Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Fleischbranche Studie zum Fall Tönnies: Ansteckung auf acht Meter Distanz

Wissenschaftler haben den ersten Corona-Ausbruch bei Tönnies rekonstruiert: Entscheidend sei die Lüftung der Fleischfabrik gewesen, nicht die Unterbringung der Arbeiter.
24.07.2020 - 10:15 Uhr Kommentieren
Die niedrigen Temperaturen und die Lüftung in der Fleischfabrik sollen eine entscheidende Rolle gespielt haben. Quelle: dpa
Produktion bei Tönnies

Die niedrigen Temperaturen und die Lüftung in der Fleischfabrik sollen eine entscheidende Rolle gespielt haben.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Der erste Corona-Ausbruch bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück geht offenbar auf einen einzigen Mitarbeiter zurück. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI), des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) und des Heinrich-Pette-Instituts (HPI). Ihre Ergebnisse sind nicht nur für Tönnies relevant – sie werden möglicherweise Folgen für die Branche und darüber hinaus haben.

Die Wissenschaftler haben die Standorte der Arbeiter in der Fleischfabrik und die Infektionsketten anhand von Virussequenzen analysiert. Die Ergebnisse hätten gezeigt, dass die hauptsächliche Übertragung im Zerlegebereich für Rinderviertel stattgefunden hat, heißt es in einer Mittelung des HZI.

Dort habe der Index-Patient – begünstigt durch die Luftumwälzung und die Kühlung in der Halle – Kollegen im Umkreis von mehr als acht Metern mit dem Virus angesteckt. Adam Grundhoff, Mitautor der Studie, sprach von einem „Superspreader-Vorgang“. 

Dass eine Verbreitung über derart weite Distanzen möglich ist, ist neu. Zudem sei nachgewiesen worden, dass die bei Tönnies gefundenen Virussequenzen zuvor in einem Werk einer Westfleisch-Tochter in Dissen in Niedersachsen eine Rolle gespielt haben, sagte der Professor.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Demgegenüber habe die Wohnsituation der über Werkverträge bei Subunternehmen angestellten Arbeiter keine wesentliche Rolle gespielt, teilten die Wissenschaftler mit. Denn eine ähnliche Häufung von Fällen wie im Zerlegebetrieb seien in den Unterkünften in der untersuchten Phase des Corona-Ausbruchs bei Tönnies nicht nachgewiesen worden. Die Wissenschaftler haben das Infektionsrisiko dort deshalb als nachrangig eingestuft.

    Tönnies sieht sich davon bestätigt: „Mit dieser Studie ist jetzt klar, dass der Ausbruch nicht unser Verschulden war“, teilte ein Sprecher mit. Verantwortlich seien weder fehlende Hygienemaßnahmen noch die Wohnbedingungen der Werkvertragsarbeitnehmer gewesen. „Der Ausbruch geschah auch nicht, weil gegen Gesetze, Regeln oder Verordnungen verstoßen wurde“, so der Sprecher. Es sei schlicht ein Problem aufgetreten, das niemand zuvor kannte. 

    Politiker fordern Schadensersatz

    Doch die Wissenschaftler haben lediglich den Ausbruch der ersten, kleineren Corona-Welle Mitte Mai untersucht. Beim zweiten, größeren Ausbruch einen Monat später könnte die Virusübertragung innerhalb von Wohngemeinschaften oder während Arbeitsfahrten sehr wohl ein Faktor gewesen sein, heißt es in der Studie.

    Die Wissenschaftler schränkten zudem ein, dass sie die Informationen über die Standorte der Mitarbeiter, geteilte Wohnungen und Fahrgemeinschaften von Tönnies erhielten und nicht direkt von den Betroffenen. Sie hätten zwar keinen Grund, an Falschangaben zu glauben, überprüften die Daten aber auch nicht. Bei der Studie handelt es sich um eine Vorabveröffentlichung. Sie muss nun noch von unabhängigen Experten begutachtet werden.

    Tönnies steht massiv in der Kritik, seitdem sich im Stammwerk 1400 Mitarbeiter nachweislich mit dem Coronavirus infiziert und die Behörden erneut Beschränkungen über die nordrhein-westfälischen Kreise Gütersloh und Warendorf verhängt hatten. Politiker fordern Schadensersatz und prangern an, dass Tönnies und mehrere Subunternehmen Anträge auf Erstattung von Lohnkosten durch das Land gestellt haben.

    Geschäftsführer Clemens Tönnies sprach von einem „politischen Feldzug“. Die Debatte über mögliche Schadensersatzansprüche hält er für „nicht redlich“, die Kritik an seinen Anträgen auf Lohnkostenerstattung für „eine Frechheit“. Das Geld wolle er sich notfalls vor Gericht wiederholen. „Wir wissen bis heute nicht, welchen Rechtsbruch wir begangen haben sollen“, sagte er.

    Im Zerlegebetrieb der Fleischfabrik haben gleich mehrere Faktoren die Übertragung des Coronavirus über eine große Distanz ermöglicht. Die Luft wird dort auf sechs bis zehn Grad heruntergekühlt, was das Überleben der Viren in Aerosolen und auf Schleimhäuten wahrscheinlicher macht. Gleichzeitig verarbeiten die Beschäftigten die geschlachteten Tiere mit hohem Tempo und unter körperlicher Belastung. Sie atmen mehr Luft ein und aus – konnten bislang aber selten Abstand zu Kollegen einhalten.

    Filter wie im Operationssaal

    Um die Temperatur in den Hallen zu senken, wird die Luft aus den Räumen gezogen, gekühlt und wieder zurückgeleitet. Eine Reinigung oder Filterung gibt es in der Regel nicht. Die Luft zirkuliert mit einem Anteil von nur 25 bis 30 Prozent Frischluft ohne weitere Aufbereitung. Aerosole werden so in Bewegung gehalten und haben deshalb ein höheres Infektionspotenzial.

    „Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Faktoren generell eine entscheidende Rolle bei den weltweit auftretenden Ausbrüchen in Fleisch- oder Fischverarbeitungsbetrieben spielen“, sagte Grundhoff vom HPI. Unter diesen Bedingungen sei ein Abstand von 1,5 bis drei Metern offenbar nicht ausreichend, um eine Übertragung zu verhindern.

    Melanie Brinkmann, die die Forschungsgruppe am HZI leitete, betonte, dass sich nun die wichtige Frage stelle „unter welchen Bedingungen Übertragungsereignisse über größere Entfernungen in anderen Lebensbereichen möglich sind“. Zuvor hatte bereits der Bonner Professor Martin Exner die Luftumwälzung als womöglich entscheidenden Faktor für die vielen Infektionen in der Fleischfabrik ausgemacht – und betont, dass dies kein Tönnies-spezifisches Problem sei.

    Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hatte angekündigt, dass Exners Erkenntnisse und Empfehlungen weiter aufgearbeitet werden müssten. Am Ende gehe es darum, „ganz praktische Vorschläge“ zu haben, wie das Risiko nicht nur bei Tönnies, sondern auch in vergleichbaren Unternehmen gesenkt werden kann, so Laumann.

    Tönnies setzt inzwischen ausschließlich Hochleistungsfilter ein, auch Hepa-Filter genannt. Diese werden schon seit Jahren in Operationssälen, der Halbleiterfertigung und anderen Reinräumen genutzt, in denen in der Luft befindliche Partikel stören würden.

    Der Verband der Fleischwirtschaft (VDF) teilte mit, dass das Gesundheitsministerium die Vorgaben im Fall Tönnies als Praxistest ansehe. Die Berufsgenossenschaft führe zudem derzeit Laborversuche mit verschiedenen Luftfiltersystemen durch, um konkrete Empfehlungen an die Betriebe geben zu können.

    Oberste Priorität sei weiterhin, dass die Viren erst gar nicht in den Betrieb gelangen, teilte eine VDF-Sprecherin mit. Eine Fiebermessung am Eingang sei deshalb obligatorisch. Die meisten Fleischwerke würden zudem nun risikoorientierte Tests bei den Beschäftigten durchführen. Als ergänzende Infektionsschutzmaßnahme könnten Luftfilter aber sinnvoll sein, sobald detaillierte Erkenntnisse dazu vorliegen, so die VDF-Sprecherin. Der Fall Tönnies wird nun möglicherweise zur Blaupause für die Branche.

    Mehr: Tönnies gründet 15 Tochterfirmen für die Produktion

    Startseite
    Mehr zu: Fleischbranche - Studie zum Fall Tönnies: Ansteckung auf acht Meter Distanz
    0 Kommentare zu "Fleischbranche: Studie zum Fall Tönnies: Ansteckung auf acht Meter Distanz"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%