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Firmenhistorie Einsatz von Zwangsarbeitern: Brief von Werner Bahlsen widerlegt Aussagen seiner Enkelin Verena

Archivdokumente belasten das Keksunternehmen. Werner Bahlsen beschreibt in einem Brief von 1942 die Behandlung von Zwangsarbeitern – und die Zusammenarbeit mit der SS.
Update: 18.05.2019 - 12:01 Uhr Kommentieren
Die Dokumente aus dem Bundesarchiv bringen Verena Bahlsen und das Unternehmen ihrer Familie in Bedrängnis. Quelle: Christian Burkert für Handelsblatt
Bahlsen-Wahrzeichen in Hannover

Die Dokumente aus dem Bundesarchiv bringen Verena Bahlsen und das Unternehmen ihrer Familie in Bedrängnis.

(Foto: Christian Burkert für Handelsblatt)

HamburgEin historischer Brief widerlegt die Äußerungen der Unternehmenserbin Verena Bahlsen. Die 26-Jährige hatte vor einer Woche behauptet, Zwangsarbeiter seien während des Zweiten Weltkriegs bei dem Unternehmen ebenso bezahlt worden wie deutsche Mitarbeiter und „gut“ behandelt worden. Für diese Aussagen hat sich die Miteigentümerin bereits am Donnerstag vor Bekanntwerden des Schreibens entschuldigt.

Der Brief des damaligen Firmenchefs Werner Bahlsen vom 22. August 1942 schildert detailliert seine ersten Erfahrungen mit sogenannten Fremdarbeitern aus der Ukraine. Er zeigt: Anders als von Verena Bahlsen und in Unternehmensdarstellungen behauptet, wurden die Zwangsarbeiterinnen ausdrücklich nicht wie Deutsche bezahlt und nicht „gut“ behandelt. Möglicherweise hat das Unternehmen zudem mehr Zwangsarbeiter beschäftigt als bisher eingeräumt.

Zwar kam eine erste Gruppe von Arbeiterinnen laut Dokumentenlage freiwillig nach Hannover, doch kurz nach Abfassung des Schreibens leitete Werner Bahlsen laut dem Bericht einer Betroffenen persönlich eine Zwangsdeportation aus dem besetzten Kiew. Ein interner SS-Bericht zeigt zudem, dass das Unternehmen die Organisation als Vertriebspartner nutzen wollte.

Im August 1942 bei Abfassung seines Briefs hegt der Unternehmer Werner Bahlsen offenbar noch die Hoffnung, weitere Arbeiterinnen ohne Zwang anwerben zu können. Daher setzt er sich dafür ein, die Lebensbedingungen so zu verbessern, dass keine schlechten Nachrichten nach Kiew dringen und die Arbeiterinnen leistungsbereit bleiben.

Das Schreiben, das die Website FragDenStaat aus dem Bundesarchiv als Faksimile veröffentlicht hat, ist an den SS- und Polizeiführer im damals besetzten Kiew gerichtet. Es ist zu einem Zeitpunkt abgefasst, an dem die deutschen Truppen letzte Geländegewinne verzeichneten und die Versorgungslage noch recht gut war. Allgemein verschlechterten sich die Bedingungen für Zwangsarbeiter vor allem in den Jahren 1944 und 1945 rapide.

Bahlsen möchte in dem Schreiben eine Besserstellung der ukrainischen Arbeiterinnen durch die Wachmannschaften der SS erreichen. In seinem Schreiben bemängelt Bahlsen, dass die neu hinzugekommenen Arbeiterinnen in Hannover schlechter behandelt würden als die bislang schon eingesetzten Polinnen. Bahlsen stellt die Situation folgendermaßen dar: Die Arbeiterinnen seien in einer Großbäckerei in Kiew mit dem Versprechen angeworben worden, in Deutschland deutsche Arbeitsmethoden kennenzulernen.

Dabei habe geholfen, dass die Situation für ausländische Arbeiter im Reich in Zeitungen vor Ort sehr positiv dargestellt werden. Sie hätten zudem in Kiew bereits deutsche Meister schätzen gelernt. Die Arbeiterinnen seien entsprechend mit hohen Erwartungen und arbeitsbereit nach Hannover gekommen.

Ein kurzer Bericht in der „Wiener Zeitung“ von Ende November 1942 stützt die Darstellung aus Bahlsens Brief, die Arbeiterinnen seien freiwillig nach Hannover gekommen: 74 Menschen aus einer von Bahlsen in Kiew treuhänderisch verwalteten Fabrik mit 1500 Mitarbeitern seien ausgesucht wurden, um in Hannover ausgebildet zu werden – anscheinend auch mit Blick auf eine Rückkehr nach Kiew zum Aufbau einer Bahlsen-Zweigstelle nach einem „Endsieg“. Sie hätten sich gern gemeldet, die Werksleitung äußere sich positiv über ihren Arbeitseifer, heißt es. Auf diese 74 Personen dürfte sich Bahlsens Schreiben beziehen.

Bahlsen fürchtete nachlassenden Arbeitseifer

Bahlsen schreibt, das gute Verhalten der Arbeiterinnen stehe „im krassen Gegensatz zu dem Empfang mit polnischen Arbeitskräften, die vor Aufregung und Depression kaum beieinanderzuhalten waren“. Die Ukrainerinnen seien laut Amtsarzt das „körperlich beste Material, das ihm je an Ausländern zur Untersuchung vorgeführt wurde“. Der Unternehmer beschreibt wohlwollend, die Ukrainerinnen bestünden auf regelmäßiges Duschen und hielten ihre Kleidung ordentlich.

Dennoch würden die Ukrainer deutlich schlechter behandelt als die Polen. Sie dürften das Lager anders als diese am Abend nur in geschlossenen Gruppen verlassen und fühlten sich daher wie Gefangene. Zudem sei die Verpflegung deutlich schlechter: So enthalte ihr Brot große Beimischungen von Zuckerrüben. Sie dürften zudem keine Buttermesser benutzen, da Sabotageakte befürchtet würden.

Die Ukrainerinnen müssten andere Toiletten benutzen als die Polinnen, hätten weniger Platz und müssten unter Bewachung zu Fuß zur Straßenbahn laufen, während die Polinnen gefahren würden.

Werner Bahlsen warnt in dem Schreiben, die ungleichen Umstände könnten dazu führen, dass der Abreitseifer der Ukrainerinnen, der noch zu 100 Prozent gegeben sei, erlösche. Zudem warnt er, durch Briefe könnten die wahren Verhältnisse rasch in der Ukraine bekannt werden, so dass die Anwerbung dort ins Stocken geraten könnte.

„Wir beantragen nicht, dass die ukrainischen Arbeitskräfte dieselben Rechte der Deutschen und auch deren Bezahlung haben sollen, sondern wir beantragen, dass sie nur dieselben Rechte und Pflichten wie die Polinnen bekommen, wodurch wahrscheinlich alle Schwierigkeiten behoben sind und wir aller Voraussicht nach einen tüchtigen und fähigen Arbeitsstamm heranbilden können, der uns vorläufig in Hannover gute Dienste leistet und später der Grundstein für die Aufbauarbeit in Kiew wird“, schreibt Bahlsen.

Der Brief zeigt, dass Bahlsen mit wirtschaftlichen Argumenten für die Arbeiterinnen einsetzte, wohl nicht aus Menschenfreundlichkeit. Er argumentiert damit gegen die rassistisch begründete Ungleichbehandlung von Arbeitern aus verschiedenen Ländern, die unterschiedliche Vorschriften für die Arbeitergruppen vorsahen: Am besten behandelt wurden Kräfte aus Westeuropa. Die Unterbringung in lagerähnlichen Einrichtungen lag normalerweise in der unmittelbaren Verantwortung der SS, nicht der Unternehmen.

Im Vergleich zu anderen Produktionsorten und insbesondere zur Endphase des Krieges sind die in Bahlsens Bericht beschriebenen Missstände deutlich geringer. Misshandlung durch die SS und Todesfälle oder extreme Unterernährung und Auszehrung etwa beschreibt er nicht.

Damit dürfte die Situation in Hannover im Sommer 1942 nicht vergleichbar gewesen sein mit anderen Orten und Zeitpunkten. Insbesondere in der Rüstungsproduktion, die ab 1944 unter die Erde verlagert wurde, starben viele Zwangsarbeiter in eigens eingerichteten Bau-KZs, weil ihre Arbeitskraft bis zur totalen Erschöpfung bei mangelhafter Ernährung und Unterbringung ausgenutzt werden sollte. Diese Arbeitslager existierten parallel zu Vernichtungslagern wie Auschwitz, in denen Millionen Menschen gezielt getötet wurden.

War Bahlsen bei Deportation dabei?

Offenbar hat Werner Bahlsen nach Abfassung des Schreibens weitere Arbeiterinnen aus dem Kiewer Werk nach Hannover gebracht - diesmal mit Zwang. Das zeigt ein Pressebericht aus dem Jahr 2000. Werner Bahlsen reiste demnach persönlich nach Kiew, um weitere Arbeiterinnen nach Hannover zu holen.

Die „Frankfurter Rundschau“ dokumentierte im Jahr 2000 in einem längeren Bericht einer ehemaligen Zwangsarbeiterin aus der Ukraine. Sie beschrieb, wie im August 1942, also offenbar kurz nach Bahlsens Brief, Arbeiterinnen unter Zwang aus Kiew nach Hannover gebracht wurden.

In dem Bericht heißt es: „Im August 1942 nach Schichtende sahen wir, dass das Gebäude von Soldaten mit Schäferhunden umzingelt war. Niemand wurde durchs Tor gelassen. Aus unseren Reihen wurden die jüngsten, kräftigsten aussortiert – 260 Personen. Ohne etwas zu erklären, wurden wir auf Lastkraftwagen verladen und zum Bahnhof gebracht, dort wurden wir in Güterwaggons gesteckt. Leiter dieser schändlichen Operation war unser Chef selbst – Werner Bahlsen. Ein schreckliches Weinen und Schreien begann. Und aus den Lautsprechern dröhnte plötzlich Musik. Unsere Mütter und Verwandten kamen zum Bahnhof gelaufen, irgendwer hatte geschafft sie zu benachrichtigen, dass man uns wegbrächte. Sie versuchten noch, uns Essen und Kleidung zu geben, aber die Soldaten stießen sie mit Gewehrkolben weg.“

Die Arbeiterin beschrieb weiter, sie habe später in Hannover von der Geheimpolizei Gestapo eine Prügelstrafe wegen kritischer Äußerungen bekommen und sei zu KZ-Haft verurteilt worden. Nach dem Krieg habe sie in Kiew als O-Busfahrerin gearbeitet, sei aber wegen vermeintlicher Kollaboration mit den Deutschen schlecht behandelt worden.

Die Ukrainer gehörte zu den Klägern, deren Ansprüche gegen Bahlsen wegen Verjährung um die Jahrtausendwende abgewiesen wurden. Ihr Anwalt wird in dem Bericht mit den Worten wiedergegeben, Bahlsens Söhne - also der heutige Mitinhaber Werner M. Bahlsen, der Vater von Verena Bahlsen - hätten die Ansprüche mit den Worten abgewiesen, es habe sich niemand beschwert. Das Verhältnis zu den Arbeitern sei gut gewesen, sie seien einmal am Tag verpflegt worden.

Das Unternehmen Bahlsen hat in dieser Woche von etwa 200 Zwangsarbeitern berichtet. Nach den obigen Darstellungen sind es deutlich mehr gewesen. Demnach sind allein im Jahr 1942 zunächst 74, später etwa 260 Menschen aus Kiew nach Hannover gebracht worden - zusätzlich zu dort schon zuvor eingesetzten Arbeiterinnen aus Polen. Allerdings ist die Quellenlage unsicher. Das Unternehmen hat angekündigt, die gesamte Unternehmensgeschichte von Historikern aufarbeiten zu lassen, bevor es sich detailliert äußern will.

Plan für Vertrieb über die SS

Ein zweites veröffentlichtes Dokument aus dem Bundesarchiv zeigt eine sich anbahnende Zusammenarbeit des Unternehmens Bahlsen mit Produktionsbetrieben der SS. Konkret geht es einen Fruchtaufstrich, der Soldaten Vitamine beibringen sollte. Es solle geprüft werden, „ob die Männer nicht viel frischer sind“, wenn sie die Paste mit einem Wirkstoff versetzt bekämen.

Laut dem SS-internen Schreiben hat sich Hans Bahlsen dazu in einem Vierjahreszeiten-Hotel mit SS-Offizieren besprochen. Sein Unternehmen habe in Hannover bereits Kochversuche für die Fruchtpaste durchgeführt. Die weitere Zusammenarbeit müsse aber noch beauftragt werden.

Das Schreiben zeigt, wie die SS-Wirtschaftsbetriebe, die zu einem großen Teil aus KZs heraus arbeiteten, in die wirtschaftlich attraktive Truppenversorgung drängten. In dem Dokument wird etwa auch der Plan besprochen, in Dachau eine eigene Kosmetikfabrik aufzubauen, um damit die Waffen-SS über ihre Kantinen zu versorgen. Davon wollen SS-Angehörige offenbar auch persönlich als Teilhaber profitieren.

Anders als andere Unternehmen konnte die SS dabei auf Zuteilungen von rationierten Rohstoffen hoffen mit dem Argument, die Gesundheit an der Front durch Hautpflege-Cremes zu verbessern. Werner Bahlsens Bruder Hans war offenbar bereit, die SS bei solchen Plänen als Geschäftspartner zu unterstützen. Aus dem Dokument geht allerdings nicht hervor, dass er dazu Produktion in KZs hätte nutzen sollen. Es legt eher nahe, dass die Fruchtpaste bei Bahlsen in Hannover produziert werden sollte. 

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