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Flugzeugunglück in Moskau Aeroflot-Unglück: Wie gefährlich ist das Fliegen in Russland?

41 Menschen sind bei der Bruchlandung einer Aeroflot-Maschine in Moskau ums Leben gekommen. Warum das kein Einzelfall in der russischen Luftfahrt ist.
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Aeroflot-Unglück: Wie gefährlich ist das Fliegen in Russland? Quelle: AP
Unglücksjet SSJ-100 von Aeroflot

Das jüngste Unglück mit 41 Toten lässt die Kritik an der Zuverlässigkeit des russischen Prestige-Jets lauter werden.

(Foto: AP)

MoskauDie Probleme begannen bereits kurz nach dem Start in Moskau Scheremetjewo: Der Pilot meldete Funkstörungen und bat um Landeerlaubnis. Augenzeugenberichten zufolge hatte ein Blitz in das Flugzeug vom Typ SSJ-100 eingeschlagen.

Wegen der schlechten Wetterbedingungen konnte der Pilot erst im zweiten Anlauf die Maschine landen. Doch noch während der Bruchlandung ging der hintere Teil des Superjets in Flammen auf.

„Als das Flugzeug hielt, hat sofort die Evakuierung begonnen. (...) Ich habe die Tür mit dem Fuß aufgestoßen und die Passagiere herausgeschubst. Ich habe sie am Kragen rausgezerrt, damit sie die Evakuierung nicht behinderten“, erzählte die Stewardess Tatjana Kassatkina anschließend. Ihren Worten nach war das Feuer außen zwar zu sehen, drinnen aber war es stockdunkel. Die meisten Opfer sind offenbar im Rauch erstickt. Unter den Toten sind auch zwei Kinder. 

Die genauen Unglücksursachen soll nun eine Untersuchungskommission des Ermittlungskomitees klären. Vor dem Katastrophenflug nach Murmansk hatte Aeroflot an dem Sonntag mit dem SSJ-100 bereits drei andere Linienflüge bedient: Von Saransk nach Moskau, von Moskau nach Saratow und wieder zurück. Über technische Probleme während dieser Flüge ist bislang nichts bekannt. 

Allerdings ist die Liste an Flugzeugabstürzen in Russland lang: Im Februar 2018 stürzte eine AN-148 über dem Gebiet Moskau ab (71 Tote), 2016 gab es gleich zwei schwere Unglücke. Im März stürzte eine Boeing 737 in Rostow-am-Don ab (62 Tote), im Dezember eine TU-154 der russischen Streitkräfte kurz nach dem Start in Sotschi.

An Bord waren 92 Personen auf dem Weg nach Syrien, darunter ein Militärorchester und mehrere TV-Teams. 2015 sprengten Terroristen über dem Sinai den Airbus einer russischen Fluggesellschaft (224 Tote). 

2014 kam Total-Chef Christophe de Margerie bei einem Crash seiner Falcon 50 mit einem Schneepflug auf der Startbahn in Moskau Wnukowo ums Leben. 2013 erwischte es die Boeing einer tatarischen Airline in Kasan (44 Tote) und 2012 gab es gleich eine Serie von Unglücken mit Großflugzeugen: In Tjumen kamen bei der Bruchlandung einer ATR-72 31 der 43 Insassen ums Leben, im Dezember stürzte eine glücklicherweise fast leere Tu-204 in Wnukowo ab (fünf Tote).

In dem Jahr traf es auch erstmals einen Superjet, der ausgerechnet bei einem Demonstrationsflug für Airlines in Asien abstürzte und dabei 45 Insassen, vor allem Manager der indonesischen Luftfahrtbranche in den Tod beförderte. Hinzu kommen rund 150 Abstürze von Kleinflugzeugen und Hubschraubern in dem Zeitraum. 

Statistisch ist die Gefahr, mit einem russischen Flugzeug einen Unfall zu erleiden, deutlich höher als weltweit. Die Ursachen der Abstürze sind mannigfaltig. So muss Russland bis heute mit einer erhöhten Terrorgefahr kämpfen, auch wenn die Sicherheitsbestimmungen an den Flughäfen nach einem Doppelanschlag tschetschenischer Selbstmordattentäterinnen auf zwei in Moskau Domodedowo startende Maschinen 2004 (insgesamt 90 Tote) stark erhöht worden sind. 

Verkehrsministerium hält Flugzeug für sicher

Häufigste Ursache sind laut den Ermittlungsbehörden Pilotenfehler. Allerdings kritisierte der Oppositionspolitiker Gennadi Gudkow, dass die Schuld zu schnell auf einzelne Piloten und Wetterbedingungen abgeschoben werde, obwohl es systematische Probleme im gesamten russischen Luftfahrtsektor gebe. 

Tatsächlich sind Ausbildung, mehr noch aber Vergütung und Auslastung der Piloten infrage zu stellen. Viele russische Airlines fliegen dicht über dem finanziellen Abgrund, was sich auf die Wartung der Maschinen, aber natürlich auch auf die Arbeitsbedingungen der Crews auswirkt.

Es gebe einen absoluten Mangel an erfahrenem Personal. „Alle Profis haben entweder schon im Ausland Arbeit gefunden, oder werden das in den nächsten Jahren tun“, klagte Juri Sytnik, selbst Pilotenveteran und inzwischen Mitglied der präsidialen Luftfahrtkommission, bereits vor einem Jahr über die Lage im Sektor. 

Die Bruchlandung in Scheremetjewo verband Sytnik allerdings auch mit der schlechten Qualität des Flugzeugs selbst. „Die Maschine taugt nichts, Passagiere! Öffnet Eure Augen und hört auf, Tickets für den SSJ-100 zu kaufen“, forderte er. 

Das russische Verkehrsministerium sieht hingegen keinen Anlass, den SSJ-100 aus dem Verkehr zu ziehen. Es gebe keinen Grund, die Flüge zu stoppen, sagte Verkehrsminister Jewgeni Dietrich russischen Nachrichtenagenturen. Kein Wunder: Handelt es sich bei der Maschine doch auch um ein Prestigeobjekt. 

Der SSJ-100 ist das erste russische Passagierflugzeug der nachsowjetischen Geschichte. Der für Mittelstrecken konzipierte Flieger wurde 2011 in Dienst gestellt und soll der Airbus A320-Familie und der Boeing 737 Konkurrenz machen. Bislang wurden 186 Maschinen produziert, verkauft wurden sie vorwiegend an russische Fluggesellschaften. Größter Abnehmer ist die staatliche Aeroflot. 

Allerdings kam es in der Vergangenheit immer wieder zu kleineren technischen Problemen. Vor allen Dingen die Triebwerke machen Schwierigkeiten. So streitet die mexikanische Interjet, mit 22 Flugzeugen größter Kunde im Ausland, seit Monaten mit dem Hersteller wegen der vielen notwendigen Reparaturen. Da nur sieben Superjets einsatzbereit sind, hat Interjet auf den Kauf weiterer Flugzeuge verzichtet und fordert die Reparatur der bestehenden auf Kosten des Flugzeugbauers Sukhoi. 

Auch russische Fluggesellschaften haben ihren Unmut in der Vergangenheit mehrfach bekundet. Wegen der vielen Ausfall- und langen Wartezeiten auf Ersatzteile ist laut Statistik ein SSJ-100 pro Tag nur 3,3 Stunden in der Luft, die Konkurrenz von Boeing und Airbus etwa zehn Stunden. Damit ist der SSJ, obwohl er in der Anschaffung billiger ist, am Ende unrentabler für viele Fluggesellschaften.

Das Image des SSJ ist eine schwere Bürde für Russlands Himmelsstürmer-Pläne. Denn das nächste Projekt, der von Moskau vielgepriesene MC-21, ist so etwas wie der größere Bruder des SSJ. Ebenfalls für die Kurz- und Mittelstrecke konzipiert, soll der MC-21 zwischen 150 bis 210 Passagiere befördern können. Dummerweise musste seine geplante Markteinführung schon mehrfach verschoben werden, zuletzt von 2019 auf 2021.

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