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Flugreisen Konzerne machen gegen das Vorkasse-Modell bei Flugtickets mobil

Mehrere Industrieverbände kritisieren die Abrechnungspraxis der Airlines in Corona-Zeiten. Künftig soll das Geld für die Tickets erst beim Check-in fällig werden.
09.07.2020 - 09:54 Uhr Kommentieren

Düsseldorf

Das Bezahlmodell der gesamten Branche steht in diesen Tagen heftig in der Kritik. Quelle: dpa
Flugticket

Das Bezahlmodell der gesamten Branche steht in diesen Tagen heftig in der Kritik.

(Foto: dpa)

Gut 1,8 Milliarden Euro, klagte die Lufthansa auf ihrer Hauptversammlung am 5. Mai, müsse sie ihren Kunden wegen ausgefallener Flüge erstatten. Ohne eine milliardenschwere Staatshilfe, mahnte Vorstandschef Carsten Spohr damals, bedeute ein solcher Liquiditätsabfluss für die Airline das Aus. Der Steuerzahler sprang ein. Allerdings floss der erste Teil des insgesamt neun Milliarden Euro schweren Rettungspakets erst am vergangenen Montag, und so warten Lufthansa-Kunden immer noch auf die Rückzahlung ihrer wertlosen Flugtickets, wie das Handelsblatt erfuhr. Das könnte nun zu politischen Konsequenzen führen.

Mehrere Industrieverbände und Rechtsexperten kritisieren die fragwürdige Abrechnungspraxis der Branche, jahrelang war es üblich, dass Kunden ihre Reisen weit im Voraus bezahlen. Aus Sicht der Kritiker sei das einer der wesentlichen Gründe dafür, dass die Flug- und Reisebranche in den vergangenen Monaten derart hart von der Coronakrise getroffen wurde. „Das seit Jahren gelebte Modell, das Geschäft dauerhaft mit dem Kredit der Kunden zu betreiben“, stellt der Geschäftsreiseverband VDR in einer jetzt veröffentlichten Initiative fest, habe sich während der Pandemie als „Brandbeschleuniger“ erwiesen. Statt die Gelder für Flug- oder Pauschalreisen wie bisher weit im Voraus zu bezahlen, fordert Verbandspräsident Christoph Carnier, solle die Überweisung deshalb erst mit dem Check-in erfolgen.

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    Carnier, im Hauptberuf Chef des Geschäftsreisemanagements beim Darmstädter Pharmahersteller Merck, nennt dafür gute Gründe: „Bei Flugannullierungen würde damit der aufwendige Rückerstattungsprozess entfallen“, wirbt er für das Modell, das sein Verband mit „Pay-as-You-check-in“ überschrieben hat.

    Unternehmen fehlt das Geld in der Krise

    Dass der Aufwand bislang enorm ist für Unternehmen, deren Geschäftsreisende an den Flughäfen strandeten, bestätigt Inge Pirner vom Steuerberatungsdienstleister Datev. „Die internen Prozesskosten sind riesig“, sagt die Reisemanagerin und VDR-Vizepräsidentin. Zudem fehle das angezahlte Geld vielen Mittelständlern nun für die Zwischenfinanzierung in der Krise.

    „Einige unserer Mitgliedsunternehmen warten immer noch auf sechsstellige Summen, die sie den Airlines vor der Corona-Epidemie überwiesen haben“, bestätigt Carsten Knauer vom Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME). Auch sein Verband, dem als Mitglieder Siemens, Deutsche Bank, SAP und zahlreiche andere Dax- und MDax-Konzerne angehören, hat sich deshalb der Initiative angeschlossen. Man hoffe nun auf die Unterstützung aus Berlin.

    Aufseiten der Airlines zeigen sich die Verantwortlichen von dem Vorstoß erwartungsgemäß wenig begeistert. „Lufthansa hält die derzeitigen Regelungen weiterhin für hinreichend und mit Blick auf Produktdifferenzierung sowie Angebotssteuerung für zielführend“, erklärte ein Konzernsprecher. Die Airline fürchtet, dass eine kurzfristige Bezahlpraxis die Auslastung von Flügen weniger planbar macht – und damit am Ende teurer und umweltschädlicher.

    Zudem sei die Vorauskasse weltweit Praxis im Luftverkehr, eine nationale Änderung würde Lufthansa deshalb vor Wettbewerbsnachteile und erhebliche Buchungs- und Abrechnungsprobleme stellen. Auch Frühbucherrabatte würden damit entfallen.

    Ähnlich sieht es der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL). Für die Flugvorbereitungen und das Erstellen von Flugplänen müsse eine Airline stets in Vorleistungen gehen, verteidigt man dort das bisherige Bezahlmodell. Hinzu komme, dass Sitzplätze nach Abflug nicht mehr an Dritte weiterverkauft werden können. „Durch die Vorauszahlung des Flugpreises wird für die Fluggesellschaft sichergestellt“, erklärt ein Verbandssprecher, „dass der Kunde auch tatsächlich die Leistung in Anspruch nehmen wird.“

    Anzahlungen stehen derzeit fast auf null

    VDR-Präsident Carnier lässt diesen Einwand nicht gelten. „Über gängige Kreditkarten-Bezahllösungen kann die Zahlung gewährleistet werden“, sagt er, „so wie im Hotelbereich seit Jahren erfolgreich praktiziert.“ Auch dort gebe es Möglichkeiten bei einem „No show“, also bei Nicht-Antritt, Stornogebühren zu verlangen.

    Bleibt es dagegen bei der derzeitigen Bezahlregel, seien in Zukunft ähnliche Rückzahlungsprobleme nicht auszuschließen. „Auch ein Vulkanausbruch oder regionale Konflikte können zu einer größeren Anzahl an Annullierungen führen“, sagt der Merck-Manager. In solchen Fällen seien Fluggesellschaften schlichtweg nicht in der Lage, die den Kunden zustehenden Gelder zu erstatten.

    Den Zeitpunkt, das Bezahlmodell zu ändern, halten Reiserechtsexperten wie der Düsseldorfer Professor Hans-Josef Vogel außerdem für günstig. „Die Anzahlungen bei den Airlines stehen aktuell ohnehin fast auf null“, sagt der Anwalt der Kanzlei Beiten Burkhardt. Damit sei ein Systemwechsel leicht zu vollziehen, nur die Hochlaufphase würde sich verlängern.

    Viele Kunden warten weiter auf die Erstattung ihrer Tickets. Quelle: Bloomberg
    Lufthansa-Flugzeug in Berlin-Tegel

    Viele Kunden warten weiter auf die Erstattung ihrer Tickets.

    (Foto: Bloomberg)

    Weil die bisherige Bezahlpraxis 2016 vom Bundesgerichtshof gegen eine Klage der Verbraucherverbände ausdrücklich in Schutz genommen wurde, müssten allerdings geltende Gesetze geändert werden. Und das auf europäischer Ebene. „Fluggastrechte gehören zum allgemeinen Verbraucherschutz und sind damit EU-Angelegenheit“, bestätigt Vogel. Mit der deutschen Ratspräsidentschaft, die erst zum Ablauf dieses Jahres endet, böte sich dazu ein ebenfalls günstiges Zeitfenster.

    Ob es genutzt wird, bleibt ungewiss. Der im Bundeswirtschaftsministerium zuständige Staatssekretär Thomas Bareiß (CDU), der zuletzt die schleppende Rückzahlung der Ticketgelder als „Frechheit“ kritisierte, hat außer der öffentlichen Schelte bislang konkrete Abhilfe nicht zu bieten. Der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, beschied die Ministeriumssprecherin eine Anfrage des Handelsblatts, gebe zu diesem Thema keine Stellungnahme ab.

    Mehr: Es muss ein neues Bezahlmodell für die Airlines her

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