
Update: 06.09.2017 - 16:05 Uhr Kommentieren
Die Ozean-Riesen werden in vielen Hafenstädten zunehmend zum Problem. Quelle: picture alliance / dpaasd
Kreuzfahrtschiff in Venedig

Die Ozean-Riesen werden in vielen Hafenstädten zunehmend zum Problem.

(Foto: picture alliance / dpaasd)

HamburgDer Markt macht den Kreuzfahrt-Reedereien keine Probleme. „Wir brauchen vor allem mehr Schiffe, um mehr Passagiere zu gewinnen“, sagte Aida-Chef Felix Einhorn am Mittwoch auf der Fachmesse „Seatrade Europe“ in Hamburg. Und seine Kollegin Wybcke Meier von Tui Cruises bringt es auf den Punkt: „Mehr Schiffe, mehr Kapazität, das wird die Passagierzahlen in die Höhe treiben.“ Zwei Millionen Touristen aus Deutschland buchten im vergangenen Jahr eine Kreuzfahrt, im Jahr 2020 sollen es drei Millionen sein.

Auch global stehen die Zeichen weiter auf Wachstum. Also ordern die Reedereien so viele Kreuzfahrtschiffe wie möglich. 75 Schiffe stehen in den Auftragsbüchern der vier Werften, die technologisch in der Lage sind, solche anspruchsvollen Schiffe zu bauen. Das bedeutet: Bis zum Jahr 2025 kommen noch einmal 250 000 Kabinen dazu; die weltweiten Kapazitäten steigen damit um 40 Prozent. Vielleicht auch um 50 Prozent, wenn noch Bestellungen dazukommen.

Weltweit werden im Jahr 2022 dann 30 Millionen Passagiere auf Kreuzfahrt gehen, 2026 schon 35 Millionen und 2030 erwartet die Branche schließlich 40 Millionen Gäste. Für Kyriakos Anastassiadis, den Europa-Präsidenten des Branchenverbandes CLIA, ist selbst das noch lange nicht das Ende der Fahnenstange: „Weltweit gibt es 1,3 Milliarden Touristen.“ Da sei noch mehr drin.

Wie Kreuzfahrtschiffe beim Abgastest des Nabu abschneiden
Dreckige Kreuzfahrtschiffe
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Weil Kreuzfahrtschiffe mit Diesel – und häufig auch mit Schweröl betrieben werden, gelten sie als umweltschädlich. Organisationen wie der Naturschutzbund (Nabu) machen mobil. Die Umweltschützer haben die Abgasbelastung von 63 Kreuzfahrtschiffen untersucht und daraus ein Ranking erstellt. Punkte gab es für Schiffe, bei denen die Abgasreinigung über gesetzlich vorgeschriebene Maßnahmen hinausgingen. Am Besten schnitten die deutschen Reedereien Tui, Hapag Lloyd und Aida ab. Doch die Naturschützer schränken ein: „Auch in der siebten Auflage des Kreuzfahrtrankings ist weiterhin kein einziges Kreuzfahrtschiff in Europa aus Umweltsicht uneingeschränkt empfehlenswert“.

Platz 4: Cunard und andere
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Auf dem letzten Platz des Nabu-Rankings landen all jene Schiffe, für die die Reedereien aus Sicht der Umweltschutzorganisation keine Anstrengungen unternehmen, den Stickoxid-Ausstoß der Flotte zu reduzieren. Dazu zählen neben den Schiffen der Großreedereien Royal Carribean, MSC und Costa auch Cunards Flaggschiff – die Queen Mary 2.

Platz 4: Aida
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Auch die älteren Schiffe von Aida fallen bei den Untersuchungen des Nabu durch: Die Aida Vita und vergleichbare Schiffe teilen sich mit dutzenden anderen Kreuzfahrern die hintersten Ränge.

Platz 3: Hapag-Lloyd „Bremen“, „Hanseatic“, „Europa“
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Der Nabu sieht diese Schiffe des Hamburger Reeders auf Platz drei: Die ab 1990 gebauten Schiffe gingen wenigstens minimal über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinaus, urteilt die Naturschutzorganisation.

Platz 2: Aida Perla
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Bei der Aida Perla und ihren Schwesterschiffen Prima und Sol reduzieren Stickoxidfilter die Umweltbelastung. Allerdings teilte Aida mit, die Katalysatoren nur dort anzuschalten, wo dies zugelassen sei. Der Nabu meint, bei allen bisherigen Messungen sei die Anlage abgeschaltet gewesen und stuft Aida daher zurück. Besser sollen Flüssiggas-Schiffe sein, die ab 2018 fahren.

Platz 1: Tui „Mein Schiff 3“
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Besser stehen die jüngeren Schiffe der „Mein Schiff“-Flotte von Tui da: Die Mein Schiff 3, 4, 5 und 6 liegen auf dem ersten Platz des Nabu-Rankings. Die 2014 bis 2017 gebauten Freizeit-Schiffe für jeweils 2500 Passagiere verfügen über Stickoxid-Katalysatoren, welche auch nicht abgeschaltet werden. Den ersten Platz müssen sie sich jedoch teilen, mit der...

Platz 1: Hapag-Lloyd: „Europa 2“
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... „Europa 2“ von Hapag Llyod. Das 2013 gebaute Schiffgehört mit 500 Passagieren zu den kleineren Kreuzfahrtschiffen. Auch dort werden Stickoxid-Katalysatoren eingesetzt. Allerdings berücksichtigten die Umweltschützer noch nicht, dass die Europa 2 mittlerweile im Hafen an Landstromanlagen angeschlossen werden kann. Dafür gab es zumindest am Terminal Hamburg-Altona erste Probeläufe. Mit Landstrom-Anschluss ist das Schiff im Hafen nicht auf die schmutzigen Dieselmaschinen an Bord angewiesen – damit hätte sich die Europa 2 den ersten Platz nicht mit der Konkurrenz von Tui teilen müssen.

Zehn Vorstandsvorsitzende und Präsidenten hatten sich am Mittwoch bei der Fachmesse auf der Bühne versammelt, und sie alle schwärmten von der gesunden Entwicklung des Marktes und der regen Nachfrage der Kunden. „Wir hatten nie Überkapazitäten“, sagte David Dingle, Chef der Reederei Carnival in Großbritannien. Und Karl J. Pojer von Hapag-Lloyd Cruises ergänzte: „Da ist genug Potenzial, das eingesammelt werden kann. Wir brauchen zielgruppengerechte Angebote und fantastische Schiffe.“ Gerade im Super-Luxus-Segment ließen sich die Angebote noch ausweiten.

Doch an Land kommen viele Hafenstädte mit dem Wachstumstempo der Kreuzfahrtindustrie nicht mehr mit. In einigen Städten habe sich eine „Touriphobie“ breitgemacht, also eine Abneigung gegen Touristen, weil viele Urlauber kämen und zum Beispiel Wohnungen an Touristen statt an Einheimische vermietet würden, sagte der Chef der Pullmantur-Gruppe, Richard J. Vogel. Die Kreuzfahrtschiffe seien aber nur ein Teil des Problems; die weitaus meisten Besucher von Städten wie Barcelona oder Venedig reisten mit dem Flugzeug an, sagte er.

Die Branche sieht das Problem, aber offenbart auch eine gewisse Hilflosigkeit im Umgang damit. „Wir brauchen mehr Kommunikation, Zusammenarbeit und Absprachen mit den Hafenbehörden“, sagte Neil Palomba, Präsident der Kreuzfahrtreederei Costa Crociere. Die Infrastruktur der Häfen und in den Hafenstädten müsste sich schneller entwickeln. Damit gemeint sind nicht nur Abfertigungsanlagen und Verkehrsmittel, sondern auch Hotels und Restaurants und die Versorgung der Schiffe mit Energie, Treibstoffen und Nahrungsmitteln.

„Wir müssen deutlich machen, dass wir eine junge Industrie sind, aber unsere Fortschritte stolz vertreten“, sagte Anastassiadis. Nachhaltigkeit und Verantwortung für die Umwelt gehörten ebenso wie Sicherheit zu den drei wichtigsten Grundsätzen der Branche.

Eine Branche boomt - doch wo gibt es noch Schnäppchen?

Andererseits fahren nur 17 der 75 Schiffe im Auftragsbuch mit verflüssigtem Erdgas (LNG), dem umweltfreundlichsten Treibstoff für Schiffe. Das sind überwiegend die großen Schiffe für mehrere Tausend Passagiere. Die Carnival-Gruppe legte bei der „Seatrade“ das erste von sieben Schiffen auf Kiel, die LNG im Hafen und auf See nutzen können und zwischen 2018 und 2022 in Dienst gestellt werden sollen.

„Das geht nicht über Nacht, sondern ist eine langfristige Entwicklung“, sagte Eichhorn. Und sein Kollege Pojer von Hapag-Lloyd hält LNG nicht für jedes Kreuzfahrtschiff für geeignet, weil es eben noch nicht überall die nötige Infrastruktur gibt. „In Kamtschatka werden wir auch in 25 Jahren noch kein LNG bekommen.“

Das sind die größten Kreuzfahrtschiffe der Welt
„Harmony of the Seas“
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Vor der Westküste Frankreichs ist die „Harmony of the Seas“, das größte Kreuzfahrtschiff der Welt, ausgelaufen. Bis Sonntag wird das Schiff unterwegs sein. Der Bau des eine Milliarde Dollar teuren Schiffes hatte 2013 begonnen. Es wird künftig für den Veranstalter Royal Caribbean International (RCI) Reisende über die Weltmeere fahren.

„Harmony of the Seas“
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Tausende Schaulustige haben die Ausfahrt vor Saint-Nazaire beobachtet.

Schlepper zogen Giganten aufs Meer
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Sechs Schlepper zogen den Kreuzfahrt-Giganten aufs Meer. An Bord des Schiffes sind rund 500 Passagiere, viele Techniker und Ingenieure. Die „Harmony of the Seas“ ist 362 Meter lang und 120.000 Tonnen schwer.

Ovation of the Seas
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Die Papenburger Meyer Werft hat mit der Überführung eines neuen Riesen-Kreuzfahrtschiffes zur Nordsee begonnen. Die „Ovation of the Seas“ steuerte am Freitagnachmittag mit Schlepperhilfe auf die Dockschleuse am Werftgelände zu. Danach soll die etwa 40 Kilometer lange Reise von Papenburg in Richtung Emsmündung beginnen. Das Schiff wird dabei mit dem Heck voran von zwei Schleppern gezogen.

Ovation of the Seas
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Nächste Station sollte die Friesenbrücke bei Weener sein, die im Dezember durch einen Frachter schwer beschädigt wurde. Danach soll das Schiff das Emssperrwerk bei Gandersum passieren und Kurs auf Eemshaven nehmen. Anfang April ist die Übergabe des rund 169.000 Bruttoregistertonnen großen Luxusliners mit Platz für 4188 Passagiere an die Reederei Royal Caribbean International geplant.

Quantum of the Seas
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Vor zwei Jahren hatte „Quantum of the Seas“ die Meyer-Werft in Papenburg verlassen. Die Daten: 168.000 Bruttoregistertonnen bei einer Länge von 348 Metern.

Quantum of the Seas
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Der Ozeanriese mit seinen 18 Decks bietet 4188 Passagieren Platz.

  • dpa
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