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Fast-Food Undercover bei McDonald’s

Lohnt es sich, für McDonald’s zu arbeiten? Lisa hat’s einen Monat lang gemacht. Ein Erfahrungsbericht über die Arbeit mit Fett, Fritten und verrückten Kunden.
  • Lisa Pausch
14.08.2018 - 11:43 Uhr Kommentieren
Fast-Food Kette McDonalds Quelle: dpa
McDonald's

Wie gut ist die Fast-Food Kette als Arbeitgeber?

(Foto: dpa)

Dieser Artikel ist am 14. August 2018 bei Orange - dem jungen Portal des Handelsblatts - erschienen.

Nein, nein, die kommen doch jetzt nicht zu mir, bitte. Eine 20-köpfige Schulklasse trampelt fröhlich in den Laden und belagert sogleich die zweite Etage. Bitte keine zwanzig Happy Meals, hoffe ich. Die Lehrerin bestellt 20 Mal Pommes, Fanta und Chicken McNuggets.

Hinter ihr stehen mehr als 20 Leute und wollen bestellen. Jetzt muss ich rotieren. Es sind 30 Grad, die Fritteuse sprudelt wie ein Whirlpool und jetzt bittet mich die Frau Lehrerin auch noch um Spielzeug für die grölenden Kinder.

Nebenjob bei McDonald’s: Meine Erfahrung nach einem Monat Arbeit

Meine Freunde fragen mich: „Wieso da?“. „Wieso du hier?“, meinen Kollegen zu mir. Bei McDonald‘s arbeitet doch niemand freiwillig. Oder doch? Für Orange habe ich einen Monat lang undercover bei McDonald‘s gearbeitet. Ich wollte wissen: Wer arbeitet hier eigentlich und wie läuft die Schicht ab? Wie ist es, nachts zu arbeiten? Wie sind die Kunden – und lohnt sich der Nebenjob?

Eine Bewerbung geschrieben habe ich nicht, ich rufe bei der Filiale an und soll spontan vorbeikommen – ohne Zeugnis, ohne Lebenslauf. Es vergehen fünf Minuten und ich bin eingestellt. Ab sofort verdiene ich 450-Euro bei McDonalds: 40 bis 45 Stunden pro Monat. Probearbeiten brauche ich nicht.

„So ein schnelles Einstellungsgespräch hatte ich noch nie“, sagt meine Chefin mit rötlichem Gesicht. Sie grinst, lacht und legt mir gut 30 Seiten zur Unterschrift vor. Arbeitsbedingungen, 9,05 Euro pro Stunde plus 15 Prozent Zuschlag ab 23 Uhr, dann Infektionsschutz, Hygiene, Unfallverhütung, Sicherheit, Kassenrichtlinie. „Lies dir das Zuhause durch“, sagt sie. Mit meiner Chefin bin ich direkt per Du, wie alle hier. Hier bei McDonald‘s im Zentrum der Kleinstadt sind wir eine Crew.

Arbeiten bei McDonald’s: 18.00 Uhr – Arbeitsbeginn für die Nachtschicht

Ich bekomme ein Polyester-Poloshirt und eine Schlaghose mit McDonald‘s Logo, dazu einen Gürtel. Ich stemple mich ein, auf dem Display steht „High Five. Wir sind das beste Team.“ Noch die Hände desinfizieren und Hallo McDonald‘s Zirkus.

Die Küche schließt direkt hinter dem Kassenbereich an. Auf der einen Seite sprudelt 180 Grad heißes Pflanzenöl in zehn Fritteusen. Die Nuggets und Pommes kommen direkt aus der Kühltruhe in das Frittierfett. An dieser Station arbeitet eine Person, frittiert, belegt und rollt alles für Wraps und Spezialburger. Im Herzen der Küche stehen zwei bis drei Männer, die brutzeln, belegen und Burger einpacken. Sie tragen dabei keine Handschuhe, aber sie müssen ihre Hände vor jedem Betreten desinfizieren.

Die Küche gleicht den Küchen, die ich in anderen Nebenjobs gesehen habe: Es ist nicht alles perfekt und auf Hochglanz, aber die Flächen werden immer wieder gewischt, Sachen abgewaschen, und die Burger in einem Grill gebraten, der jeden Tag geschrubbt wird. Niemand spuckt hier ins Essen, niemand hustet in den Salat, und was abgelaufen ist, kommt weg. So kommt es, dass ich ein Mal einen halben Karton Apfeltüten verspeisen darf, weil sie ja eigentlich noch gut gewesen wären.

Die Schichten bei McDonald’s plant die Chefin jede Woche neu

Vom Kassenbereich ist die Küche nur durch metallene Burgerregale abgetrennt. Über die Küchenzeile dringt heute leise arabische Musik aus einem Handy. In der Küche steht der Burgermeister, alle nennen ihn so, ein Mann Mitte 50 aus dem Irak: „Cheeesy fertig bitte“, ruft er zu den Kassenleuten und schiebt eine neue Ladung Cheeseburger durchs Regal. Burgermeister ist ein lustiger Mann mit Schelmfalten im Gesicht.

Die Schichtzeiten sind sehr flexibel. Es können mal nur drei Stunden sein oder bis zu acht. Die Vollzeitkräfte arbeiten oft länger. Ich bin meistens für sechs Stunden eingeteilt. Den Schichtplan erstellt die Chefin immer wöchentlich und ich kann Wünsche vermerken. Auch wenn ich in der Prüfungsphase mal länger nicht arbeiten will, ist das kein Problem.

In einer Schicht stehen zwischen drei und sieben Leute im Laden. Ich übernehme eine der vier Kassenstationen. An der Kassenfront stehen diejenigen, die gut Deutsch sprechen können, und – so erklärt mir Hannes – von denen gibt es hier nicht so viele.

Wie wird man Schichtleiter bei McDonald’s?

Hannes weist mich ein, er studiert Lehramt in den Fächern Englisch und Deutsch und arbeitet seit fast zwei Jahren hier. „Ja doch, mir gefällt es echt gut. Das Team ist halt voll schön“, sagt er. Ich werde nach wenigen Versuchen schneller, aber die Bestellungen rasseln auf mich ein, ich muss koordinieren wer auf was wartet, wer was bekommt und die, die warten müssen, bei Laune halten. Alles gleichzeitig.

Die Schichtleitung erkennt man an dem weißen Hemd, es sieht schicker und neuer aus als meine Arbeitskleidung. Die Schichtleiter haben sich hochgearbeitet, sie haben auch ganz unten angefangen, so wie ich das jetzt tue. Martina ist schon seit 15 Jahren bei McDonald‘s, Thomas und Ino schon mindestens zehn.

Die Schichtleitung muss den Überblick behalten. Sie sitzt einen Teil der Zeit im Büroraum und überwacht die laufenden Umsatzzahlen, das Gästeaufkommen, den Umsatz pro Gast, die Bedienungsschnelligkeit. Auf dem Bildschirmen sehe ich viele Prozentzahlen, mal rot für minus und ein paar wenige grüne für positive Entwicklungen.

Die Schichtleitung besetzt die Stationen, gibt Pausen, immer mal hier und da auch fünf Minuten extra dazu. Die Schichtleiter in dieser Filiale sind dabei überraschend freundlich sowie großzügig mit Pausen und Essen und stressen nicht. Das kenne ich von anderen Gastronebenjobs anders. Martina flüstert mir zu: „Sag nicht immer ‚Der Nächste‘, wir sind hier nicht beim Zahnarzt“.

Hinter der Kasse ist Anrempeln unvermeidlich, wenn man zwischen Softdrinks, Fritten, Burgern und Tüten herumhantiert. Der Kunde soll sein Fast Food im besten Fall innerhalb von 90 Sekunden ab der Bestellung auf dem Tablett haben. Burger dürfen etwa zwanzig Minuten im Regal liegen, dann werden sie entsorgt.

Eigentlich ist auch alles idiotensicher, man muss nur einen Knopf drücken und dann kommen die Portionen für Milchshakes und Smoothies automatisch, nur die Pommes fallen nicht so leicht in die kleine Frittentüte und ich verbrenne mir fast die Finger beim Einpacken. Im März 2015 legten in den USA 48 Angestellte von McDonald‘s Beschwerde bei der US-Arbeitssicherheitsbehörde ein, weil sie sich während der Arbeit verbrannt hatten.

Arbeiten bei McDonald’s: 19.30 Uhr – Ich fühle mich wie eine wandelnde Pommes

Ständig piept irgendwo eine Maschine, die Fritteusen klingen wie Herztöne in einem Krankenhaus, sie schreien, ich laufe hin, Pommes raus, Knopf drücken. Die Töne gehören zur Dauerlärmlawine hinter dem Tresen, ich blende sie nach ein paar Stunden so gekonnt aus, dass ich die Fritteuse vergesse und die Kollegen mir zurufen: „Pommes einhängen!“, „Pommes raus!“.

Die Zeit vergeht irgendwie zwischen hunderten Kunden und Bestellungen, zwischen vielen kleinen Pausen, in denen ich zwei Minuten sitze, Wasser trinke und hier und da meinen Zuckerspiegel mit ein bisschen Eis, ein bisschen Topping und Schokosauce oben halte.

Ich schwitze, nicht nur weil ich stundenlang auf den Beinen bin, sondern auch weil besonders die Fritteusen ohne Pause Hitze ausstrahlen. Die McDonald‘s Uniform will dafür vorbereitet sein, außen an den Oberschenkeln kann man einen Reißverschluss öffnen und lüften.

Der Geruch nach fettigem gerösteten Burgerbrot und Frittenfett liegt wie eine Speckschicht in der Luft und auf dem Boden, am Ende des Tages werde ich mich wie ein wandelndes Pommesstäbchen fühlen. Die Uniform kann ich später zum Glück vor Ort lassen, hier wird sie auch gewaschen.

Arbeiten bei McDonald’s: 20 Uhr – Happy Meal Time!

Mütter stolpern mit Kindern in den Laden, deren Augen bei der Aussicht auf ein Happy Meal tanzen. Happy Meals sind elendige Fummelarbeit, weil doch nie alles so in diese kleine Papierbox passt. Das Plastikpferd mit dem knalligen Schweif kriegt von mir Auslauf auf dem Tablett. Basta.
Kurze Fünfminutenpause. Robin, ein kleiner, drahtiger Typ und der kleine Bruder von einem Schichtleiter, sitzt im Aufenthaltsraum und raucht schnell eine. „Und, was nimmst du ?“, fragt er und lacht. Wie bitte? „Jeder schmeißt sich hier irgendwas ein“, antwortet Robin. Ganz ernst meint er das nicht, aber zumindest die Raucherquote liegt sicher bei 95 Prozent.

Der Obdachlose von der Bank vor McDonald‘s bestellt mit ein paar gebrochenen Worten Eis oder Café. Ein Touristenpärchen in engen Radlerhosen will Big Mac-Menüs – zu viel Ungewohntes sollte man auch beim Reisen nicht riskieren.

Eine wohlgenährte Familie ordert Menüs für’n Fuffi, ein Handwerker bestellt nach Feierabend sieben Cheeseburger, eine ökologisch bewusste Mutter einen Veggieburger und ein Eis für das Kind. Nach wenigen Tagen merke ich: Der Mann mit dem Ein-Euro-Café ist hier täglich, der schmale Schuljunge regelmäßig und mampft glücklich Chicken McNuggets.

Ein Minijob bei McDonald’s ist anders als die meisten Nebenjobs

McDonald‘s ist ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Hier essen Menschen im Anzug, Menschen mit T-Shirt oder auch mit löchrigen Klamotten. Hier bei McDonald‘s gibt es keine Etikette und keine strafenden Blicke. Man kann sich auch am Schalter anschreien, lallen oder nicht grüßen. Hier darf jeder Kunde Kunde sein. Ohne sich rechtfertigen zu müssen.

Alte, Junge, Dicke, Dünne, Schwarze, Weiße, Reiche oder Arme sitzen hier, weil es weit und breit genau in diesem Moment keinen anderen Ort gibt, der offener, praktischer und unkomplizierter ist. Genau jetzt scheint es für viele Menschen nichts Verlockenderes zu geben, als sich das schaumige Warm einer Burgerkomposition in den Mund zu stopfen.

Der Querschnitt hinter der Theke bildet eine weitaus kleinere Gruppe ab. Robin sagt zu mir: „Du sprichst so korrekt. Man merkt, dass du Studentin bist.“ Er meint: Man merkt, dass du anders bist als wir. Meine Freunde fragen mich, wieso genau ich bei McDonald‘s arbeite. Ich bin weiß, schlank, gehe zur Uni. Ich bin schlicht: privilegiert. Es gibt einen Unterschied zu anderen Nebenjobs.

McDonald‘s gilt oft als Job für die Menschen, denen nichts anderes übrig bleibt. Im Kern arbeiten hier vor allem vermeintliche Randgruppen der deutschen Gesellschaft: Einwanderer. Genauer diejenigen von ihnen, die nicht etwa aus Frankreich oder den USA kommen und oft auf weiße Privilegien zurückgreifen können. Sondern in dieser Filiale vor allem Menschen aus dem Irak, Iran, Kurdistan oder Osteuropa. Menschen, die in der Arbeitswelt oft mit Vorurteilen und Rassismus zu kämpfen haben.

Oder auch Menschen ohne weiterführende Schulbildung, Menschen mit Übergewicht, mit Behinderung oder eine junge dreifache Mutter. Wer bei McDonald‘s arbeitet, wird oft von oben herab beurteilt. Dabei ist die Belegschaft vor allem eines: international. „Wir beschäftigen in Deutschland rund 58.000 Mitarbeiter aus 125 Nationen“, sagt Mc Donald’s Deutschland-Chef Holger Beeck im „Tagesspiegel“. Sie alle schwitzen vor Fritteusen und geben Burger raus wie am Fließband.

Bewerbung für einen Job bei McDonald’s: Welche Voraussetzungen gibt es?

Es gibt bei McDonald‘s kaum Einstiegshürden. Es braucht keine Qualifikation und man muss kein Deutsch sprechen können. Aber die Arbeit ist auf Dauer anstrengend, auch weil die Schichten wechseln zwischen Tag und Nacht und man auch nach zehn Jahren, wenn man nicht gerade zum Manager oder Schichtleiter aufgestiegen ist, immer noch den gleichen Lohn bekommt. 9,05 Euro und 15 Prozent Nachtzuschlag ab 23 Uhr.

Wer eine kleine Prüfung ablegt und „Crew Trainer“ wird, also die Neuen anlernt, bekommt bis zu 50 Cent mehr pro Stunde. Ein Plus für die Treue zu McDonald‘s gibt es aber nicht. „Ich arbeite hier seit drei Jahren“, sagt Farouk, der Burgermeister. „Und bekomme jetzt 15 Cent mehr. Was ist das? 15 Cent?!“.

Auf die Frage nach den Perspektiven für die Mitarbeiter in den Restaurants schreibt uns eine Sprecherin von McDonald’s:

„Zukunftsaussichten wie einen Karriereweg in unserem Unternehmen ermöglichen wir allen Mitarbeitern gleichermaßen. Sie haben die Möglichkeit, auf geeignete Weiterbildungsangebote zuzugreifen und sich zu entwickeln. Hiermit haben sie selbstverständlich auch Gehaltsperspektiven beim Einkommen.“

Die meisten Leute in meinem arbeitserprobten Restaurant erzählen, dass sie maximal zwei Jahre bleiben – eben so lange, bis sie einen besseren Job gefunden haben. Farouk tropft der Schweiß von der Stirn, „keine Luft in der Küche“, sagt er. Es ist Hochsommer und in der Küche gibt es kein Fenster und keine Klimaanlage.

Mehr Anerkennung von der Gesellschaft aber auch vom Arbeitgeber fordert Christoph Schink von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). „Die Leute arbeiten hier stundenlang und bis in die Nacht vor den Fritteusen. Wir denken, dass da schon mehr drin sein muss als Mindestlohn“.

In vier Verhandlungsrunden einigten sich McDonald‘s und die NGG im Juli 2017 auf einen neuen Tarifvertrag. „Das war ein ganz schöner Kraftakt“, so Schink. Am Ende einigte man sich bei einer Schlichtung auf ein Einstiegsgehalt von neun Euro pro Stunde. Das sind zwölf Cent über dem Mindestlohn. Doch damit will sich die Gewerkschaft nicht zufrieden geben. Im Herbst 2019 sollen die Verhandlungen weitergehen.

„Von wegen McJob und Pommesschüttler“, Schink fordert mehr Respekt für die Branche. „Jemand steht da zu jeder Tages- und Nachtzeit und bereitet für einen Burger zu. Da wird oft der Mensch, der vor einem steht, nicht erkannt.“

Arbeiten bei McDonald’s – 21.15 Uhr: Pausengespräche

Mein Schichtleiter achtet darauf, dass alle genug Pause bekommen, auch mit Essen wird nicht gegeizt. Im Aufenthaltsraum sitzt Rami an einem Tisch mit einer dreckigen Wachstischdecke. Er versenkt Hühnchen-Nuggets in Süß-Sauer-Soße.

Rami ist einer von knapp 60.000 Mitarbeitern in Deutschland. Auf der Homepage sucht McDonald‘s nach neuen Leuten, die „Ketchup im Blut haben“. Rami kommt aus dem Irak und ist seit vier Jahren in Deutschland. Er arbeitet Vollzeit bei McDonald‘s und schmeißt nebenbei zwei Minijobs, insgesamt kommt er so auf 2000 Euro netto im Monat.

„Ich schicke meiner Familie Geld“, sagt er, „damit sie sich in Kurdistan ein Haus bauen können. Wie zufrieden er hier ist? „Eine Scheißarbeit“, sagt er, „aber egal, vielleicht bin ich später bei irgendeiner Firma, die besser zahlt“.

Genau so wie ihm geht es vielen, die hier arbeiten. Sie kommen aus dem Iran, Irak, Syrien oder Osteuropa, wie Ungarn und Mazedonien. „Ist besser als keine Arbeit oder?“, sagt Janos aus Ungarn. Zwei Kolleginnen nehmen pro Arbeitstag insgesamt zwei Stunden Autofahrt aus Tschechien in Kauf. Drei Mazedonier werden mit mir eingestellt. Sie sind hier jedes Jahr für drei Monate.

Lohnt es sich, bei McDonald’s übers Gehalt zu verhandeln?

„Wir machen da so einen Austausch“, sagt meine Chefin. Milan, einer der Mazedonier, erzählt: „In meiner Heimat würde ich für so einen Vollzeitjob maximal 200 Euro im Monat bekommen“. Während der Semesterferien ist der Student in Deutschland und arbeitet Vollzeit, so reicht ihm das Geld fürs kommende Semester.

Im Aufenthaltsraum hängt ein sogenannter Aktionsplan, der die Mitarbeiter anhält, etwas gegen die schwindende Zahl der Gäste und die gestiegenen Kosten für den Einkauf der Zutaten zu unternehmen: aktiv auf die Gäste zugehen, Stammkunden zur Online-Bewertung überreden, Lieferungen besser kontrollieren. Daneben hängt ein Kalender mit McDonald‘s Logo und dem Schriftzug Einer für alle. Alle für Einen – Alle für den Gast. High Five.

Arbeiten bei McDonald’s: 23 Uhr – die Betrunkenen kommen

Jetzt kommen die Partypeople und es wird richtig voll. Dieser Laden liegt im Clubviertel. Trinkgeld ist eigentlich verboten und muss in der Kasse bleiben, aber abends sind viele großzügiger. Hannes sagt: „Ab 20 Cent nehme ich alles an“. Ein Junggesellenabschied kommt grölend rein, eine Mädelsgruppe in kurzen Kleidern wankt zu den Toiletten im oberen Stock.

Die meisten Gäste sind normal, ruhig, kurz angebunden. Manche sind schon angetrunken um die Uhrzeit, einer fragt nach meiner Telefonnummer, ein anderer sucht Stress, meckert meinen Kollegen an, wieso er klingelt. Der Kollege klingelt, weil ein Burger fertig ist. Aber der Typ will sich provoziert fühlen, mäkelt ein bisschen rum und zieht dann ab, keiner hinter der Theke nimmt ihn so richtig ernst.

Die Kunden seien mal so, mal so, sagt meine Kollegin Mica, aber vor allem abends halt auch mal etwas zu ungezwungen, ein bisschen nervig manchmal, ab und zu ganz unterhaltsam. Jeden Abend kommt Hilde herein – die alte Frau, die den ganzen Tag auf der Straße sitzt mit Hut und Wägelchen – und kriegt einen Kaffee aufs Haus, manchmal auch ein bisschen mehr.

Mouadh, der meistens im Gästebereich arbeitet, beschwert sich auf Englisch: „Viele lassen ihren Platz dreckig zurück, der Ketchup klebt auf den Tabletts, Essensreste mischen sich zwischen benutzten Servietten, und der Tisch klebt“. Yasir erzählt: „Letztens ist eine Frau reingekommen und hat gefragt: Habt ihr auch Wein?“ oder „Einer kam und hat einen Big Mac ohne Brot bestellt“. Die spinnen manchmal, die Kunden.

Die Mitarbeiter essen bei McDonald‘s nur in den Pausen, oder wenn sie beim Vorbeigehen so etwas geschenkt bekommen. Farouk sagt: „Das ist doch Kinderessen. Bei uns im Irak gibt‘s kein McDonald‘s, sondern richtig gutes Brot mit gutem Hackfleisch“. Je länger man hier arbeitet, desto gesättigter ist man von knusprigen Pommes oder klebrigem Softeis.

Arbeiten bei McDonald’s: 1 Uhr nachts – Feierabend

Ich werde langsam müde die Kunden immer wieder zu fragen: Ketchup oder Mayo? Nuggets mit Süß-Sauer-Soße? Welches Getränk dazu? Zum hier essen oder mitnehmen? Eis in die Cola? Bis vor kurzem war der Laden noch bis in die frühen Morgenstunden geöffnet. Das hat sich irgendwann nicht mehr gelohnt, die Leute schlugen sich oder randalierten – und Kosten für Security ruinieren den Gewinn. Jetzt ist also um ein Uhr Schluss.

Dann gibt es eine Runde Kaffee oder Smoothies und wir dürfen die übrig geblieben Burger essen. Drei Leute bleiben für den Schlussdienst und putzen bis um drei Uhr. Sie reinigen alle Flächen, den Grill, die Maschinen und am Schluss fluten sie den Boden mit Wasser. Schäbig sein? Kann sich McDonald’s nicht leisten.

Rami hat um ein Uhr Feierabend. Ab fünf Uhr ist er für eine Reinigungsfirma unterwegs. Er zuckt mit den Schultern. Ja, es sei ein hartes Leben momentan, aber hey: „High Five. Wir sind das beste Team.“ Die Arbeit bei McDonald‘s ist auf Dauer eine Routine aus Fett, Piepen und Kundenlawinen in jeglicher Gemütslage. Sie ist vor allem eine Arbeit, die vom Kunden ein „Dankeschön“ und Geduld verdient.

Die Autorin: Lisa Pausch studiert Soziologie und Internationale Politik und arbeitet als freie Journalistin. Alle Namen in der Geschichte wurden aus Respekt vor Persönlichkeitsrecht verändert.

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