Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Flugsicherheitsexperte „Ein Sekundenschlaf ist nicht ungewöhnlich“

Die Arbeitszeiten der Piloten stammen noch aus der Zeit der Propeller-Maschinen. Wie lange sie im Cockpit sitzen müssen und wieso ein „Nickerchen“ schon mal vorkommt, erklärt Flugsicherheitsexperte Siegfried Niedek.
Kommentieren
Cockpit einer Boeing 737-800: „Der Körper kann sich darauf nicht einstellen.“ Quelle: dpa

Cockpit einer Boeing 737-800: „Der Körper kann sich darauf nicht einstellen.“

(Foto: dpa)

Handelsblatt Online: Der Sekundenschlaf am Steuer ist im Straßenverkehr ein Grund für schlimme Unfälle. Ursache ist meistens Übermüdung. Warum schlafen Piloten im Cockpit ein?

Siegfried Niedek: Wenn ein Pilot einschläft, dann ist er nicht immer unbedingt zu müde. Oft ist der Schlaf einfach eine körperliche Reaktion auf hohe Belastung. Der Körper wehrt sich und schaltet aus. Das ist auch schon beim Landeanflug passiert. Deshalb fliegen auch immer zwei Piloten.

Beim betroffenen Transavia-Flug nach Amsterdam schlief der Co-Pilot ein und öffnete seinem Chef die Tür zum Cockpit nicht mehr.

Grundsätzlich müssen beide Piloten Zugang zum Cockpit haben. Sie müssen einen Code oder einen Schlüssel haben, mit dem sie die Tür öffnen können. Vielleicht hatte der Kapitän den Code vergessen. Aus dem Fall jedoch zu folgern, die Sicherheit während eines Fluges sei nicht so hoch, ist falsch.

Dennoch macht man sich als Passagier so seine Gedanken, wenn ein Pilot ein „Nickerchen“ macht. Wie oft kommt ein Schlaf im Cockpit vor?

Das wird nirgendwo festgehalten und wenn, dann nur bei internen Umfragen zugegeben. Doch so ein Sekundenschlaf ist überhaupt nicht ungewöhnlich. Es gab in den 1980er Jahren eine Studie der British Airways, in der haben Piloten relativ offen gesagt: „Jawohl, ich bin im Flugzeug eingeschlafen!“ Es gab dort auch Fälle, in denen beide Piloten eingeschlafen sind. Sie wurden erst wach, als ein Warnsignal ertönte, weil sie zu schnell flogen. Doch keine Fluggesellschaft wird je Zahlen bekanntgeben.

Braucht es auch deshalb eine Neuregelung der Arbeitszeiten der Piloten, wie sie die Europäische Flugsicherheitsbehörde EASA vorgeschlagen hat?

Die Flugdienstzeiten der Piloten stammen ursprünglich aus der Zeit, als noch mit Propeller-Maschinen geflogen wurde. Die Internationale Zivilluftfahrt-Organisation (Anm. d. Red.: ICAO, mit Sitz in Montreal) hat in den 1960er oder 1970er Jahren versäumt, Empfehlungen herauszugeben. Der Gesetzgeber hat sich dadurch nicht auf die technische Umstellung vorbereitet. Die heutige gesetzliche Regelung in Deutschland geht noch auf die Zeit der Propeller-Fliegerei nach dem 2. Weltkrieg zurück. Bei Langstreckenflügen wurden damals Zwischenstopps gemacht, die Besatzung ist ausgestiegen, es wurde nachgetankt.

Heute ist die Belastung für die Piloten sicherlich eine ganz andere.

Wenn sie heute von Frankfurt nach Washington fliegen, dann beträgt die Flugzeit achteinhalb Stunden. Meistens geht es für die Piloten am nächsten Tag nach rund 24 Stunden bereits wieder zurück. Der Körper kann sich aber darauf nicht einstellen.

„Reform der Regelungen ist überfällig“

Gehen die Vorschläge der EASA zur Arbeitszeit der Piloten auf die gestiegene Belastung ein?

Die Neuordnung der EASA sieht vor, die Flugdienstzeiten am menschlichen Biorhythmus anzulehnen. Der Pilot, der nachts fliegt, soll also weniger fliegen, als der, der morgens ausgeschlafen anfängt. Außerdem soll die Ruhezeit de facto verlängert werden. Sie liegt nach den Vorschlägen zwar weiter bei zehn Stunden, doch bisher waren darin die Fahrt zum Hotel, die Aufstehzeit und das Frühstück enthalten. Die Pausenzeit würde in Zukunft länger.

Das wäre eine Verbesserung für die Piloten deutscher Fluggesellschaften. Warum schlägt die Pilotenvereinigung Cockpit trotzdem Alarm?

Über die EASA-Vorschläge wird schon seit Jahren diskutiert. Die Unternehmen wollen Kosten sparen, die Piloten eine Überlastung verhindern. Bei der Flugdienstzeit gäbe es meiner Einschätzung eine kleine Verschlechterung für die Piloten, weil sie bei innerdeutschen oder innereuropäischen Flügen tagsüber mehr Strecken fliegen müssten. Allerdings würden sie in der Nacht entlastet und bei Langstreckenflügen müssten sie auch maximal noch 13 Stunden arbeiten.

13 Stunden am Stück zu arbeiten ist aber immer noch sehr lang.

Bisher gilt in Deutschland sogar die Regel, dass in einem Sieben-Tage-Rhythmus an zwei Tagen bis zu 14 Stunden Flugdienstzeit möglich sind. Von Frankfurt brauchen sie bis Buenos Aires zwölf Stunden und 30 bis 50 Minuten. Wenn sie Gegenwind haben, dann dauert allein der Flug schon mehr als 14 Stunden. Die Vorbereitung auf den Flug und das Ausschecken nach der Landung sind da noch nicht mit eingeschlossen, gehören aber zur Dienstzeit. Dann kann der Kapitän der Maschine nach Rücksprache mit seiner Crew entscheiden, dass die Arbeitszeit auf 16 Stunden verlängert wird. Eine Reform der bisherigen Regelungen ist also überfällig.

Siegfried Niedek ist Flugsicherheitsexperte und Präsident des Vereins Luftfahrt-Akademie/The Aviation Academy in Berlin.

Startseite

Mehr zu: Flugsicherheitsexperte - „Ein Sekundenschlaf ist nicht ungewöhnlich“

0 Kommentare zu "Flugsicherheitsexperte: „Ein Sekundenschlaf ist nicht ungewöhnlich“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote