Flugpreise: Was bei Lufthansa und Co. von den teuren Tickets übrig bleibt
Flugtickets sind gerade so teuer wie selten zuvor.
Foto: dpaFrankfurt. Rund 900 Euro für die Strecke von Zürich nach Frankfurt und zurück in der Economy, bis zu 800 Euro für die gleiche Reiseklasse zwischen Hamburg und Frankfurt: Wer kurzfristig auf Reisen gehen will, staunt über die Preise, die etwa die Lufthansa verlangt. Fliegen ist so teuer wie selten zuvor.
Die Kritik an den Airlines wird daher lauter. Der italienische Industrieminister Adolfo Urso zitierte kürzlich Vertreter von Fluggesellschaften wie ITA oder Ryanair zu sich und verlangte eine Erklärung für Preise, die „nicht einmal durch die Inflation gerechtfertigt“ seien. Ein „Inflationswächter“ soll nun die Ticketpreise genauer unter die Lupe nehmen.
Nutzen die Fluggesellschaften also die hohe Inflation, um sich über Gebühr zu bereichern? Es dürfte nicht einfach werden, Belege dafür zu finden. Zwar zeigen zentrale Kennzahlen, dass die großen Airline-Gruppen im ersten Quartal dieses Jahres tatsächlich deutlich mehr pro Passagier erlöst haben als im gleichen Zeitraum 2019, dem letzten Jahr vor der Krise.
Lufthansa, Air France-KLM und Co.: Flugpreise auf der Langstrecke gestiegen
Doch das gilt nur ohne Berücksichtigung der Treibstoffkosten. Weil die gestiegen sind, haben weder Lufthansa noch Air France-KLM und IAG ihren Rohertrag gegenüber 2019 steigern können. Das zeigen Berechnungen des Handelsblatts.
Blickt man zunächst auf die Preise, dann ist es vor allem die Langstrecke, die teurer geworden ist. Laut Statistischem Bundesamt stiegen die Preise für internationale Flüge im ersten Halbjahr gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 24,9 Prozent. Bei Economy-Flügen nach Asien und Australien zahlten Reisende demnach rund 42,5 Prozent mehr. Aber auch die Preise ins europäische Ausland, nach Südamerika und Afrika verteuerten sich deutlich.
Das Vergleichsportal Check 24 hat wiederum im Mai die Preise für Flüge zwischen Ende Juni und Mitte August zu beliebten Zielen analysiert. Den größten Sprung gegenüber dem Vorjahr gab es bei Bangkok mit einem Plus von über 50 Prozent. Im Schnitt lag die Preissteigerung laut Check 24 bei 17 Prozent.
Dagegen fiel der Anstieg bei Inlandsflügen laut Statistischem Bundesamt mit 3,9 Prozent in den ersten sechs Monaten eher gering aus. Dennoch lassen sich auch hier auf einigen Strecken erhebliche Aufschläge erkennen.
Airline-Manager machen keinen Hehl daraus, wie viel Freude ihnen die hohen Preise bereiten. Die Lufthansa-Führung geht davon aus, dass im gerade beendeten zweiten Quartal für Tickets rund 26 Prozent mehr verlangt werden konnte als im gleichen Zeitraum 2019. Der Konzern hat zudem das Angebot an innerdeutschen Flügen, wo das Unternehmen eine Monopolstellung hat, deutlich verknappt.
Interessant sind in diesem Zusammenhang zwei branchentypische Kennzahlen: der Erlös (RASK) und die Kosten (CASK) pro angebotenen Sitzplatz und geflogenen Kilometer. Aus der Differenz beider Werte lässt sich errechnen, was pro Sitzplatz und Kilometer hängen bleibt.
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Bei Lufthansa waren das im ersten Quartal 1,9 Cent. Für das erste Quartal 2019 lässt sich aus dem Zwischenbericht ein Wert von 1,4 Cent errechnen. Ähnlich sieht das Bild bei der IAG-Gruppe, dem Mutterkonzern von British Airways und Iberia, aus. In den ersten drei Monaten 2019 verblieben 1,1 Cent pro Passagier, 2023 waren es schon 2,88 Cent. Air France-KLM gibt diese Kennzahlen auf Quartalsbasis nicht an.
Bei den Airlines bleibt weniger Rohertrag hängen
Die Kosten pro Passagier und Kilometer enthalten jedoch nicht den Treibstoffaufwand. Das Ziel der Kennzahl ist es, die operative Leistungsfähigkeit einer Fluggesellschaft zu zeigen, unabhängig von externen und stark schwankenden Kosten. Wird der Aufwand für die Tankrechnung und den Kauf von CO2-Zertifikaten berücksichtigt, sieht die Rechnung anders aus.
Die höheren Einnahmen pro Passagier werden von den Mehrkosten aufgezehrt. Das zeigt der sogenannte Rohertrag – der Umsatz abzüglich aller Materialkosten ohne Personalaufwand. Er ist trotz höherer Ticketerlöse bei allen drei Airline-Gruppen nicht gestiegen.
Der Konzern gab im ersten Quartal 21,9 Prozent des Umsatzes für Kerosin aus.
Foto: imago/imagebrokerBei der Lufthansa blieben 43 Prozent des Umsatzes als Rohertrag übrig, im ersten Quartal 2019 waren es fast 46 Prozent. Bei Air France-KLM gab der Wert von fast 48 auf knapp 44 Prozent nach. IAG musste sogar einen Einbruch von 40 auf knapp 35 Prozent verkraften.
Die großen Fluggesellschaften sichern sich einen großen Teil ihres Treibstoffbedarfs viele Monate im Voraus. Im Juni vergangenen Jahres erreichte der Preis mit 172 Dollar je Barrel (ein Fass mit 159 Litern) ein neues Rekordhoch. Das dürfte einer der Gründe dafür sein, dass etwa die Lufthansa im ersten Quartal 21,9 Prozent des Umsatzes für Flugbenzin ausgab. Zum Jahresauftakt 2019 waren es nur 17 Prozent.
Lufthansa rechnet mit enormen Steigerungen der Personalkosten
Allerdings hat auch der Rohertrag Schwächen. Es werden Daten der kompletten Airline-Gruppen einbezogen. Bei Lufthansa fließen zum Beispiel auch die Zahlen der Frachttochter LH Cargo und des Wartungsspezialisten Lufthansa Technik ein. Dennoch liefert die Kennzahl einen Hinweis darauf, dass die Fluggesellschaften parallel zu den hohen Ticketerlösen mit Kosten zu tun haben, die deutlich stärker gestiegen sind als die Inflation.
Künftig dürfte der Kostenblock weiter steigen. Denn auch die Ausgaben für das Personal werden zunehmen. Nach dem starken Stellenabbau in der Pandemie müssen die Airlines die Belegschaft wieder aufstocken. Die Lufthansa stellt derzeit mehr als 1000 Menschen neu ein. Zudem muss das Management wegen der hohen Inflation bei den Gehältern draufsatteln.
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Auf die Frage nach den Personalkosten sagte Personalvorstand Michael Niggemann vor einiger Zeit dem Handelsblatt: „Diese werden je nach Wirksamkeit der Tarifabschlüsse um einen ordentlichen dreistelligen Millionenbetrag steigen.“
Lufthansa, Air France-KLM und Co.: Flugpreise dürften weiter hoch bleiben
Die Folgen für die Passagiere bringt Milo Bogaerts, Chef von Allianz Trade für den deutschsprachigen Raum, in einem Satz auf den Punkt: „Für Verbraucher bedeutet das auch, dass Fliegen weiterhin teuer bleiben dürfte.“
Denn einerseits lassen sich die Kunden bisher nicht von hohen Ticketkosten abschrecken. Der auf die Luftfahrt spezialisierte IT-Dienstleister Sita stellte in einer aktuellen Studie fest, dass Reisende in diesem Jahr durchschnittlich 4,7 Flüge buchen wollen im Vergleich zu 4,2 Flügen 2019.
Andererseits wird das Angebot überschaubar bleiben. Die Flugzeughersteller können neue Jets nicht so schnell liefern wie geplant. Und den Airline-Managern ist das begrenzte Angebot allzu recht, denn das sichert das aktuelle Preisniveau.
Erstpublikation: 22.07.2023, 09:00 Uhr.