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Fluggastrechte Verspätung am Flughafen – das Geschäft mit der Entschädigung

Ist ein Flug mindestens drei Stunden verspätet, müssen Airlines zahlen. Doch das Geld zu bekommen, ist nicht leicht. Fluggastrechte-Portale können helfen, haben aber Nachteile.
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Verspätung am Flughafen – das Geschäft mit der Entschädigung Quelle: dapd
Warteschlange am Flughafen

Ist ein Flug mehr als drei Stunden verspätet, können Fluggäste eine Entschädigung verlangen.

(Foto: dapd)

Frankfurt EUclaim, Fairplane, Flightright, AirHelp – der Markt der sogenannten Fluggastrechte-Portale ist hart umkämpft. Fast im Wochentakt versuchen die selbst ernannten Kämpfer für die Rechte von Fluggästen potentielle Kunden auf sich aufmerksam zu machen. Besonders beliebt: Studien über die größten Ärgernisse der Passagiere oder Verspätungsrankings von Airlines.

Geschickt wird darin die eigene Leistung verpackt: die angeblich schnelle und sichere Abwicklung des Entschädigungsanspruchs – ohne Risiko.

Am Dienstagvormittag etwa meldete sich AirHelp mit einer solchen neuen Studie zu Wort. Das Portal hat nach eigenen Angaben 28.000 Schadenersatzforderungen untersucht und dabei festgestellt: Ohne juristische Hilfe zahlte der britische Billig-Anbieter Easyjet nur in weniger als zwei Prozent der Fälle eine Entschädigung.

„Viele Airlines zögern die rechtmäßige Auszahlung einer Schadenersatzforderung bei Flugproblemen hinaus oder verweigern sie komplett, ohne dafür sanktioniert zu werden“, beklagt Henrik Zillmer, CEO und Mitgründer von AirHelp. Und weiter: „Wir bieten unseren Kunden eine risikofreie Durchsetzung ihrer Rechte.“ Der Einsatz für die Fluggäste ist lukrativ. AirHelp etwa hat nach eigenen Aussagen in den vergangenen fünf Jahren Entschädigungen von immerhin 300 Millionen Euro durchgesetzt. Der Lohn dafür: Das Unternehmen bekommt rund 25 Prozent der Entschädigungssumme als Servicegebühr. Ähnlich sieht es bei anderen Portalen aus. EUclaim etwa verlangt 22,5 Prozent der Entschädigung als Gebühr.

Dass das Geschäft brummt, hat mehrere Gründe. So gibt es wohl keine andere Branche, in der der Verbraucherschutz so detailliert auf EU-Ebene reguliert ist wie die Luftfahrt. Verspätet sich ein Flug um mindestens drei Stunden oder fällt gar ganz aus, muss die Fluggesellschaft Kompensation bezahlen: für Flüge mit einer Distanz bis 1500 Kilometer sind das 250 Euro, bis 3500 Kilometer 400 Euro und darüber 600 Euro.

Voraussetzung: Die Airline muss die Verspätung selbst verschuldet haben, sie darf zum Beispiel nicht durch das Wetter entstanden sein. Allerdings hat der Europäische Gerichtshof diese Vorgaben in den zurückliegenden Jahren mit einer Flut von Urteilen konkretisiert. Dabei wurden die Entschädigungspflichten für Airlines sukzessive ausgebaut.

Der jüngste Fall: Die Ferienfluggesellschaft Tuifly muss die Passagiere für die wilden Streiks von Piloten im Oktober 2016 entschädigen, obwohl streikbedingte Verspätungen eigentlich von Entschädigungen ausgenommen sind. Die Flugzeugführer hatten sich damals massenhaft krankgemeldet, weil sie mit einer Restrukturierung ihrer Airline nicht einverstanden waren.

Unmittelbar nach dem für viele Luftfahrtexperten überraschenden Urteil Mitte April meldeten sich die Fluggastrechteportale reihenweise zu Wort – die neue Sachlage verspricht auch neues Geschäft. Gleichzeitig befindet sich die europäische Luftfahrt nach den Insolvenzen von Alitalia, Air Berlin und Monarch in einem massiven Umbruch. In den vergangenen Monaten wurde der Markt zum Teil hektisch neu verteilt. Das hat Folgen. Weil das Angebot teilweise zu ehrgeizig geplant war, zudem Fluggerät und Mannschaften knapp sind, kommt es seit Wochen regelmäßig zu Verwerfungen im Flugplan.

Das treibt das Geschäft mit den Entschädigungen. Hinzu kommt, dass sich viele Airlines tatsächlich schwer damit tun, die Kompensation unbürokratisch abzuwickeln. Grundsätzlich müssen Fluggäste ihre Ansprüche lediglich mit einem einfachen Schreiben an die Fluggesellschaft formulieren. Doch die Reaktion dauert oft Wochen oder gar Monate, manchmal bleibt sie komplett aus. Die Portale haben mit ihren Rechtsexperten eine ganz andere Macht.

Dennoch ist das Geschäft der professionellen „Robin Hoods“ der Luftfahrt nicht frei von Kritik. Experten von Stiftung Warentest warnen zum Beispiel vor den teilweise hohen Gebühren. Ein anderes Problem: Auch die Durchsetzung über die Portale kann lange dauern, vor allem dann, wenn die Ansprüche doch vor Gericht durchgesetzt werden müssen. Einige Anbieter versprechen deshalb eine Sofortzahlung – natürlich gegen eine noch höhere Gebühr, die bis zur Hälfte der Entschädigungssumme reichen kann.

Damit verliert man nicht nur viel Geld, man tritt auch jegliche Rechte ab. Holt das Portal dann sogar eine höhere Entschädigung als erwartet heraus, hat der Fluggast davon nichts.

Die Reiserechtsexperten der Verbraucherzentralen raten deshalb dazu, in einem ersten Schritt doch die Airline direkt anzusprechen. Bleibt hier die Reaktion aus, kann als nächstes die so genannte Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (SÖP) angesprochen werden. Ein hier erzielter Schlichterspruch kostet nichts.

Die SÖP gibt ihre eigene Quote erfolgreicher Schlichtungen mit rund 75 Prozent an – die Chancen stehen also nicht schlecht. Zudem nimmt die SÖP anders als in der Regel die Fluggastrechte-Portale auch Fälle an, in denen die Erfolgsaussichten nicht ganz eindeutig sind.

Doch so ausgefeilt und komfortabel die Kompensationsregeln für Fluggäste auch sind – die Regelwut in Brüssel hat auch Nachteile für die Passagiere. Denn die gesetzte Grenze von drei Stunden bei Verspätungen passt nicht so recht zu den Betriebsabläufen der Fluggesellschaften. Fällt zum Beispiel ein Flugzeug wegen technischer Mängel an einem Flughafen aus, an dem die Airline keine Basis und damit Wartungskapazitäten vorhält, ist es fast unmöglich, innerhalb von drei Stunden Ersatzgerät herbeizuschaffen.

Das gilt schon für viele Ziele innerhalb Europas. In dem Moment, in dem die Airline-Manager aber realisieren, dass Ersatz zeitnah nicht möglich ist und sie sowieso Kompensation zahlen müssen, sinkt auch die Motivation, möglichst rasch eine andere Maschine für den Weiterflug zu besorgen.

Darauf hat der europäische Airlineverband A4E in einem Positionspapier im September vergangenen Jahres hingewiesen. „Der hohe Grad an Verbraucherschutz sollte nicht alleine in dem Recht auf Kompensation gesucht werden“, heißt es dort. Kompensation seien das letzte Mittel, vorrangig müsse es darum gehen, den Fluggast möglich schnell ans Ziel zu bringen und die Verwerfungen im Flugplan zu beseitigen.

Der Vorschlag der Verbandsexperten: Schon mit einer neuen Grenze bei fünf Stunden könnten viele ungeplanten Probleme im Flugplan besser gelöst werden.

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